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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Schlagwort: Neuerscheinung

Angelesen: Elizabeth Jane Howard: Die Jahre der Leichtigkeit

Jedes Jahr im Sommer passiert das, was für viele englische Familien ein Ritual ist. Sie ziehen sich aufs Land zurück. Jedenfalls dann, wenn sie zu der gut betuchten oberen Schicht der Gesellschaft gehören, die auch auf dem Land weder auf Komfort noch auf ihre Dienerschaft verzichten will.  Die Cazalets treffen sich Ende der 1930er Jahre auf dem Familiensitz in Sussex. Die Cazalets, das sind vor allem die drei Brüder Hugh, Edward und Rupert mit ihren Familien und der unverheirateten Schwester Rachel, die insgeheim eine Beziehung mit Sid hat, die, wie sich herausstellt, eine Frau ist. Vor dem Hintergrund des bevorstehenden  Zweiten Weltkriegs lernt der Leser eine Welt kennen, die so nicht mehr existiert.

Elizabeth Jane Howards “Die Jahre der Leichtigkeit” ist der erste Band der insgesamt fünfbändigen Reihe über die Familie Cazalet, die ähnlich wie die Fernsehserie “Downton Abbey” eine Familie über einen langen Zeitraum begleitet und  deren Schicksal innerhalb spezifischer Zeitläufte darstellt. Das funktioniert für den Leser wunderbar, wenn er dran bleibt am Buch und an der Geschichte, sonst verliert er leicht den Überblick über die handelnden Personen und ihre Beziehungen untereinander. Wer diese Art Gesellschaftsromane mag, sollte “Die Jahre der Leichtigkeit” unbedingt als Urlaubslektüre einpacken.  Wegen des Umfangs – das Buch hat 576 Seiten – mag der ein oder andere lieber zum E-Reader greifen.

 

Elisabeth Jane Howard: Die Jahre der Leichtigkeit, dtv, 16,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Heimliche Versuchung

Professoressa Crosera, eine Bekannte von Paola, sucht Commissario Bruntti in der Questura auf, weil sie sich Sorgen um ihren Sohn macht. Ihrer Meinung nach nimmt er Drogen, immerhin werden die ja vor seiner Schule verkauft. Und sie möchte, dass sich Brunetti dem Ganzen annimmt. Der allerdings sieht als Vater zweier Kinder, die gerade noch im Teenager-Alter sind, zunächst keinen Grund für eine echte Beunruhigung. Doch dann erhält er mitten in der Nacht einen Anruf, der ihn zum Fall eines Mann führt, der eine Brücke hinuntergestürzt ist. Wie sich herausstellt, wurde der Mann, der zufällig der Ehemann der Professorin ist, die Treppe hinunter gestoßen. Doch weshalb hat jemand versucht, den Ehemann der Professorin zu töten?

In “Heimliche Versuchung” bringt Donna Leon den Commissario wieder zurück nach Venedig, nachdem er sich im vorherigen Roman eine vermeintliche Auszeit genommen hat. Was gut ist für den Leser, weil man wieder mehr erfährt über Brunetti und die Menschen, mit denen er täglich zu tun hat. Neben der Sekretärin Signorina Elettra, die nicht nur stets topmodisch gekleidet ist, sondern auch immer einen Strauß frischer Blumen in ihrem Büro hat und ganz offenbar ein Abhörgerät im Büro ihres gemeinsamen Vorgesetzten Patta installiert hat, sind das auch seine langjährigen kollegialen Freunde  Claudia Griffoni und Lorenzo Vianello. Und natürlich seine Familie, allen voran seine Frau Paola und seine beiden Kinder Chiara und Raffi.

“So unter der Woche kamen sie relativ bequem durch. Brunetti bemerkte viele leere Stellen, wo früher Obst- und Gemüsestände gewesen waren; von den Fischhändlern war auch nur noch die Hälfte übrig.”

Der 27. Fall für den Commissario ist ein typischer Brunetti. Typisch, weil der Fall unaufgeregt gelöst wird, typisch, weil Themen wie Umweltverschmutzung und das Problem des übermäßigen Tourismus in Venedig angesprochen werden, die Donna Leon sehr am Herzen liegen und zu denen sie – wie Guido Brunetti – eine eindeutige kritische Meinung hat. Hinzu kommt das Thema Gleichberechtigung, das in diesem Roman schon allein deshalb eine besondere Betonung erfährt, weil Brunetti zunächst nicht mit Vianello unterwegs ist, sondern mit Claudia Griffoni, die ihn mitten in der Nacht wegen des gestürzten Mannes aus dem Schlaf klingelt und mit der er sich bestens versteht.

“… zufrieden, dass ihm das Schicksal eine gleichgesinnte Kollegin beschert hatte.”

“Heimliche Versuchung” ist  wie immer bei einem Brunetti-Krimi wie die Begegnung mit alten Bekannten, die im Laufe der Jahre ihre Eigenarten entwickelt haben, die aber zum Glück immer noch so sind, wie wir sie kennen- und lieben gelernt haben.

 

Donna Leon: Heimliche Versuchung. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Celeste Ng: “Die Welt ist kompliziert”

Celeste Ng war gerade in Deutschland unterwegs, um ihren neuen Roman “Kleine Feuer überall” vorzustellen und hat sich Zeit genommen, meine Fragen zu beantworten.

Wie in “Alles, was ich Euch nicht erzählte” leben die Figuren in “Kleine Feuer überall” den amerikanischen Lebensstil, ja den amerikanischen Traum, den viele attraktiv finden. Aber je mehr sich die Geschichte entfaltet, desto mehr bröckelt die heile Fassade – warum?
Celest Ng: Eine meiner Hauptaufgaben als Autorin ist es, die Leser daran zu erinnern, dass die Welt kompliziert ist, dass  jede Situation und jede Person viele Seiten hat, und dass es viele Dinge gibt, die wir nicht wissen. Deshalb geht es für mich bei jeder Geschichte darum, dem Leser zu zeigen, dass unter der Oberfläche viel mehr verborgen ist als man zunächst denkt. Der amerikanische Traum ist so überwältigend und verführerisch, dass ihn eigentlich niemand tatsächlich lebt. Denn ihn zu leben ist schlicht nicht so einfach und selbst der Traum selbst ist viel komplizierter und problematischer als es scheint. Im Roman will ich unter diese Fassade, unter diese Oberfläche, vordringen und den Leser zum Nachdenken über diesen scheinbar perfekten Lebensstil bringen.

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Ihre Figuren leben ein modernes Leben in den späten 1990er Jahren. Denken Sie, dass die moderne Technik einen Platz im Leben von Teenagern haben sollte?
Teenager leben in der modernen Welt, daher ist es dumm, sie so aufwachsen zu lassen, als lebten sie in einer makellosen Vergangenheit, in der es die moderne Technik nicht gibt. Wir leben in der Ära von Spotify und Snapchat, aber meine Generation erinnert sich wehmütig zurück an die Zeit, in der man seine Lieblingsmusik auf Cassette aufnahm, an E-Mails. Und unsere Eltern erinnern sich noch an Plattenspieler und handgeschriebene Briefe – von daher denke ich, dass jede Generation das, was sie hatte, idealisiert und alles Neue als etwas sieht, das das verdirbt.
Aber natürlich braucht jeder – egal ob Teenager oder Erwachsener gleich welcher Generation – die Verbindung zu anderen Menschen. Damit meine ich, die Fähigkeit zu verstehen und verstanden zu werden und das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Unsere Ängste vor  der neuen Technik kommen auch von der Vorstellung, dass durch diese Technik die Distanz zwischen uns und anderen oder zwischen uns und der “realen” Welt vergrößert werden kann. Das ist etwas, worüber ich mir Sorgen mache. Manchmal kann uns die moderne Technik isolieren – beispielsweise die anonyme und unmoderierte Seite von 4chan [Anmerkung: eine englischsprachige Seite, auf jeder wie auf einer Pinnwand etwas posten kann]. Aber manchmal macht es die moderne Technik auch möglich, dass wir uns mit Menschen auf eine ganz neue Art und Weise verbinden können. Für mich ist diese vorhandene oder nicht vorhandene Verbindung viel wichtiger als die Technik selbst.

Welches Bücher lesen Sie gerade und welche Bücher sollte man auf jeden Fall lesen?
Ich bin gerade fertig mit “Pachink” von Min-Jin Lee (das, glaube ich, bald in Deutschland unter dem Titel “Ein einfaches Leben” erscheinen wird [Anmerkung: es erscheint im September im dtv]). Aktuell lese ich nochmal “The White Album” von Joan Didion (deutsch: “Das weiße Album – eine kalifornische Geisterbeschwörung”) und zum ersten Mal überhaupt “Anna Karenina” [deutsch beispielsweise im dtv]. In der Kategorie “Muss man gelesen haben” gibt es nicht viele Bücher, aber ich denke, dass jeder von der Lektüre von “Between the World and Me” von Ta-Nehisi Coates (“Zwischen mir und der Welt“] etwas mitnimmt und von den Werken von James Baldwin (deutsch im dtv].

(Meine Übersetzung)

You find the English version here.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

439 Jahre. So alt ist Tom Hazard und als ob das noch nicht genug ist, altert Tom äußerlich nicht. Genau das ist das Problem für Menschen wie ihn, die Albas, denn je mehr Monate und Jahre ins Land gehen, umso auffälliger ist, dass die Zeit scheinbar spurlos an ihnen vorüber geht. Deshalb zieht Tom alle acht Jahre dorthin um, wo ihn niemand kennt und nimmt eine neue Identität an. Das geht so lange gut, so lange Tom keine Beziehung eingeht: “Die erste Regel lautet, du darfst nicht lieben”, sagt ihm Hendrich, der Chef der Alba-Gesellschaft, der mit seinen zahlreichen Kontakten dafür sorgt, dass Tom in London ein Leben als Geschichtslehrer führen kann, dort, wo er vor Jahrhunderten die Frau gefunden hat, die er aufrichtig geliebt hat und noch immer liebt.

“Die Vergangenheit bestand fort und klang weiter mit, während die Moderne voranstürmte.”

Matt Haigs neuester Roman “Wie man die Zeit anhält” ist eine Mischung aus Märchen, Science-Fiction und philophischen Gedanken über die Menschen und die Welt, in der sich leben. Doch es wäre kein Werk von Matt Haig, wenn es nicht auch eine wunderbare Erzählung wäre, die auf ihre ruhige und unaufgeregte Art vom ersten Satz an Neugierde weckt und den Leser in eine Handlung zieht, die man am liebsten auf einmal lesen würde – weil sie tief berührt, ohne kitschig zu sein, weil sie witzig ist und traurig. Und weil Matt Haig ein großartiger Erzähler ist, dessen Können durch die liebevolle Übersetzung von Sophie Zeitz nicht geschmälert wird.

“Jeder würde erleben, dass es nur eine Sache gibt, die den Menschen ausmacht, und das ist die Menschlichkeit.”

Das Buch wird mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle verfilmt, wie Matt Haig auf Twitter  (Englisch) unter Berufung auf Variety (Englisch) mitteilte.

Mehr über Matt Haig gibt es hier.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict of “How To Stop Time” here.

Bernhard Schlink: Olga

“Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut.” Da ist der der Anfang der Geschichte, der den Leser unvorbereitet mitten hineinschubst ins Geschehen. Wer ist “sie”? Und warum sagt jemand “sie” macht keine Mühe? Sagt man sowas überhaupt über einen anderen Menschen? Fragen, die man eigentlich sofort beantwortet haben will. Aber ein Sofort gibt es bei Bernhard Schlink nicht. Denn auch in seinem neuen Roman “Olga” entwickelt sich die Geschichte um die Titelfigur erst allmählich – was nicht bedeutet, dass die ersten Seiten langweilig wären. Im Gegenteil. Denn das Mädchen, über das gleich am Anfang wie über einen Gegenstand gesprochen wird, ist natürlich Olga, und Olga weiß sehr genau, was sie will.

“Aber Olga ließ sich ihren Namen nicht nehmen. Als die Großmutter die Nachteile eines slawischen und die Vorzüge eines deutschen Namens zu erklären versuchte, sah Olga sie verständnislos an.”

Eine selbstständige Frau sein, heiraten, eine Familie gründen. Aber weder die Selbstständigkeit noch das Familienglück sind am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland leicht zu bekommen, schon gar nicht für eine Frau, die miterleben muss, wie immer radikalere Ansichten die Politik bestimmen.

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Mit einer nur scheinbar einfachen Sprache entfaltet Bernhard Schlink (siehe Bild/Foto: Sophie Bassouls/Getty) in seinem neuen Roman eine Geschichte, die den Leser von Anfang an begeistert.  Der Autor, dessen Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, gehört zu den besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart.

 

Bernhard Schlink: Olga, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Für Pearl ist die Welt der Richardsons gleichzeitig anziehend und geheimnisvoll. Und irgendwie trifft das auch für Shaker Heights zu. Die Menschen hier sind nicht nur wohlhabend. Sie führen ein Leben, das mindestens so vielen Regeln folgt wie die Vorschriften, die in dem reichen Vorort Clevelands gelten. Schließlich ist es wichtig, dass  Häuser, die in einem bestimmten Stil gebaut sind, nur in bestimmten Farben gestrichen werden dürfen. Pearl, die es gewohnt ist, mit ihrer Mutter Mia nie lang an einem Ort zu bleiben und mit nur wenigen Sachen zurechtzukommen, ist fasziniert von der Familie, für die alles, was sie tun, wichtig zu sein scheint. Arbeiten scheint etwas “Nobles” zu sein – auch wenn Mrs Richardson Lokaljournalistin ist, so steht doch ihr Name auf der Titelseite der kostenlosen “Sun Press”. Während es für Mia immer schon darum gegangen ist, ausreihend Geld für sich und ihre Tochter Mia zu verdienen, hat das Leben der Richardsons jene Lässigkeit, die auf sicherem Reichtum ruht. Doch die Idylle ist nur auf dem ersten Blick perfekt. Während die Jugendlichen sich mit den Problemen des Erwachsenwerdens auseinandersetzen müssen, wird Mia mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

“Kleine Feuer überall” ist nach “Was ich Euch nicht erzählte” der zweite Roman von Celeste Ng. Und auch in dieser Geschichte zeigt die amerikanische Autorin die Risse, die unter der Oberfläche einer scheinbar perfekten Welt immer größer werden. Das Leben, das die Figuren führen, mag banal sein. Aber Celeste Ng schafft es, diese Alltäglichkeit so spannend zu erzählen, dass man sich noch lange an die Geschichte erinnern wird.

 

 

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, dtv, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt

Was geht mich diese Geschichte an? Reiche amerikanische Familien, deren Kinder im paradiesischen Mill Valley in der Bucht von San Francisco das tun, was Jugendliche so tun? In die Schule gehen, auf Facebook lästern, mit der Clique abhängen, erste Erfahrungen mit der Liebe, mit Drogen und Alkohol machen. Doch als sich Tristan aus Verzweiflung darüber, dass das angebetete Mädchen Calista seinen Liebesbrief auf ihrem Facebook-Account gepostet hat, das Leben nimmt, ahnt der Leser, dass die Idylle brüchig ist und taucht tiefer ein in diesen “Gefährlichsten Ort der Welt”.

“Abigail war immer noch die berechenbare, vernünftige Tochter, die er kannte. Sie war noch ein Mädchen, keine Frau (…), und was sie begehrte – Sachen, hübsche Dinge -, waren leicht zu bezahlen und zu kontrollieren.”

Lindsey Lee Johnson erzählt eine Geschichte, die nur vordergründig vom Erwachsenwerden handelt. Zwar sind die Jugendlichen das, was man wohl als typisch bezeichnen würde. Sie sind von der Schule gelangweilt, sie möchten nur mit ihren Freunden zusammen sein, legen Wert darauf, die richtigen Klamotten anzuhaben. Doch im Grunde versuchen sie nur, ihren Platz im Leben zu finden auch wenn das gerade “nur” ein Platz an einer Universität ist. Das freilich wird Calista stellvertretend für die ganze Gruppe erst im Rückblick klar.

“Der gefährlichste Ort der Welt” ist eines dieser Bücher, das noch eine ganze Weile im Gedächtnis bleiben wird.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt, dtv, 21 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel

Plötzlich ist alles weg. All die Dinge, die Fredrik Welin in seinem Leben  angesammelt und die er mit in das  Holzhaus auf die Schäreninsel gebracht hat. Dabei hat der ehemalige Chirurg nach seinem Entschluss, auf der Insel zu leben, schon einiges zurückgelassen. Aber die Situation jetzt ist eine völlig andere. Ein Brand, der ihn im Schlaf überrascht hat legt sein Haus in Schutt und Asche, alles, was er retten kann, ist das, was er auf dem Leib trägt: ein Regenmantel und Gummistiefel: “Das ist alles, was ich besitze, dachte ich. Zwei linke Stiefel.”

“Die schwedischen Gummistiefel” könnte ein sehr trauriger, vielleicht anklagender Roman über das Alter, das Älterwerden und den damit verbundenen allmählichen Verfall des Körpers sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Fredrik sehr wohl Angst vor dem Alter und Sterben hat, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass sein Körper langsam, aber unaufhaltsam altert.

“Ich konnte nicht mehr in mein Boot springen, wie vor zehn Jahren. (…) Das Altern war ein Nebel, der still übers Meer herangezogen kam.”

Doch statt in Selbstmitleid zu verfallen und angesichts des unvermeidlichen Todes untätig zu werden, plant er sein Leben weiter. Mit Hilfe der Versicherung wird sein Haus wieder aufgebaut, er pflegt mitunter vernachlässigte Freundschaften, etwa mit dem ehemaligen Postboten Jansson,  knüpft neue, wie mit der Journalistin Lisa Modin, in die er sich verliebt. Und er begreift, dass seine schwangere Tochter Louise seine Familie ist, für die es sich lohnt, das Haus wieder aufzubauen und etwas an die nächste Generation weiterzugeben.

Henning Mankells letztes Buch ist ein nachdenklich machendes, aber keineswegs tieftrauriges oder gar anklagendes Buch über den Verlust, das Leben und natürlich das Alter. Wie schon in “Die chinesischen Schuhe”, dessen Geschichte  “Die schwedischen Gummstiefel” weitererzählen, entfaltet Mankell die Charaktere, ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Ängste und Probleme. Das tut er in seinem typischen Stil, in dem er schon seinen Kommissar Kurt Wallander in die Welt schickte. Mankells unverwechselbarer Stil wird fehlen. Das macht “Die schwedischen Gummistiefel” so lesenswert und so traurig.

 

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel, Zsolnay, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Zsolnay/Hanser zur Verfügung gestellt.

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter

“Wiedersehen Mama!” Wie oft Mütter wohl diesen Abschiedsgruß hören? Einen wirklichen Abschiedsgruß, also nicht nur ein Gruß, der eben mal so dahin gesagt wird, wenn der Nachwuchs für ein paar Stunden aus dem Haus geht, um abends oder nach einem Ferienaufenthalt wieder zu kommen. Ein Abschiedsgruß, wie ihn Sebastian seiner Mutter Margret zuruft, die immer noch ungläubig zugesehen hat, wie ihr Sohn seine paar Habseligkeiten eingepackt hat – und ausgezogen ist. Ein Schritt, der aus Sicht des erwachsenen Sohnes, der in eine WG am anderen Ende der Stadt zieht, längst überfällig ist.  Zu lange hat er sich in dem Anbau am Elternhaus eingesperrt gefühlt. Viel zu früh findet Margret, die nicht verstehen kann, weshalb der 22-jährige Sohn aus der schönen Wohnung, die doch für ihn gedacht war, auszieht.

Dem Vorschlag ihres Mannes Gerhard, den Anbau  zu vermieten, steht Margret erst ablehnend gegenüber, doch sie willigt ein und gemeinsam entscheiden sie sich für den Fahrradmechaniker Beat als Mieter, der dann zu Beginn des neuen Jahres einzieht. Während Gerhard überhaupt kein Problem damit hat, dass Beat eher zurückhaltend ist, versteht Margret nicht, weshalb er die Einladung zum gemeinsamen Essen ausschlägt und kein –  wie sie es nennt – “ganz normalen” Kontakt zustande kommt. Sie will  sich im Grunde nicht eingestehen, dass sie Beat als Sohn-Ersatz sieht und  ihn bemuttern will. Und natürlich will sie sich ebensowenig eingestehen, dass sie der Messerstecher beunruhigt, der seit einiger Zeit Frauen auflauert, sie niedersticht und dabei immer brutaler vorgeht.

“Sie wollte nicht mehr über diese Geschichte erfahren, als sie ohnehin wusste oder sich, gegen ihren Willen, vorstellte.”

“Ein passender Mieter” hat nur auf dem ersten Blick (oder nach dem Lesen der ersten paar Seiten) eine einfache Handlung. Denn spätestens nach dem ersten Perspektivenwechsel wird klar, dass es um mehr geht als um die Abnabelung eines längst erwachsenen Sohnes oder um die Frage wer der brutale Messerstecher ist. Lukas Hartmann verknüpft dieses Handlungsstränge und zeichnet gleichzeitig das Bild einer ganz normalen bürgerlichen Familie, die sich mit den Veränderungen, die sich im Laufe des Lebens ergeben, auseinandersetzen muss. Dabei schafft es Lukas Hartmann auch in seinem neuesten Werk meisterhaft, das Alltägliche und Banale – eben das ganz normale Leben – weder alltäglich noch banal sondern faszinierend und spannend zu beschreiben. So meisterhaft, dass Sätze wie “Das Böse, Vater, steckt immer auch in uns selbst” nicht kitschig oder pathetisch, sondern glaubhaft und richtig wirken. “Ein passender Mieter” ist ein weiterer Lukas-Hartmann-Roman, den man unbedingt lesen muss.

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mit freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

“Wenn man sein ganzes Leben in die falsche Richtung läuft, kann’s dann trotzdem das Richtige sein?” Es scheint, als ob Benedict Wells in seinem neuen Buch nichts anderes tut, als genau diese Frage zu beantworten. Und obwohl das auf den ersten Blick nur langweilig und öde scheinen mag, ist genau das Gegenteil der Fall. “Vom Ende der Einsamkeit” erzählt von drei Geschwistern, die behütet, umsorgt und geliebt aufwachsen. Zunächst deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Idylle irgendetwas ändern könnte. Doch dann sterben die Eltern bei einem Autounfall, die Kinder müssen ihr Zuhause verlassen und ins Internat ziehen. Von einem Tag auf den anderen verändert sich ihre Welt für immer. Zurück bleiben nur Erinnerungen, die die drei auch im späteren Leben miteinander teilen werden.

“Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.”

Benedict Wells beschreibt die Ereignisse aus Sicht von Jules, dem jünsten Sohn, der sich von einem einst selbstbewussten Kind in einen Eigenbrötler verwandelt, der in einer eigenen Traumwelt zu leben scheint. Das liegt vielleicht auch daran, dass er im Internat von seinen älteren Geschwistern Liz und Marty getrennt wird und irgendwie sehen muss, wie er alleine mit der neuen Situation, der neuen Umgebung, den neuen Mitschülern und vor allem dem Verlust seiner Eltern zurecht kommt.

“Ich spürte, dass mein Selbstbewusstsein verschwunden war.”

Wie er das macht und wie sich er und seine einst so eng verbundenen Geschwister auseinander leben, Beziehungen eingehen und wieder zusammen finden, ist eine wunderbare Geschichte, die von Anfang an tief berührt, dabei aber niemals im sentimentalen Kitsch abgleitet. Für mich ist Benedict Wells meine persönliche Neuentdeckung.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes, 22 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.)

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