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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Schlagwort: Diogenes Verlag

Anthony McCarten: Licht

Die Zukunft – sie ist hell. Jedenfalls wenn man sich vor Augen hält, welchen Eindruck das erste elektrische Licht auf die Zeitgenossen gemacht haben muss und wie aufregend es war, zuzusehen wie Glühstrümpfe in Gaslampen durch elektrische Birnen ersetzt und wie Leitungen verlegt wurden. Jedenfalls empfindet das der Banker J.P. Morgan so, als er sein New Yorker Haus elektrifizieren lässt. Fassungslos und verblüfft reagieren die Gäste, als sie zu Silvester das für die damalige Zeit hypermoderne Haus besichtigen dürfen. Möglich gemacht hat das der geniale, schwerhörige Erfinder Thomas Alva Edison, der aber im Gegensatz zu Morgan nicht geschäftstüchtig ist.

„Er steckte das Buch unter den Arm und griff unwillkürlich hinter sich, um seine berühmteste Erfindung auszuschalten. Im Zimmer kehrte das Dunkel der Jahrhunderte wieder ein.“

Anthony McCarten lässt die Zeit zwischen der ersten Elektrifizierung in New York 1878 und 1929 (zwei Jahre vor Edisons Tod)  in seinem Roman „Licht“ lebendig werden, zusammen mit weiteren berühmten Namen wie Carnegie, Tesla und Vanderbilt. Dabei ist „Licht“ keine Biografie, sollte es nach den Worten von Anthony McCarten auch nie sein, wie er in den Nachbemerkungen schreibt. Er versucht vielmehr, Edison gerecht zu werden, indem er dessen Art, sich zu erinnern durch Vor- und Rückblenden darstellt. Das macht es dem Leser nicht immer leicht, der Handlung zu folgen, zumal eine ganze Reihe an technischem Wissen ebenfalls vermittelt wird. Wer dran bleibt (und nicht allzu viel Zeit zwischen den Lesesitzungen verstreichen lässt), bekommt Einblick in eine Epoche, die die Welt für immer verändert hat.

Eine Anmerkung zum E-Book: Ich habe das Buch auf meinem Tolino gelesen, der beim erstmaligen Öffnen darauf hinwies, dass nicht alles korrekt dargestellt werden könne. Daher dachte ich,  die grauen Zahlen im Text seien eine Art Konvertierungsfehler – bis ich am Ende des Buches den Hinweis fand, dass die Seiten der Buchausgabe sind. Ob die manchmal verzögerte Reaktion des Tolinos auf irgendeine Weise damit zu tun hat, ist mir nicht klar.

 

Anthony McCarten: Licht, Diogenes, 24 Euro, E-Book: 20,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.

Martin Suter: Elefant

Ob ein rosaroter Elefant so etwa Ähnliches ist wie weiße Mäuse? Genauer: wenn man einen Mini-Elefanten sieht und nicht so genau weiß, ob das daran liegt, dass man zu viel oder zu wenig getrunken hat. So geht es dem Obdachlosen Schoch, als er aus seinem Schlafsack heraus blinzelnd etwas wahrnimmt, was er eher als Halluzination denn als etwas echtes einordnet. Als er am nächsten Morgen aufwacht, kann er sich nur vage erinnern, etwas seltsames gesehen zu haben.

Marin Suter beginnt seinen neuesten Roman „Elefant“ mit einem surrealen Element, denn es ist zunächst völlig unklar, ob Schoch tatsächlich einen Elefanten gesehen hat oder ob er das Ganze im Rausch fantasiert hat. Dass es den winzigen Elefanten tatsächlich gibt, dass er das Ergebnis wissenschaftlicher Experimente ist und ganz bewusst gezeugt (oder sollte man schreiben hergestellt?) wurde, erfährt der Leser allmählich in Vor- und Rückblenden und unterschiedlichen Handlungssträngen. Da gibt es den Genforscher Roux, der es geschafft hat, selbstleuchtende Meerschweinchen zu züchten, den Zirkus Pellegrini und dessen Elefantenpfleger Kaung und die Tierärztin Valerie.

„Zögernd und mit ausgestrecktem Rüssel näherte sich das Wesen. Es fasste das Blattfragment, ließ den keilförmigen Unterkiefer runterklappen und schob es in den Mund. Schoch hatte die Berührung der Rüsselspitze gespürt. Sie fühlte sich weich und samtig an.“

Wie die einzelnen Handlungen zusammenhängen, was die beteiligten Personen miteinander zu tun haben und was es mit dem rosaroten Elefanten auf sich hat, das erzählt Martin Suter souverän und ohne Effekthascherei in einer Sprache, die zwar einfach, aber keineswegs platt ist. Als meisterhafter Erzähler schafft es der in Zürich lebende Autor Spannung so aufzubauen, dass sie den Leser von Anfang an packt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Unbedingt lesenswert!

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Martin Suter: Elefant, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt)

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter

„Wiedersehen Mama!“ Wie oft Mütter wohl diesen Abschiedsgruß hören? Einen wirklichen Abschiedsgruß, also nicht nur ein Gruß, der eben mal so dahin gesagt wird, wenn der Nachwuchs für ein paar Stunden aus dem Haus geht, um abends oder nach einem Ferienaufenthalt wieder zu kommen. Ein Abschiedsgruß, wie ihn Sebastian seiner Mutter Margret zuruft, die immer noch ungläubig zugesehen hat, wie ihr Sohn seine paar Habseligkeiten eingepackt hat – und ausgezogen ist. Ein Schritt, der aus Sicht des erwachsenen Sohnes, der in eine WG am anderen Ende der Stadt zieht, längst überfällig ist.  Zu lange hat er sich in dem Anbau am Elternhaus eingesperrt gefühlt. Viel zu früh findet Margret, die nicht verstehen kann, weshalb der 22-jährige Sohn aus der schönen Wohnung, die doch für ihn gedacht war, auszieht.

Dem Vorschlag ihres Mannes Gerhard, den Anbau  zu vermieten, steht Margret erst ablehnend gegenüber, doch sie willigt ein und gemeinsam entscheiden sie sich für den Fahrradmechaniker Beat als Mieter, der dann zu Beginn des neuen Jahres einzieht. Während Gerhard überhaupt kein Problem damit hat, dass Beat eher zurückhaltend ist, versteht Margret nicht, weshalb er die Einladung zum gemeinsamen Essen ausschlägt und kein –  wie sie es nennt – „ganz normalen“ Kontakt zustande kommt. Sie will  sich im Grunde nicht eingestehen, dass sie Beat als Sohn-Ersatz sieht und  ihn bemuttern will. Und natürlich will sie sich ebensowenig eingestehen, dass sie der Messerstecher beunruhigt, der seit einiger Zeit Frauen auflauert, sie niedersticht und dabei immer brutaler vorgeht.

„Sie wollte nicht mehr über diese Geschichte erfahren, als sie ohnehin wusste oder sich, gegen ihren Willen, vorstellte.“

„Ein passender Mieter“ hat nur auf dem ersten Blick (oder nach dem Lesen der ersten paar Seiten) eine einfache Handlung. Denn spätestens nach dem ersten Perspektivenwechsel wird klar, dass es um mehr geht als um die Abnabelung eines längst erwachsenen Sohnes oder um die Frage wer der brutale Messerstecher ist. Lukas Hartmann verknüpft dieses Handlungsstränge und zeichnet gleichzeitig das Bild einer ganz normalen bürgerlichen Familie, die sich mit den Veränderungen, die sich im Laufe des Lebens ergeben, auseinandersetzen muss. Dabei schafft es Lukas Hartmann auch in seinem neuesten Werk meisterhaft, das Alltägliche und Banale – eben das ganz normale Leben – weder alltäglich noch banal sondern faszinierend und spannend zu beschreiben. So meisterhaft, dass Sätze wie „Das Böse, Vater, steckt immer auch in uns selbst“ nicht kitschig oder pathetisch, sondern glaubhaft und richtig wirken. „Ein passender Mieter“ ist ein weiterer Lukas-Hartmann-Roman, den man unbedingt lesen muss.

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mit freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)

Lesetipps für den Sommer

Die Ferienzeit ist nicht mehr weit, aber vielleicht braucht der ein oder andere ja jetzt schon etwas Lesestoff.

Meine neuesten Entdeckungen
Celeste Ng: „Was ich Euch nicht erzählte“ (dtv, 19,90 Euro) und Graham Swift: „England und andere Stories“, über das ich schon geschrieben habe (dtv, 21,90 Euro). Celeste Ng (gesprochgen Ing) erzählt einen ungewöhnlichen Kriminalfall. Das Mädchen Lydia kommt eines Morgens nicht zum Frühstück, um einen neuen Tag zu beginnen, der für die Familie Lee im kleinbürgerlichen Ohio der 70er typisch ist. Denn Lydia wird von ihrer Mutter Marilyn darauf gedrillt, später Ärztin zu werden. Einen Wunsch, den sie sich selbst nie erfüllten konnte. Wie die Geschichte aufgelöst wird, ist ungewöhnlich und spannend erzählt.
John le Carré ist freilich kein Unbekannter. Ich habe es aber Tom Hiddleston und der BBC-Serie „The Nightmanager“ zu verdanken, dass ich das gleichnamige Buch („Der Nachtmanager“, Ullstein, 9,99 Euro, Original bei Penguin) und damit den Autor entdeckt habe. Der Roman erzählt die Geschichte von Jonathan Pine, dem Nachtmanager in einem Luxushotel, der zufällig von verdächtigen Transaktionen eines reichen Geschäftsmanns erfährt. Und dann kommen auch noch Menschen in Pines Nähe um.

William Shakespeare
Rechtzeitig zum 400. Todestag von William Shakespeare habe ich nach „Hamlet“ im vergangenen Jahr  die Historien „Henry VI“ & „Richard III“ in den zweisprachigen Ausgaben des Verlags ars vivendi gelesen. Die Übersetzungen von Frank Günther sind modern, ohne zu modern zu sein und helfen über so manche Verstehenshürde hinweg, die Anmerkungen im Anhang tun ein Übriges.
Viel Wissenswertes über den englischen Dramatiker erzählt Frank Günther in „Unser Shakespeare“ (dtv, 14,90 Euro) mit viel Kompetenz, aber auch mit viel Leichtigkeit.
Stephen Greenblatts „Will in der Welt – Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde“ (Pantheon, 14,99 Euro) habe ich im englischen Original gelesen.  Mag sein, dass das Buch nicht streng wissenschaftlich und in vielem Spekulation ist. Mir hat es aber sehr gut gefallen, weil es mir den Menschen William Shakespeare näher gebracht hat.

Pflichtlektüre
Donna-Leon-Krimis sind für mich Pflichtlektüre und ich freue mich jeden Sommer auf den nächsten. In diesem Jahr ist es „Ewige Jugend“ (Diogenes, 24 Euro), der für Fans wieder ein paar angenehme Stunden mit Guido Brunetti verspricht.

Ungewöhnliche Biografien
Dass der ehemalige Chefredakteur des „Guardian“ schreiben kann, ist keine Überraschung. Dass Alan Rushbridger Klavier spielt, schon eher – zumal man sich auch als absoluter Musikdepp fragt, wie er es schafft, seinem enormen Arbeitspensum regelmäßige Übungszeiten abzuringen. In „Play it again – ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten“ (Secession Verlag für Literatur, 25 Euro) beschreibt Rushbridger sein Ringen am Klavier, aber auch am Redaktionsschreibtisch und vermittelt die Überzeugung, dass man jeden Tag etwas für sich persönlich tun kann, wenn man es nur will.
James Rhodes ist ein ungewöhnlicher Pianist. Der Londoner kommt nicht nur in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen auf die Bühne. Er erklärt auch dem Publikum, was er spielen wird und warum und weshalb der Komponist ausgerechnet dieses Stück auf diese Weise geschrieben hat. In „Der Klang der Wut“ (Verlag Nagel & Kimche AG , 22, 90 Euro, Original: „Instrumental“ verarbeitet er seine unfassbare Erlebnisse als Junge. Er wurde mehrfach vergewaltigt und ist sicher, dass er nur dank seiner Liebe zur klassischen Musik überlebte. Wer eine feinsinnige Abhandlung erwartet, sei gewarnt. James Rhodes schreibt so direkt, wie er twittert, wer kann, sollte dem Original eine Chance geben.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Wenn man sein ganzes Leben in die falsche Richtung läuft, kann’s dann trotzdem das Richtige sein?“ Es scheint, als ob Benedict Wells in seinem neuen Buch nichts anderes tut, als genau diese Frage zu beantworten. Und obwohl das auf den ersten Blick nur langweilig und öde scheinen mag, ist genau das Gegenteil der Fall. „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt von drei Geschwistern, die behütet, umsorgt und geliebt aufwachsen. Zunächst deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Idylle irgendetwas ändern könnte. Doch dann sterben die Eltern bei einem Autounfall, die Kinder müssen ihr Zuhause verlassen und ins Internat ziehen. Von einem Tag auf den anderen verändert sich ihre Welt für immer. Zurück bleiben nur Erinnerungen, die die drei auch im späteren Leben miteinander teilen werden.

„Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.“

Benedict Wells beschreibt die Ereignisse aus Sicht von Jules, dem jünsten Sohn, der sich von einem einst selbstbewussten Kind in einen Eigenbrötler verwandelt, der in einer eigenen Traumwelt zu leben scheint. Das liegt vielleicht auch daran, dass er im Internat von seinen älteren Geschwistern Liz und Marty getrennt wird und irgendwie sehen muss, wie er alleine mit der neuen Situation, der neuen Umgebung, den neuen Mitschülern und vor allem dem Verlust seiner Eltern zurecht kommt.

„Ich spürte, dass mein Selbstbewusstsein verschwunden war.“

Wie er das macht und wie sich er und seine einst so eng verbundenen Geschwister auseinander leben, Beziehungen eingehen und wieder zusammen finden, ist eine wunderbare Geschichte, die von Anfang an tief berührt, dabei aber niemals im sentimentalen Kitsch abgleitet. Für mich ist Benedict Wells meine persönliche Neuentdeckung.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes, 22 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.)

Bücher meines Jahres

Zum dritten Mal ziehe ich Buch-Bilanz (zum ersten Mal auf meiner eigenen Url) und wie auch schon in den Jahren 2013 und 2014 ist das Ganze wieder zutiefst subjektiv und bar jeglichen feuilletonistischen Anspruchs.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr habe ich heuer vier Bücher weniger gelesen, was vielleicht daran liegt, dass ich William Shakespeare’s Hamlet mindestens zweimal ganz und ein paar Stellen mehrfach nachgelesen habe – auf Deutsch und auf Englisch – als Vorbereitung auf den Besuch des Stücks im Londoner Barbican mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle.

Meine Bilanz sieht demnach so aus:

Gesamt: 34
Deutsch: 17
Englisch: 17
Kindle/Tablet: 3. (Mit Tablet meine ich, dass ich die Bücher bei Google gekauft und in der App auf meinem N7 gelesen habe – einfach deshalb, weil eines der Bücher dort früher erhältlich war und weil ich die App sehr schön gemacht finde. Mein Kindle ist ein mittlerweile vier Jahre alter Kindle Keyboard.)

Von den gelesenen empfehle ich diese Bücher:

Ian McEwan
Black Dogs, Atonement, Inbetween the Sheets, On Chesil Beach: IanMcEwan ist einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller, der es schafft, selbst banalste Geschichten spannend und mit völlig überraschenden Wendungen zu erzählen. Auf Deutsch sind seine Werke mit durchwegs sehr guten Übersetzungen bei Diogenes erschienen.

Lukas Hartmann
Auch von Lukas Hartmann habe ich schon einiges gelesen und mag seinen Stil. Heuer waren es „Abschied von Sansibar“ (das ich schon mal gelesen habe, aber das Buch nicht mehr finden konnte) und sein neuestes Buch „Auf beiden Seiten“. Eine Geschichte aus der Zeit kurz vor und nach dem Mauerfall. Hartmanns Bücher sind ebenfalls bei Diogenes erschienen, darunter auch Kinder- und Jugendbücher. Eines davon, „AnnA“, hat mir besonders gut gefallen.

Donna Leon
Ich bin bekennender Guido-Brunetti-Fan, daher habe ich alle Fälle des Commissario gelesen. Diese Jahr gab es mit „Tod zwischen den Zeilen“ und „Endlich mein“ gleich zwei neue Bücher, die wie alle anderen ebenfalls bei Diogenes erschienen sind.

Alan Rusbridger
Der Ex-Chefredakteur des „Guardian“ beschreibt in „Play it Again– an amateur against the impossible“  (Deutsch: Play it Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten“, Secession-Verlag) wie er versucht, trotz seiner stressigen Arbeit Zeit fürs Klavierspielen zu finden. Ein sehr privates Buch, das daran erinnert, dass man Zeit für etwas finden kann, wenn man nur will.

James Rhodes
Wer mit klassischer Musik nichts anfangen kann, sollte dem britischen Pianisten James Rhodes eine Chance geben und einer Auswahl seiner Stücke auf Soundcloud anhören. Und sein biografischen Buch „Instrumental: Violence, music and love“ lesen – oder zumindest die deutschsprachige Ausgabe „Der Klang der Wut – Wie die Musik mich am leben hielt“ (Nagel&Kimche), die im Februar 2016 erscheinen wird, auf seine Leseliste setzen. In dem Buch, das in Großbritannien erst nach einem Gerichtsverfahren erscheinen durfte, schreibt James  über seine Kindheit, in der er über Jahre vergewaltigt wurde, seine Zeit in der Psychiatrie und darüber, das Musik, klassische Musik, sein Leben gerettet hat. Es ist zutiefst erschütternd, gleichzeitig aber auch witzig und sehr direkt geschrieben. Wer James auf Twitter folgt, wird den Stil wiedererkennen.

Sherlock-Holmes-Pastiches
Anthony Horowitz‘ „Moriarty“ (deutsch: „Der Fall Moriarty“) ist ganz im Stile Arthur Conan Doyles geschrieben. Allerdings hat mir „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (Beide Insel) besser gefallen.
Nur etwas für echte Sherlock-Holmes-Fans ist „Sherlockian“ von Graham Moore.  Der Autor, der das Drehbuch zu „The Imitation Game“ geschrieben hat, taucht hier sehr tief in die Welt des großen Detektivs ein. Eine deutsche Ausgabe habe ich bisher nicht gefunden.

Neuentdeckt
Angharad Price: „Das Leben der Rebecca Jones“ ist ursprünglich auf Walisisch erschienen und wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Ein Glück, denn die Geschichte ist wunderbar erzählt und hat ein völlig überraschendes Ende.
Anthony Doerr: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist eine meisterhaft erzählte Geschichte, die man nicht weglegen möchte und die einem noch lange im Gedächtnis bleibt.
Donna Tartt: „The Secret History“ (Deutsch: Die geheime Geschichte, Goldmann) spielt an einem  College in Neuengland, an dem es scheinbar nur um alte Sprachen und Literatur geht. Netter Nebeneffekt: Die Hauptfigur erinnert an Sherlock Holmes.

Zum Immer-Wieder-in-die-Hand-nehmen:
Shaun Usher: Letters of Note II – eine Sammlung von Briefen, die ganz unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben haben und die zum Teil als Faksimile abgedruckt sind. Der erste Teil „Letters of Note – Bücher, die die Welt bedeuten“ ist auch auf Deutsch erschienen. Mehr über die unterschiedlichen Ausgaben des Buchs und über das Projekt „Unbound“, auf dessen Seite man Bücher crowdfunden kann, gibt es hier (auf Englisch).

Donna Leon und Commissario Brunettis 23. Fall

Es gibt Schriftsteller, die einen ein Leben lang begleiten. Oder zumindest ihre Werke, die immer wieder eine Einladung sind, sich auf neue Geschichten und Figuren einzulassen. Bei Donna Leon ist es anders.
Denn ihr Commissario Guido Brunetti löst alljährlich zum Sommeranfang einen neuen Kriminalfall und nimmt den Leser gleichzeitig mit in sein Leben. Und so ist das Erscheinen eines neuen Romans immer so als würde man alte Freunde wiedertreffen.
Natürlich verlaufen diese Treffen über die Jahre hinweg immer unterschiedlich. Mal sind sie unterhaltsam und spannend, mal ziehen sie sich hin und versprühen den Charme einer ungeliebten Pflichtveranstaltung, die man aber dennoch nicht verlassen möchte.

„Sie war demokratisch in ihrem Hass, ließ niemanden aus, alle bekamen ihr Fett weg, Kirche und Staat, links und rechts.“

Der 23. Fall für Commissario Brunetti „Tod zwischen den Zeilen“ gehört zu einem der besten Bücher in der Brunetti-Reihe. Das mag vielleicht daran liegen, dass es um gestohlene und beschädigte alte Bücher geht – ein Thema, das weder zu exotisch ist für Brunettis viellesende Frau Paola,  Professorin für Englische Literatur und bekennende Henry-James-Liebhaberin, noch für Brunetti selber, der so selbstverständlich Klassiker liest wie andere Seifenopern im Fernsehen schauen.

„Alle Bücher beseitigen, ist dasselbe wie die Erinnerung auslöschen.“

Das mag aber ganz sicher daran liegen, dass der Commissario die wahren Ausmaße und Zusammenhänge erst allmählich erkennt – auf seine unverkennbare Art und Weise, die ihn unverwechselbar und liebenswert macht. Weil das mit viel Liebe zum Detail und zu den Figuren erzählt wird, ist der neueste Roman Donna Leons eine Einladung zum Lesen, der man unbedingt folgen sollte.

Das Buchcover Foto: pb

Das Buchcover Foto: pb

Donna Leon: Tod zwischen den Zeilen, Diogenes, 23,90 Euro.

Lukas Hartmann: Auf beiden Seiten

Wenn Bücher zwischen verschiedenen Handlungssträngen und Jahren hin- und herpendeln, kann das schiefgehen, wenn es der Autor nicht schafft, die Fäden so zusammenzuführen, dass der Leser spätestens am Ende die Sinnhaftigkeit erkennt. Und nicht schon nach den ersten Seiten verwirrt aufgibt und das Buch zur Seite legt.

LukasHartmannAufbeidenSeiten

Foto: Petra Breunig

 

 

In „Auf beiden Seiten“ verknüpft Lukas Hartmann die Jahre 2010, 1970 und die Zeit des Mauerfalls über das Leben des Schweizer Journalisten Mario miteinander und macht die Vergangenheit nicht nur wieder lebendig, sondern auch unmittelbar greifbar – anhand von Figuren, deren Schicksal dem Leser nicht gleichgültig ist, weil es meisterhaft erzählt wird.

Lukas Hartmann: Auf beiden Seiten, Diogenes, 21,99 Euro

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