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Schlagwort: Sherlock Holmes

Sherlock – The Essential Arthur Conan Doyle Adventures

Über 2500 Ergebnisse erhält, wer bei Amazon nach Arthur Conan Doyle und Sherlock Holmes sucht. Weshalb also noch eine weitere englischsprachige Ausgabe? Die Lust, besonders schöne Bücher zu machen, kann es nicht gewesen sein, die die Herausgeber bewogen haben zwei Bände unter dem Titel „Sherlock – The Essential Arthur Conan Doyle“ als BBC Books zu veröffentlichen. Denn wie oft bei englischen Büchern ist weder die Qualität des Papiers noch die des Layouts – hin und wieder scheint der Text entweder gesperrt oder spationiert zu sein, damit er eine Zeile ausfüllt – das entscheidende Kaufkriterium. Doch die Titelbilder machen klar, dass es hier um den Kultfaktor geht, den die britische BBC-Serie „Sherlock“ unter Fans hat und diese Fans sind es auch, die die Macher als Käufer und Leser im Visier haben.

„Impossible not to love.“

Die Produzenten, Drehbuchschreiber und Erfinder des modernen Sherlock, Steven Moffat und Mark Gatiss, haben ihre Lieblingsgeschichten um den größten Detektiv aller Zeiten gesammelt und ihnen jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt. Und allein diese Einführungen sind trotz der Kürze wunderbar witzig und ironisch, aber auch gleichzeitig kenntnisreich. „Die Geschichte macht zwar nicht wirklich Sinn, sie ist aber atemberaubend frech, stimmungsvoll und furchterregend.“ („It makes no real sense but it’s breathtakenly cheeky, atmospheric and scary.“) schreiben die Autoren der Einleitung beispielsweise über „Das gesprenkelte Band“ („The Adventure of the Speckled Band“) und finden, dass man „Der blaue Karfunkel“ („The Adventure of the Blue Carbuncle“) einfach „lieben muss“ („Impossible not to love.“). Einiges, was in „Eine Frage der Identität“ („A Case of Identity“) auftaucht, haben die beiden für ihre Sherlock-Version verwendet und wenn man so will, eine Art Perlenpickerei („small gems“) betrieben.

Dass in der Fernsehserie zum Teil wörtliche oder abgewandelte Zitat aus einer der Originalgeschichten verwendet werden, merkt man freilich nur dann, wenn man den Kanon kennt. Oder doch zumindest die Geschichten, die Steven Moffat und Mark Gatiss als solche ausgemacht und in den beiden Bänden vorgelegt haben. Die insgesamt 19 Kurzgeschichten sind  auch ideal für Sherlock-Fans, die sich Arthur Conan Doyles Original nähern wollen, denn sie sollen schlichtweg Begleiter der BBC-Serie sein. Wer schon diverse Ausgaben im Regal stehen hat, wird sich über vergleichsweise günstige Buchzuwächse freuen. Dank der Buchcover, die Promo-Fotos zur Erstausstrahlung der vierten Sherlock-Staffel zieren, sind diese beiden Bände aber für Sherlock-Fans schon fast Pflicht.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

 

The Essential Arthur Conan Doyle Adventures, zwei Bände, BBC Books/Penguin, jeweils ca 8 Euro

Sherlock Holmes neu übersetzt

Übersetzungen spiegeln wie das Original auch, die Zeit wider, in der sie entstanden sind und zum Glück immer noch entstehen (welch Segen, Bücher auf Deutsch lesen zu können, wenn man der Originalsprache nicht mächtig ist). Und so ist das beste, was einem Buch und dessen Autoren passieren kann, ein Übersetzer, der sein Handwerk versteht, der die Geschichte erzählt und es dem Leser im besten Fall nicht merken lässt, dass er eine Übersetzung liest. Im Falle der Sherlock-Holmes-Geschichten muss man wissen, dass der Stil von Arthur Conan Doyle ein ganz eigener ist. Wer Thriller mag, die einen atemlos werden lassen, wird enttäuscht werden, denn so umsichtig und analytisch wie der große Detektiv zu Werke geht, so schreibt sein Erfinder – fast möchte man sagen behäbig.

Schwierige Gratwanderung

Bei der jetzt vorliegenden Übersetzung von „Eine Studie in Scharlachrot“, die im Fischertaschenbuchverlag erschienen ist, merkt man wie Henning Ahrens genau diese Gratwanderung in seiner Arbeit absolviert. Vergleicht man sie mit der Ausgabe, die 2007 im Insel-Taschenbuchverlag erschienen ist und mit einer Originalausgabe werden die Unterschiede und leider auch Defizite deutlich. Denn im Versuch, Doyles Sprache zu modernisieren, wird sie zuweilen unkenntlich und falsch übersetzt. „Eine Studie in Scharlachrot“ ist die erste Geschichte, in der Sherlock Holmes auftritt. Sie legt deshalb die Grundlage für weitere Romane und Erzählungen und führt natürlich den Leser an den großen Detektiv heran und natürlich auch an Doktor John Watson, der als Versehrter aus dem afghanischen Krieg zurückkommt und auf der Suche nach einem Mitbewohner für eine Wohnung in London ist. „The campaign brought honours and promotion to many, but for me it had nothing but misfortune and disaster.“ heißt es im Original. „Während des Feldzugs ernteten viele Ehren und Beförderungen, aber für mich hielt er nur Unglück und Elend bereit.“ übersetzt Henning Ahrens. „Vielen brachte der Feldzug Auszeichnungen und Beförderung, für mich barg er jedoch nichts als Mißgeschick (!)“ heißt es in der Insel-Übersetzung von Gisbert Haefs.

Während diese Beschreibung  noch eng am Original ist, gibt es eine Reihe von Ungenauigkeiten und Fehlern, jedenfalls für mein Verständnis. Holmes und Watson treffen sich nämlich nicht „wie verabredet“ (Fischer) , um die Wohnung zu besichtigen, sondern weil es Holmes „festgesetzt“ (Insel), „arranged“ hat. Das mögen ebenso Kleinigkeiten sein wie die nächsten Gegenüberstellungen. Sie zeigen aber gerade in diesen Nuancen, dass Sherlock Holmes derjenige ist, der die Geschicke lenkt  – und seine Gewohnheiten hat:  „Er ging gegen zweiundzwanzig Uhr zu Bett“ (Fischer) –  „Selten war er nach zehn Uhr abends noch auf“(Insel) – „It was rare for him to be up after ten at night“.  Diese Nuancen sind es auch, die den Geschichten ihren unverwechselbaren Charakter geben, den sie auch aus ihrer Entstehungszeit beziehen. Daher scheinen unsere umgangssprachlichen Begriffe wie „weitergelatscht“ (für „strolling down“), „Der Roman ist ein echtes Brechmittel“ „hat mich wirklich krank gemacht“ (für „made me positively ill“) schlichtweg fehl am Platz. Leider gibt es auch Fehler in der Übersetzung: „An airy room“ ist ein „luftiger Raum“ (Insel) und nicht „gut zu lüftend“ (mal abgesehen davon, dass sich Watson und Holmes darüber wohl kaum Gedanken machen dürften) und ein „German name“ ist ein „deutscher Name“ (Insel) und nicht nur „deutsch klingend“.

Ist die Neuübersetzung nun schlecht? Sicher nicht – nur anders und man hat nun einmal mehr die Wahl, für welche Übersetzung man sich entscheidet.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

 

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes; Eine Studie in Scharlachrot, Fischer Taschenbuch, 10 Euro, neu übersetzt von Henning Ahrens.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Fischer-Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher meines Jahres

Jedes Jahr schreibe ich meine persönliche Lesestatistik auf. Ganz altmodisch mit Füller auf Papier. Am Ende des Jahres wundere ich mich, dass ich viel oder wenig gelesen habe (im Vergleich zum Jahr zuvor), was ich gelesen habe und wie.

Demnach schaut 2013 so aus:
Gesamt: 34 Bücher
E-Books: 10
Normale Bücher: 24
Englisch: 16

Und das habe ich gelesen – selbstverständlich ohne Anspruch auf den ultimativen, weil hochgeistig durchdachten und literaturwissenschaftlich tiefgründig aufbereiteten Lesebefehl.

JRR Tolkien: Der kleine Hobbit:

In einer alten, schulerprobten, aber gut erhaltenen dtv-Ausgabe, natürlich als Vorbereitung auf den Film. Als Nachbereitung liegt die englische Version in einer Jubiläumsausgabe schon bereit.

Steven Levy: In the Plex

Ein interessantes Buch über Google, wie die Firma denkt, arbeitet und unser Leben verändert, wie es im deutschen Untertitel heißt.

Jussi Adler-Olsen: Das Washington-Dekret

Ich bekenne, ich habe den Thriller nicht bis zum Ende gelesen, was aber nicht heißt, dass ihn andere nicht spannend finden werden.

Lukas Hartmann: Räuberleben, Der Konvoi:

Beide Bücher sind nicht unbedingt die, die ich zum Kennenlernen von Hartmann empfehlen würde. Wer den Schweizer Schriftsteller mag, muss sie aber lesen.

Sir Arthur Conan Doyle:

Natürlich Sherlock: A Study in Scarlett, The Sign of the Four, The Hound of the Baskervilles, The Valley of Fear, The Memoirs of Sherlock Holmes
Empfehlenswert sind aber unbedingt auch: A Life in Letters und Sherlock Holmes Handbook von Christopher Redmond.
Dazu passen:
Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes. Ein neuer Sherlock-Holmes-Roman, der tatsächlich wirkt, als sei der große Detektiv niemals weg gewesen.
Lynnette Porter: Sherlock Holmes for the 21st century. Die Essays beschäftigen sich mit unterschiedlichen modernen Adaptionen der Figur, mal mehr, mal weniger wissenschaftlich.

Ford Madox Ford: Parade’s End

Die vier Bände um den englischen Gentleman Christopher Tietjens sind beste Unterhaltung in der Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Leider sind deutsche Ausgaben nur noch antiquarisch erhältlich.

Donna Leon: Tierische Profile

Der alljährliche Venedig-Krimi mit dem liebenswerten Commissario Guido Brunetti ist für mich ein Muss.

Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Das Erstlingswerk des österreichischen Autors über pubertierende Jugendliche in einem katholischen Internat ist überraschend modern.

John William: Stoner

Wenn sich der Klappentext vor Lobpreisungen überschlägt, werde ich skeptisch. Bei diesem Roman allerdings sind sie berechtigt: Stoner ist ein zu unrecht vergessenes großes amerikanisches Werk.

Lynnette Porter: Benedict Cumberbatch in Transition

Für Fans ein Muss – für alle anderen eine Verschwendung

Martin Sutter: Almen und die Dahlien

Wer sich in der Welt der Schönen und Reichen nicht langweilt, wird sich beim dritten Fall des Detektivs Johann Friedrich von Allmen prächtig amüsieren.

George Orwell: 1984

Meine alte Ausgabe habe ich aus aktuellem Anlass wieder aus der Regal geholt. Lesenswert wie immer.

Matt Dickinson: Die Macht des Schmetterlings:

Dieser Roman über die Chaostheorie ist eigentlich ein Jugendroman. Eigentlich. Denn er ist auch für Erwachsene spannend und beste Unterhaltung!

Daniel Domscheit-Berg: Inside Wikileaks

Nein, es ist keine Dokumentation. Und nein, das Buch ist kein literarisches Meisterwerk, sondern die Erinnerungen des Autors an seine Zeit bei Wikileaks. Lesenwert ist es allemal.

Andrew Hodges: Alan Turing – The Enigma

Eine der besten Biografien, die ich seit langem gelesen habe und ein wunderbar lesenswertes Werk über den großen britischen Wissenschaftler Alan Turing, der entscheidend mithalf, den Code der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu entschlüsseln. Leider nicht auf Deutsch erhältlich.
[Update 29. März 2014: Es gibt eine deutsche Taschenbuchausgabe im Springer-Verlag, Wien. Sie ist laut verlegerischer Notiz eine vollständige Übersetzung der englischen Ausgabe von 1983. Meine englische Taschenbuchausgabe ist eine Neuauflage von 2012, die im Gegensatz zur deutchen Ausgabe ein paar Fotos enthält.].
Dazu passt:
Alan  M. Turing – die Erinnerungen seiner Mutter Sara Turing.

Henning Mankell: Mord im Herbst

Ein neuer Fall für den schwedischen Kommissar Wallander, leider aber keine Fortsetzung.

Solomon Northup: 12 Years A Slave

Die erschütternde Lebensgeschichte eines freien Mannes, der in die Sklaverei verkauft wurde. Leider nicht auf Deutsch erhältlich.

Ian Mc Ewan – meine persönliche Entdeckung des Jahres:

Amsterdam,
Abbitte,
Honig,
Cement Garden

Von „Sherlock“ zu Sir Arthur Conan Doyle

Mit Fernsehserien ist es so eine Sache. Als Zuschauer muss man erst einmal warm werden mit den Figuren, den Schauspielern und man muss natürlich der Geschichte, die sie erzählen, Zeit geben. Zumindest etwas. Manchmal trifft man beim Durchzappen nicht nur auf etwas Neues, sondern auch auf etwas, das einen vom Schlafengehen abhält. Manchmal.

Als die BBC-Serie „Sherlock“ das erste Mal im deutschen Fernsehen lief, war ich genervt und geschockt. Die erste Folge „Eine Studie in Pink“ beginnt mit einer schrecklich lauten Szene. Wie in Sir Arthur Conan Doyles Vorlage auch, kommt Dr. John Watson aus dem Krieg in Afghanistan zurück. Doch der moderne John wird von Alpträumen geplagt –  und in einen davon wird der Zuschauer ohne Vorwarnung hineingezerrt. Kriegslärm, Schüsse, Schreie, Soldaten, die versuchen, nicht getroffen zu werden. John, der aus dem Traum hochschreckt und mühsam um Atem ringt. Das also sollte die Sherlock-Holmes-Neuauflage sein? Gefeiert und ausgezeichnet in Großbritannien? Wo war der Detektiv mit seiner altmodischen Mütze, der Pfeife und wo war überhaupt diese typische britische, leicht altmodische und chaotische Wohnung? Ich schaltete aus. Weil ich zwar nie eine Geschichte mit Sherlock Holmes gelesen, aber dennoch eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, wie sie zu sein hatte. Aus Filmen, die das Bild eines älteren langweiligen Detektivs zementierten, der umständlich argumentierte und so seine Fälle löste. Jedenfalls in meiner Vorstellung. Und die deckte sich so gar nicht mit dem, was mir „Sherlock“ präsentierte.

Eine zweite Chance

Dann aber erinnerte mich eine Kollegin, mit der ich über lesenswerte Bücher und Krimis plauderte, an „Sherlock“. „Das muss Du unbedingt anschauen. Ist richtig witzig, Sherlock ist total abgedreht und irgendwie leicht autistisch. Die Serie ist sehr spannend. Wird Dir gefallen, sie läuft gerade als Wiederholung.“ Ihre Begeisterung brachte mich dazu, der Serie eine zweite Chance zu geben –  was dazu führte, dass ich warme Sommerabende im Jahr 2012 wie festgenagelt vor dem Fernseher saß, Feuer fing und die nächsten Folgen erst aufnahm, um sie später wieder ansehen zu können. Die Original-DVDs zu kaufen war eine folgenreiche Entscheidung. Denn sie –  und das Verlangen, mehr über diese Serie und den Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch zu erfahren – brachte mich zuerst mit den Fans, die sich selbst Sherlockians nennen in Berührung (und denen, die das Cumbercollective bilden und Benedict Cumberbatch mit liebevoller Zuneigung verbunden sind).

„Sherlock“ brachte mich letztlich aber auch dazu, die Original-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle zu lesen, die ich aus mir heute unerfindlichen Gründen noch nie gelesen hatte (und ich lese sehr viel). Weder auf englisch noch in einer der zahlreichen deutschen Übersetzungen. Der Kanon also, der Steven Moffat und Mark Gatiss dazu inspirierte, „Sherlock“ zu schreiben, den berühmten Detektiv ins 21. Jahrhundert zu verpflanzen und ihn neu zu erschaffen.

„Es ist einfach Liebe.“
Steven Moffat

„Es ist einfach Liebe. Wir lieben Sherlock Holmes. Es ist ein Liebesbeweis“, sagt Steven Moffat über ihre gemeinsame Arbeit (in Media Guardian Edinburgh International Television Festival 2012) und ist dabei sichtlich bemüht, eingefleischte, traditionelle Holmes- und Doyle-Fans davon zu überzeugen, dass ihre Helden mit allem nötigen Respekt behandelt werden.
Moffat und Gatiss sind seit langem befreundet und arbeiten teilweise zeitgleich an verschiedenen Folgen der in Großbritannien seit 50 Jahren erfolgreichen Fernsehserie „Doctor Who“. Beide bekräftigen immer wieder, dass sie seit vielen Jahren Doyle-Fans sind, die das Werk und ihren Autor zutiefst verehren. Mit „Sherlock“ wollen sie nach ihren eigenen Worten zum eigentlichen Kern, dem eigentlichen Wesen, der Sherlock-Holmes-Faszination vordringen und neue Fans für Conan Doyle gewinnen. „Conan Doyles beschäftigte sich in seinen Geschichten nicht mit Gehröcken und Gaslaternen. Im Mittelpunkt standen immer brillante Entdeckungen, furchterregende Bösewichte und blutrünstige Verbrechen. Um es mal ganz offen zu sagen: Zum Teufel mit der Krinoline. Andere Detektive haben Fälle, Sherlock Holmes hat Abenteuer und nur das ist wirklich wichtig.“  („Sherlock unlocked,“ BBC, 2. Staffel, DVD).

Sherlock Holmes heute zeigen

Ihrer Ansicht nach erschuf jede Version Sherlock Holmes auf gewisse Weise immer wieder neu. Sie legte auch jeweils eine Schicht Patina auf die eigentliche Geschichte, die in der Wahrnehmung vieler nur im viktorianischen Zeitalter spielen konnte, also in der Zeit, in der Doyle seine Geschichten schrieb. „Wir kamen zu der Überzeugung, dass es am besten wäre, diese ganzen Schichten abzutragen und ‚Sherlock‘ in der heutigen Zeit zu zeigen. Mit den Figuren wie sie heute leben”, erklärt Gatiss. Das Leben, das Sherlock Holmes heute führt, ist genauso faszinierend und aufregend für die heutigen Zuschauer wie es für die zeitgenössischen Leser gewesen sein muss. Hier wie da staunt das Publikum darüber wie es Sherlock Holmes schafft, Verbrechen nur durch Beobachten und logisches Denken aufzudecken. Denn ein unverrückbarer Bestandteil der Geschichte ist die Figur des Sherlock Holmes‘ – er ist immer noch der einzige Mensch, der dazu in der Lage ist.

„Doyle und Sherlock Holmes haben ziemlich viele Dinge erfunden, die wir für selbstverständlich halten – gerade was die kriminalistische Forensik betrifft. Deshalb konnten wir nicht einfach so tun, als würde es das alle nicht geben. Also lassen wir die Polizei sich um diese ganzen Dinge kümmern. Denn Sherlock Holmes ist immer noch der einzige Mann, der diese Logik und dieses unglaubliche Gehirn hat. Das ist geheimnisvoll und faszinierend”, sagt Gatiss („Unlocking Sherlock“, BBC, 1. Staffel, DVD). Wenn man außerdem noch weiß, dass Moffat und Gatiss seit Jahren immer wieder über die Idee eines modernen „Sherlock“ nachgedacht haben, kann vielleicht auch ein konservativer Holmes-Fan seinen Frieden mit dieser Serie machen, deren Fortsetzung Ende diesen, Anfang nächsten Jahres zumindest auf britische Bildschirme kommt. (Die ARD, bei der die vorherigen Folgen liefen, bemüht sich um die Rechte, wie sie auf eine entsprechende Anfrage schrieb.)

Umweg über die Gegenwart

„Sherlock“-Fans nehmen – im Gegensatz zu konservativen, traditionellen Fans – einen Umweg. Sie verfallen erst einmal dem modernen Sherlock, der von einem brillanten Benedict Cumberbatch verkörpert wird (der außerhalb Großbritanniens durch JJ Abrams’ „Star Trek into Darkness“ bekannter wurde und der demnächst als  Julian Assange in „Inside Wikileaks“ zu sehen ist) und der mit Martin Freeman (er spielt die Titelrolle in „Der Hobbit“, dessen zweiter Teil im Dezember ins Kino kommt und der gerade in „The World’s End“ zu sehen ist) als Dr. John Watson einen kongenialen Partner gefunden hat. Die Sherlockians also diskutieren jede einzelne Szene der bisherigen Folgen, spekulieren darüber wie und wann sie fortgesetzt werden und ob die beiden Hauptdarsteller wegen ihrer anderen Verpflichtungen überhaupt noch Zeit und Lust haben, weiter in der Serie zu spielen. Früher oder später aber kommen diese Fans zurück zum Ursprung, zu Doyles Original, in der BBC-Serie unterbewusst immer präsent ist.

Anders als viele Fernsehserien ist jede „Sherlock“-Folge ein 90 Minuten Film, der in sich abgeschlossen ist und deshalb auch ohne die anderen verstanden werden kann. Aber natürlich wird man die besondere Freundschaft zwischen Sherlock und John nicht wirklich begreifen, wenn man die beiden nicht von Anfang an begleitet hat. Und es ist schlichtweg nicht möglich, sich ausschließlich mit dieser Serie zu beschäftigen, ohne einen Blick auf das Original zu werfen. Jedenfalls nicht als echter Sherlockian. Früher oder später will man wissen wie Doyle diese Szene oder dieses Gespräch geschrieben hat oder ob sich Sherlock auch bei ihm so seltsam benimmt. Denn ohne den Kanon würde es den modernen Sherlock weder geben, noch würde er für sich alleine einen Sinn ergeben.

Wie ist Sherlock im 21. Jahrhundert?

John und Sherlock suchen wie im Original auch einen Mitbewohner und besichtigen die Wohnung mit der berühmten Adresse 221B Baker Street, auf die Sherlock schon ein Auge geworfen hat.  Aber in „Sherlock“ treffen wir auf zwei nicht unattraktive Männer, Ende 30, Anfang 40. „Wir haben die beiden noch nie so jung gesehen“, sagt Steven Moffat – und natürlich haben wir sie auch noch nicht zusammen in unserer Zeit erlebt. Was wiederum genügend Raum lässt für alle möglichen Spekulationen.

„Natürlich brauchen
wir ein zweites Schlafzimmer.“
John Watson

„Es gibt oben noch ein anderes Schlafzimmer. Falls Sie ein zweites brauchen“, erklärt Mrs. Hudson bei der Besichtigung der Wohnung. (Sherlock, Eine Studie in Pink). „Natürlich brauchen wir zwei Schlafzimmer!“, sagt John überrascht –  es ist das erste Mal, dass er so reagiert und es wird ein Running Gag der Serie werden. Denn die Frage, ob zwei Männer nur deswegen zusammen ziehen, weil sie sich die Miete teilen wollen oder ob sie ein Paar sind (John lässt keine Gelegenheit aus zu betonen, dass er nicht schwul ist. Sherlock kümmert sich nicht darum, weil es für ihn schlicht nicht interessant ist) drängt sich bei einer modernen Sherlock-Holmes-Verfilmung auf.

Wenn man Sherlock Holmes ins 21. Jahrhundert verpflanzt, ist die Frage ob die beiden Hauptfiguren homosexuell sind oder nicht, nicht das einzige Problem, das man lösen muss. Wie schaut die Wohnung aus? Wie Sherlock? Wie benimmt er sich? Die Wohnung könnte zwar ein hypermodernes Loft sein. Aber sie hat stattdessen einen altmodischen Touch, sie ist etwas unaufgeräumt, aber nicht zu chaotisch und sie könnte schon seit ein paar Jahrhunderten so sein. Sherlock ist ein eher konservativer Typ mit Anzug, Mantel und Schal (nur im nie gesendeten Pilotfilm trägt er Jeans). Aber er ist auch ein Mann seiner Zeit. Er surft im Internet, schreibt SMS und E-Mails, er hat eine Webseite und schaut Fernsehen (das er mit Vorliebe korrigiert, weil er wie immer alles besser weiß).

„Manchmal spreche ich tagelang kein Wort.“
Sherlock

Aber er spielt auch Geige, komponiert, weil er so besser nachdenken kann, spricht manchmal tagelang nicht, um dann weiterzureden, als hätte er das Gespräch nie unterbrochen. Er wirkt irgendwie autistisch, abwesend, als würde er außerhalb der Gesellschaft leben – auch dann,  wenn er nicht an einem Fall arbeitet und sich ganz normale Menschen um ihn herum über ganz normale Dinge unterhalten. „Wenn ich nachdenke, spiele ich Geige. Manchmal spreche ich tagelang kein Wort. Würde Ihnen das etwas ausmachen? Wenn man sich eine Wohnung teilt, sollte man das Schlimmste voneinander wissen“, sagt Sherlock bei seiner ersten Begegnung zu John. Und zeigt damit Charakterzüge, die auch der Ur-Sherlock Holmes hat. Sie sind lediglich angepasst an unsere Zeit und unsere Sprache. „Manchmal, da blase ich Trübsal und mache tagelang den Mund nicht auf. Sie dürfen dann nicht meinen, ich wäre verärgert. Lassen Sie mich in Frieden, und ich bin bald wieder in Ordnung.”, sagt der Ur-Sherlock Holmes in „Eine Studie in Scharlachrot“.

Befreit vom Staub der Jahrhunderte

Diese Zitate und Anleihen von Sir Arthur Conan Doyle, dem genialen Schriftsteller, wie ihn Mark Gatiss gerne nennt, werden von ihm und Steven Moffat vorsichtig und mit sehr viel Respekt herausgepickt und in einen neuen Zusammenhang gebracht. So ähnlich wie Archäologen mit historischen Kunstwerke umgehen, sie behutsam, aber sorgfältig, vom Staub der Jahrhunderte befreien und ihnen einen angemessenen Platz in einer Vitrine zuweisen, so wollen Gatiss und Moffat auch ihren Umgang mit den Zitaten verstanden wissen.

„Mein Gehirn ist meine Festplatte.“
Sherlock

Wenn sich John beispielsweise über Sherlocks Unwissen über die Konstellation des Sonnensystems aufregt („Das ist Grundschulwissen! Wie kannst Du das nicht wissen?!“ Sherlock, Das große Spiel), erwidert Sherlock entnervt, dass er es gelöscht hat, falls er es denn jemals gewusst habe. Mein Gehirn „ist meine Festplatte. Und es macht nur Sinn, wirklich wichtige Dinge darauf zu speichern. Wirklich wichtige Dinge. Normale Menschen müllen ihre Hirne mit allem Möglichen zu. Deshalb können sie sich nicht an wirklich Wichtiges erinnern.“ (Sherlock, Das große Spiel) Er natürlich schon, weil er ein gut sortiertes Gedächtnis hat, auf das er jederzeit zugreifen kann und das nur Wissen speichert, das er für seine Arbeit braucht.

Im London des Ur-Sherlock gab es natürlich keine Festplatten. Wahrscheinlich gab es noch nicht einmal das Wort. Für Sherlock Holmes ist „das Hirn eines Menschen ursprünglich wie eine kleine leere Dachkammer (…), die man mit Mobiliar versehen muß, das einem genehm ist. Ein Narr nimmt allen Plunder auf, über den er stolpert, so daß das Wissen, das ihm nützen könnte, von der übrigen Menge verdrängt oder bestenfalls von all den anderen Dingen verstellt wird, so daß er es schwerlich erfassen kann.  Der geschickte Arbeiter dagegen wird sehr sorgsam mit den Dingen umgehen, die er in seine Hirnmansarde holt.” (Sir Arthur Conan Doyle, Eine Studie in Scharlachrot). Fast überflüssig zu erwähnen, dass es auch ihm herzlich egal ist, ob sich die Erde um die Sonne dreht: „Sie sagen, wir kreisen um die Sonne. Und wenn wir um den Mond kreisten – für mich oder meine Arbeit würde das nicht den geringsten Unterschied machen.“

Es sind genau diese Hinweise und Andeutungen, mit denen Sherlockians untereinander spielen und verstehen. Nicht nur, weil sie in der Fernsehserie verwendet werden und weil sie sie von dort kennen. Für echte Fans ist es ein schier unendliches Vergnügen, die Hinweise auf Doyle zu entdecken und dessen Werk gleich mit.

Erschienen in: Baker Street Chronicles, herausgegeben von Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft, Nummer 10, Herbst 2013 – diese Fassung ist leicht aktualisiert.

Zitate aus „Eine Studie in Scharlachrot“ stammen aus der Insel-Ausgabe der Werke von Arthur Conan Doyle, 7. Auflage, 2013.

Alle anderen Übersetzungen sind von mir.

You may find the English version here.

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