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Schlagwort: Celeste Ng

Celeste Ng: “Die Welt ist kompliziert”

Celeste Ng war gerade in Deutschland unterwegs, um ihren neuen Roman “Kleine Feuer überall” vorzustellen und hat sich Zeit genommen, meine Fragen zu beantworten.

Wie in “Alles, was ich Euch nicht erzählte” leben die Figuren in “Kleine Feuer überall” den amerikanischen Lebensstil, ja den amerikanischen Traum, den viele attraktiv finden. Aber je mehr sich die Geschichte entfaltet, desto mehr bröckelt die heile Fassade – warum?
Celest Ng: Eine meiner Hauptaufgaben als Autorin ist es, die Leser daran zu erinnern, dass die Welt kompliziert ist, dass  jede Situation und jede Person viele Seiten hat, und dass es viele Dinge gibt, die wir nicht wissen. Deshalb geht es für mich bei jeder Geschichte darum, dem Leser zu zeigen, dass unter der Oberfläche viel mehr verborgen ist als man zunächst denkt. Der amerikanische Traum ist so überwältigend und verführerisch, dass ihn eigentlich niemand tatsächlich lebt. Denn ihn zu leben ist schlicht nicht so einfach und selbst der Traum selbst ist viel komplizierter und problematischer als es scheint. Im Roman will ich unter diese Fassade, unter diese Oberfläche, vordringen und den Leser zum Nachdenken über diesen scheinbar perfekten Lebensstil bringen.

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Ihre Figuren leben ein modernes Leben in den späten 1990er Jahren. Denken Sie, dass die moderne Technik einen Platz im Leben von Teenagern haben sollte?
Teenager leben in der modernen Welt, daher ist es dumm, sie so aufwachsen zu lassen, als lebten sie in einer makellosen Vergangenheit, in der es die moderne Technik nicht gibt. Wir leben in der Ära von Spotify und Snapchat, aber meine Generation erinnert sich wehmütig zurück an die Zeit, in der man seine Lieblingsmusik auf Cassette aufnahm, an E-Mails. Und unsere Eltern erinnern sich noch an Plattenspieler und handgeschriebene Briefe – von daher denke ich, dass jede Generation das, was sie hatte, idealisiert und alles Neue als etwas sieht, das das verdirbt.
Aber natürlich braucht jeder – egal ob Teenager oder Erwachsener gleich welcher Generation – die Verbindung zu anderen Menschen. Damit meine ich, die Fähigkeit zu verstehen und verstanden zu werden und das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Unsere Ängste vor  der neuen Technik kommen auch von der Vorstellung, dass durch diese Technik die Distanz zwischen uns und anderen oder zwischen uns und der “realen” Welt vergrößert werden kann. Das ist etwas, worüber ich mir Sorgen mache. Manchmal kann uns die moderne Technik isolieren – beispielsweise die anonyme und unmoderierte Seite von 4chan [Anmerkung: eine englischsprachige Seite, auf jeder wie auf einer Pinnwand etwas posten kann]. Aber manchmal macht es die moderne Technik auch möglich, dass wir uns mit Menschen auf eine ganz neue Art und Weise verbinden können. Für mich ist diese vorhandene oder nicht vorhandene Verbindung viel wichtiger als die Technik selbst.

Welches Bücher lesen Sie gerade und welche Bücher sollte man auf jeden Fall lesen?
Ich bin gerade fertig mit “Pachink” von Min-Jin Lee (das, glaube ich, bald in Deutschland unter dem Titel “Ein einfaches Leben” erscheinen wird [Anmerkung: es erscheint im September im dtv]). Aktuell lese ich nochmal “The White Album” von Joan Didion (deutsch: “Das weiße Album – eine kalifornische Geisterbeschwörung”) und zum ersten Mal überhaupt “Anna Karenina” [deutsch beispielsweise im dtv]. In der Kategorie “Muss man gelesen haben” gibt es nicht viele Bücher, aber ich denke, dass jeder von der Lektüre von “Between the World and Me” von Ta-Nehisi Coates (“Zwischen mir und der Welt“] etwas mitnimmt und von den Werken von James Baldwin (deutsch im dtv].

(Meine Übersetzung)

You find the English version here.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Für Pearl ist die Welt der Richardsons gleichzeitig anziehend und geheimnisvoll. Und irgendwie trifft das auch für Shaker Heights zu. Die Menschen hier sind nicht nur wohlhabend. Sie führen ein Leben, das mindestens so vielen Regeln folgt wie die Vorschriften, die in dem reichen Vorort Clevelands gelten. Schließlich ist es wichtig, dass  Häuser, die in einem bestimmten Stil gebaut sind, nur in bestimmten Farben gestrichen werden dürfen. Pearl, die es gewohnt ist, mit ihrer Mutter Mia nie lang an einem Ort zu bleiben und mit nur wenigen Sachen zurechtzukommen, ist fasziniert von der Familie, für die alles, was sie tun, wichtig zu sein scheint. Arbeiten scheint etwas “Nobles” zu sein – auch wenn Mrs Richardson Lokaljournalistin ist, so steht doch ihr Name auf der Titelseite der kostenlosen “Sun Press”. Während es für Mia immer schon darum gegangen ist, ausreihend Geld für sich und ihre Tochter Mia zu verdienen, hat das Leben der Richardsons jene Lässigkeit, die auf sicherem Reichtum ruht. Doch die Idylle ist nur auf dem ersten Blick perfekt. Während die Jugendlichen sich mit den Problemen des Erwachsenwerdens auseinandersetzen müssen, wird Mia mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

“Kleine Feuer überall” ist nach “Was ich Euch nicht erzählte” der zweite Roman von Celeste Ng. Und auch in dieser Geschichte zeigt die amerikanische Autorin die Risse, die unter der Oberfläche einer scheinbar perfekten Welt immer größer werden. Das Leben, das die Figuren führen, mag banal sein. Aber Celeste Ng schafft es, diese Alltäglichkeit so spannend zu erzählen, dass man sich noch lange an die Geschichte erinnern wird.

 

 

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, dtv, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lesetipps für den Sommer

Die Ferienzeit ist nicht mehr weit, aber vielleicht braucht der ein oder andere ja jetzt schon etwas Lesestoff.

Meine neuesten Entdeckungen
Celeste Ng: “Was ich Euch nicht erzählte” (dtv, 19,90 Euro) und Graham Swift: “England und andere Stories”, über das ich schon geschrieben habe (dtv, 21,90 Euro). Celeste Ng (gesprochgen Ing) erzählt einen ungewöhnlichen Kriminalfall. Das Mädchen Lydia kommt eines Morgens nicht zum Frühstück, um einen neuen Tag zu beginnen, der für die Familie Lee im kleinbürgerlichen Ohio der 70er typisch ist. Denn Lydia wird von ihrer Mutter Marilyn darauf gedrillt, später Ärztin zu werden. Einen Wunsch, den sie sich selbst nie erfüllten konnte. Wie die Geschichte aufgelöst wird, ist ungewöhnlich und spannend erzählt.
John le Carré ist freilich kein Unbekannter. Ich habe es aber Tom Hiddleston und der BBC-Serie “The Nightmanager” zu verdanken, dass ich das gleichnamige Buch (“Der Nachtmanager”, Ullstein, 9,99 Euro, Original bei Penguin) und damit den Autor entdeckt habe. Der Roman erzählt die Geschichte von Jonathan Pine, dem Nachtmanager in einem Luxushotel, der zufällig von verdächtigen Transaktionen eines reichen Geschäftsmanns erfährt. Und dann kommen auch noch Menschen in Pines Nähe um.

William Shakespeare
Rechtzeitig zum 400. Todestag von William Shakespeare habe ich nach “Hamlet” im vergangenen Jahr  die Historien “Henry VI” & “Richard III” in den zweisprachigen Ausgaben des Verlags ars vivendi gelesen. Die Übersetzungen von Frank Günther sind modern, ohne zu modern zu sein und helfen über so manche Verstehenshürde hinweg, die Anmerkungen im Anhang tun ein Übriges.
Viel Wissenswertes über den englischen Dramatiker erzählt Frank Günther in “Unser Shakespeare” (dtv, 14,90 Euro) mit viel Kompetenz, aber auch mit viel Leichtigkeit.
Stephen Greenblatts “Will in der Welt – Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde” (Pantheon, 14,99 Euro) habe ich im englischen Original gelesen.  Mag sein, dass das Buch nicht streng wissenschaftlich und in vielem Spekulation ist. Mir hat es aber sehr gut gefallen, weil es mir den Menschen William Shakespeare näher gebracht hat.

Pflichtlektüre
Donna-Leon-Krimis sind für mich Pflichtlektüre und ich freue mich jeden Sommer auf den nächsten. In diesem Jahr ist es “Ewige Jugend” (Diogenes, 24 Euro), der für Fans wieder ein paar angenehme Stunden mit Guido Brunetti verspricht.

Ungewöhnliche Biografien
Dass der ehemalige Chefredakteur des “Guardian” schreiben kann, ist keine Überraschung. Dass Alan Rushbridger Klavier spielt, schon eher – zumal man sich auch als absoluter Musikdepp fragt, wie er es schafft, seinem enormen Arbeitspensum regelmäßige Übungszeiten abzuringen. In “Play it again – ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten” (Secession Verlag für Literatur, 25 Euro) beschreibt Rushbridger sein Ringen am Klavier, aber auch am Redaktionsschreibtisch und vermittelt die Überzeugung, dass man jeden Tag etwas für sich persönlich tun kann, wenn man es nur will.
James Rhodes ist ein ungewöhnlicher Pianist. Der Londoner kommt nicht nur in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen auf die Bühne. Er erklärt auch dem Publikum, was er spielen wird und warum und weshalb der Komponist ausgerechnet dieses Stück auf diese Weise geschrieben hat. In “Der Klang der Wut” (Verlag Nagel & Kimche AG , 22, 90 Euro, Original: “Instrumental” verarbeitet er seine unfassbare Erlebnisse als Junge. Er wurde mehrfach vergewaltigt und ist sicher, dass er nur dank seiner Liebe zur klassischen Musik überlebte. Wer eine feinsinnige Abhandlung erwartet, sei gewarnt. James Rhodes schreibt so direkt, wie er twittert, wer kann, sollte dem Original eine Chance geben.

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