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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Autor: DieBedra (Seite 2 von 20)

Bücher für den Sommer

Es soll Leute geben, die es nur im längeren Sommerurlaub schaffen, sich in einem Buch zu verlieren. Für die, aber auch für alle anderen, die sich einen Urlaub ohne ein Buch nicht vorstellen können (und eigentlich auch die Zeit zwischen den Urlauben), sind diese Tipps gedacht.

Für Vielleser:
Die fünf Patrick-Melrose-Romane des britischen Schriftstellers Edward St Aubyn sind keine leichte Lektüre, denn wir begleiten Patrick, der als kleiner Junge von seinem Vater missbraucht wird, über seine Zeit als Drogen- und Alkoholabhängigen und erleben ihn als Vater zweier Jungen. Das ist gleichsam erschütternd und spannend und lässt einen so schnell nicht mehr los. Daher sollte man am besten die fünf Bücher in einem Band kaufen oder sicherstellen, dass man  den nächsten Band per E-Reader schnell zur Hand hat. Wer nach den Büchern noch nicht genug hat, sollte unbedingt die Verfilmung mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle anschauen.

Amerikanische Literatur:
Mit ihrem zweiten Roman “Kleine Feuer überall” führt Celeste Ng den Leser erneut in die scheinbar so heile Welt einer reichen amerikanischen Familie, die aber nur auf den ersten Blick perfekt ist.

Britische Literatur:
Eine Geschichte wie ein Märchen hat Matt Haig mit “Wie man die Zeit anhält” (“How to Stop Time“) geschrieben,  die gleichermaßen traurig und witzig,  voller Hoffnung und Liebe ist. Wer noch nie etwas von Matt Haig gelesen hat, sollte mit diesem Buch anfangen.
Surreale Kurzgeschichten, die in sich abgeschlossen sind, aber jeweils die gleiche Hauptfigur haben, hat Ian McEwan in “Der Tagträumer” (“The Daydreamer“) zusammengefasst.

Deutschsprachige Neuerscheinungen:
Zufällig sind die beiden neuen Romane von Bernhard Schlink (“Olga“) und Lukas Hartmann (“Ein Bild von Lydia“) nicht nur mit wenigen Wochen Abstand erschienen. Sie stellen auch jeweils Frauen in den Mittelpunkt ihrer Handlung, die in unterschiedlichen Zeiten versuchen, ihren Weg zu finden.

Only in English
ist derzeit das zweite Buch des britischen Pianisten James Rhodes erhältlich. In “Fire on All Sides” beschreibt er, welche Ängste er überwinden muss, damit er bei einer Konzerttournee das tun kann, was er am liebsten tut: Klavier spielen und alles um sich herum vergessen. Dazu gehören nicht zuletzt seine traumatische Kindheit – er wurde über Jahre hinweg von einem Sportlehrer vergewaltigt – Drogenabhängigkeit, Depressionen und Selbstmordgedanken. James schreibt so, wie er twittert und mit seinen Fans nach den Konzerten spricht: ehrlich, direkt, freundlich, neugierig und witzig.

Donna Leon: Heimliche Versuchung

Professoressa Crosera, eine Bekannte von Paola, sucht Commissario Bruntti in der Questura auf, weil sie sich Sorgen um ihren Sohn macht. Ihrer Meinung nach nimmt er Drogen, immerhin werden die ja vor seiner Schule verkauft. Und sie möchte, dass sich Brunetti dem Ganzen annimmt. Der allerdings sieht als Vater zweier Kinder, die gerade noch im Teenager-Alter sind, zunächst keinen Grund für eine echte Beunruhigung. Doch dann erhält er mitten in der Nacht einen Anruf, der ihn zum Fall eines Mann führt, der eine Brücke hinuntergestürzt ist. Wie sich herausstellt, wurde der Mann, der zufällig der Ehemann der Professorin ist, die Treppe hinunter gestoßen. Doch weshalb hat jemand versucht, den Ehemann der Professorin zu töten?

In “Heimliche Versuchung” bringt Donna Leon den Commissario wieder zurück nach Venedig, nachdem er sich im vorherigen Roman eine vermeintliche Auszeit genommen hat. Was gut ist für den Leser, weil man wieder mehr erfährt über Brunetti und die Menschen, mit denen er täglich zu tun hat. Neben der Sekretärin Signorina Elettra, die nicht nur stets topmodisch gekleidet ist, sondern auch immer einen Strauß frischer Blumen in ihrem Büro hat und ganz offenbar ein Abhörgerät im Büro ihres gemeinsamen Vorgesetzten Patta installiert hat, sind das auch seine langjährigen kollegialen Freunde  Claudia Griffoni und Lorenzo Vianello. Und natürlich seine Familie, allen voran seine Frau Paola und seine beiden Kinder Chiara und Raffi.

“So unter der Woche kamen sie relativ bequem durch. Brunetti bemerkte viele leere Stellen, wo früher Obst- und Gemüsestände gewesen waren; von den Fischhändlern war auch nur noch die Hälfte übrig.”

Der 27. Fall für den Commissario ist ein typischer Brunetti. Typisch, weil der Fall unaufgeregt gelöst wird, typisch, weil Themen wie Umweltverschmutzung und das Problem des übermäßigen Tourismus in Venedig angesprochen werden, die Donna Leon sehr am Herzen liegen und zu denen sie – wie Guido Brunetti – eine eindeutige kritische Meinung hat. Hinzu kommt das Thema Gleichberechtigung, das in diesem Roman schon allein deshalb eine besondere Betonung erfährt, weil Brunetti zunächst nicht mit Vianello unterwegs ist, sondern mit Claudia Griffoni, die ihn mitten in der Nacht wegen des gestürzten Mannes aus dem Schlaf klingelt und mit der er sich bestens versteht.

“… zufrieden, dass ihm das Schicksal eine gleichgesinnte Kollegin beschert hatte.”

“Heimliche Versuchung” ist  wie immer bei einem Brunetti-Krimi wie die Begegnung mit alten Bekannten, die im Laufe der Jahre ihre Eigenarten entwickelt haben, die aber zum Glück immer noch so sind, wie wir sie kennen- und lieben gelernt haben.

 

Donna Leon: Heimliche Versuchung. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian Mc Ewan: The Daydreamer

Frequent visitors of my blog (hello again if you are one) or those you follow me on social media especially on Twitter (hiiii, nice to meet you over here) know that I have a soft spot for the British author Ian McEwan ever since I stumbled upon the film “Atonement” and decided to read the German translation of the book (for those of you moaning: I got my hands on the English one later as well). It not only offered the opportunity to dive into the novel the film is based upon (and of course a certain actor named Benedict Cumberbatch) but also introduced me to an author I’ve never heard of before (to my defence I’m not British, although this isn’t a good excuse given the fact that his works are available in wonderful German translations published by Diogenes.) Being late to the party isn’t that bad in this particular case because I don’t have to wait impatiently for the next book to be published (of course I do) but instead in every book shop I’m happily strolling to the shelves where Ian McEwan’s works are sitting and pick up the one that is lacking on my shelf.

“They thought he was difficult because he was so silent. That seemed to bother people. (…) He liked to be alone and think his own thoughts.”

My latest one therefore is “Daydreamer” which followed me from Waterstones Piccadilly (one of my beloved places in London) and which I finished only recently. Although it is a small one, the book is a collection of short stories that are  connected through the main figure Peter Fortune. The ten year old boy is the daydreamer, a silent boy that prefers to be on his own, reading and imagining the stories in the book. But Peter not only is imagining the stories, he always is part of them and tells them from his point of view. So when he dreams himself in being the  old cat William, he literally becomes the furry animal that has lived with Peter, his sister and his parents ever since William has been a young cat.

“It was the oddest thing, to climb out of your body, just to step out of it and leave it lying on the carpet like a shirt you had just taken off.”

Eventually Peter and William the cat will change bodies again in the end which is a sad one. But the story – and the six others – are so well written and intriguing that you sigh with delight and relief because even if there isn’t a happy end, there is too much joy in reading especially this story and the other. And the only sad thing about Ian McEwan’s short stories is – that they are too short.

Ian McEwan: Daydreamer, Vintage, 7,99 £

Celeste Ng: “Die Welt ist kompliziert”

Celeste Ng war gerade in Deutschland unterwegs, um ihren neuen Roman “Kleine Feuer überall” vorzustellen und hat sich Zeit genommen, meine Fragen zu beantworten.

Wie in “Alles, was ich Euch nicht erzählte” leben die Figuren in “Kleine Feuer überall” den amerikanischen Lebensstil, ja den amerikanischen Traum, den viele attraktiv finden. Aber je mehr sich die Geschichte entfaltet, desto mehr bröckelt die heile Fassade – warum?
Celest Ng: Eine meiner Hauptaufgaben als Autorin ist es, die Leser daran zu erinnern, dass die Welt kompliziert ist, dass  jede Situation und jede Person viele Seiten hat, und dass es viele Dinge gibt, die wir nicht wissen. Deshalb geht es für mich bei jeder Geschichte darum, dem Leser zu zeigen, dass unter der Oberfläche viel mehr verborgen ist als man zunächst denkt. Der amerikanische Traum ist so überwältigend und verführerisch, dass ihn eigentlich niemand tatsächlich lebt. Denn ihn zu leben ist schlicht nicht so einfach und selbst der Traum selbst ist viel komplizierter und problematischer als es scheint. Im Roman will ich unter diese Fassade, unter diese Oberfläche, vordringen und den Leser zum Nachdenken über diesen scheinbar perfekten Lebensstil bringen.

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Ihre Figuren leben ein modernes Leben in den späten 1990er Jahren. Denken Sie, dass die moderne Technik einen Platz im Leben von Teenagern haben sollte?
Teenager leben in der modernen Welt, daher ist es dumm, sie so aufwachsen zu lassen, als lebten sie in einer makellosen Vergangenheit, in der es die moderne Technik nicht gibt. Wir leben in der Ära von Spotify und Snapchat, aber meine Generation erinnert sich wehmütig zurück an die Zeit, in der man seine Lieblingsmusik auf Cassette aufnahm, an E-Mails. Und unsere Eltern erinnern sich noch an Plattenspieler und handgeschriebene Briefe – von daher denke ich, dass jede Generation das, was sie hatte, idealisiert und alles Neue als etwas sieht, das das verdirbt.
Aber natürlich braucht jeder – egal ob Teenager oder Erwachsener gleich welcher Generation – die Verbindung zu anderen Menschen. Damit meine ich, die Fähigkeit zu verstehen und verstanden zu werden und das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Unsere Ängste vor  der neuen Technik kommen auch von der Vorstellung, dass durch diese Technik die Distanz zwischen uns und anderen oder zwischen uns und der “realen” Welt vergrößert werden kann. Das ist etwas, worüber ich mir Sorgen mache. Manchmal kann uns die moderne Technik isolieren – beispielsweise die anonyme und unmoderierte Seite von 4chan [Anmerkung: eine englischsprachige Seite, auf jeder wie auf einer Pinnwand etwas posten kann]. Aber manchmal macht es die moderne Technik auch möglich, dass wir uns mit Menschen auf eine ganz neue Art und Weise verbinden können. Für mich ist diese vorhandene oder nicht vorhandene Verbindung viel wichtiger als die Technik selbst.

Welches Bücher lesen Sie gerade und welche Bücher sollte man auf jeden Fall lesen?
Ich bin gerade fertig mit “Pachink” von Min-Jin Lee (das, glaube ich, bald in Deutschland unter dem Titel “Ein einfaches Leben” erscheinen wird [Anmerkung: es erscheint im September im dtv]). Aktuell lese ich nochmal “The White Album” von Joan Didion (deutsch: “Das weiße Album – eine kalifornische Geisterbeschwörung”) und zum ersten Mal überhaupt “Anna Karenina” [deutsch beispielsweise im dtv]. In der Kategorie “Muss man gelesen haben” gibt es nicht viele Bücher, aber ich denke, dass jeder von der Lektüre von “Between the World and Me” von Ta-Nehisi Coates (“Zwischen mir und der Welt“] etwas mitnimmt und von den Werken von James Baldwin (deutsch im dtv].

(Meine Übersetzung)

You find the English version here.

Celeste Ng: “The world is complicated”

Celeste Ng’s new novel “Little Fires Everywhere” is just out in Germany where the American author has been on a press tour – and she found time to answer my questions.

In “Little Fires Everywhere” (as in “Everything I Never Told You”) your figures are living the American lifestyle, lots of people find attractive. But as the story unfolds, the facade crumbles away. Why?
Celeste Ng: One of my main jobs as a writer is to remind people that the world is complicated, that there are many facets to every situation and every person, and that there are many things we don’t know. So every story, for me, is about showing that there is more going on under the surface than it first appears. The idea of the “American Dream” is so powerful and so pervasive, but no one really lives it. It’s just not that simple, and even the dream itself is a lot more complicated and problematic than it seems. In the novel, I wanted to probe beneath that facade and ask readers to reconsider the whole idea of that “perfect lifestyle.”

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Your figures live a modern life in the late 1990s. Do you think modern technologies should have a place in the life of teenagers?
Teenagers live in the modern world, so it seems foolish to try and keep them in some pristine past where modern technology doesn’t exist. We’re in the era of Spotify and Snapchat, but my generation looks back with nostalgia to the days of mixtapes and email, and our parents look back even further to record players and handwritten letters—so I think every generation idealizes what they had, and sees the new as a corruption.

With that said, though, what everyone—teenagers as well as adults of any generation — needs is human connection. By that, I mean the ability to understand and be understood by someone else, and to feel seen. Our anxieties about new technology is usually rooted in the idea that it’s increasing the space between each other, or between us and the “real” world. And that is something that I worry about. Sometimes modern technologies can isolate us—see: the anonymous and unpoliced boards of 4chan, for instance — but sometimes it allows us to connect with people in new ways, too. For me, the connection, or lack thereof, is more important than the technologies themselves.

What books are you reading and what books would you consider as a must read?
I just finished Pachinko, by Min-Jin Lee (which I think is coming out in Germany soon as “Ein einfaches Leben” [It will be available in September by dtv ). I’m currently re-reading The White Album, by Joan Didion, and reading Anna Karenina for the first time. As for must-reads: there aren’t a lot of books in this category, but books I think everyone would benefit from reading include Between the World and Me, by Ta-Nehisi Coates and the work of James Baldwin.

Meine deutsche Übersetzung des Interviews gibt es hier.

You find my review of the German version of “Little Fires Everywhere” – “Kleine Feuer überall” here.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

439 Jahre. So alt ist Tom Hazard und als ob das noch nicht genug ist, altert Tom äußerlich nicht. Genau das ist das Problem für Menschen wie ihn, die Albas, denn je mehr Monate und Jahre ins Land gehen, umso auffälliger ist, dass die Zeit scheinbar spurlos an ihnen vorüber geht. Deshalb zieht Tom alle acht Jahre dorthin um, wo ihn niemand kennt und nimmt eine neue Identität an. Das geht so lange gut, so lange Tom keine Beziehung eingeht: “Die erste Regel lautet, du darfst nicht lieben”, sagt ihm Hendrich, der Chef der Alba-Gesellschaft, der mit seinen zahlreichen Kontakten dafür sorgt, dass Tom in London ein Leben als Geschichtslehrer führen kann, dort, wo er vor Jahrhunderten die Frau gefunden hat, die er aufrichtig geliebt hat und noch immer liebt.

“Die Vergangenheit bestand fort und klang weiter mit, während die Moderne voranstürmte.”

Matt Haigs neuester Roman “Wie man die Zeit anhält” ist eine Mischung aus Märchen, Science-Fiction und philophischen Gedanken über die Menschen und die Welt, in der sich leben. Doch es wäre kein Werk von Matt Haig, wenn es nicht auch eine wunderbare Erzählung wäre, die auf ihre ruhige und unaufgeregte Art vom ersten Satz an Neugierde weckt und den Leser in eine Handlung zieht, die man am liebsten auf einmal lesen würde – weil sie tief berührt, ohne kitschig zu sein, weil sie witzig ist und traurig. Und weil Matt Haig ein großartiger Erzähler ist, dessen Können durch die liebevolle Übersetzung von Sophie Zeitz nicht geschmälert wird.

“Jeder würde erleben, dass es nur eine Sache gibt, die den Menschen ausmacht, und das ist die Menschlichkeit.”

Das Buch wird mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle verfilmt, wie Matt Haig auf Twitter  (Englisch) unter Berufung auf Variety (Englisch) mitteilte.

Mehr über Matt Haig gibt es hier.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict of “How To Stop Time” here.

Lukas Hartmann: Ein Bild von Lydia

Lydia Welti-Escher ist nach dem Tod ihres Vaters des “Eisenbahnkönigs” Alfred Escher, die reichste Frau der Schweiz, verheiratet mit dem Sohn eines einflussreichen Politikers, und sie sitzt dem Maler Karl Stauffer-Bern Modell. Nicht ungewöhnlich für eine vermögende, kunstliebende Frau  im Zürich des Jahres 1887, die außerdem noch Herrin über einen Haushalt mit zahlreichen Bediensteten ist. Zu diesen gehört auch Luise, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Aus ihrer Perspektive wirft der Leser von “Ein Bild von Lydia” einen Blick in eine Gesellschaft, der Konventionen, Regeln und Standesdünkel über alles gehen und in der Frauen von ihren Ehemännern abhängig sind.

“Nun begann eine andere Zeit, Luise konnte es noch immer nicht fassen. Ein kleiner Strom von Glück vertrieb ihren Kummer.”

Dass sich zwischen  Lydia und Karl ein Liebesverhältnis entwickelt, ist ebenso wenig überraschend wie die weitere Entwicklung der Handlung und das Ende, das hier nicht verraten werden soll. Das bedeutet aber nicht, dass der neue Roman von Lukas Hartmann langweilig ist. Im Gegenteil. Aus der Rückschau und mit Luises Situation beginnt die Geschichte, die den Leser unvermittelt mit dem Dienstmädchen, der Kammerjungfer, konfrontiert, die offenbar vor einem Wendepunkt in ihrem Leben steht. Ruhig und ohne Kitsch, aber so spannend, dass man das Buch nur ungern aus der Hand legt, folgt man dem meisterhaften Erzähler Lukas Hartmann und lernt erst zum Schluss, dass historische Ereignisse Grundlage für das Buch waren.

 

Lukas Hartmann: Ein Bild von Lydia, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Von der South Bank aus den Blick genießen

Von Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muss bis hin zu Gegenden, die man als Neuling eher nicht auf der Liste hat, hat Ralf Nestmeyer für jeden London-Touristen Tipps bereit.

London ist zu groß und faszinierend, um sich die Stadt in einem Tag zu erschließen. Welche Tipps haben Sie aber dennoch für jemanden, der zum ersten Mal und nur für 24 Stunden in London ist?
Das ist keine leichte Frage. Ich würde vorschlagen, einen Spaziergang am Südufer der Themse zu unternehmen. Die South Bank genoss lange Zeit einen eher schlechten Ruf. Hier standen die lasterhaften Theater, an denen heute noch der Nachbau des Shakespeares Globe Theater erinnert, in den Schenken und auf den Straßen warteten die Prostituierten auf Kundschaft. Auch städtebaulich ist das Südufer lange Zeit vernachlässigt worden, erst durch die Tate Gallery of Modern Art oder den Bau des gläsernen Shard-Wolkenkratzer wurde das kleinbürgerliche Südufer aufgewertet. Zudem hat man der South Bank einen wunderbaren Blick auf die City, St. Paul’s Cathedral und die Londoner Skyline. Madame Tussaud ist hingegen überbewertet, da lässt sich der Eintrittspreis besser in ein leckeres Menüs investieren.

Wer regelmäßig kommt, hat immer noch nicht alles gesehen – was empfehlen Sie dem erfahrenen London-Touristen?
Das Geffrye Museum in Shoreditch beispielsweise. Untergebracht in einem 1714 errichteten Armenhaus samt modernem Erweiterungsbau, führt das Museum den Wandel der bürgerlichen Wohnkultur von der elisabethanischen Zeit bis in die Gegenwart vor Augen. Holzgetäfeltes neben innovativem Design. Nur wenige kennen auch das in einem georgianischen Zuckerspeicher in Greenwich gelegene Museum of Docklands. Es erinnert eindrucksvoll, dass die Themse jahrtausendelang die wichtigste Lebensader der Stadt war. Vom Alltag der Dockarbeiter bis zur Sklaverei spannt sich der Bogen der faszinierenden Dauerausstellung. Zuletzt noch ein Spaziergang durch Hampstead Heath, eine riesige Grünanlage mit Weihern, Grashügeln und kleinem Wald, selbst drei Badeseen gibt es. Man will es gar nicht glauben, wie ländlich London sein kann. Von dort ist es nur ein Katzensprung zum Highgate Cemetery. Die alten Steingrabmäler sind mit Efeu und Farnen überzogen, dazwischen schlängeln sich schmale Pfade hindurch. Immer wieder stößt man auf beeindruckende Mausoleen und Katakomben. Auch das monumentale Grabmal von Karl Marx findet man hier.

Jeder Stadtteil hat sein typisches Flair – welcher ist Ihr Favorit?
Ich mag das East End. Jack the Ripper treibt schon lange nicht mehr sein Unwesen. Im Gegenteil: Das East End erlebt derzeit einen tiefen Wandel, zusammen mit den angrenzenden Stadtteilen Shoreditch und Hoxton gilt es als eines der beliebtesten Londoner Szeneviertel. Es gibt noch immer alte Fabrikhallen, verwilderte Grundstücke, viel Graffiti und den Brick Lane Market, aber auch die Gentrifizierung ist in vollem Gange. Fast wöchentlich eröffnen neue Clubs und coole Bars. Dies führt allerdings dazu, dass durch die hohen Mietpreise die alten Geschäfte und die zumeist aus Bangladesch stammenden Immigranten verdrängt werden.

Der eine London-Fan besucht immer Borough Market, der andere die Tower Bridge oder – wie ich – die Houses of Parliament mit dem Elisabeth-Tower. Was ist Ihre Lieblingsort oder Lieblingssehenswürdigkeit, die Sie jedes Mal besuchen, wenn Sie in London sind?
Witzig. Der Borough Market gehört auch zu meinem Pflichtprogramm. Außerdem gehe ich jedes Mal in den auf Reiseliteratur spezialisierten Daunt Bookshop sowie in Europas größte Buchhandlung: Waterstones am Piccadilly Circus. Bei jeder Recherche schaue ich auch im Churchill Arms vorbei. Das Churchill sieht von außen aus wie ein ganz gewöhnliches Pub, doch wird im grün bepflanzten Hinterzimmer (wie auch im Pub) überraschenderweise eine hervorragende Thaiküche zu günstigen Preisen serviert. Und selbst wer nur Pub-Atmosphäre schnuppern will, wird nicht enttäuscht sein, der Laden ist abends immer voll.

 

Ralf Nest­mey­er ist His­to­ri­ker und lebt seit 1995 als frei­er Autor in Nürn­berg. Vom ihm ist unter anderem der Reiseführer London im Michael-Müller-Verlag erschienen.  Wer mag, kann den Reiseführer über diesen Partnerlink direkt beim Verlag bestellen.

Süddeutsche Zeitung Edition: London und Südengland

Wer mit dem London Bug infiziert wurde, der muss immer wieder kommen in die Stadt, die gleichzeitig uralt und hypermodern ist. Und natürlich gibt es über die britische Hauptstadt Bibliotheken voller Bücher, unter ihnen ungezählte Reiseführer, von denen praktisch jeder seinen Favoriten hat, zu dem oder dessen Verlag er immer wieder greift.

Einen eher ungewöhnlichen Ansatz nehmen die beiden Bücher über London und Südengland aus der Edition der Süddeutschen Zeitung, die jeweils “Ein perfektes Wochenende” bzw. “Eine perfekte Woche” versprechen. Denn es geht hier weniger darum, eine Stadt wie London oder das nicht allzu weit entfernte Südengland neu zu entdecken und die typischen touristischen Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Beide Bücher  – man scheut sich Reiseführer zu schreiben – sind eher gedacht für Reisende, die nicht zum ersten Mal hier sind oder die das besondere suchen. Schließlich sind die Hotels, Restaurants oder Cafés nicht gerade günstig und alles andere als Hostels und Fast-Food-Shops. Dementsprechend sind die Bücher zwar Taschenbücher, aber so stabil und hochwertig aufgemacht, dass man sich scheut, sie ins Reisegepäck zu packen.

Wer einen “echten” Reiseführer sucht, wird von diesen beiden Bänden enttäuscht sein; wer aber auf der Suche nach Ungewöhnlichem ist (oder gerne zuhause der Vorfreude auf den nächsten Trip frönt), wird hier fündig.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

 

Ein perfektes Wochenende in London, 9,90 Euro
Eine perfekte Woche in Südengland, 16,90 Euro, jeweils Süddeutsche Zeitung Edition.

Beide Bücher wurden mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Evelyn Waugh: Lust und Laster

Das Leben ist  eine Abfolge endloser Partys, endloser Alkoholexzesse, die keinen Raum lässt für etwas anderes. Jedenfalls dann, wenn man dem Treiben der englischen Gesellschaft folgt, die Evelyn Waugh in seinem Roman “Lust und Laster” beschreibt. Denn den Figuren um Nina, die sich zunächst gegen eine Heirat mit Adam entscheidet, sich  ihn später zum Liebhaber nimmt und Adam selbst, dem Journalisten, der immer überall dabei zu sein scheint, leben in ihrer eigenen Welt, die nur aus Vergnügen zu bestehen scheint.

“Adam versuchte auch auf diskrete Art, Einfluss auf die Kleidung seiner Leserschaft zu nehmen.”

Kein Wunder also, dass die Figuren genauso oberflächlich bleiben wie die Handlung, in deren Mittelpunkt sie stehen. Das ist insofern gewöhnungsbedürftig, weil es dem Leser schwer fällt, Sympathien für eine Figur zu entwickeln. Statt in die Handlung hineingezogen zu werden, bleibt der Leser ein Beobachter, der sich mal mehr, mal weniger über die Figuren wundert, die sich mehr um die nächste Party kümmern als um den bevorstehenden Ausbruch des Krieges, was  an den apokalyptischen Tanz auf dem Vulkan erinnert.

Möglich wird diese an schnelle Schnitte in einem Film erinnernde Handlung durch die souveräne Erzählweise Evelyn Waughs, die dem Roman eine angemessene Atemlosigkeit gibt.

 

Das Buchcover auf meinem Tolino. Foto: Petra Breunig

Das Buchcover auf meinem Tolino. Foto: Petra Breunig

Evelyn Waugh: Lust und Laster, Diogenes, 12 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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