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Schlagwort: Neuerscheinung

Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt

Was geht mich diese Geschichte an? Reiche amerikanische Familien, deren Kinder im paradiesischen Mill Valley in der Bucht von San Francisco das tun, was Jugendliche so tun? In die Schule gehen, auf Facebook lästern, mit der Clique abhängen, erste Erfahrungen mit der Liebe, mit Drogen und Alkohol machen. Doch als sich Tristan aus Verzweiflung darüber, dass das angebetete Mädchen Calista seinen Liebesbrief auf ihrem Facebook-Account gepostet hat, das Leben nimmt, ahnt der Leser, dass die Idylle brüchig ist und taucht tiefer ein in diesen “Gefährlichsten Ort der Welt”.

“Abigail war immer noch die berechenbare, vernünftige Tochter, die er kannte. Sie war noch ein Mädchen, keine Frau (…), und was sie begehrte – Sachen, hübsche Dinge -, waren leicht zu bezahlen und zu kontrollieren.”

Lindsey Lee Johnson erzählt eine Geschichte, die nur vordergründig vom Erwachsenwerden handelt. Zwar sind die Jugendlichen das, was man wohl als typisch bezeichnen würde. Sie sind von der Schule gelangweilt, sie möchten nur mit ihren Freunden zusammen sein, legen Wert darauf, die richtigen Klamotten anzuhaben. Doch im Grunde versuchen sie nur, ihren Platz im Leben zu finden auch wenn das gerade “nur” ein Platz an einer Universität ist. Das freilich wird Calista stellvertretend für die ganze Gruppe erst im Rückblick klar.

“Der gefährlichste Ort der Welt” ist eines dieser Bücher, das noch eine ganze Weile im Gedächtnis bleiben wird.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt, dtv, 21 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel

Plötzlich ist alles weg. All die Dinge, die Fredrik Welin in seinem Leben  angesammelt und die er mit in das  Holzhaus auf die Schäreninsel gebracht hat. Dabei hat der ehemalige Chirurg nach seinem Entschluss, auf der Insel zu leben, schon einiges zurückgelassen. Aber die Situation jetzt ist eine völlig andere. Ein Brand, der ihn im Schlaf überrascht hat legt sein Haus in Schutt und Asche, alles, was er retten kann, ist das, was er auf dem Leib trägt: ein Regenmantel und Gummistiefel: “Das ist alles, was ich besitze, dachte ich. Zwei linke Stiefel.”

“Die schwedischen Gummistiefel” könnte ein sehr trauriger, vielleicht anklagender Roman über das Alter, das Älterwerden und den damit verbundenen allmählichen Verfall des Körpers sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Fredrik sehr wohl Angst vor dem Alter und Sterben hat, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass sein Körper langsam, aber unaufhaltsam altert.

“Ich konnte nicht mehr in mein Boot springen, wie vor zehn Jahren. (…) Das Altern war ein Nebel, der still übers Meer herangezogen kam.”

Doch statt in Selbstmitleid zu verfallen und angesichts des unvermeidlichen Todes untätig zu werden, plant er sein Leben weiter. Mit Hilfe der Versicherung wird sein Haus wieder aufgebaut, er pflegt mitunter vernachlässigte Freundschaften, etwa mit dem ehemaligen Postboten Jansson,  knüpft neue, wie mit der Journalistin Lisa Modin, in die er sich verliebt. Und er begreift, dass seine schwangere Tochter Louise seine Familie ist, für die es sich lohnt, das Haus wieder aufzubauen und etwas an die nächste Generation weiterzugeben.

Henning Mankells letztes Buch ist ein nachdenklich machendes, aber keineswegs tieftrauriges oder gar anklagendes Buch über den Verlust, das Leben und natürlich das Alter. Wie schon in “Die chinesischen Schuhe”, dessen Geschichte  “Die schwedischen Gummstiefel” weitererzählen, entfaltet Mankell die Charaktere, ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Ängste und Probleme. Das tut er in seinem typischen Stil, in dem er schon seinen Kommissar Kurt Wallander in die Welt schickte. Mankells unverwechselbarer Stil wird fehlen. Das macht “Die schwedischen Gummistiefel” so lesenswert und so traurig.

 

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel, Zsolnay, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Zsolnay/Hanser zur Verfügung gestellt.

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter

“Wiedersehen Mama!” Wie oft Mütter wohl diesen Abschiedsgruß hören? Einen wirklichen Abschiedsgruß, also nicht nur ein Gruß, der eben mal so dahin gesagt wird, wenn der Nachwuchs für ein paar Stunden aus dem Haus geht, um abends oder nach einem Ferienaufenthalt wieder zu kommen. Ein Abschiedsgruß, wie ihn Sebastian seiner Mutter Margret zuruft, die immer noch ungläubig zugesehen hat, wie ihr Sohn seine paar Habseligkeiten eingepackt hat – und ausgezogen ist. Ein Schritt, der aus Sicht des erwachsenen Sohnes, der in eine WG am anderen Ende der Stadt zieht, längst überfällig ist.  Zu lange hat er sich in dem Anbau am Elternhaus eingesperrt gefühlt. Viel zu früh findet Margret, die nicht verstehen kann, weshalb der 22-jährige Sohn aus der schönen Wohnung, die doch für ihn gedacht war, auszieht.

Dem Vorschlag ihres Mannes Gerhard, den Anbau  zu vermieten, steht Margret erst ablehnend gegenüber, doch sie willigt ein und gemeinsam entscheiden sie sich für den Fahrradmechaniker Beat als Mieter, der dann zu Beginn des neuen Jahres einzieht. Während Gerhard überhaupt kein Problem damit hat, dass Beat eher zurückhaltend ist, versteht Margret nicht, weshalb er die Einladung zum gemeinsamen Essen ausschlägt und kein –  wie sie es nennt – “ganz normalen” Kontakt zustande kommt. Sie will  sich im Grunde nicht eingestehen, dass sie Beat als Sohn-Ersatz sieht und  ihn bemuttern will. Und natürlich will sie sich ebensowenig eingestehen, dass sie der Messerstecher beunruhigt, der seit einiger Zeit Frauen auflauert, sie niedersticht und dabei immer brutaler vorgeht.

“Sie wollte nicht mehr über diese Geschichte erfahren, als sie ohnehin wusste oder sich, gegen ihren Willen, vorstellte.”

“Ein passender Mieter” hat nur auf dem ersten Blick (oder nach dem Lesen der ersten paar Seiten) eine einfache Handlung. Denn spätestens nach dem ersten Perspektivenwechsel wird klar, dass es um mehr geht als um die Abnabelung eines längst erwachsenen Sohnes oder um die Frage wer der brutale Messerstecher ist. Lukas Hartmann verknüpft dieses Handlungsstränge und zeichnet gleichzeitig das Bild einer ganz normalen bürgerlichen Familie, die sich mit den Veränderungen, die sich im Laufe des Lebens ergeben, auseinandersetzen muss. Dabei schafft es Lukas Hartmann auch in seinem neuesten Werk meisterhaft, das Alltägliche und Banale – eben das ganz normale Leben – weder alltäglich noch banal sondern faszinierend und spannend zu beschreiben. So meisterhaft, dass Sätze wie “Das Böse, Vater, steckt immer auch in uns selbst” nicht kitschig oder pathetisch, sondern glaubhaft und richtig wirken. “Ein passender Mieter” ist ein weiterer Lukas-Hartmann-Roman, den man unbedingt lesen muss.

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mit freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

“Wenn man sein ganzes Leben in die falsche Richtung läuft, kann’s dann trotzdem das Richtige sein?” Es scheint, als ob Benedict Wells in seinem neuen Buch nichts anderes tut, als genau diese Frage zu beantworten. Und obwohl das auf den ersten Blick nur langweilig und öde scheinen mag, ist genau das Gegenteil der Fall. “Vom Ende der Einsamkeit” erzählt von drei Geschwistern, die behütet, umsorgt und geliebt aufwachsen. Zunächst deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Idylle irgendetwas ändern könnte. Doch dann sterben die Eltern bei einem Autounfall, die Kinder müssen ihr Zuhause verlassen und ins Internat ziehen. Von einem Tag auf den anderen verändert sich ihre Welt für immer. Zurück bleiben nur Erinnerungen, die die drei auch im späteren Leben miteinander teilen werden.

“Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.”

Benedict Wells beschreibt die Ereignisse aus Sicht von Jules, dem jünsten Sohn, der sich von einem einst selbstbewussten Kind in einen Eigenbrötler verwandelt, der in einer eigenen Traumwelt zu leben scheint. Das liegt vielleicht auch daran, dass er im Internat von seinen älteren Geschwistern Liz und Marty getrennt wird und irgendwie sehen muss, wie er alleine mit der neuen Situation, der neuen Umgebung, den neuen Mitschülern und vor allem dem Verlust seiner Eltern zurecht kommt.

“Ich spürte, dass mein Selbstbewusstsein verschwunden war.”

Wie er das macht und wie sich er und seine einst so eng verbundenen Geschwister auseinander leben, Beziehungen eingehen und wieder zusammen finden, ist eine wunderbare Geschichte, die von Anfang an tief berührt, dabei aber niemals im sentimentalen Kitsch abgleitet. Für mich ist Benedict Wells meine persönliche Neuentdeckung.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes, 22 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.)

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