Kategorie: Bücher (Seite 1 von 13)

Reiner Lehberger: Die Schmidts

Beeindruckende Zahlen und beeindruckende Leben: Hannelore “Loki” und Helmut Schmidt kannten sich 81 Jahre lang, waren fast 70 Jahre verheiratet und über 40 Jahre ein Paar von öffentlichem Interesse. Selbst wer sich nicht so sehr für deutsche Politik interessiert, stößt früher oder später auf das Ehepaar Schmidt, das sich schon zu Schulzeiten kannte und auch nach Helmut Schmidts Kanzlerschaft im öffentlichen Bewusstsein geblieben ist.

“Das Kanzlerpaar Schmidt war ein reibungslos funktionierendes politisches Team geworden, ihre offenbar aufrichtige gegenseitige Unterstützung war für jedermann ersichtlich.”

Reiner Lehberger zeichnet in “Die Schmidts – Ein Jahrhundertpaar” nicht nur eine Doppelbiografie, sondern lässt auch einen Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wieder lebendig werden. Die Ehepartner, gleichermaßen bodenständig, weltoffen und hanseatisch pragmatisch, bleiben einander ein Leben lang zugetan. Freilich blieben in den langen gemeinsamen Jahren Probleme nicht aus, und es ist offenbar Loki zu verdanken, dass die Ehe an einer langjährigen Affäre Helmut Schmidts nicht zerbrochen ist. Dass sie es war, die ihrem Mann die Trennung angeboten hat, ist wohl auch ein Zeichen für das moderne Rollenverständnis, das Loki Schmidt als Ehefrau des Bundeskanzlers lebte. Blieben Kanzlergattinnen vor ihr buchstäblich einen Schritt hinter ihrem Ehemann und bestenfalls schmückendes Beiwerk, verstand sich Loki von Anfang an als Unterstützerin ihres Mannes, griff eigene Themen auf und brachte mit ihrer Stiftung das Thema Naturschutz ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, beispielsweise mit der “Blume des Jahres“, die seit 1980 ausgewählt wird und auf gefährdete Arten aufmerksam machen will.

“Als sie (Loki Schmidt) Bonn Ende 1982 verließ, war sie zu einer der führenden Persönlichkeiten im deutschen Naturschutz avanciert.”

Aus eben dieser Öffentlichkeit verschwanden weder Loki noch Helmut Schmidt nach dem Ende seiner Kanzlerschaft. Beide schrieben zahlreiche Bücher, Helmut Schmidt blieb bis zu seinem Tod Mitherausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, hielt zahlreiche Vorträge und war als Elder Statesman gefragt.

Reiner Lehbergers Perspektive auf “Die Schmidts” ist trotz der Nähe nie effekthascherisch und faktensatt. Ein umfangreiches Fußnoten- und Literaturverzeichnis runden das Buch ab.

Reiner Lehberger: Die Schmidts, Atlantik, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Die Brüder Schwagintweit brechen 1854 zu einer Forschungsexpedition auf, die die größte ihrer Zeit werden sollte – wohl auch, weil sie vom berühmten Alexander von Humboldt unterstützt wurden. In ihrem Dienst ist Bartholomäus, ein Zwölfjähriger, der eine ganze Reihe an Sprachen spricht und der ihr Übersetzer wird. Bartholomäus macht sich zusammen mit den Forschern auf die Expedition durch Indien und in den Himalaya. Auf ihrer durchaus beschwerlichen Reise muss der Junge nicht nur eigene Probleme überwinden. Die Deutschen, die auch für die britische Ostindien-Kompanie” unterwegs sind,  geraten auch immer wieder in die Machtspiele zwischen England, Russland und China um die Vorherrschaft auf dem zentralasiatischen Kontinent – eine Verstrickung, mit der Bartholomäus nicht gerechnet hat und die er wohl aus seiner beschränkten Sicht gar nicht einzuordnen vermag.

“Jede Sprache schenkt mir ein anderes Zuhause.”

Schließlich will der Junge, der bisher nur in Bombay gelebt hat, nur eines: sein Museum der Welt gründen, ein Museum, das so ganz anders sein wird als das British Museum, das für die Vickys genannten Engländer ein Tempel ist, der sich daran erinnert, wer sie wirklich sind – meint Bartholomäus.

Christopher Kloeble erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Perspektive des fiktiven zwölfjährigen Jungen und der verwendet natürlich für ihn gängige Begriffe, die dem Leser aber so unbekannt sein mögen wie die geschichtlichen Details der Kolonialisierung Indiens. Dennoch entwickelt der Roman einen eigenen Sog, dem man gerne folgt. Jedes Buch öffnet die Tür in eine ganz neue Welt, die wir vorher nicht kannten. “Das Museum der Welt” ist ein wunderbares Beispiel dafür.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt, dtv, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium

Die Dunkelheit soll fern bleiben in diesem geheimnisvollen Schloss, in dem der Ich-Erzähler immer leistungsfähigere Glühlampen konstruieren soll. Doch es geht nicht nur um Forschungsprojekte, denn alle Ausgänge werden streng bewacht und der einzige Weg aus diesem Gefängnis scheint nur mit Hilfe des geheimnisvollen Zauberbuchs mit der Nummer 908’809 auffindbar zu sein. Und als wäre das nicht schon Fantasy genug, gibt es auch noch ein Ungeheuer im See, der das Schloss umgibt, eine Hexe nebst Drachen, die im Wald haust und natürlich die Wachen im Schloss, die verhindern, dass die Insassen die ihnen zugeteilten Räume verlassen.

“Sie werden noch auf lange, unbestimmte Zeit hier bleiben.”

Matthias A.K. Zimmermann entführt in seinem Roman “Kryonium – Die Experimente der Erinnerung” den Leser in eine Welt, in der nichts so zu sein scheint, wie es auf den ersten Blick wirkt. Glaubt man zunächst, dass der Ich-Erzähler ein Gefangener ist, der zu seiner Arbeit gezwungen wird, entpuppt sich das Gefängnis im Schloss als Psychiatrie, der Wald als Park und das Ungeheuer als Stadt – oder doch nicht?

Es sind keine neuen Motive, nichts, was man nicht schon so oder so ähnlich gelesen (oder gesehen) hätte, aber wenn man sich erstmal mit der Handlung und den Figuren angefreundet hat (was ja nicht gegen das Buch spricht), dann entfaltet der Autor eine Spannung, auf die man sich gerne einlässt. Wer Fantasy mit einer Portion Science-Fiction mag, sollte der Welt von “Kryonium” eine Chance geben.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium, Kadmos-Verlag, 19,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Corona: Bücher gegen Langeweile

Es ist eine seltsame Atmosphäre, die sich mit dem Corona-Virus breitgemacht hat. Wer sich zu den gewohnten Zeiten auf dem Weg zur Arbeit macht, fährt durch weniger belebte Straßen, es sind kaum Fußgänger und Fahrradfahrer unterwegs. Und: es ist stiller.  In Gesprächen, ob real oder virtuell gibt es nur das Thema Corona und wie man mit den völlig ungewohnten Umständen zurecht kommt, jetzt, da sich das Leben zwangsweise ins eigene Heim zurückzieht. Was also tun, um nicht mehr als unbedingt nötig nach draußen zu müssen? Lesen, denn Bücher gehen  immer – hier ein paar Vorschläge:

Robert Galbraith: Cormoran Strike-Romane: Zugegeben: Ich bin  Cormoran Strike verfallen, also dem Detektiv,  der in mittlerweile vier Romanen von seiner mal mehr mal weniger dem Bankrott geweihten Detektei der Gerechtigkeit in London zu Sieg verhelfen will. Der ehemalige Soldat, der bei einem Anschlag in Afghanistan so schwer verletzt wurde, dass ihm ein Unterschenkel amputiert werden musste, ist trotz seiner grummeligen Art ein scharfsinniger Ermittler und im Grunde ein wunderbarer Mann. Wer sich für Detektivgeschichten begeistert und London mag, sollte dieser Reihe – die JK Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt  – eine Chance geben. Wie bei Buchreihen, bei denen sich die Charaktere nach und nach entwickeln, sollte man beim ersten Roman “Der Ruf des Kuckucks” (10,99 Euro) beginnen. Denn die jeweilige Handlung in den einzelnen Romanen ist zwar in sich abgeschlossen, bauen aber dennoch aufeinander auf. Auf Deutsch sind alle Bände bei Randomhouse erschienen.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage: Ein Frauenroman, der alles andere als kitschig ist, sondern der erste Band einer vielversprechenden Trilogie. Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt wird, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden. “Leuchtende Tage “ist bei dtv erschienen und kostet 15,90 Euro.

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten: Langweilig ist sie nicht, die Familie Sorensen. Das betrifft die Eltern Marilyn und David, die nach 40 Ehejahren nicht nur glücklich, sondern auch immer noch verliebt sind und das bei jeder Gelegenheit – auch unpassenden wie ihre Töchter finden – zeigen. Für die ist die Vorzeigeehe ihrer Eltern ein Vorbild, vom dem sie wissen, dass sie es nie erreichen werden und willkommener Anlass, Anstoß am elterlichen Verhalten zu nehmen. “Den größten Spaß, den wir je hatten” ist ein Buch, das man am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Erschienen ist der 720-Seiten-Roman bei dtv und kostet 25 Euro.

Hartmut Lange: Der Lichthof: Wer keine längeren Stücke lesen kann oder mag, sollte es einmal mit den Novellen versuchen, die in diesem Band versammelt sind. Hartmut Lange erzählt Geschichten aus dem Alltag, die jeweils ganz eigene, unerwartete Wendungen nehmen. “Der Lichthof” ist bei Diogenes erschienen und kostet 22 Euro.

André Aciman: Fünf Lieben lang: Ein Buch voller Geschichten über die Liebe, ganz im Stil von “Call me by your name” – beide Bücher sind bei dtv erschienen.

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung: Wenn ein neues Buch erschienen ist, dann schicken Verlage ihre Autoren gern auf Lesereisen, vor allem dann, wenn die Buchverkäufe ein wenig angekurbelt werden sollen.  Logisch, dass das auch für Schiller und Goethe gilt, ungeachtet der Tatsache, dass die mittlerweile 260 und 270 Jahre alt sind. Eine witzige und in sich stimmige Geschichte, die man unbedingt bis zum Ende lesen will. Das Buch ist bei dtv erschienen und kostet 14 Euro.

James Rhodes: Playlist: Ein Buch über klassische Musik mit dem Format einer LP, dem Layout eines Comics und einer eigenen Playlist bei Spotify – was sich ungewöhnlich liest, ist für den britischen Pianisten, der in Spanien lebt, eine der Methoden, mit denen er versucht, Menschen für klassische Musik zu begeistern. Wer sich einlässt, wird auch mit nicht so guten Englischkenntnissen (das Buch liegt nicht auf Deutsch vor) und wenig Wissen über Klassik, Neues entdecken und sogar dabei entspannen. Das großformatige Buch ist bei Wren & Rook erschienen  und über jede Buchhandlung für ca. 30 Euro bestellbar.

Tom Mole: The Secret Life of Books: Ebenfalls derzeit nur auf Englisch verfügbar ist dieses Buch über Bücher. Es erzählt spannend und unterhaltsam und vermittelt gleichzeitig viel Wissenswertes über Bücher, warum sie uns faszinieren, uns ein Leben lang begleiten und gleichzeitig eine ganze Menge über uns verraten. Es ist erschienen bei Elliot & Thompson, ca. 10 Euro.

 

Annette Dittert: “London Calling” als Taschenbuch

Sie ist immer noch da. Annette Dittert, die ARD-Korrespondentin lebt immer noch auf ihrem Hausboot im Londoner Stadtteil Little Venice. Und das, obwohl die Hoffnung verflogen ist. Die Hoffnung, dass der Brexit irgendwie doch nicht stattfinden würde. Im Wissen um die politische Lage von heute wirken so manche Beschreibungen in “London calling” wie Erinnerungen an eine gute alte Zeit, die so schnell nicht wiederkommen wird. Annette Dittert, so schreibt sie in dem neuen Vorwort für die Taschenbuchausgabe, wird erstmal in London , “weiterhin der schönsten Stadt der Welt”, bleiben, denn die journalistische Arbeit wird jetzt erst recht wichtig werden.

“Was bleibt, ist ein bleierner Schwebezustand. Kaum der richtige Zeitpunkt, um lebenswichtige Entscheidungen zu treffen.”

“London Calling” ist eine Liebeserklärung an eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet – und ein wunderbares Buch für Londonfans. Den ausführlichen Blogeintrag zur gebundenen Ausgabe gibt es hier.

Annette Dittert: London Calling. Als Deutsche auf der Brexit-Insel. Atlantik-Taschenbuch, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Graham Swift: Wir sind da

Um ihn vor den Bombenangriffen der Deutschen zu schützen, wird Ronnie von seinen Eltern von London nach Evergrene in Oxfordshire geschickt. Das Ehepaar Penelope und Eric Lawrence nimmt ihn auf, weil sie glauben, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu müssen. Doch aus der vermeintlichen Pflicht entsteht eine gegenseitige Dankbarkeit. Ronnie entdeckt gleichsam eine Welt außerhalb Londons, in der es ein großes Haus,  einen Garten und ein Auto gibt. Prägend für sein weitere Leben wird aber die Zauberkunst von Eric Lawrence sein, der ihm seine Zauberausrüstung vermacht und ihm so hilft, seinem Traum ein Zauberer zu werden, wahr zu machen. Zusammen mit Evie und seinem Freund Jack treten sie im Seebad Brighton in den 1950er Jahren auf. Doch das Glück endet abrupt als aus Freunden Rivalen werden – und Ronnie plötzlich verschwindet.

“Er war wie ein Geschenk, das sie freudig entgegennahmen.”

Graham Swift schreibt auch in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman “Da sind wir” über die Irrungen und Wirrungen im Leben ganz normaler Menschen, darüber wie Beziehungen entstehen, wie sie enden und welche Auswirkungen das auf die Beteiligten hat. Gleichzeitig entwirft Swift das Bild einer Zeit, die nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs den Aufbruch in eine bessere Zeit versprach, in der Varietés und Seebäder ihre ganz eigene, glitzernde Anziehungskraft entfalteten.  Eine Anziehungskraft, der sich der Leser des Romans nicht entziehen kann – dank des großen Erzählers Graham Swift.

Graham Swift: Wir sind da, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Daniela Krien: Muldental

Die Wende in der DDR war zweifellos für viele Menschen ein riesiger Einschnitt in ihrem ganz persönlichen Leben. Gleichsam von einem Tag auf den anderen war nicht nur ein Staat verschwunden. Viele ehemalige DDR-Bürger wurden auch ihrer Existenz beraubt, sie verloren ihre Arbeit, mussten mit völlig neuen Umständen zurechtkommen – und schafften das nicht, jedenfalls die Figuren, die Daniela Krien in den Kurzgeschichten ihres  Bandes “Muldental” beschreibt, der jetzt in einer Neuauflage vorliegt. Sie alle verbindet eine Trostlosigkeit, die sie zu Außenseitern im eigenen Land, in der eigentlich so vertrauten Umgebung werden lässt, sie sind enttäuscht, fühlen sich betrogen, sind deprimiert und finden Zuflucht in Alkohol und Gewalt gegen Menschen und Sachen.

“Niemand hat sie darauf vorbereitet. Da, wo sie herkommt, ist es besser gewesen, die wahren Gedanken zu verschweigen (…)”

Der Erzählband ist keine einfache Lektüre, denn der Leser findet weder ein versöhnliches Ende, noch Figuren, die es schaffen, aus ihrem trostlosen Leben auszubrechen. Daniela Krien zeigt ausschließlich Wendeverlierer, die aus verschiedenen Gründen im Leben gescheitert sind. Schade nur, dass die meisterhaft knappe Sprache lediglich beschreibt, was Klischees über Ossis und Wessis bereits zur Genüge getan haben oder leider immer noch tun.

Daniela Krien: Muldental. Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Hartmut Lange: Der Lichthof

Kurze Geschichte  – in  diesem Fall Novellen – sind eine wunderbare Möglichkeit, neue Autoren kennenzulernen und natürlich in neue Gedankenwelten einzutauchen. Ich muss zugeben, dass ich bisher noch nichts von Hartmut Lange gelesen habe, mich aber die Buchvorschau des wunderbaren Diogenes-Verlags neugierig gemacht hat.

“Hatte Dennis nicht vor kurzem erst, als sie nachts auf dem Sofa lag, angerufen und behauptet, er würde sich ihretwegen Sorgen machen?”

Die erste, titelgebende Novelle “Der Lichthof”, erzählt ebenso wie der Rest der Novellen etwas Alltägliches. Hannelore wird von ihrem Mann Dennis verlassen, und das, obwohl sie erst in eine neue, große Altbauwohnung gezogen sind. Eine schöne Wohnung, die sie gemeinsam eingerichtet haben und in der nur das Badezimmer, das zu einem schäbigen Lichthof liegt, nicht vorzeigbar ist.

Thorsten Gruber will ans Meer fahren, weil er meint, sich so besser auf seine neue Rolle in einem Theaterstück vorbereiten zu können.
Susanne und Wolfgang lassen sich auf ihrer Reise Richtung Italien von einem Navi leiten und der emeritierte Politik-Professor Ronnefelder schläft in einem zersägten Ehebett.

Bis auf die letzte Novelle “In eigener Sache”, die die Kindheitserinnerungen des Autors an Flucht und Vertreibung verarbeitet, bergen die vier vorherigen in ihrer banalen Alltäglichkeit etwas Überraschendes, Unerklärbares, das zwar nicht erklärt wird, aber dennoch in den Kontext der jeweiligen Handlung passt. Das liegt an der  Erzählweise Hartmut Langes, die in ihrer Unaufgeregtheit an die von Benedict Wells und Ian McEwan erinnert und die die Geschichten so nachhaltig macht, dass man gern über sie nachdenken will.

Hartmut Lange: Der Lichthof. Novellen. Diogenes, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Francis Fukuyama: Identität

Die westlichen, liberalen Demokratien sind in der Krise – weil sie (noch) nicht in der Lage sind, ihre eigene Kultur höher einzustufen als die Kulturen, die demokratische Werte ablehnen. Hinzu kommt, dass Menschen es nicht mehr akzeptieren, respektlos behandelt zu werden. Wenn also Demokratien es wieder schaffen, zu “umfänglichen Versionen gegenseitigen Respekts zurückzukehren” und die Europäische Union darüber hinaus eine nationale Identität neu definiert (und im Idealfall eine eigene Staatsbürgerschaft schafft), kann eine Gesellschaft entstehen, deren Demokratie stabil ist und gleichzeitig offen für Zuwanderung.

Das ist – zugegeben – zugespitzt das, was Francis Fukuyama in “Identität” beschreibt und dabei geschichtlich gesehen weit ausholt. Doch er bleibt die Frage schuldig, wie das alles erreicht werden soll, schließlich bewertet seiner Ansicht nach eine “äußere Gesellschaft” das authentische innere Selbst falsch und unfair. Doch eine Gesellschaft, die jedem einzelnen inneren Selbsts Genüge tut, kann es genauso wenig gehen, wie einen einfachen Zugang zu “Identität”, das jetzt als Taschenbuch vorliegt.

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann und Campe, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Alexander von Humboldt: Der andere Kosmos

Es ist in der Tat ein ganzer Kosmos in “Der Andere Kosmos”, den die Herausgeber Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich vorlegen, nimmt es den Leser doch mit auf eine Reise durch 70 Jahre und zu 70 Orten – alle verbunden durch Alexander von Humboldt und die 70 Texte, die dieser Band versammelt. Der große deutsche Forscher war schon zu seiner Zeit eine Berühmtheit, nicht zuletzt dank  weltweit rund 1000 Texten, die  zu seinen Lebzeiten (1769-1859) veröffentlicht wurden.

In einer Zeit, in der das Internet noch nicht einmal erdacht worden war, platzierte Humboldt seine Texte gezielt in unterschiedlichen Zeitschriften, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen  – man kann sich durchaus vorstellen, dass er heute auf verschiedenen Plattformen unterwegs wäre, Fotos seiner Reisen auf Instagram posten würde und einen Blog hätte. Ganz Werber in eigener Sache nutzte Humboldt Briefe, die er auf seinen Reisen an Freunde, Kollegen und Redaktionen in Europa schickte, als “mobiles Medium der Reportage”, wie es im Vorwort heißt. Heute würde man sagen, dass ihn seine Fans live verfolgen konnten.

“Alexander von Humboldt war der internationalste Publizist seiner Zeit.”

“Der Andere Kosmos” versammelt vollkommen unterschiedliche Themen, die von Humboldts Protest gegen Rassismus und für die Emanzipation der Juden ebenso reichen wie Kenntnisse über seine Reise nach Amerika vermitteln, dessen Beobachtungen Humboldt sein ganzes Leben lang auswertete, wie es im Vorwort heißt.

Wer schon vor der Lektüre glaubte, Alexander von Humboldt nicht gerecht werden zu können, wird sich mit diesem Band bestärkt fühlen und ihn – nicht zuletzt wegen seiner hochwertigen Aufmachung – dennoch immer wieder fasziniert zur Hand nehmen.

Alexander von Humboldt: Der andere Kosmos, dtv, 30 Euro.
Das Buch wurde mit freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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