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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Schlagwort: Buchtipp (Seite 1 von 4)

Bücher für den Sommer

Es soll Leute geben, die es nur im längeren Sommerurlaub schaffen, sich in einem Buch zu verlieren. Für die, aber auch für alle anderen, die sich einen Urlaub ohne ein Buch nicht vorstellen können (und eigentlich auch die Zeit zwischen den Urlauben), sind diese Tipps gedacht.

Für Vielleser:
Die fünf Patrick-Melrose-Romane des britischen Schriftstellers Edward St Aubyn sind keine leichte Lektüre, denn wir begleiten Patrick, der als kleiner Junge von seinem Vater missbraucht wird, über seine Zeit als Drogen- und Alkoholabhängigen und erleben ihn als Vater zweier Jungen. Das ist gleichsam erschütternd und spannend und lässt einen so schnell nicht mehr los. Daher sollte man am besten die fünf Bücher in einem Band kaufen oder sicherstellen, dass man  den nächsten Band per E-Reader schnell zur Hand hat. Wer nach den Büchern noch nicht genug hat, sollte unbedingt die Verfilmung mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle anschauen.

Amerikanische Literatur:
Mit ihrem zweiten Roman “Kleine Feuer überall” führt Celeste Ng den Leser erneut in die scheinbar so heile Welt einer reichen amerikanischen Familie, die aber nur auf den ersten Blick perfekt ist.

Britische Literatur:
Eine Geschichte wie ein Märchen hat Matt Haig mit “Wie man die Zeit anhält” (“How to Stop Time“) geschrieben,  die gleichermaßen traurig und witzig,  voller Hoffnung und Liebe ist. Wer noch nie etwas von Matt Haig gelesen hat, sollte mit diesem Buch anfangen.
Surreale Kurzgeschichten, die in sich abgeschlossen sind, aber jeweils die gleiche Hauptfigur haben, hat Ian McEwan in “Der Tagträumer” (“The Daydreamer“) zusammengefasst.

Deutschsprachige Neuerscheinungen:
Zufällig sind die beiden neuen Romane von Bernhard Schlink (“Olga“) und Lukas Hartmann (“Ein Bild von Lydia“) nicht nur mit wenigen Wochen Abstand erschienen. Sie stellen auch jeweils Frauen in den Mittelpunkt ihrer Handlung, die in unterschiedlichen Zeiten versuchen, ihren Weg zu finden.

Only in English
ist derzeit das zweite Buch des britischen Pianisten James Rhodes erhältlich. In “Fire on All Sides” beschreibt er, welche Ängste er überwinden muss, damit er bei einer Konzerttournee das tun kann, was er am liebsten tut: Klavier spielen und alles um sich herum vergessen. Dazu gehören nicht zuletzt seine traumatische Kindheit – er wurde über Jahre hinweg von einem Sportlehrer vergewaltigt – Drogenabhängigkeit, Depressionen und Selbstmordgedanken. James schreibt so, wie er twittert und mit seinen Fans nach den Konzerten spricht: ehrlich, direkt, freundlich, neugierig und witzig.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

439 Jahre. So alt ist Tom Hazard und als ob das noch nicht genug ist, altert Tom äußerlich nicht. Genau das ist das Problem für Menschen wie ihn, die Albas, denn je mehr Monate und Jahre ins Land gehen, umso auffälliger ist, dass die Zeit scheinbar spurlos an ihnen vorüber geht. Deshalb zieht Tom alle acht Jahre dorthin um, wo ihn niemand kennt und nimmt eine neue Identität an. Das geht so lange gut, so lange Tom keine Beziehung eingeht: “Die erste Regel lautet, du darfst nicht lieben”, sagt ihm Hendrich, der Chef der Alba-Gesellschaft, der mit seinen zahlreichen Kontakten dafür sorgt, dass Tom in London ein Leben als Geschichtslehrer führen kann, dort, wo er vor Jahrhunderten die Frau gefunden hat, die er aufrichtig geliebt hat und noch immer liebt.

“Die Vergangenheit bestand fort und klang weiter mit, während die Moderne voranstürmte.”

Matt Haigs neuester Roman “Wie man die Zeit anhält” ist eine Mischung aus Märchen, Science-Fiction und philophischen Gedanken über die Menschen und die Welt, in der sich leben. Doch es wäre kein Werk von Matt Haig, wenn es nicht auch eine wunderbare Erzählung wäre, die auf ihre ruhige und unaufgeregte Art vom ersten Satz an Neugierde weckt und den Leser in eine Handlung zieht, die man am liebsten auf einmal lesen würde – weil sie tief berührt, ohne kitschig zu sein, weil sie witzig ist und traurig. Und weil Matt Haig ein großartiger Erzähler ist, dessen Können durch die liebevolle Übersetzung von Sophie Zeitz nicht geschmälert wird.

“Jeder würde erleben, dass es nur eine Sache gibt, die den Menschen ausmacht, und das ist die Menschlichkeit.”

Das Buch wird mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle verfilmt, wie Matt Haig auf Twitter  (Englisch) unter Berufung auf Variety (Englisch) mitteilte.

Mehr über Matt Haig gibt es hier.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict of “How To Stop Time” here.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Für Pearl ist die Welt der Richardsons gleichzeitig anziehend und geheimnisvoll. Und irgendwie trifft das auch für Shaker Heights zu. Die Menschen hier sind nicht nur wohlhabend. Sie führen ein Leben, das mindestens so vielen Regeln folgt wie die Vorschriften, die in dem reichen Vorort Clevelands gelten. Schließlich ist es wichtig, dass  Häuser, die in einem bestimmten Stil gebaut sind, nur in bestimmten Farben gestrichen werden dürfen. Pearl, die es gewohnt ist, mit ihrer Mutter Mia nie lang an einem Ort zu bleiben und mit nur wenigen Sachen zurechtzukommen, ist fasziniert von der Familie, für die alles, was sie tun, wichtig zu sein scheint. Arbeiten scheint etwas “Nobles” zu sein – auch wenn Mrs Richardson Lokaljournalistin ist, so steht doch ihr Name auf der Titelseite der kostenlosen “Sun Press”. Während es für Mia immer schon darum gegangen ist, ausreihend Geld für sich und ihre Tochter Mia zu verdienen, hat das Leben der Richardsons jene Lässigkeit, die auf sicherem Reichtum ruht. Doch die Idylle ist nur auf dem ersten Blick perfekt. Während die Jugendlichen sich mit den Problemen des Erwachsenwerdens auseinandersetzen müssen, wird Mia mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

“Kleine Feuer überall” ist nach “Was ich Euch nicht erzählte” der zweite Roman von Celeste Ng. Und auch in dieser Geschichte zeigt die amerikanische Autorin die Risse, die unter der Oberfläche einer scheinbar perfekten Welt immer größer werden. Das Leben, das die Figuren führen, mag banal sein. Aber Celeste Ng schafft es, diese Alltäglichkeit so spannend zu erzählen, dass man sich noch lange an die Geschichte erinnern wird.

 

 

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, dtv, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ewald Arenz: Der Duft von Schokolade

“Ich möchte Konfekt machen”, teilt August Liebeskind seinem Onkel mit. Und der Onkel Josef erlaubt seinem Neffen eine nicht mehr genutzte Konditorei als Versuchslabor und Lernküche zu nutzen. Lernküche deshalb, weil August im Wien des Jahres 1881 seinen Militärdienst quittiert und seither in der Schokoladenfabrik seines Onkels gearbeitet hat. Als er die unkonventionelle Elena kennen lernt und sich in sie verliebt, versucht er, sie mit selbsterfundenen Pralinenkreationen für sich zu gewinnen – doch dazu muss er erst einmal lernen, wie man Schokolade macht.

“Es war, als hätten sich in den Wochen, die er in der Konditorei verbracht hatte, die Düfte angesammelt und wären immer voller und reicher geworden.”

In “Der Duft von Schokolade” lässt Ewald Arenz eine Welt auferstehen, die uns heute mit ihrer Langsamkeit und Überschaubarkeit entrückt erscheinen mag. Geblieben aber sind der Genuss von  Pralinen, die alle Sinne berühren und die Suche nach der wahren Liebe. Und eine Geschichte, die wunderbar unterhält und mich an Patrick Süßkinds “Das Parfüm” oder den Film “Der wunderbare Garten der Bella Brown” (im Original: “The Beautiful Fantastic”) erinnern. Und wer sagt, das Bücher weder unterhalten noch Erinnerungen wecken dürfen?

Foto: Petra Breunig

Ewald Arenz: Der Duft von Schokolade, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Es geht um ein Genie, sagt der Buchtitel, doch wer ist die geniale Figur,  die der Leser begleiten wird? Das ist eine ganze Weile nicht klar, schließlich hat Boris Sidis, der ukrainische Einwanderer, der 1886 in New York ankommt, um sich ein besseres Leben aufzubauen, selbst einen überragenden Geist. Ausgestattet mit einem schier unersättlichen Wissensdurst, liest sich Boris Sidis durch öffentliche Bibliotheken und schafft unter anderem einen Harvard-Abschluss. Überzeugt davon, dass man die Welt verbessern und Kriege abschaffen kann, wenn man den Menschen nur Bildung ermöglicht, erzieht er seinen Sohn William James nach einer eigenen Methode. Von Anfang an behandeln Boris und seine Frau Sarah den Jungen wie einen Erwachsenen, sprechen vollständige Sätze, lesen ihm das vor, was andere nur für Erwachsene geeignet erachten.

“Seinen Wissensdrang ließ Billy vornehmlich an Sarah aus. Sie musste sich von ihm den ganzen Tag Löcher in den Bauch fragen lassen.”

Das zeigt Wirkung. Billy, wie William bald genannt wird, ist nicht nur ein aufgeweckter, wissbegieriger Junge. Er saugt scheinbar das Wissen der Menschheit in sich auf und wird der jüngste Harvard-Absolvent aller Zeiten. Je älter Billy wird, desto kauziger wird er – und er beginnt, die Forderungen einer Eltern, immer nur zu lernen und seinen Verstand zum Wohle der Menschheit einzusetzen, immer mehr in Frage zu stellen. Billy will selbstbestimmt leben und stellt diesen Wunsch über alles.

“Das Genie” ist ein Bildungsroman. Doch wer spätestens jetzt gelangweilt aufstöhnt und sich an einen quälend langweiligen Deutschunterricht erinnert, dem sei gesagt, dass sich der Roman nicht nur an wahren Ereignissen und Personen orientiert. Klaus Cäser Zehrers Debütroman ist auch so unterhaltsam wie lehrreich und so skurril wie überraschend. “Das Genie” ist eines dieser Bücher, die den Leser in die 644 Seiten lange Geschichte ziehen. Trotz der Länge mag man das Buch nur ungern aus der Hand legen.

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes, 25 Euro.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Es kann mit Hilfe der Papego-App auch digital weitergelesen werden. Wie das geht, habe ich hier beschrieben.

John Williams: Nichts als die Nacht

Arthur Maxley tut den lieben langen Tag –  nichts. Nicht, dass er zu alt oder zu krank für einen Beruf wäre. Aber er leidet seit seiner Kindheit an einem Trauma und kann offenbar  nur durch Trinken und Müßiggang damit leben. Und dann ist da noch sein Vater, den er seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen hat und der plötzlich um ein Treffen bittet.

“Sonnenhelles Morgenlicht stocherte mit neugierigen Fingern durch die halb geöffneten Lamellen der Jalousie und strich warm, sanft und unpersönlich über sein Gesicht.”

“Nichts als die Nacht” ist das erste Werk des amerikanischen Autors John Williams, dessen Roman “Stoner” zu Unrecht vergessen wurde. Sein Debüt ist alles andere als ein Schreibversuch eines jungen Schriftstellers, denn es verrät schon die Meisterschaft eines großen Erzählers, der berührt, ohne kitschig zu sein und der erzählt, ohne zu langweilen. Dank des dtv ist die Novelle nicht nur in einer wunderbaren Übersetzung (aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben), sondern auch in einer guten Ausstattung greifbar.

Mehr zu John Williams gibt es hier.

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

John Williams: Nichts als die Nacht, dtv, 18 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Gartenfräulein: Stadtbalkon

Mit Ratgeber-Büchern ist es so eine Sache. Sie können so belehrend sein, dass man sich wahlweise schlecht oder absolut dumm fühlt, weil man das entsprechende Thema falsch angegangen ist oder noch nie irgendetwas davon gehört hat. Oder sie können liebevoll aufgemacht sein und den Ton haben, den die beste Freundin anschlägt, wenn sie einem ihr Lieblingsrezept für das beste aller Tiramisus verrät. So ähnlich klingt Silvia Appel wenn sie auf ihrem Blog Tipps rund um ihren Stadtbalkon mit ihren Lesern online teilt, und so klingt sie auch in den beiden Büchern “Mein kreativer Stadtbalkon” und dem “Journal”.

Beiden gemeinsam ist eine liebevolle Ausstattung, die jede Seite dank unterschiedlicher Zeichnungen und Layouts ein eigenes, handgemachtes Aussehen verleiht. Das passt wunderbar zu dem, was der Leser schon beim flüchtigen Durchblättern mitnimmt: viele Tipps, wie man auf einem schon länger bewohnenden Balkon mit Kleinigkeiten neue Akzente setzen kann (und man sich fragt, weshalb man nicht selbst darauf gekommen ist) und Ratschläge, worauf man bei der Gestaltung eines neuen Balkons achten soll. Wer vorher noch nie etwas mit grünen Bewohnern auf einem Balkon zu tun hatte, bekommt etwa im Buch Geräte vorgestellt, die für die notwendigen Arbeiten hilfreich sein können und den Hinweis, dass man am Anfang statt einer Rosenschere (die auch Kräuter schneidet) eine scharfe Haushaltsschere verwenden kann.

Von Geranien bis Radieschen

Für Einsteiger unerlässlich und für Erfahrenere hilfreich ist die Auswahl an Pflanzen, die man auf dem Balkon kultivieren kann. Wobei nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Geranien, Löwenmäulchen und Kapuzinerkresse erwähnt werden, sondern auch unterschiedliche Kräuter, Tomaten, Erdbeeren und Radieschen. Ungewöhnliche Tipps gibt es auch im Journal dazu, das man als Merkhilfe für anstehende Arbeiten oder das erneute Anpflanzen im nächsten Jahr verwenden kann. Genügend freie Seiten dafür – chronologisch nach Jahreszeiten geordnet  – gibt es vorausgesetzt, man überwindet sich und beschreibt die mit liebevollen Zeichnungen ausgestatteten Seiten tatsächlich.

 

Mein kreativer Stadtbalkon (19,99 Euro) und Mein kreativer Stadtbalkon –  Das Journal (14,99 Euro), Edition Michael Fischer.
Beide Bücher wurden mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Graham Swift: Ein Festtag

Jane Fairchild ist Waise und kam mit 14 Jahren als Dienstmädchen in ihren ersten Haushalt. 1917 wechselten sie zu dem Ehepaar Niven, die  im Ersten Weltkrieg zwei Söhne verloren haben. Zwar wollten sie ein junges Dienstmädchen, weil sie sich in den schwierigen Jahren nur eine billige Kraft leisten konnten, als sie aber entdecken, dass Jane besser lesen und schreiben kann als die meisten ihres Standes, nehmen sie sich ihrer Bediensteten mehr an als üblich. Gerührt von der Wissbegierde des Dienstmädchens erlaubt ihr Mr Niven, sich Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Und er wundert sich, dass Jane an manchen Tagen einfach verschwunden ist oder sie länger als gedacht braucht, um Besorgungen zu machen. Denn Jane hat ein Verhältnis mit Paul Sheringham. Dass seine standesgemäße Heirat stattfinden wird, steht für Jane nie in Frage. Und so genießt sie das Privileg, sich an diesem “Festtag”, dem Muttertag (der dem Buch im Original seinen Namen gibt) nackt durch das große Haus zu gehen. Dass sich ihr Leben verändern wird, weiß Jane, aber nicht auf welche Weise.

Untergegangene Welt

Graham Swift entführt den Leser in eine Welt, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs unterging. Die Welt einer Gesellschaftsordnung, in der jeder wusste, welchen Platz er innerhalb seines Standes innehatte, eine Welt, die in dieser Geschichte mindestens genauso  britisch ist wie die Fernsehserie “Downtown Abbey” des Senders ITV. Ein Vergleich, der sich mir auch deshalb aufgedrängt hat, als ich die ersten Seiten gelesen habe, weil die Figuren so lebendig und perfekt in ihre detailreich geschilderte Umgebung passen, dass man sich fühlt, als komme man als Leser gerade dazu. Wie schon der Band  “England und andere Stories” , der in gleicher hochwertiger Ausstattung und sorgfältiger Übersetzung vorliegt hat auch “Ein Festtag” nur den Makel, den nämlich, dass die Geschichte viel zu kurz ist.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Graham Swift: Ein Festtag, dtv, 18 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt

Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben

Roseanne McNulty ist alt und legt Zeugnis ab über ihr Leben und auch darüber, weshalb sie in einer psychiatrischen Klinik in  Roscommon ist. Nach und nach enthüllt sie in ihren Aufzeichnungen, ihrem “Selbstzeugnis”, ihr Leben, erzählt von ihrem Vater, den sie verehrt und von ihrem Mann. Doch ist sie wirklich zu unrecht  eingewiesen worden? Oder ist sie eine Verbrecherin wie ihr behandelnder Arzt, Dr. Grene herausfindet? Am Leser ist es nun, aus den jeweiligen Aufzeichnungen der beiden schlau zu werden, sich seinen eigenen Reim auf die wirklichen Ereignisse in “Ein verborgenes Leben” zu machen.

“Ich bin nur ein Überbleibsel, das Relikt einer Frau, und sehe auch gar nicht mehr so aus wie ein menschliches Wesen (…)”

Das ist nicht immer einfach, denn die scheinbar so oberflächliche und ruhig dahinplätschernde Sprache Sebastian Barrys, die Hans-Christian Oeser  in einer sehr gelungenen Übersetzung vorlegt, verlangt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers. Denn er muss nicht nur den jeweiligen Perspektivenwechsel mitmachen. Vor dem Hintergrund des irischen Bürgerkriegs im 20. Jahrhundert werden zwar die Figuren begreifbar. Ohne geschichtliches Wissen um diesen Konflikt kann man aber die Handlung nur schwer einordnen. Umso verdienstvoller ist die chronologische Übersicht der wichtigsten Ereignisse im Anhang.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben, dtv, 11,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Anthony McCarten: Licht

Die Zukunft – sie ist hell. Jedenfalls wenn man sich vor Augen hält, welchen Eindruck das erste elektrische Licht auf die Zeitgenossen gemacht haben muss und wie aufregend es war, zuzusehen wie Glühstrümpfe in Gaslampen durch elektrische Birnen ersetzt und wie Leitungen verlegt wurden. Jedenfalls empfindet das der Banker J.P. Morgan so, als er sein New Yorker Haus elektrifizieren lässt. Fassungslos und verblüfft reagieren die Gäste, als sie zu Silvester das für die damalige Zeit hypermoderne Haus besichtigen dürfen. Möglich gemacht hat das der geniale, schwerhörige Erfinder Thomas Alva Edison, der aber im Gegensatz zu Morgan nicht geschäftstüchtig ist.

“Er steckte das Buch unter den Arm und griff unwillkürlich hinter sich, um seine berühmteste Erfindung auszuschalten. Im Zimmer kehrte das Dunkel der Jahrhunderte wieder ein.”

Anthony McCarten lässt die Zeit zwischen der ersten Elektrifizierung in New York 1878 und 1929 (zwei Jahre vor Edisons Tod)  in seinem Roman “Licht” lebendig werden, zusammen mit weiteren berühmten Namen wie Carnegie, Tesla und Vanderbilt. Dabei ist “Licht” keine Biografie, sollte es nach den Worten von Anthony McCarten auch nie sein, wie er in den Nachbemerkungen schreibt. Er versucht vielmehr, Edison gerecht zu werden, indem er dessen Art, sich zu erinnern durch Vor- und Rückblenden darstellt. Das macht es dem Leser nicht immer leicht, der Handlung zu folgen, zumal eine ganze Reihe an technischem Wissen ebenfalls vermittelt wird. Wer dran bleibt (und nicht allzu viel Zeit zwischen den Lesesitzungen verstreichen lässt), bekommt Einblick in eine Epoche, die die Welt für immer verändert hat.

Eine Anmerkung zum E-Book: Ich habe das Buch auf meinem Tolino gelesen, der beim erstmaligen Öffnen darauf hinwies, dass nicht alles korrekt dargestellt werden könne. Daher dachte ich,  die grauen Zahlen im Text seien eine Art Konvertierungsfehler – bis ich am Ende des Buches den Hinweis fand, dass die Seiten der Buchausgabe sind. Ob die manchmal verzögerte Reaktion des Tolinos auf irgendeine Weise damit zu tun hat, ist mir nicht klar.

 

Anthony McCarten: Licht, Diogenes, 24 Euro, E-Book: 20,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.

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