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Schlagwort: dtv (Seite 2 von 3)

Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben

Roseanne McNulty ist alt und legt Zeugnis ab über ihr Leben und auch darüber, weshalb sie in einer psychiatrischen Klinik in  Roscommon ist. Nach und nach enthüllt sie in ihren Aufzeichnungen, ihrem “Selbstzeugnis”, ihr Leben, erzählt von ihrem Vater, den sie verehrt und von ihrem Mann. Doch ist sie wirklich zu unrecht  eingewiesen worden? Oder ist sie eine Verbrecherin wie ihr behandelnder Arzt, Dr. Grene herausfindet? Am Leser ist es nun, aus den jeweiligen Aufzeichnungen der beiden schlau zu werden, sich seinen eigenen Reim auf die wirklichen Ereignisse in “Ein verborgenes Leben” zu machen.

“Ich bin nur ein Überbleibsel, das Relikt einer Frau, und sehe auch gar nicht mehr so aus wie ein menschliches Wesen (…)”

Das ist nicht immer einfach, denn die scheinbar so oberflächliche und ruhig dahinplätschernde Sprache Sebastian Barrys, die Hans-Christian Oeser  in einer sehr gelungenen Übersetzung vorlegt, verlangt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers. Denn er muss nicht nur den jeweiligen Perspektivenwechsel mitmachen. Vor dem Hintergrund des irischen Bürgerkriegs im 20. Jahrhundert werden zwar die Figuren begreifbar. Ohne geschichtliches Wissen um diesen Konflikt kann man aber die Handlung nur schwer einordnen. Umso verdienstvoller ist die chronologische Übersicht der wichtigsten Ereignisse im Anhang.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben, dtv, 11,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Stefan Zweig: Die großen Erzählungen

Gefühle und die Verwirrungen, die sie auslösen. Das ist das Thema unter dem sich Stefan Zweigs Erzählungen zusammenfassen lassen. Dabei muss es nicht einmal um die Gefühle gehen, die Erwachsene bewegen. In der 1911 erstmals erschienen Erzählung “Brennendes Geheimnis” steht der zwölfjährige Edgar im Mittelpunkt, der zwar nicht mehr Kind sein will, aber merkt, dass er auch noch nicht erwachsen ist. Jedenfalls nicht so erwachsen, dass er den Avancen, die der Baron seiner Mutter macht, zwar als solche erkennt, aber anders begegnen kann als mit dem Trotz eines Kindes, das einen ersten Blick in die für ihn noch geheimnisvolle Welt der Erwachsenen wirft.

“Sein böses Schweigen zerriß wie eine Säure ihre gute Laune, sein Blick vergällte ihnen das Gespräch von den Lippen weg.”
(“Brennendes Geheimnis”)

Liegt der Schwerpunkt in “Brennendes Geheimnis” mehr auf den Problemen, mit denen die Figuren in der realen Welt zurechtkommen müssen, so steht in “Die unsichtbare Sammlung” die Welt im Mittelpunkt, die sich in der Vorstellungskraft abspielt. Ein alter, blinder Kunstsammler hat seine geliebten Grafiken so  sehr verinnerlicht, dass er jede genau beschreiben kann – ohne zu wissen, dass er sie gar nicht vor sich hat. Ganz ähnlich ist die Konstellation auch  in der “Schachnovelle”, vielleicht Stefan Zweigs berühmtestes Werk, in der das imaginäre Schachspiel das Leben eines Menschen  rettet und entscheidend verändert.

Die großen Erzählungen, die der dtv hier versammelt, sind eine Einladung, den Schriftsteller und Europäer Stefan Zweig (neu) zu entdecken. Aber Obacht! Dieses Entdecken bedeutet gleichzeitig auch ein Einlassen auf eine etwas bedächtige, ja altertümlich anmutende Sprache, die aber trotz ihres Alters nichts von ihrer Klarheit und Tiefe verloren hat.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Stefan Zweig: Die großen Erzählungen, dtv, 9,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung

Nach einer durchdiskutierten Nacht ist es Zeit für die Wahrheit, für das, was der Vater wirklich in seinem Testament verfügt hat und für das, was die Geschwister wirklich wollen. Die vier Geschwister sind seit Jahren aus dem Haus in einem süddeutschen Provinzstädtchen ausgezogen und haben praktisch keine Verbindungen mehr hierher. Jakob arbeitet beim Fernsehen und wohnt in einem winzigen Zimmer in Paris. Der Aussteiger Uli hat den passenden Lebensstil für sich gefunden, während Joschi nichts mehr zu sein scheint als ein Landstreicher oder wie der Vater einmal gemeint hat “der berühmteste Studentenführer nach Dutschke”. Nur die Schwester Linda scheint ihr Leben im Griff zu haben, leitet ein Museum und ist die einzige, die sich um den gemeinsamen Vater gekümmert und ihn zumindest regelmäßig angerufen hat. Und dann ist da noch die Ungarin, die Linda nur “Hure” nennt und die angeblich im Testament als Erbin eingesetzt ist.

“Die Auferstehung” ist boshaft, witzig und unterhaltsam. Allerdings nur, wenn man sich auf Karl-Heinz Otts Stil einlässt und nicht auf schnelle, leichte Unterhaltung aus ist. Wer sich aber Zeit für das Buch nimmt, wird es nur ungern wieder aus der Hand legen wollen.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung, dtv, 11.90 Euro
Das Buch wurde mit freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

William Shakespeare: Die Fremden

Es klingt wie eine Szene aus unserer Zeit. Die Londons Händler und Handwerker  fühlen sich durch die Fremden benachteiligt. “Die Fremden”, das sind Menschen aus Frankreich und Flandern, die unter anderem wegen religiösen Gründen ihre Heimat verlassen haben und in London Schutz suchen. Aus den mittellosen Flüchtlingen sind im Lauf der Zeit wohlhabende Handwerker geworden, die den Einheimischen Arbeit wegnehmen. Eine Befürchtung, die sich 1517 in feindseligen Aufständen entlud.

Diese historischen Ereignisse verarbeiten fünf Autoren um 1600 zu einem Theatermanuskript. Mit Hilfe moderner Verfahren konnten Experten einen dieser Autoren als William Shakespeare identifizieren. Der Teil des Stückes, der von Shakespeare geschrieben wurde, ist als “Die Fremden” in einer zweisprachigen Ausgabe mit zahlreichen Erläuterungen im dtv erschienen.

Auch wenn es nur eine Ausschnitt aus dem nie aufgeführten Stück “Thomas Morus” über den berühmten Staatskanzlers ist, so wird doch deutlich, dass Shakespeare immer aktuell ist. Die Rede, die er Thomas Morus halten lässt, ist nicht nur zutiefst menschlich. Sie bringt die gewalttätigen Aufständischen mit simplen Aussagen, die an die Vernunft appellieren, zum nachdenken darüber, dass sie sich nicht nur gegen den König, der die Fremden willkommen heißt, erheben. Denn ein Ungehorsam gegen den König heißt letztlich auch Ungehorsam gegen Gott, der nach dem Verständnis der Zeit durch den König regiert.

“Look, what you do offend you cry upon,
That is, the peace. (…)
To any German province, to Spain or Portugal,
Nay, any where that not adheres to England:
Why, you must needs be strangers. Would you be pleased
To find a nation of such barbarous temper, (…)
Wet their detested knives against your throats.”

Mag der Text nicht an die meisterhaften Stücke William Shakespeares heranreichen, so ist er doch – auch dank des Vorworts des SZ-Autors Heribert Prantl und der umfangreichen Anmerkungen von Übersetzer und Herausgeber Frank Günther lesenswert.

 

Frank Günther (Hg): William Shakepeare – Die Fremden, dtv, 6 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zu Verfügung gestellt.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Das Originalmanuskript liegt in der British Library in London, die weiterführende Artikel über William Shakespeare auf ihrer Seite zur Verfügung stellt.

Maria Dermoût: Die zehntausend Dinge

Es ist, als würde man ein Paradies fern der Wirklichkeit betreten. Sobald man das Buch “Die zehntausend Dinge” aufschlägt (und sich vorher über das liebevoll gestaltete Buchcover gefreut hat), ist es, als würde man eine Welt betreten, die schon lange vergangenen ist, deren Geräusche und Düfte einem aber noch seltsam nah sind und an die man sich auch Jahrzehnte später noch insgeheim zurücksehnt.

“Der Garten hielt sie fest, kapselte sie nach und nach ein,
zeigte ihr Dinge, gab flüsternd seine Geheimnisse preis.”

Felicia muss als Kind die Gewürzplantage, die trotz ihrer Größe “Der kleine Garten” genannt wird, verlassen. Sie zieht mit ihren Eltern nach Europa, aber sie geht mit dem sicheren Versprechen, dass ihre Großmutter bei ihrer Rückkehr auf sie warten wird.  Als Felicia Jahrzehnte später mit ihrem kleinen Sohn zurückkommt, scheint es fast so, als habe sei die Zeit stehen geblieben. Sitten und Gebräuche im und um den kleinen Garten an der Binnenbucht haben sich nicht geändert und auch die Alten, allen voran die Großmutter, sind noch da.

“Meine Großmutter wartet im Kleinen Garten
an der Binnenbucht auf mich.”

Maria Dermoût lässt eine längst vergangene Welt auferstehen, die für uns Europäer nicht nur den Reiz des Vergangenen, sondern auch den des Exotischen an sich hat. Sie tut das mit einer langsamen, ruhigen Sprache, die zwar dem Jahr der Ersterscheinung 1955 entspricht, aber gleichzeitig auch darauf abzielt, das Leben der Niederländer in Indonesien lebendig werden zu lassen. Wie der kleine Garten in der Geschichte, so ist der Roman selbst wie ein Zufluchtsort, der dem Leser Hektik und Stress der Gegenwart vergessen lassen.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Maria Dermoût: Die zehntausend Dinge, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv zur Verfügung gestellt.

John Williams: Augustus

Als Julius Cäsar ermordet wird, muss sein Großneffe und Adoptivsohn Octavius dessen Erbe antreten, obwohl er eigentlich Gelehrter und Schriftsteller werden wollte. Doch der spätere Kaiser Augustus hat genug Durchsetzungskraft, um trotz eindringlicher Warnungen nicht nur die Nachfolge Cäsars anzutreten, sondern auch dem Römischen Reich Frieden zu bringen.

“Ich weiß, Dein erster Impuls wird sein, beides anzunehen, den Namen und das Vermögen, aber Deine Mutter fleht Dich an zu warten, zu überlegen und abzuschätzen, in welche Welt Dich das Testament Deines Onkels einlädt.”

John Williams beweist mit “Augustus” einmal mehr, dass er ein meisterhafter Geschichtenerzähler ist, auch wenn dieses Werk im Gegensatz zu “Stoner” und “Butcher’s Crossing” nicht als fortlaufende Erzählung  geschrieben ist, sondern sich die Handlung in Form von Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Senatsnotizen entwickelt. Das funktioniert, allerdings kommt man sich etwas verloren vor, wenn man sich in der Welt des Alten Roms nicht so auskennt, dass man die Namen sofort identifizieren könnte. Zwar gibt es eine Zweittafel, ein “Who’s who im Antiken Rom” und ein Nachwort. Die hilft allerdings nur bedingt weiter.

Mir hat vor allem der dritte Teil gefallen – da finde ich den wunderbaren Erzähler Williams in den langen Briefen wieder.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

John Williams: Augustus, dtv, 24 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel

Plötzlich ist alles weg. All die Dinge, die Fredrik Welin in seinem Leben  angesammelt und die er mit in das  Holzhaus auf die Schäreninsel gebracht hat. Dabei hat der ehemalige Chirurg nach seinem Entschluss, auf der Insel zu leben, schon einiges zurückgelassen. Aber die Situation jetzt ist eine völlig andere. Ein Brand, der ihn im Schlaf überrascht hat legt sein Haus in Schutt und Asche, alles, was er retten kann, ist das, was er auf dem Leib trägt: ein Regenmantel und Gummistiefel: “Das ist alles, was ich besitze, dachte ich. Zwei linke Stiefel.”

“Die schwedischen Gummistiefel” könnte ein sehr trauriger, vielleicht anklagender Roman über das Alter, das Älterwerden und den damit verbundenen allmählichen Verfall des Körpers sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Fredrik sehr wohl Angst vor dem Alter und Sterben hat, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass sein Körper langsam, aber unaufhaltsam altert.

“Ich konnte nicht mehr in mein Boot springen, wie vor zehn Jahren. (…) Das Altern war ein Nebel, der still übers Meer herangezogen kam.”

Doch statt in Selbstmitleid zu verfallen und angesichts des unvermeidlichen Todes untätig zu werden, plant er sein Leben weiter. Mit Hilfe der Versicherung wird sein Haus wieder aufgebaut, er pflegt mitunter vernachlässigte Freundschaften, etwa mit dem ehemaligen Postboten Jansson,  knüpft neue, wie mit der Journalistin Lisa Modin, in die er sich verliebt. Und er begreift, dass seine schwangere Tochter Louise seine Familie ist, für die es sich lohnt, das Haus wieder aufzubauen und etwas an die nächste Generation weiterzugeben.

Henning Mankells letztes Buch ist ein nachdenklich machendes, aber keineswegs tieftrauriges oder gar anklagendes Buch über den Verlust, das Leben und natürlich das Alter. Wie schon in “Die chinesischen Schuhe”, dessen Geschichte  “Die schwedischen Gummstiefel” weitererzählen, entfaltet Mankell die Charaktere, ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Ängste und Probleme. Das tut er in seinem typischen Stil, in dem er schon seinen Kommissar Kurt Wallander in die Welt schickte. Mankells unverwechselbarer Stil wird fehlen. Das macht “Die schwedischen Gummistiefel” so lesenswert und so traurig.

 

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel, Zsolnay, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Zsolnay/Hanser zur Verfügung gestellt.

Rebecca West: Die Rückkehr

Der Erste Weltkrieg brachte Leid, Tod und Schrecken eines bis dahin nicht gekannten Ausmaßes über die Menschen. Viele Soldaten, die zwar äußerlich unversehrt aus dem Krieg kamen, erholten sich nie mehr von ihren traumatischen Erlebnissen. So wie Chris Baldry, der wieder auf sein Landgut im Londoner Süden zurückkehrt und dort scheinbar auf sein altes Leben trifft.
Sein altes Leben – das sich in gewisser Weise in den drei Frauen ausdrückt, die den jungen Mann geprägt haben und noch immer prägen: Seine Jugendliebe Margaret, seine Frau Kitty und seine Cousine Jenny, die als Ich-Erzählerin die Dinge aus ihrer Sicht erzählt. Eine Sicht, die zutiefst geprägt ist von ihrer Zuneigung zu Chris, den sie am Anfang der Geschichte vermisst und inständig hofft, dass ihm nichts zugestoßen sein möge, denn in ihren Träumen sieht sie ihn in den Schützengräben.

“Ich sah Chris des Nachts über die braune Fäulnis des Niemandslandes rennen, kreuz und quer, weil er hier auf eine Hand trat und dort gar nicht erst hinsehen konnte, denn der Anblick eines abgetrennten Kopfes war zu unerträglich.”

Als die beiden Frauen erfahren, dass Chris nicht verwundet, sondern “versehrt” ist, wissen sie zuerst nicht, welche Auswirkungen sein Granatenschock auf ihr Leben haben wird. Erst allmählich begreifen sie, dass Chris glaubt, die vergangenen 20 Jahre habe es nie gegeben und er sei immer noch mit Margaret, die mittlerweile selbst verheiratet ist, liiert.

Rebecca Wests Roman “Die Rückkehr” wirkt wie ein Tor in die Vergangenheit, was natürlich am historischen Stoff liegt. Es liegt aber auch daran, dass die Sprache unverkennbar nicht eine moderne ist, auch wenn das keineswegs abwertend gemeint ist. Denn gerade in der bedächtigen Erzählweise mit ihren oft längeren Sätzen erschließt sich die Unfassbarkeit eines Krieges, der auch die scheinbar so abgeschlossene Welt eines englischen Landguts nicht verschont. Gerade diese Unaufgeregtheit macht das Buch so lesenswert.

Laut Klappentext ist “Die Rückkehr”, der 1918 erschienen ist, der einzige zeitgenössische Roman einer Frau über die Schrecken des Ersten Weltkriegs. 

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Rebecca West: Die Rückkehr, dtv, 16,90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt)

Lesetipps für den Sommer

Die Ferienzeit ist nicht mehr weit, aber vielleicht braucht der ein oder andere ja jetzt schon etwas Lesestoff.

Meine neuesten Entdeckungen
Celeste Ng: “Was ich Euch nicht erzählte” (dtv, 19,90 Euro) und Graham Swift: “England und andere Stories”, über das ich schon geschrieben habe (dtv, 21,90 Euro). Celeste Ng (gesprochgen Ing) erzählt einen ungewöhnlichen Kriminalfall. Das Mädchen Lydia kommt eines Morgens nicht zum Frühstück, um einen neuen Tag zu beginnen, der für die Familie Lee im kleinbürgerlichen Ohio der 70er typisch ist. Denn Lydia wird von ihrer Mutter Marilyn darauf gedrillt, später Ärztin zu werden. Einen Wunsch, den sie sich selbst nie erfüllten konnte. Wie die Geschichte aufgelöst wird, ist ungewöhnlich und spannend erzählt.
John le Carré ist freilich kein Unbekannter. Ich habe es aber Tom Hiddleston und der BBC-Serie “The Nightmanager” zu verdanken, dass ich das gleichnamige Buch (“Der Nachtmanager”, Ullstein, 9,99 Euro, Original bei Penguin) und damit den Autor entdeckt habe. Der Roman erzählt die Geschichte von Jonathan Pine, dem Nachtmanager in einem Luxushotel, der zufällig von verdächtigen Transaktionen eines reichen Geschäftsmanns erfährt. Und dann kommen auch noch Menschen in Pines Nähe um.

William Shakespeare
Rechtzeitig zum 400. Todestag von William Shakespeare habe ich nach “Hamlet” im vergangenen Jahr  die Historien “Henry VI” & “Richard III” in den zweisprachigen Ausgaben des Verlags ars vivendi gelesen. Die Übersetzungen von Frank Günther sind modern, ohne zu modern zu sein und helfen über so manche Verstehenshürde hinweg, die Anmerkungen im Anhang tun ein Übriges.
Viel Wissenswertes über den englischen Dramatiker erzählt Frank Günther in “Unser Shakespeare” (dtv, 14,90 Euro) mit viel Kompetenz, aber auch mit viel Leichtigkeit.
Stephen Greenblatts “Will in der Welt – Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde” (Pantheon, 14,99 Euro) habe ich im englischen Original gelesen.  Mag sein, dass das Buch nicht streng wissenschaftlich und in vielem Spekulation ist. Mir hat es aber sehr gut gefallen, weil es mir den Menschen William Shakespeare näher gebracht hat.

Pflichtlektüre
Donna-Leon-Krimis sind für mich Pflichtlektüre und ich freue mich jeden Sommer auf den nächsten. In diesem Jahr ist es “Ewige Jugend” (Diogenes, 24 Euro), der für Fans wieder ein paar angenehme Stunden mit Guido Brunetti verspricht.

Ungewöhnliche Biografien
Dass der ehemalige Chefredakteur des “Guardian” schreiben kann, ist keine Überraschung. Dass Alan Rushbridger Klavier spielt, schon eher – zumal man sich auch als absoluter Musikdepp fragt, wie er es schafft, seinem enormen Arbeitspensum regelmäßige Übungszeiten abzuringen. In “Play it again – ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten” (Secession Verlag für Literatur, 25 Euro) beschreibt Rushbridger sein Ringen am Klavier, aber auch am Redaktionsschreibtisch und vermittelt die Überzeugung, dass man jeden Tag etwas für sich persönlich tun kann, wenn man es nur will.
James Rhodes ist ein ungewöhnlicher Pianist. Der Londoner kommt nicht nur in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen auf die Bühne. Er erklärt auch dem Publikum, was er spielen wird und warum und weshalb der Komponist ausgerechnet dieses Stück auf diese Weise geschrieben hat. In “Der Klang der Wut” (Verlag Nagel & Kimche AG , 22, 90 Euro, Original: “Instrumental” verarbeitet er seine unfassbare Erlebnisse als Junge. Er wurde mehrfach vergewaltigt und ist sicher, dass er nur dank seiner Liebe zur klassischen Musik überlebte. Wer eine feinsinnige Abhandlung erwartet, sei gewarnt. James Rhodes schreibt so direkt, wie er twittert, wer kann, sollte dem Original eine Chance geben.

Graham Swift: England und andere Stories

Bei manchen Büchern fragt man sich, weshalb man von ihren Autoren noch nichts gehört, geschweige denn etwas gelesen hat. Der Sammelband “England und andere Stories”, der jetzt im dtv auf Deutsch vorliegt,  ist so ein Buch, denn der englische Autor Graham Swift schafft es auf wenigen Seiten eine ganze Welt zu entfalten. Eine Welt, die zwar eine englische, aber dennoch eine universale ist.

“Jetzt waren sie verheiratet, und man hatte ihnen gesagt,
sie sollten ihr Testament machen.”

Eine Welt, die unser Alltag ist und deshalb gleichzeitig in dieser ganz eigenen Vertrautheit so faszinierend daherkommt, ohne banal und langweilig zu sein. Freilich kann das nur ein Schriftsteller leisten, der  alltägliche, kurze Szenen als Ausgangspunkt eines menschlichen Schicksals nimmt: Da ist der Mann von der Küstenwache, der auf dem Weg zur Arbeit an einem Pannen-Auto vorbeikommt und dessen Fahrer mit unterschiedlichen Stimmen zu sprechen scheint. Oder die beiden Frauen Holly und Polly, die sich bei der Arbeit als Embryologinnen kennen- und lieben lernen. Sie sind beide ausgebildet für eine Arbeit, “von der manche sagen, man spiele Gott”.

“Wir sind nicht Gott. Es ist auch kein Spiel.
Obwohl wir manchmal lachen müssen.”

Jede Geschichte hat ihre eigenen Charaktere, die sich in ihrer eigenen kleinen Welt bewegen. Klein deswegen, weil es “nur” 25 Erzählungen sind, die in dem Band versammelt sind und man von so mancher Geschichte gerne mehr gelesen hätte. Das ist aber auch der einzige Mangel, denn Graham Swift ist ein meisterhafter Erzähler (ebenso meisterhaft übersetzt von Susanne Höbel), dessen Stil an den von Ian McEwan erinnert.

 

Graham Swift: England und andere Stories, dtv, 21,90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv zur Verfügung gestellt.)

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

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