Kategorie: Bücher (Seite 1 von 12)

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman

Das Auswärtige Amt ist auf der Suche nach einem Schriftsteller. Aber nicht irgendeinen und nicht für irgendeinen Zweck. Das Auswärtige Amt der Reichsregierung will, dass der Roman “einer größeren Öffentlichkeit” die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 erklärt. Wer der Schuldige sein soll, das soll im Jahr 1918 selbstverständlich nicht der Fantasie des Schriftstellers überlassen bleiben. Denn die Behörde gedenkt, die Kriegsschuld den Freimaurern in die Schuhe zu schieben. Dafür bekommt Gustav Meyrink, der auserwählte Schriftsteller, eine Zugfahrkarte erster Klasse spendiert, damit er nach Berlin kommen und vor Ort die Details erörtert bekommen soll. Weil er das Geld gut gebraucht kann, willigt Meyrink in das Geschäft ein.

“Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen.”

Christoph Poschenrieder widmet sich in “Der unsichtbare Roman” dem historischen  Gustav Meyrink und Autor des “Golem” und verarbeitet die historisch verbriefte Verbindung mit dem Auswärtigen Amt des Deutschen Reichs zu einer Geschichte, in die immer wieder Recherchenotizen eingestreut werden. Sie weisen zum einen auf die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse hin, gewähren aber zum anderen auch Einblick in die Arbeit des Schriftstellers selbst – wobei offen bleibt, ob es die Arbeit Poschenrieders oder Meyrinks ist. Dabei schafft es Poschenrieder das nicht gerade leichte Thema so zu erzählen, dass sich die Frage ob es denn immer noch mehr Romane, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs angesiedelt sind, braucht, nicht stellt.

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

Es hat etwas trauriges, wenn ein Autor erst nach seinem Tod bekannt wird und seine Romane erst dann als wichtige Literatur anerkannt werden. So erging es John Williams, dessen Roman “Stoner” (erstmals gedruckt 1965) hierzulande 2013 erstmals überhaupt auf Deutsch erschienen ist.  Daher ist es wenig sinnvoll, die Biografie “Der Mann, der den perfekten Roman schrieb” von Charles J. Shields zu lesen, ohne vorher ein Buch von Williams selbst (am besten natürlich “Stoner”, auf den werbewirksam auf dem Titel des Schutzumschlags hingewiesen wird) gelesen zu haben. Zumindest wenn man – wie ich – nach der Lektüre des ersten Buches eines zuvor unbekannten Autors mehr über diesen wissen will.

“[Williams] war überzeugt, dass ein Schriftsteller mehr gelesen haben musste als jeder Wissenschaftler.”

Dann erfährt man mit Hilfe der akribisch recherchierten  und ausführlich dokumentierten Biografie, die auch auf die anderen Werke John Williams’ eingeht, dass dieser ähnlich wie seine Figur Stoner immer auf der Suche war. Und dabei wusste, dass er ein brillanter Schriftsteller war, der allerdings in einer Zeit schrieb, in die seine gleichermaßen leisen wie eindringlichen Werke nicht passen wollten. Symptomatisch mag es daher sein, dass sein Roman “Butcher’s Crossing” (erschienen 1960) als Western bezeichnet wurde, obwohl es darin nur vordergründig um den Wilden Westen und die Büffeljagd geht. Williams war zwar ein anerkannter Universitätsprofessor, aber er träumte zeitlebens davon, ein erfolgreicher Schriftsteller zu sein. Ein Traum, der unerfüllt blieb.

Wer sich auf die Lektüre einlässt, wird mehr von John Williams lesen wollen.

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb. dtv, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher meines Jahres 2019

Bilanz zu ziehen am Ende eines Jahres gehört irgendwie dazu – für mich ist es die Bilanz über die Bücher, die ich im zu Ende gehenden Jahr 2019 gelesen habe. Im Vergleich zu 2018 habe ich tatsächlich ganze zehn Bücher mehr gelesen. Liegt es daran, dass ich mehr Bücher auf Deutsch gelesen habe oder schlicht daran, dass die Bücher nicht zu dick waren?

Meine Bilanz:
Gesamt: 46
Deutsch: 27
Englisch: 19
E-Books: 7 (auf dem Tolino gelesen)
Hörbücher: 2

Woran ich mich gerne erinnere
Kate Connolly: Exit Brexit – inmitten all der Irrungen und Wirrungen, in denen ich mehr über die britische Demokratie und deren parlamentarische Gewohnheiten (inklusive Mr Speaker John Bercow)  gelernt habe, als mir mitunter lieb war, bleibt das wunderbare Buch der deutschen Korrespondentin des Guardian ein liebenswerter Einblick in einen deutsch-britischen Haushalt. Und das Versprechen, dass die beiden Länder mehr verbindet als trennt.
Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft: Zugegeben, die Erinnerung von Hape Kerkeling habe ich erst gelesen, nachdem ich den wunderbaren gleichnamigen Film gesehen habe. Geliebt habe ich beides. Denn man lacht, man weint, man schüttelt den Kopf, nickt wissend und fühlt sich bestens unterhalten.
Tom Mole: The Secret Life of Books – weil man es mehrmals lesen muss, um die vielen interessanten Fakten über Bücher und weshalb sie uns begleiten, zu behalten.
Astrid Ruppert: Leuchtende Tage: Ein Roman über Frauen der Familie Winter, der ein vielversprechender Auftakt einer Trilogie ist, mit der man gerne Nachmittage verlesen will.
Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten ist das beste Beispiel für ein Buch, das ich ohne den entsprechenden Buchtipp nie gelesen hätte.

Neue und alte Begleiter
Die Autoren Donna Leon, Ian McEwan und Lukas Hartmann, ihre Werke und Figuren begleiten mich seit Jahren. Relativ neue Bekannte sind André Aciman und Robert Galbraith.

David Wagner: Der vergessliche Riese

Auf einmal ist sie da, die Erkenntnis, dass der eigenen Vater nicht nur alt, sondern auch nicht mehr derselbe ist. Obwohl erst 71 und noch recht rüstig, vergisst der Vater das, was gerade gewesen ist, aber auch das, was schon Jahre zurück liegt. Wann seine Frau gestorben ist, wo er wohnt oder wie lange er sein Auto schon hat. Aber er weiß, dass er in dem Haus nicht allein leben möchte. Der Sohn, der Ich-Erzähler, der in Berlin wohnt und der in den vergangenen Jahren nur sporadisch Kontakt zu einem Vater hatte, kümmert sich nun regelmäßig um ihn. Gemeinsam besuchen sie Orte, die für den Vater wichtig waren und an die er sich nicht immer erinnert.

“Weißt du, Freund, für mich ist jeder Tag und jede Stunde neu.”

David Wagner beschreibt in “Der vergessliche Riese” wie Demenz einen Menschen verändert, ihn aber dennoch in seiner unverwechselbaren Persönlichkeit erkennbar lässt. Das ist zutiefst berührend, gleichermaßen witzig und traurig und zeigt, dass Demenz auch Nähe zwischen  Sohn und Vater schafft, die seit Jahren nicht mehr existiert hat. Sie gibt aber auch die Möglichkeit, Abschied zu nehmen – vom Vater und von der Vergangenheit, von der eigenen Kindheit. “Der vergessliche Riese” ist keine einfache Erzählung. Sie ist aber in ihrer Unaufgeregtheit und leisen Sprache meisterhaft.

David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher für Weihnachten 2019

Es soll ja Leute geben, für die Bücher als Geschenke nicht in Frage kommen. Sei es, weil sie selber weder lesen noch überhaupt einen Bezug zu Büchern haben, sei es weil sie keinen zu Beschenkenden haben, der sich über Bücher freuen würde. Für mich – und hoffentlich auch für die regelmäßigen Besucher dieses Blogs (Danke!) – sind Bücher etwas Wunderbares und als Geschenke immer willkommen.  Wer noch auf der Suche nach einem Buch ist, wird vielleicht hier fündig:

Neuentdeckung:
Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten  (dtv, 25 Euro) ist die Geschichte der Familie Sorensen. Die Eltern Marilyn und David sind nach 40 Ehejahren immer noch ineinander verliebt – ein Vorbild, das für ihre Töchter nicht immer leicht zu ertragen ist. Claire Lombardos Erstlingswerk ist ein wunderbarer Schmöker, leicht und dennoch nicht banal erzählt, den man nur ungern aus der Hand legt.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage (dtv, 15,90 Euro) ist das, was man landläufig als “Frauenroman” bezeichnet, denn er erzählt die Geschichte der Frauen der Familie Winter über drei Generationen hinweg. Der erste Band einer Trilogie hat nur den Fehler, dass die Folgebände noch nicht erschienen sind.

Tom Mole: The Secret Life of Books (Elliott & Thompson, 16,40 Euro) – das es meines Wissens nicht auf Deutsch gibt – ist das Geschenk für den Buchliebhaber unter den Freunden, der bestimmt das ein oder andere lernen wird, das er noch nicht über Bücher gewusst hat.

Wiederbegegnung:
André Aciman: Fünf Lieben lang (dtv, 22 Euro): Wer  “Call me by your name – Ruf mich bei Deinem Namen” liebt, wird auch dieses Buch lieben, das aus fünf unterschiedlich langen Geschichten besteht.

Lieblingsschriftsteller:
Keine Buchtipps ohne einen Hinweis auf  Ian McEwan, dessen “Kakerlake“(19 Euro) gerade erst erschienen ist. Alle seine Bücher sind bei Diogenes in durchweg sehr guten Übersetzungen erhältlich.
Fehlen dürfen auch nicht Lukas Hartmann, der in diesem Jahr “Der Sänger” (Diogenes, 22 Euro) vorgelegt hat und Bernhard Schlink, dessen neuester Roman “Olga” heißt.
Wer London und Detektivromane mag, für den sind Robert Galbraiths Cormoran-Strike-Romane ein passendes Geschenk. Anfangen sollte man  mit dem ersten Band der Reihe “Der Ruf des Kuckucks” (Randomhouse, 10,99 Euro) und unbedingt die Verfilmung (unter dem Titel “Strike”) mit Tom Burke in der Hauptrolle anschauen.
Bisher nur auf Englisch erschienen ist “Playlist” (Wren & Rook, ca. 29 Euro) des wunderbaren James Rhodes.  Der englische Pianist bringt seinen Lesern auf seine ganz eigene Weise klassische Musik im wahrsten Sinne des Wortes nahe – ganz ohne schwarzem Anzug und Fliege.

Ian McEwan: Die Kakerlake

“Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesen Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.” 

Ein Anfang, der in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Bernhard Robben noch mehr ans Franz Kafkas “Die Verwandlung” erinnert und der den Leser mitnimmt auf eine Entdeckungsreise in die Hinterzimmer der britischen Regierung. Doch Ian McEwan hat in “Die Kakerlake” den Premierminister ihrer Majestät in ein riesiges Insekt verwandelt oder die Kakerlake in die Hülle des Premiers gesteckt – und mit ihm sein ganzes Kabinett. Gemeinsam wollen sie das Vereinigte Königreich verändern, es von der “schmählichen Knechtschaft” befreien und den Reversalismus durchsetzen. Der Weg des Geldes wird umgekehrt, Arbeiter  und Angestellte bezahlen ihre Arbeitgeber dafür, dass sie arbeiten dürfen und Großbritannien wird andere Länder für ihre Exporte bezahlen.
Das klingt absurd und witzig – ganz genauso wie der Brexit und die damit verbundenen Sonderlichkeiten, von denen man nicht glaubt, dass es noch eine Steigerung gibt. Bis zur nächsten Meldung.

“In einer solchen Zeit fragt sich ein Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben.” Ian McEwan

“Die Kakerlake” ist eine bitterböse Satire über den Brexit und die damit zusammenhängende Politik und ihre Politiker, die in das Mutterland der Demokratie Chaos gebracht haben, in dem die “Order”-Rufe des ehemaligen Speaker des Unterhauses, John Bercow, nichts ausrichten konnten (Ob daran  die zum Zeitpunkt dieses Blogeintrags noch ausstehenden erneuten Wahlen im Dezember etwas ändern können, bleibt abzuwarten). Wer Ian McEwans bisherigen Werke kennt, weiß, dass er beispielsweise schon in “Ein Kind zur Zeit” Elemente aus dem Bereich der Science-Fiction verarbeitet hat – und dass er das auf eine so wunderbare Art und Weise macht, wie es nur ein großartiger Schriftsteller kann.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Diogenes,19 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Find the English blog entry for “The Cockroach” here  and more on Ian McEwan here.

John Sykes: Exploring London with Sherlock Holmes – Mit Sherlock Holmes durch London

Wie lernt man eine Sprache? Indem man sie spricht, hört…und liest. Weil das aber mitunter recht langwierig und  schwierig ist, hilft es, etwas zu lesen, was spannend geschrieben ist. Wenn das Buch dazu noch zweisprachig daher kommt, umso besser.

John Sykes nimmt den Leser in “Exploring London with Sherlock Holmes – Mit Sherlock Holmes durch London”  mit auf Streifzüge durch London und wer wäre als Begleiter besser geeignet als Sherlock Holmes und Doctor Watson? Neben den Fällen, die die beiden berühmten Figuren lösen, gibt Sykes Hinweise auf die Wege, die Holmes und Watson in den Geschichten zurücklegen und erklärt, was es mit einigen  der berühmten Londoner Landmarks wie der Westminster Abbey oder den Houses of Parliament auf sich hat. Außerdem begegnet man einigen berühmten historischen Personen wie  Maria Stuart oder Guy Fawkes.

“When you have excluded the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.”

“Schließt man das Unmögliche aus, bleibt – wie unwahrscheinlich auch immer sie einem vorkommen mag – die Wahrheit.” Sherlock Holmes

Zweisprachige Texte im dtv sind immer eine Überlegung wert, wenn man gerne in einer Fremdsprache lesen möchte, aber noch nicht auf Hilfestellungen verzichten will. Die Fremdsprachentexte bieten auf der linken Buchseite den Text im Original, auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung, so dass man nicht nur den deutschen Begriff einzelner unbekannter Worte, sondern auch den ganzer Sätze schnell erfassen kann. So ist das Englisch in “Exploring London” leicht, aber nicht zu banal oder herablassend – was ebenso für die sorgfältige deutsche Übersetzung und die Erklärungen gilt.

John Sykes: Exploring London with Sherlock Holmes – Mit Sherlock Holmes durch London, dtv zweisprachig/Texte für Fortgeschrittene, 10.50 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage

Lisette ist alles andere als ein Kind nach den Vorstellungen seiner Zeit. Geboren 1888, im Drei-Kaiser-Jahr, hatten Kinder unauffällig zu sein, sich nach den Erwachsenen zu richten und – wenn sie Mädchen waren – im heiratsfähigem Alter eine gute Partie zu machen. Doch anstatt sittsam zu sein und sich in ein Korsett zwängen zu lassen, begehrt Lisette auf, gegen ihre Eltern und gegen die Konventionen ihrer Zeit. Anstatt den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, verliebt sie sich in den Schneider Emile, verlässt für ihn ihr großbürgerliches Elternhaus und entwirft  Reformkleider.

“Die ständig neuen Einschränkungen und Widerstände forderten Lisette heraus. Genau dagegen galt es anzustürmen. Durch Emile fand sie dafür den Mut.”

Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt werden, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden.

Im ersten Band einer Trilogie erzählt Astrid Ruppert über die Frauen der Familie Winter – was “Leuchtende Tage” natürlich zu einem Frauenroman macht. Doch fernab der Frage, weshalb Bücher in Kategorien eingeteilt werden müssen (am liebsten noch in “gut” oder “schlecht”), ist “Leuchtende Tage” eine Geschichte, die wunderbar unterhält und dabei nie zu kitschig oder zu banal wird. Schade nur, dass auch die schönste Geschichte einmal zuende geht und man sich dabei ertappt, ungeduldig auf den nächsten Teil zu warten.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage, dtv, 15,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt

Er ist eigentlich nur der Chauffeur, doch dann soll er Fotos machen. Alfred Dutertre bricht zusammen mit dem Pariser Bankier Albert Kahn zu Reisen in ferne Länder auf, denn Kahn will ein Archiv der Welt schaffen, ein Archiv, das aus Fotos bestehen soll. Und genau diese Fotos soll Dutertre aufnehmen.

Im Rückblick erzählt eben dieser Alfred Dutertre sein Leben und das des mittlerweile kranken Albert Kahn, der glaubte, mit Hilfe der Fotografie zur Völkerverständigung beitragen zu können. Basierend auf wahren Begebenheiten taucht der Leser ein in eine längst vergangene Zeit und lernt mit Alfred Kahn einen Menschen kennen, der vielleicht früher als andere ahnte, dass sich die Welt nicht nur verändert, sondern auch bestimmte Lebensweisen verschwinden werden und er zumindest die Erinnerung daran bewahren möchte. Als Kahn verarmt und schwer erkrankt, bleibt Dutertre bei ihm und pflegt dank der über 70.000 Fotos die gemeinsame Erinnerung an ein vergangenes Leben und eine vergangene Welt.

“Über Amerika und Honolulu fahren wir nach Japan und China. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unterwegs zu fotografieren, nicht wahr?”

Mit “Der Archivar der Welt” legt Lia Tilon ein Werk vor, das eine Mischung ist aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, die im Rückblick erzählt werden. Weder das eine noch das andere ist reißerisch geschrieben, dafür in einer ruhigen und unaufgeregten Art umso eindringlicher.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Anthony McCarten: Die zwei Päpste

Was passiert, wenn ein Papst zurücktritt? Wie beeinflusst das seinen Nachfolger? Welche Auswirkungen hat das auf die katholische Kirche? Die Ankündigung, die Papst Benedikt XVI. am 28. Februar 2013 machte, war eine Sensation. Zu den Lebzeiten der faszinierten Weltöffentlichkeit war das noch nicht vorgekommen.  Kein Wunder also, dass dieses Ereignis, das bald darauf folgende Konklave und die Wahl des Argentiniers zum Papst Franziskus auch bei Nichtkatholiken große Aufmerksamkeit fand und wie  in einer Mediengesellschaft üblich, entsprechend verfolgt wurde. Oder lag das daran, dass dieser Stoff genügend Material für ein Drehbuch lieferte, für das Anthony McCarten mit “Die zwei Päpste” die Grundlage schrieb?

Der in London lebende Autor, der schon Oscar-nominierte Drehbücher für “Die Entdeckung der Unendlichkeit“, “Die dunkelste Stunde” und “Bohemian Rhapsody” schrieb, legt ein detailreiches Buch vor, das die Biografien der beiden Kirchenmänner beschreibt und versucht, Antworten auf die Fragen zu finden, was beide antreibt und im Innersten bewegt. Das freilich, muss Spekulation bleiben, denn weder der eine noch der andere haben für dieses Buch ihre Beweggründe offen gelegt. Dennoch beschreibt McCarten beide Päpste als Menschen mit Fehlern, die – wie letztlich die katholische Kirche selbst – nicht in der Lage sind, die zahlreichen Missbrauchsfälle, schonungslos aufzuklären. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Benedikt zurücktrat und Franziskus nicht gewählt werden wollte?

“Die zwei Päpste” hat Längen. Das mag daran liegen, dass Anthony McCarten keinen durchgängig erzählten Roman vorlegt, sondern sich gleichsam immer wieder selbst bremst, wenn die Handlung dabei ist, Fahrt aufzunehmen – und den Leser mit der Frage zurück lässt, ob das Buch nun Sachbuch oder Belletristik ist.

Die angekündigte Netflix-Verfilmung ist mit Anthony Hopkins (zuletzt als König Lear in einer Amazon-Produktion) als Benedikt XVI. und  Jonathan Pryce  (zuletzt in “Die Frau des Nobelpreisträgers” zu sehen) als Franziskus starbesetzt. Ob sie spannender und griffiger ist als das Buch und das hält, was der Trailer verspricht, wird sich im November zeigen, wenn der Film auf Netflix und in “ausgewählten Kinos” wie es heißt, zu sehen ist.

 

Anthony McCarten: Die zwei Päpste. Diogenes, 24 Euro. 
Das Buch wurde mir freundlicherweise  vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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