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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

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Lukas Hartmann: Ein Bild von Lydia

Lydia Welti-Escher ist nach dem Tod ihres Vaters des “Eisenbahnkönigs” Alfred Escher, die reichste Frau der Schweiz, verheiratet mit dem Sohn eines einflussreichen Politikers, und sie sitzt dem Maler Karl Stauffer-Bern Modell. Nicht ungewöhnlich für eine vermögende, kunstliebende Frau  im Zürich des Jahres 1887, die außerdem noch Herrin über einen Haushalt mit zahlreichen Bediensteten ist. Zu diesen gehört auch Luise, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Aus ihrer Perspektive wirft der Leser von “Ein Bild von Lydia” einen Blick in eine Gesellschaft, der Konventionen, Regeln und Standesdünkel über alles gehen und in der Frauen von ihren Ehemännern abhängig sind.

“Nun begann eine andere Zeit, Luise konnte es noch immer nicht fassen. Ein kleiner Strom von Glück vertrieb ihren Kummer.”

Dass sich zwischen  Lydia und Karl ein Liebesverhältnis entwickelt, ist ebenso wenig überraschend wie die weitere Entwicklung der Handlung und das Ende, das hier nicht verraten werden soll. Das bedeutet aber nicht, dass der neue Roman von Lukas Hartmann langweilig ist. Im Gegenteil. Aus der Rückschau und mit Luises Situation beginnt die Geschichte, die den Leser unvermittelt mit dem Dienstmädchen, der Kammerjungfer, konfrontiert, die offenbar vor einem Wendepunkt in ihrem Leben steht. Ruhig und ohne Kitsch, aber so spannend, dass man das Buch nur ungern aus der Hand legt, folgt man dem meisterhaften Erzähler Lukas Hartmann und lernt erst zum Schluss, dass historische Ereignisse Grundlage für das Buch waren.

 

Lukas Hartmann: Ein Bild von Lydia, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Von der South Bank aus den Blick genießen

Von Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muss bis hin zu Gegenden, die man als Neuling eher nicht auf der Liste hat, hat Ralf Nestmeyer für jeden London-Touristen Tipps bereit.

London ist zu groß und faszinierend, um sich die Stadt in einem Tag zu erschließen. Welche Tipps haben Sie aber dennoch für jemanden, der zum ersten Mal und nur für 24 Stunden in London ist?
Das ist keine leichte Frage. Ich würde vorschlagen, einen Spaziergang am Südufer der Themse zu unternehmen. Die South Bank genoss lange Zeit einen eher schlechten Ruf. Hier standen die lasterhaften Theater, an denen heute noch der Nachbau des Shakespeares Globe Theater erinnert, in den Schenken und auf den Straßen warteten die Prostituierten auf Kundschaft. Auch städtebaulich ist das Südufer lange Zeit vernachlässigt worden, erst durch die Tate Gallery of Modern Art oder den Bau des gläsernen Shard-Wolkenkratzer wurde das kleinbürgerliche Südufer aufgewertet. Zudem hat man der South Bank einen wunderbaren Blick auf die City, St. Paul’s Cathedral und die Londoner Skyline. Madame Tussaud ist hingegen überbewertet, da lässt sich der Eintrittspreis besser in ein leckeres Menüs investieren.

Wer regelmäßig kommt, hat immer noch nicht alles gesehen – was empfehlen Sie dem erfahrenen London-Touristen?
Das Geffrye Museum in Shoreditch beispielsweise. Untergebracht in einem 1714 errichteten Armenhaus samt modernem Erweiterungsbau, führt das Museum den Wandel der bürgerlichen Wohnkultur von der elisabethanischen Zeit bis in die Gegenwart vor Augen. Holzgetäfeltes neben innovativem Design. Nur wenige kennen auch das in einem georgianischen Zuckerspeicher in Greenwich gelegene Museum of Docklands. Es erinnert eindrucksvoll, dass die Themse jahrtausendelang die wichtigste Lebensader der Stadt war. Vom Alltag der Dockarbeiter bis zur Sklaverei spannt sich der Bogen der faszinierenden Dauerausstellung. Zuletzt noch ein Spaziergang durch Hampstead Heath, eine riesige Grünanlage mit Weihern, Grashügeln und kleinem Wald, selbst drei Badeseen gibt es. Man will es gar nicht glauben, wie ländlich London sein kann. Von dort ist es nur ein Katzensprung zum Highgate Cemetery. Die alten Steingrabmäler sind mit Efeu und Farnen überzogen, dazwischen schlängeln sich schmale Pfade hindurch. Immer wieder stößt man auf beeindruckende Mausoleen und Katakomben. Auch das monumentale Grabmal von Karl Marx findet man hier.

Jeder Stadtteil hat sein typisches Flair – welcher ist Ihr Favorit?
Ich mag das East End. Jack the Ripper treibt schon lange nicht mehr sein Unwesen. Im Gegenteil: Das East End erlebt derzeit einen tiefen Wandel, zusammen mit den angrenzenden Stadtteilen Shoreditch und Hoxton gilt es als eines der beliebtesten Londoner Szeneviertel. Es gibt noch immer alte Fabrikhallen, verwilderte Grundstücke, viel Graffiti und den Brick Lane Market, aber auch die Gentrifizierung ist in vollem Gange. Fast wöchentlich eröffnen neue Clubs und coole Bars. Dies führt allerdings dazu, dass durch die hohen Mietpreise die alten Geschäfte und die zumeist aus Bangladesch stammenden Immigranten verdrängt werden.

Der eine London-Fan besucht immer Borough Market, der andere die Tower Bridge oder – wie ich – die Houses of Parliament mit dem Elisabeth-Tower. Was ist Ihre Lieblingsort oder Lieblingssehenswürdigkeit, die Sie jedes Mal besuchen, wenn Sie in London sind?
Witzig. Der Borough Market gehört auch zu meinem Pflichtprogramm. Außerdem gehe ich jedes Mal in den auf Reiseliteratur spezialisierten Daunt Bookshop sowie in Europas größte Buchhandlung: Waterstones am Piccadilly Circus. Bei jeder Recherche schaue ich auch im Churchill Arms vorbei. Das Churchill sieht von außen aus wie ein ganz gewöhnliches Pub, doch wird im grün bepflanzten Hinterzimmer (wie auch im Pub) überraschenderweise eine hervorragende Thaiküche zu günstigen Preisen serviert. Und selbst wer nur Pub-Atmosphäre schnuppern will, wird nicht enttäuscht sein, der Laden ist abends immer voll.

 

Ralf Nest­mey­er ist His­to­ri­ker und lebt seit 1995 als frei­er Autor in Nürn­berg. Vom ihm ist unter anderem der Reiseführer London im Michael-Müller-Verlag erschienen.  Wer mag, kann den Reiseführer über diesen Partnerlink direkt beim Verlag bestellen.

Süddeutsche Zeitung Edition: London und Südengland

Wer mit dem London Bug infiziert wurde, der muss immer wieder kommen in die Stadt, die gleichzeitig uralt und hypermodern ist. Und natürlich gibt es über die britische Hauptstadt Bibliotheken voller Bücher, unter ihnen ungezählte Reiseführer, von denen praktisch jeder seinen Favoriten hat, zu dem oder dessen Verlag er immer wieder greift.

Einen eher ungewöhnlichen Ansatz nehmen die beiden Bücher über London und Südengland aus der Edition der Süddeutschen Zeitung, die jeweils “Ein perfektes Wochenende” bzw. “Eine perfekte Woche” versprechen. Denn es geht hier weniger darum, eine Stadt wie London oder das nicht allzu weit entfernte Südengland neu zu entdecken und die typischen touristischen Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Beide Bücher  – man scheut sich Reiseführer zu schreiben – sind eher gedacht für Reisende, die nicht zum ersten Mal hier sind oder die das besondere suchen. Schließlich sind die Hotels, Restaurants oder Cafés nicht gerade günstig und alles andere als Hostels und Fast-Food-Shops. Dementsprechend sind die Bücher zwar Taschenbücher, aber so stabil und hochwertig aufgemacht, dass man sich scheut, sie ins Reisegepäck zu packen.

Wer einen “echten” Reiseführer sucht, wird von diesen beiden Bänden enttäuscht sein; wer aber auf der Suche nach Ungewöhnlichem ist (oder gerne zuhause der Vorfreude auf den nächsten Trip frönt), wird hier fündig.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

 

Ein perfektes Wochenende in London, 9,90 Euro
Eine perfekte Woche in Südengland, 16,90 Euro, jeweils Süddeutsche Zeitung Edition.

Beide Bücher wurden mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Evelyn Waugh: Lust und Laster

Das Leben ist  eine Abfolge endloser Partys, endloser Alkoholexzesse, die keinen Raum lässt für etwas anderes. Jedenfalls dann, wenn man dem Treiben der englischen Gesellschaft folgt, die Evelyn Waugh in seinem Roman “Lust und Laster” beschreibt. Denn den Figuren um Nina, die sich zunächst gegen eine Heirat mit Adam entscheidet, sich  ihn später zum Liebhaber nimmt und Adam selbst, dem Journalisten, der immer überall dabei zu sein scheint, leben in ihrer eigenen Welt, die nur aus Vergnügen zu bestehen scheint.

“Adam versuchte auch auf diskrete Art, Einfluss auf die Kleidung seiner Leserschaft zu nehmen.”

Kein Wunder also, dass die Figuren genauso oberflächlich bleiben wie die Handlung, in deren Mittelpunkt sie stehen. Das ist insofern gewöhnungsbedürftig, weil es dem Leser schwer fällt, Sympathien für eine Figur zu entwickeln. Statt in die Handlung hineingezogen zu werden, bleibt der Leser ein Beobachter, der sich mal mehr, mal weniger über die Figuren wundert, die sich mehr um die nächste Party kümmern als um den bevorstehenden Ausbruch des Krieges, was  an den apokalyptischen Tanz auf dem Vulkan erinnert.

Möglich wird diese an schnelle Schnitte in einem Film erinnernde Handlung durch die souveräne Erzählweise Evelyn Waughs, die dem Roman eine angemessene Atemlosigkeit gibt.

 

Das Buchcover auf meinem Tolino. Foto: Petra Breunig

Das Buchcover auf meinem Tolino. Foto: Petra Breunig

Evelyn Waugh: Lust und Laster, Diogenes, 12 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bernhard Schlink: Olga

“Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut.” Da ist der der Anfang der Geschichte, der den Leser unvorbereitet mitten hineinschubst ins Geschehen. Wer ist “sie”? Und warum sagt jemand “sie” macht keine Mühe? Sagt man sowas überhaupt über einen anderen Menschen? Fragen, die man eigentlich sofort beantwortet haben will. Aber ein Sofort gibt es bei Bernhard Schlink nicht. Denn auch in seinem neuen Roman “Olga” entwickelt sich die Geschichte um die Titelfigur erst allmählich – was nicht bedeutet, dass die ersten Seiten langweilig wären. Im Gegenteil. Denn das Mädchen, über das gleich am Anfang wie über einen Gegenstand gesprochen wird, ist natürlich Olga, und Olga weiß sehr genau, was sie will.

“Aber Olga ließ sich ihren Namen nicht nehmen. Als die Großmutter die Nachteile eines slawischen und die Vorzüge eines deutschen Namens zu erklären versuchte, sah Olga sie verständnislos an.”

Eine selbstständige Frau sein, heiraten, eine Familie gründen. Aber weder die Selbstständigkeit noch das Familienglück sind am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland leicht zu bekommen, schon gar nicht für eine Frau, die miterleben muss, wie immer radikalere Ansichten die Politik bestimmen.

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Mit einer nur scheinbar einfachen Sprache entfaltet Bernhard Schlink (siehe Bild/Foto: Sophie Bassouls/Getty) in seinem neuen Roman eine Geschichte, die den Leser von Anfang an begeistert.  Der Autor, dessen Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, gehört zu den besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart.

 

Bernhard Schlink: Olga, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Edward St Aubyn: Melrose

Es sind die Stimmen im Kopf, die viel mehr sind als Stimmen. Denn Patrick Melrose führt einen inneren Kampf, bei dem es nicht nur darum geht, den nächsten Drogenkonsum sicherzustellen. Er muss sich mit den unterschiedlichen Personen, die er in sich trägt, auseinandersetzen, diskutieren und sie mit mehr oder weniger viel Alkohol zum Schweigen bringen. Oder eben durch unterschiedliche Drogen, die ihm außerdem helfen, tagsüber und vor allem in Gesellschaft einigermaßen zu funktionieren – also sich so zu verhalten wie es sich in der britischen Upper Class gehört.

Einer Schicht, die so oberflächlich ist wie ihre Mitglieder reich sind und obwohl Patrick dieser Schicht auch angehört, sind ihm all diese Konventionen zuwider. Das liegt auch daran, dass Patrick als Junge von seinem Vater zur Bestrafung und als Machtdemonstration immer wieder vergewaltigt wurde. Seine Mutter, die ebenfalls unter ihrem gewalttätigen Ehemann zu leiden hatte, lässt den sensiblen und intelligenten Jungen allein mit seinen traumatischen Erfahrungen und wird es bis zu ihrem Tod nicht schaffen, Patrick wirklich zu verstehen. Erst im Laufe seines Lebens gelingt es Patrick, sein Leben in den Griff zu bekommen und sich einzugestehen, dass er nicht mehr länger als einsamer Drogen- und Alkoholsüchtiger leben will und dass er seine Frau und seine beiden Jungen aufrichtig liebt.

“Oh Gott, es ging wieder los. Die endlosen Stimmen. Die einsamen Dialoge. Das fürchterliche Geplapper, das unkontrollierbar hervorquoll.”

Die fünf Romane, in denen Edward St Aubyn das Leben von Patrick Melrose erzählt, sind Bildungsromane – allerdings sind sie vom altbackenen und langweiligen Image, das dieser Gattung anhaftet, weit entfernt. “Schöne Verhältnisse”, “Schlechte Neuigkeiten”, “Nette Aussichten”, “Muttermilch” und “Zu guter Letzt”, die der Piper-Verlag in einer schönen Ausgabe zusammengefasst hat, sind wie ein Gang durch das Labyrinth von Patrick Melroses Leben. Die Wege sind verschlungen, unübersichtlich, verwirrend und enden scheinbar in Sackgassen. Hat man als Leser aber die ersten Zeilen des ersten Kapitels des ersten Romans gelesen, möchte man das Buch am liebsten nicht mehr aus der Hand legen – und ist dankbar dafür am Ende eines Romans einfach umblättern und mit dem Lesen des nächsten weitermachen zu können.

“Das ist die Sorte von Leuten, von denen ich in meiner Kindheit umgeben war: harte, dumpfe Menschen, die mir damals hochkultiviert vorkamen und dabei so dumm wie Schwäne waren.”

Edward St Aubyn ist in Deutschland wenig bekannt – zu Unrecht, denn der britische Autor ist ein meisterhafter Erzähler, der die durch Rückblicke, Einschübe und Stream-of-Consciousness-Technik aufgefächerte Handlung souverän bündelt und den Leser nie allein lässt. Wer die Bücher nicht im englischen Original lesen kann oder mag, dem sei die vorliegende wunderbar übersetzten Ausgabe empfohlen, die dem Original durchaus ebenbürtig ist.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Edward St Aubyn: Melrose, Piper, 39 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Die Romane wurden mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle unter anderem von Sunny March für Sky Atlantic verfilmt und sollen 2018 zu sehen sein.
Den ersten Trailer dazu gibt es hier.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Für Pearl ist die Welt der Richardsons gleichzeitig anziehend und geheimnisvoll. Und irgendwie trifft das auch für Shaker Heights zu. Die Menschen hier sind nicht nur wohlhabend. Sie führen ein Leben, das mindestens so vielen Regeln folgt wie die Vorschriften, die in dem reichen Vorort Clevelands gelten. Schließlich ist es wichtig, dass  Häuser, die in einem bestimmten Stil gebaut sind, nur in bestimmten Farben gestrichen werden dürfen. Pearl, die es gewohnt ist, mit ihrer Mutter Mia nie lang an einem Ort zu bleiben und mit nur wenigen Sachen zurechtzukommen, ist fasziniert von der Familie, für die alles, was sie tun, wichtig zu sein scheint. Arbeiten scheint etwas “Nobles” zu sein – auch wenn Mrs Richardson Lokaljournalistin ist, so steht doch ihr Name auf der Titelseite der kostenlosen “Sun Press”. Während es für Mia immer schon darum gegangen ist, ausreihend Geld für sich und ihre Tochter Mia zu verdienen, hat das Leben der Richardsons jene Lässigkeit, die auf sicherem Reichtum ruht. Doch die Idylle ist nur auf dem ersten Blick perfekt. Während die Jugendlichen sich mit den Problemen des Erwachsenwerdens auseinandersetzen müssen, wird Mia mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

“Kleine Feuer überall” ist nach “Was ich Euch nicht erzählte” der zweite Roman von Celeste Ng. Und auch in dieser Geschichte zeigt die amerikanische Autorin die Risse, die unter der Oberfläche einer scheinbar perfekten Welt immer größer werden. Das Leben, das die Figuren führen, mag banal sein. Aber Celeste Ng schafft es, diese Alltäglichkeit so spannend zu erzählen, dass man sich noch lange an die Geschichte erinnern wird.

 

 

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, dtv, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

James Rhodes: Fire On All Sides

Honest and open. That were one of the first thoughts that came to my mind when I read the beginning of James Rhodes’ new book. Next it was astonishment. The astonishment that “Fire On All Sides” offers a much deeper look inside James’ mind than “Instrumental”, his first book, does. There’s no doubt that “Instrumental” is shockingly open when James, raped for years as a boy, describes how this disgusting and horrible abuse destroys the life of a young, sensible child that only seeks for love and support from his teacher who rewards trust with violence. James has no doubt that he is still alive because music saved him.

“Fire On All Sides” could be the evidence that dreams can indeed become reality. The James of today is a professional concert pianist, travelling various countries, playing concerts. He writes articles for newspapers, gives interviews, hosts radio shows. And yet there are those evil voices trying to convince James that he is not that good, that every single concert will be a disaster and that even an ordinary day offers problems and obstacles that are challenges.

The voice is so loud that I convince myself that I am perpetuating a fraud.”

Of course this is a book about music, about love and hatred and imperfection. But James wouldn’t be the author if he wasn’t to add “including the self-indulgent crap because it’s me and I’m a narcissistic asshole”. Even if we are lucky because we have not to fight depression or anxiety or a horrible illness on a daily basis, we all face the challenge to get up in the morning, go to work, get things done. And no one knows how difficult it is to smile and pretend everything is okay when it is not. Imagine you have voices in your head that are your constant companions that have nothing else to do than convince you, you are not enough. In James’s case: he’s not able to play the piano properly, no one will pop up to his concert venue, and the waiter in the café just round the corner always stares at you because you seem to be some sort of freak.

“Words are dangerous, music is salvation – the one thing I don’t need to be afraid of.”

But then there are these moments when James realises he can handle it. “It” meaning walking on stage after make sure for the hundredth time that every single note is saved in the memory (James always plays the piano on stage without scores), that of course there is indeed an audience that isn’t only excited to see what is waiting for them. They enjoy the evening and they want to get their books or CDs signed. And – surprise –  there is even a “bunch of really lovely German fans” waiting for him at the stage door in Munich’s Gasteig back in the autumn of 2016.

So after having survived a horrible childhood that still haunts him, James has finally reached a stage where he can even convince the evil voices in his head that he lives the life he always wanted, “a life surrounded by, engulfed by, music”. A life that is bearable because he is finally ready to see life as it is: Imperfect. And that there is no need to pretend that life and humans and especially James is perfect and furthermore its “fragility can unite us all in the most comforting way”.

Or as Sherlock would say: “We are all humans after all”.

James Rhodes: “Fire On All Sides: Insanity, insomnia and the incredible inconvenience of life”, Quercus, Ebook from 8,49£/9,49€.
The new album “Fire On All Sides” is available at the usual streaming service.

Bücher meines Jahres 2017

Am Anfang eines neues Jahres ist es Brauch zurückzublicken – auch auf die Liste gelesener Bücher.
Meine Bilanz sagt mir, dass ich im Vergleich zum Vorjahr  ein Buch weniger gelesen habe. Ich tröste mich damit, dass ich 2017 ein paar dicke Wälzer gelesen habe. Und außerdem warten, während ich diese Zeilen schreibe, drei Bücher darauf, dass ich sie aufschlage und weiterlese. (Was die immerwährende Frage aufwirft, was die Figuren in den Romanen so treiben, wenn das Buch nicht gelesen wird.)

Meine Bilanz:
Gesamt: 38
Englisch: 14
Deutsch: 24
E-Bücher: 4 (nur eines auf dem Kindle gelesen, nur eines auf Englisch)

Am besten gefallen haben mir diese Bücher – wie immer rein persönlich und ohne Anspruch darauf, die Welt der Feuilletonisten zu erschüttern (naja, vielleicht ein kleines bisschen).

Meine Entdeckung:
Matt Haig: sein Kinderbuch “Das Mädchen, das Weihnachten rettete” ist eine wunderbare Weihnachtsgeschichte. Das Buch selbst ist liebevoll ausgestattet und ein echter Hingucker.
“How To Stop Time” ist ein Tipp für alle, die etwas für Mystery, Zeitreisen und eine Liebesgeschichte übrig haben. Wer das Buch nicht auf Englisch lesen kann oder mag, kann sich vormerken, dass im Frühjahr die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Wie man die Zeit anhält” im dtv  erscheinen wird.
In “Reasons to stay alive”(Deutsch: “Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben”, dtv) beschreibt Matt Haig erschütternd offen und berührend wie es ist, mit einer Depression zu leben und zu überleben. (Es hat mich an Uwe Hauck: “Depression abzugeben” erinnert)
“Ich und die Menschen” ist die witzige und entwaffnende Geschichte eines Außerirdischen, der im Körper eines Mathematikprofessors die Menschen beobachtet – und eines dieser Bücher, das man am liebsten auf einmal lesen möchte.

Alte Freunde:
Ian McEwan: The Child in Time habe ich noch einmal gelesen, um mich auf die BBC-Verfilmung mit Benedict Cumberbatch vorzubereiten. Und die Geschichte um das Verschwinden eines kleinen Mädchens ist auch beim zweiten Mal berührend.
Donna Leon: Stille Wasser:  Das alljährliche Treffen mit dem venezianischen Commissario Guido Brunetti war auch 2017 liebenswert und beste Unterhaltung. Wer noch nie einen Krimi dieser Reihe gelesen hat, sollte am besten mit dem ersten Band “Venezianisches Finale” einsteigen.
Sherlock  – The Essential Arthur Conan Doyle Adventures – zusammengestellt von den Sherlock-Erfindern Mark Gatiss und Steven Moffat ist nicht nur für Fans der britischen Fernsehserie interessant. Wer noch nie eine Originalgeschichten gelesen hat, aber wissen will, was hinter der Serie steckt, findet dank der Vorworte einen guten Einstieg.

Für London-Fans:
Peter Ackroyd: London – The Concise Biography (deutsch: “London – Die Biographie”, erschienen im Albert-Knaus-Verlag) ist eine historische Fundgrube, die so gut wie alles behandelt, was in dieser faszinierenden Stadt passiert ist.
Anette Dittert: London Calling: Eine Liebeserklärung an die britische Hauptstadt, die hoffentlich auch nach dem Brexit gleichermaßen faszinierend, verrückt und liebenswert bleibt.
Und wer einen Reiseführer sucht, der sollte zum “MM-City London” gut greifen. Mein Blogbeitrag enthält auch einen Partnerlink zur Bestellseite des Verlags, die auch hier zu finden ist.

 

Ewald Arenz: Der Duft von Schokolade

“Ich möchte Konfekt machen”, teilt August Liebeskind seinem Onkel mit. Und der Onkel Josef erlaubt seinem Neffen eine nicht mehr genutzte Konditorei als Versuchslabor und Lernküche zu nutzen. Lernküche deshalb, weil August im Wien des Jahres 1881 seinen Militärdienst quittiert und seither in der Schokoladenfabrik seines Onkels gearbeitet hat. Als er die unkonventionelle Elena kennen lernt und sich in sie verliebt, versucht er, sie mit selbsterfundenen Pralinenkreationen für sich zu gewinnen – doch dazu muss er erst einmal lernen, wie man Schokolade macht.

“Es war, als hätten sich in den Wochen, die er in der Konditorei verbracht hatte, die Düfte angesammelt und wären immer voller und reicher geworden.”

In “Der Duft von Schokolade” lässt Ewald Arenz eine Welt auferstehen, die uns heute mit ihrer Langsamkeit und Überschaubarkeit entrückt erscheinen mag. Geblieben aber sind der Genuss von  Pralinen, die alle Sinne berühren und die Suche nach der wahren Liebe. Und eine Geschichte, die wunderbar unterhält und mich an Patrick Süßkinds “Das Parfüm” oder den Film “Der wunderbare Garten der Bella Brown” (im Original: “The Beautiful Fantastic”) erinnern. Und wer sagt, das Bücher weder unterhalten noch Erinnerungen wecken dürfen?

Foto: Petra Breunig

Ewald Arenz: Der Duft von Schokolade, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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