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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Kategorie: Bücher (Seite 1 von 10)

Bücher meines Jahres 2018

Es ist wieder Zeit, Bilanz zu ziehen – in Form von Büchern, die ich im fast abgelaufenen Jahr 2018 gelesen habe. Darunter sind Neuerscheinungen genauso wie Bücher, die mir aus dem ein oder anderen Grund als lesenswert erschienen. Insgesamt habe ich genauso viele Bücher gelesen wie 2017. Erstmals waren zwei Hörbücher dabei.

Meine Bilanz:
Gesamt: 38
Deutsch: 18
Englisch: 20
E-Books: 5 (auf dem Tolino gelesen)
Hörbücher: 2

Aus meinem Bücher-Jahr möchte ich diese empfehlen:

Deutschsprachige Autoren der Gegenwart:
Benedict Wells jüngste Sammlung von Kurzgeschichten “Die Wahrheit über das Lügen” hat nur den Nachteil, dass die Geschichten zu kurz sind –  zu gut und zu spannend sind sie geschrieben. Wer noch nichts von dem 34-jährigen Schriftsteller gelesen hat und erst einmal vorsichtig Kontakt aufnehmen will, sollte zu diesem Band greifen.
Bernhard Schlink und Lukas Hartmann haben  2018 beide Frauen als Hauptfiguren ihrer neuen Romane gewählt. Schlinks “Olga” setzt im Deutschland des 19. Jahrhunderts alles daran, als selbstständige Frau ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. In Hartmanns “Ein Bild von Lydia” ist die reichste Frau der Schweiz im Zürich des Jahres 1887 in den Konventionen ihrer Zeit gefangen.

Die Sprache ist egal
jedenfalls wenn es um diese Autoren geht, deren Werke wunderbar ins Deutsche übersetzt wurden:
Ian McEwan ist eigentlich immer lesenswert, auch seine Kurzgeschichten wie “The Daydreamer“, “Der Tagträumer“, die aus der Sicht eines Jungen erzählt sind, der sich am liebsten in andere Personen oder Tiere hineinversetzt.
Matt Haigs “Notes on a nervous planet” erscheint im März unter dem Titel “Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten” bei dtv, wo auch die vorherigen Werke erschienen sind.

Hörbücher
sind eigentlich nicht unbedingt meine Welt, weil ich fürchte, wichtige Passagen zu verpassen. Immerhin habe ich zwei geschafft, was bei einem am Vorleser, beim anderen an einem Kinofilm liegt.
Carlo Rovelli: The Order of Time, vorgelesen von Benedict Cumberbatch  und
Dr. Seuss: How the Grinch stole Christmas, vorgelesen von Walter Matthau.

Ein neuer Privatdetektiv
Cormoran Strike, der in heutigen London unterwegs ist,  ermittelt in seinem mittlerweile vierten Fall “Lethal White”, “Weißer Tod“.  Wie bei anderen Reihen auch, sollte man aber am Anfang beginnen, in diesem Fall mit “Der Ruf des Kuckucks“. Actionfans werden allerdings nicht auf ihre Kosten kommen, Fans von Donna Leons Commissario Brunetti eher schon.

Worauf ich immer hinweisen muss:
James Rhodes’ jüngstes Buch Fire on all sides, zu dem der britische Pianist auch eine Spotify-Playlist angelegt hat und in dem er beschreibt, welch Anstrengung es ihm unter anderem immer noch kostet, auf die Bühne zu gehen und das zu tun, was er am liebsten tut: Klavierspielen. Wer Lust hat, James live in Deutschland zu erleben, hat 2019 mehrfach die Chance.

Reiseführer London

Auch die neue Auflage des Reiseführers über London überzeugt durch zahlreiche hilfreiche Tipps und Hinweise auf bekannte und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten, aber auch auf Übernachtungsmöglichkeiten und öffentliche Verkehrsmittel. London-Neulinge werden vom Autor Ralf Nestmeyer in die Vielfalt der sich immer wieder neu erfindenden britischen Hauptstadt eingeführt (Sightseeing-Klassiker) und Kenner erfahren das ein oder andere Neue, das es lohnt, auf die Liste für den nächsten Trip gesetzt zu werden (Sightseeing-Alternativen).

“Sehenswertes” nicht nur für Regentage

Alternativen sollte man aber auch für einen Regentag einplanen. Will man dann eine der 18 vorgestellten Touren nicht nachlaufen, aber die anvisierte Gegend dennoch besuchen, lohnt sich ein Blick unter den Punkt “Sehenswertes”, der beispielsweise Museen auflistet, die – auch das sei gesagt – kostenlos sind und in aller Regel auch ein nettes Café oder Restaurant inklusive Wlan haben, in dem man entspannen und den weiteren Tag planen kann.

Die mittlerweile 12. Auflage des MM-City Reiseführers London ist nicht nur ein kompakter Begleiter vor Ort, sondern auch ein praktischer Helfer bei der Vorbereitung. Wenn man nicht weiß, wo man übernachten oder eine andere Unterkunft ausprobieren möchte, empfiehlt sich ein Blick in die Hotelliste, die von teuer bis günstig ein weites Spektrum anbietet.

 

Ralf Nestmeyer: Reiseführer London, MM-City,  Michael-Müller-Verlag, 17,90 Euro, Neuauflage 2019.
Wer mag, kann das Buch über diesen Partnerlink direkt beim Verlag bestellen.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Mehr über London gibt es auf meinem Blog hier.
Ein Interview mit Ralf Nestmeyer ist hier zu finden.

 

Bücher für Weihnachten 2018

Bücher als Geschenke – was für den einen einfallslos sein mag, ist für den  Buchleser der Beweis dafür, dass er sich mit den Vorlieben des zu Beschenkenden auseinandergesetzt hat und aus der schier unerschöpflichen Auswahl an lieferbaren Büchern ein ganz bestimmtes ausgesucht hat. Und wer kurz vor knapp noch ein Geschenk braucht, kann sich damit entschuldigen, dass das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen ist und er daher einen Gutschein überreichen muss.

Meine Empfehlungen aus Büchern, die ich heuer gelesen habe (und bei deren Auswahl ich gemerkt habe, wie unterschiedlich sie sind). Die jeweiligen Links führen zu ausführlicheren Blogbeiträgen:

Film-Entdeckung:
Mary Ann Shaffer: Deine Juliet (btb, 9,99 Euro): Als der Film in die Kinos kam, wusste ich nicht, dass er auf einem Buch basiert. “Deine Juliet” erzählt die überraschende Begegnung zwischen der Londoner Schriftstellerin Juliet und dem Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Bücher mit Tiefgang:
Wendy Mitchell: Somebody I used to know (Bloomsbury, ca. 12 Euro; erscheint unter dem Titel “Der Mensch, der ich einst war: Mein Leben mit Alzheimer”, im Juni 2019 auf Deutsch bei  Rowohlt, 12 Euro): Der deutsche Titel nimmt vorweg, um was es in dem Buch geht: Alzheimer – und wie die Autorin Wendy Mitchell damit umgeht und versucht ihr Leben neu darauf auszurichten. Das ist weniger sentimental als gedacht, aber dennoch sehr berührend.

Anthony Doerr: Memory Wall (btb,8 Euro): Unsere Welt, unser Leben besteht aus Erinnerungen, so wie das Leben von Alma Konachenk, die das Gedächtnis verliert und in deren Erinnerungen irgendwo der Hinweis auf ein Fossil versteckt ist.

James Rhodes: Fire on all sides (keine deutsche Übersetzung bisher, Quercus, ab ca. 8 Euro). Der britische Pianist James Rhodes wurde als Kind mehrfach vergewaltigt. Dieses Trauma hat er keineswegs überwunden, wie er erschütternd offen, aber auch gleichzeitig witzig, frech und direkt in “Fire on all sides” schreibt. Unter dem gleichnamigen Titel ist auch ein Album erschienen, das das Buch sozusagen begleitet.

Lieblingsschriftsteller:
Ian McEwan: Der Tagträumer (Diogenes, 10 Euro/The Daydreamer, Vintage, ca. 10 Euro): Die Kurzgeschichten im dünnen Band “Der Tagträumer” (Link führt zu meinem englischsprachigen Beitrag) haben alle die gleiche Hauptfigur: Den Jungen Peter Fortune, der nichts lieber macht als sich in den Körper von anderen Lebewesen zu träumen.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält (dtv, 20 Euro; How to stop time, Canongate, ca. 8 Euro): Der Roman erzählt die Geschichte von Tom Hazard, der zwar 439 Jahre alt ist – der aber äußerlich nicht altert. Das ist für Albas wie ihm ein Problem, denn natürlich merken die Menschen in seiner Umgebung, dass er anders ist.

Robert Galbraith: Weißer Tod (Blanvalet, 24 Euro, erscheint am 27. Dezember/Lethal White, ab 12 Euro): Der mittlerweile vierte Fall für den Privatdetektiv Cormoran Strike ist genauso spannend und gut geschrieben wie die vorherigen. Kennt der Beschenkte die noch nicht, mag aber Krimis, die zudem noch in London spielen, sollte man zum ersten Band  “Der Ruf des Kuckucks” (Blanvalet 10,99 Euro) greifen.

Bernhard Schlink: Olga (Diogenes, 24 Euro): Olga ist nach den Maßstäben am Ende des 19. Jahrhunderts zwar nur eine Frau. Aber sie weiß genau, was sie will. Selbstständig sein, eine Familie gründen – scheinbar unerreichbare Wünsche für eine Frau in Deutschland, in der immer radikalere Ansichten, die Politik bestimmen werden.

 

 

 

 

Die Schätze aus Omas Backbuch

Ein Bekenntnis vorab: Backbücher habe ich bisher auf diesem Blog noch nicht besprochen, immerhin habe ich als Gelegenheitsbäckerin ein paar Bücher, auf deren Rezepte und Tipps ich trotz Online-Quellen schwöre. “Die Schätze aus Omas Backbuch” hat das Zeug dazu, eines dieser Bücher zu werden. Dabei wurde ich nicht so sehr wegen der Rezepte neugierig, sondern wegen des Konzepts. Denn das Buch versammelt Familienrezepte, zu dessen Einsendung der bayerische Unternehmen Rosenmehl aufgerufen hat, wie es im Vorwort heißt. Aus den vielen Einsendungen wurde schließlich eine Auswahl zur Veröffentlichung getroffen, die in diesem Buch vorliegen.

Das Schöne: die Rezepte sind nicht nur übersichtlich und leicht verständlich. Jedes einzelne bringt seine Geschichte mit, die in Form von handschriftlichen Zetteln und Fotos der Verwandten faksimiliert den Rezepttext auf der gegenüberliegenden Seite begleiten. Die Rezepte reichen von diversen Obstkuchen und Schmalzgebackenem über Sonntagskuchen und Kleingebäck bis hin zu Mehlspeisen und Adventsgebäck. Dabei machen schon  alleine die Rezepte für Apfelkuchen Lust aufs Backen. Ausprobiert habe ich “Großmamas Apfelkuchen”, der auch ohne Rosinen (die ich nicht mag) traumhaft gut war.  Bereits mit einem Zettel versehen ist “Monikas Gewürzapfelkuchen”, der mit Zimt und Kakao gut in die Vorweihnachtszeit passen müsste.

“Die Schätze aus Omas Backbuch” ist ein  Backbuch mit unkomplizierten Rezepten, mit dem auch Ungeübte zurecht kommen werden. In Verbindung mit den historischen Dokumenten ist das gut ausgestattete Buch auch eine Einladung zum Blättern.

 

Rosenmehl (Hg): Die Schätze aus Omas Backbuch, Bassermann, 16,99 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Walter Isaacson: The Innovators

Der Zugriff aufs Internet ist für viele so selbstverständlich wie das Radio einschalten oder fernsehen. Und das Smartphone ist unser ständiger Begleiter. Dass das so ist, haben wir zahlreichen Frauen und Männer zu verdanken, die die Idee von vernetzten Rechenmaschinen entwickelten, lange bevor die Wörter Internet und Computer erfunden waren.
In seinem Buch “The Innovators” beschreibt Walter Isaacson das Leben so unterschiedlicher Menschen wie Ada Lovelace, Konrad Zuse, Alan Turing und Steve Jobs, erklärt, was sie in ihren Forschungen antrieb. Das gelingt Isaacson wie schon in seiner Biografie über Steve Jobs deshalb so wunderbar, dass die Pioniere der digitalen Technik nicht bloß Namen bleiben, sondern zu Personen werden, die dem Leser nicht gleichgültig bleiben.

Im Falle von Alan Turing (Beträge über ihn auf diesem Blog sind hier zu finden), dem englischen Mathematiker, der maßgeblich an der Entschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine im Zweiten Weltkrieg beteiligt war, beruft sich Isaacson des öfteren auf Andrew Hodges wunderbare Biografie “Enigma” (englischsprachiger Beitrag), was keineswegs abwertend gemeint ist. Im Gegenteil. Die Beschreibung von Turings Person und dem, was ihn sein Leben lang bewegte, ist beispielhaft für die der anderen Personen. Schade nur, dass Isaacson bei all der akribischen Beschreibung und Quellenangabe zwar erwähnt, dass Alan Turing einer Kollegin einen Heiratsantrag machte, die ihn trotz seiner Homosexualität heiraten wollte, den Namen Joan Clarke aber verschweigt.

“Sein ganzes Leben hindurch sollte Turing mit der Frage ringen, ob der menschliche Geist sich von einer deterministischen Maschine grundlegend unterscheidet oder nicht.”

Wer sich für Geschichte und speziell die Geschichte von Computern und Internet interessiert, bekommt mit “The Innovators” ein gut lesbares, ja spannendes Buch, das zudem mit umfangreichen Anmerkungen und Quellenangaben nicht nur die Recherche dokumentiert, sondern auch auf weiterführende Literatur hinweist. Von den insgesamt 638 Seiten sollte man sich keineswegs abschrecken lassen.

 

Walter Isaacson: The Innovators – Die Vordenker der digitalen Revolution von Ada Lovelace bis Steve Jobs. C. Bertelsmann, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben

Korea wurde 1910 von Japan annektiert und die Einheimischen  von da an als Menschen zweiter Klasse behandelt. Erst recht, wenn sie wie Sunja ihre Heimat verlassen und in Japan leben. Dabei will sie nur keine Schande über ihre Familie bringen, denn sie ist ledig und erwartet ein Kind von einem verheirateten Mann. Anstatt mit ihrem Schicksal zu hadern, arrangiert sich Sunja  und baut  sich  ein neues Leben auf. Ihre Söhne aber wollen mehr erreichen, studieren oder machen Karriere in der kriminellen Welt der Spielhallen.

“Die Geschichte hat uns im Stich gelassen, aber was macht das schon.”

Min Jin Lee war zumindest mir vollkommen unbekannt und wäre mir ihr neuestes Buch “Ein einfaches Leben” nicht empfohlen worden, ich hätte es wohl nicht gelesen. Allerdings wäre ich dann um eine wunderbare Entdeckung ärmer. Und das ist ja genau das, was das Lesen ausmacht. Bücher können Türen sein zu unbekannten Welten, über die wir noch nichts oder nur sehr wenig gewusst haben. Im besten Fall unterhalten sie nicht nur, sondern wecken das Interesse, mehr zu erfahren. “Ein einfaches Leben” ist ein solches Buch, das einem zudem noch beschäftigt, wenn man es  zu Ende gelesen hat.

 

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben, dtv, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Kurzgeschichten sind so eine Sache. Sie bringen dem Leser Figuren nahe und nehmen sie dem Leser wieder weg, sobald  der sich an sie gewöhnt hat. Noch dazu wenn die Geschichten außerordentlich gut geschrieben sind. Wie die zehn Geschichten, die in dem Band “Die Wahrheit über das Lügen” versammelt sind und von einem der besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart geschrieben sind: Benedict Wells.

“Schon eigenartig. Immer an Weihnachten war ihm, als würde es in der Bibliothek spuken, als hörte er seltsame Geräusche, die sofort verschwanden, wenn er die Tür aufmachte.”

Die Themen sind dabei so unterschiedlich wie die Figuren und reichen von der persönlichen Vergangenheitsbewältigung, dem Bedauern darüber, sich falsch entschieden zu haben bis hin zu Fantasy und Science-Fiction. Während in “Die Wanderung” Henry wieder einmal aus den Verpflichtungen als Ehemann und Vater fliehen will und deshalb am Geburtstag seines Sohnes zu einer langen Bergwanderung aufbricht, und vermeintlich am späten Abend nach Hause kommt, erzählt Adrian Brooks in “Das Franchise” weshalb er der eigentliche Erfinder der Star-Wars-Saga ist. Sind diese beiden Geschichten noch halbwegs in der Realität angesiedelt, lernt der Leser mit “Die Nacht der Bücher” ein wunderbares Märchen kennen und lieben.

Benedict Wells legt mit “Die Wahrheit über das Lügen” einen Band mit zehn Geschichten vor, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind.  Mag dieser Zeitraum bei manchen Autoren zeigen, wie sich deren Stil geändert und im besten Fall verbessert haben, ist der von Benedict Wells durchgehend genial.  “Die Wahrheit über das Lügen” ist zum Seufzen schön.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Mary Ann Shaffer, Annie Barrows: Deine Juliet

Bücher sind etwas Wunderbares. Sie spenden Trost, sind ein Zufluchtsort, können Leben retten und Menschen zusammen bringen. Jedenfalls dann, wenn man dem Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf angehört. Oder wie Juliet von der Existenz dieser Gemeinschaft erfährt, die mindestens genauso interessant ist wie der etwas merkwürdige Name des Literaturclubs. Juliet Ashton, die 32-jährige Schriftstellerin, deren Londoner Wohnung durch Bomben im gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, bekommt einen unerwarteten Brief von einem ihr unbekannten Mann. Dawsey Adams ist Bauer auf Guernsey und hat ihre Adresse aus einem Buch, das Juliet einmal gehört hat. Weil es auf der Kanalinsel keine Buchhandlung gibt, bittet er die frühere Besitzerin seines Buches, ihm eine in London zu nennen, bei der er weitere Werke von Charles Lamb – dem Autor des Buches, aus dem er die Adresse hat – bestellen kann. Aus dieser Gefälligkeit heraus entsteht ein reger Briefwechsel, den Juliet, die eigentlich ein Buch über englische Marotten schreiben soll, so interessant findet, dass sie beschließt, Dawsey und die anderen Mitglieder des Buchclubs, die sie nach und nach durch Briefe kennenlernt, zu besuchen. Juliet will nicht nur mehr über die Menschen und deren Club wissen, sondern auch über die Zeit der deutschen Besatzung auf der Insel.
“Für mich sind diese Leute und ihre Erlebnisse während des Krieges faszinierend und rührend.”
Er bleibt aber nicht der einzige Briefwechsel in “Deine Juliet”, denn in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sind Briefe, Telegramme und seltene Telefonate die einzige Möglichkeit, mit weit entfernt lebenden Menschen in Kontakt zu bleiben. Und so korrespondiert Juliet nicht nur mit Dawsey und den anderen Mitgliedern des Buchchlubs, sondern auch mit ihrem Verleger und gutem Freund Sidney Stark und dessen Schwester Sophie. Mary Ann Shaffer hat mit “Deine Juliet” einen Briefroman geschrieben, der so manchen Leser wegen der eher ungewöhnlichen Form abschrecken mag. Das wäre bedauerlich, denn der Roman, den die todkranke Mary Ann Shaffer nur mit Hilfe ihrer Nichte Annie Barrows fertigstellen konnte und dessen Erfolg sie nach dem Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe 2008 (unter dem Titel “The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society” bei Bloomsbury) nicht mehr erlebte, hat einen ganz besonderen Charme, der perfekt passt zu einer Geschichte über Bücher, Liebe, der Frage nach dem Sinn des Lebens und liebenswerten Charakteren, die man am liebsten sofort auf Guernsey besuchen möchte. Bis man das schafft, hilft die Lektüre des Buches, die zum Glück in einer sehr guten Übersetzung vorliegt –  und der Gang ins Kino, wo der Film gerade mit Lily James als Juliet läuft.   Mary Ann Shaffer, Annie Barrows: Deine Juliet. btb, 9,99 Euro. Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ralf Nestmeyer: Die Toten vom Mont Ventoux

Um es gleich zu schreiben: Ich bin weder Sportfan noch frankophil, und wenn ich Krimis lese, dann eher italienische, britische oder schwedische. Deshalb habe ich “Die Toten vom Mont Ventoux” durchaus skeptisch zur Hand genommen, aber ich war neugierig, was Ralf Nestmeyer, dessen Reiseführer ich  schätze, geschrieben hat. Und ich wurde angenehm überrascht.

Angenehm überrascht, weil der Roman mehr ist als ein reiner Krimi. Freilich gibt es die – man möchte schreiben – obligatorischen Toten und natürlich werden die Morde aufgeklärt. Doch der Leser erfährt auch eine ganze Reihe über den Radsport, vor allem natürlich die Tour de France und über die idyllische Provence, in der Capitaine Olivier Malbec seit einiger Zeit lebt.

“Seit er nach Calmont-les-Fontaines gezogen war, liebte Malbec diesen Bummel über den Wochenmarkt. (…) Am Käsestand hatte man die Wahl zwischen zahlreichen Sorten Ziegen- und Schafskäse. Nur hier bekam er einen Brousse du Rove (…), der nach dem Ort Le Rove in den westlich von Marseille gelegenen L’Éstaque-Bergen benannt war.”

Überhaupt ist Malbec einer jener Kommissare, die eigene Persönlichkeiten mit einem Privatleben sind, Probleme haben und von denen man wissen möchte, wie es nach der Aufklärung des Mordfalls und dem Ende des Buchs weitergeht. Vielleicht wird Malbec ähnlich wie Donna Leons  Guido Brunetti, Robert Galbraiths Cormoran Strike  oder Henning Mankells Kurt Wallander Kult werden. Es wäre ihm und den Lesern zu wünschen.

 

Ralf Nestmeyer: Die Toten vom Mont Ventoux, Emons, 11,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Empfehlenswert ist auch Ralf Nestmeyers London-Reiseführer, der im Michael-Müller-Verlag erschienen ist und den man über diesen Partnerlink bestellen kann.

Angelesen: Elizabeth Jane Howard: Die Jahre der Leichtigkeit

Jedes Jahr im Sommer passiert das, was für viele englische Familien ein Ritual ist. Sie ziehen sich aufs Land zurück. Jedenfalls dann, wenn sie zu der gut betuchten oberen Schicht der Gesellschaft gehören, die auch auf dem Land weder auf Komfort noch auf ihre Dienerschaft verzichten will.  Die Cazalets treffen sich Ende der 1930er Jahre auf dem Familiensitz in Sussex. Die Cazalets, das sind vor allem die drei Brüder Hugh, Edward und Rupert mit ihren Familien und der unverheirateten Schwester Rachel, die insgeheim eine Beziehung mit Sid hat, die, wie sich herausstellt, eine Frau ist. Vor dem Hintergrund des bevorstehenden  Zweiten Weltkriegs lernt der Leser eine Welt kennen, die so nicht mehr existiert.

Elizabeth Jane Howards “Die Jahre der Leichtigkeit” ist der erste Band der insgesamt fünfbändigen Reihe über die Familie Cazalet, die ähnlich wie die Fernsehserie “Downton Abbey” eine Familie über einen langen Zeitraum begleitet und  deren Schicksal innerhalb spezifischer Zeitläufte darstellt. Das funktioniert für den Leser wunderbar, wenn er dran bleibt am Buch und an der Geschichte, sonst verliert er leicht den Überblick über die handelnden Personen und ihre Beziehungen untereinander. Wer diese Art Gesellschaftsromane mag, sollte “Die Jahre der Leichtigkeit” unbedingt als Urlaubslektüre einpacken.  Wegen des Umfangs – das Buch hat 576 Seiten – mag der ein oder andere lieber zum E-Reader greifen.

 

Elisabeth Jane Howard: Die Jahre der Leichtigkeit, dtv, 16,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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