Tilda Finch verdient ihren Lebensunterhalt mit Sinnsprüchen, die sie auf Poster, Tassen und auf allem, was sich sonst noch anbietet, vertreibt. Zusammen mit Leith, die sie in den 1980ern auf einer Toilette kennengelernt hat und mit der sie deswegen ins Gespräch kam, weil beide die gleichen Häkel-Hotpants trugen und den gleichen Lieblingslippenstift trugen, kam beiden die Idee. Eine Idee, mit der sich gutes Geld verdienen lässt, wie sich herausstellte.
„Unsichtbarkeit, Du wirst unsichtbar.“
Doch auch Tilda holt das Alter ein und mit ihm die Erkenntnis, dass Frauen spätestens ab Mitte 40 unsichtbar, also von vielen – vor allem Männern – nicht mehr wahrgenommen, einfach übersehen werden.
Was es damit auf sich hat und wie frau damit umgeht, packt Jane Tara in den vor Klischees nur so strotzenden Roman „Mit anderen Augen“ , der – nicht zuletzt wegen der Firma „This Is A Sign“ – mit mehr oder weniger sinnbefreiten Sprüchen übersät ist.
Schade, denn der Roman fängt eigentlich vielversprechend an, denn Tilda verschwindet tatsächlich und nicht nur im übertragenden Sinn allmählich, denn einzelne Gliedmaßen scheinen von einem Moment auf den anderen zu fehlen. Ein Problem, das auch andere Frauen betrifft. Während man sich beim Lesen noch fragt, ob der Roman ins Übernatürliche, Science-Fiction-hafte kippt und ob Tilda einfach aus einem bösen Traum erwachen und wieder vollständig sichtbar sein wird, begegnet sie auch noch einem attraktiven Mann („Nimm das, Unsichtbarkeit“).
„…etwas wie eine Welle schwappte von ihren Zehenspitzen die Beine hoch (…). Ein Gefühl der Gewissheit.“
Spätestens hier wird klar, dass Jane Tara die Chance, ein wichtiges Thema in einem Roman zu verarbeiten, vertan hat. Einem Roman, der im Grunde nicht so genau weiß, ob er eine Schnulze sein will oder ein Ratgeber. Natürlich ist weder gegen das eine noch das andere etwas einzuwenden, wenn sie gut gemacht sind. Doch weil „Mit anderen Augen“ unentschlossen ist, voll ist von platten Sinnsprüchen und Selbstfindungstipps, die weder dem Thema noch betroffenen Frauen wirklich helfen, ist Jane Taras Roman nur dann originell und erhellend, wenn man es bisher geschafft hat, allen Selbstfingungs- und Optimierungstipps erfolgreich aus dem Weg zu gehen.
Jane Tara: Mit anderen Augen. Diogenes, 25 Euro. Aus dem australischen Englisch von Tanja Handels.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

