Am Freitagabend haben viele DDR-Bürger einen ganz bestimmten Termin. Sie hören eine BBC-Sendung. Es ist natürlich nicht irgendeine Sendung, wobei es in einem totalitären Staat kein gewöhnliches Vorhaben ist, einen Sender aus dem westlichen Ausland zu hören. In der deutschsprachigen Sendung „Briefe ohne Unterschrift“ werden  Briefe vorgelesen, die  Menschen aus der DDR an die BBC geschickt haben. Darin schreiben sie über Banalitäten des Alltags genauso wie über ihre politische Ansichten, die nicht mit denen des DDR-Regimes übereinstimmen und deren Äußerung als Staatsverrat angesehen werden.

„Auch zu meiner Zeit hieß es noch, BBC – das sind drei gefährliche Buchstaben. Gefährlich für alle, die sich vor der Wahrheit fürchten, und besonders gefährlich für alle, die die Wahrheit hören wollen und sie unter großer persönlicher Gefahr auch tatsächlich hören.“

Die Leute hören und schreiben dennoch – an Deckadressen, die in der Sendung bekanntgegeben werden und die in Wirklichkeit entweder nicht existieren oder die Brachland sind. Dass die so adressierten Briefe dennoch ihren Weg in die britische Hauptstadt finden, ist einer ausgeklügelten Logistik zu verdanken, zu der auch gehört, dass die Briefe in Westberliner Postämtern aussortiert und weitergeleitet werden.  Zwar befiehlt die Stasi, Briefe an die in der Sendung genannten Adressen aufzuhalten. Bis diese Anweisung aber die zuständigen Bezirkspostämter erreicht, dauert es. Und das Wochenende liegt dazwischen, wie ein aus der DDR geflüchteter Postbeamter erzählt hat. All das entgeht natürlich der Stasi nicht, die ihre eigenen Bürger, aber auch die Journalisten der BBC minutiös bespitzelt. Denn der britische Sender ist für die DDR das, was er schon in Nazi-Deutschland war: ein Feindsender.

„Die BBC ist, für die Jäger besteht kein Zweifel, das Zentrum der geheimdienstlich gesteuerten psychologischen Kriegsführung..“

Susanne Schädlich greift mit „Briefe ohne Unterschrift“ ein Kapitel der deutschen Geschichte auf, das  für viele  unbekannt sein dürfte. Sie tut das  wie eine Detektivin in einem Kriminalroman, sucht Zeitzeugen auf, liest sich durch das BBC-Archiv in London und schreibt ihre Erkenntnisse detailliert nieder.  Herauskommt mehr ein Geschichtsroman denn ein Sachbuch, was die Lesefreundlichkeit  deutlich erhöht. Etwas störend empfand ich lediglich den Wechsel zwischen der Unmittelbarkeit suggerierenden Gegenwartsform und der der Vergangenheit, über die ich hin und wieder beim Lesen gestolpert bin. Im ausführlichen Anhang finden sich zahlreiche Hinweise auf verwendete Quellen und weiterführende Literatur. Schade nur, dass die BBC offenbar bisher noch kein Buch mit diesen Briefen veröffentlicht hat.

Foto: Randomhouse/Knaus

Foto: Randomhouse/Knaus

Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift, Knaus, 19,99 Euro, E-Book: 16,99 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Knaus-Verlag zur Verfügung gestellt.

 

Das Deutsche Rundfunkarchiv bietet unter dem Titel „Hier ist England“ eine ganze Reihe historischer Aufnahmen an, die man auf CD kaufen kann.