diebedra.de

Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Kategorie: Bücher (Seite 1 von 11)

Angelesen: Tijan Sila: “Tierchen unlimited” und Kenah Cusanit: “Babylon”

Wer auf der Suche nach eher ungewöhnlichen Lektüren ist, könnte hier fündig werden:

Eine Kindheit in Bosnien, dann die Flucht nach Deutschland und ein Leben in der Provinz in Rheinland-Pfalz – klingt nicht uninteressant, was Tijan Sila in “Tierchen unlimited” wie auf einem Buffet anrichtet. Ob diese durchaus anspruchsvollen Themen aber so gezwungen leicht erzählt werden müssen, erschließt sich nicht unbedingt jedem. Zumal der Ich-Erzähler namenlos bleibt und seine Geschichten eher Anekdoten sind, die zusammenhanglos aneinander gereiht sind.

 

Kenah Cusanit widmet sich in ihrem ersten Roman “Babel” dem  Archäologen Robert Koldewey. Obwohl er das historische Babylon ausgegraben hat, ist der 1855 in Blankenburg geborene Mann gerade im Vergleich zu Heinrich Schliemann eher unbekannt. Umso interessanter ist da die Tatsache, dass zahlreiche seiner Briefe erhalten sind, die die Autorin zu ihrem Werk animierten. Doch wer einen historischen Roman erwartet, der die Zeit, ihre Menschen und die Hauptfigur lebendig werden lässt, wird enttäuscht. Kenah Cusanit zeichnet Koldewey als liebenswerten Kauz, der akribisch an seiner Arbeit hängt, weil sie aber durchweg auf die direkte Rede verzichtet, bleibt immer eine Distanz, die man als Leser gerne überwunden hätte.

 

Tijan Sila: Tierchen unlimited, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kenah Cusanit: Babel. Hanser, 23 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher für den Sommer

Es soll ja Leute geben, die nur im Urlaub Bücher lesen. Für die, aber auch für alle, die auf der Suche nach neuer Lektüre sind, hier ein paar Tipps für den Sommer, aber natürlich auch für jede andere Jahreszeit.

Lukas Hartmann: Der Sänger:
Historische Romane sind die Stärke des Schweizer Schriftstellers Lukas Hartmann, dessen Werke immer mit einer scheinbaren Leichtigkeit geschrieben, aber akribisch recherchiert sind. So wie in seinem jüngsten Roman “Der Sänger“. Erzählt wird die Geschichte von Joseph Schmidt, den seine Flucht vor den Nazis in die Schweiz führt, wo er nach schwerer Krankheit stirbt. (Diogenes, 22 Euro)

Ian McEwan: Maschinen wie ich:
Liebe, künstliche Intelligenz und die Frage, was eigentlich einen Menschen ausmacht – das sind die Themen in “Maschinen wie ich” des britischen Schriftstellers Ian McEwan. Spätestens wenn der brillante Mathematiker und Knacker des Enigma-Codes Alan Turing auftaucht, ist klar, dass Ian McEwan auch Science-Fiction-Elemente eingebaut hat, die den Roman umso interessanter machen. (Diogenes, 25 Euro)

Kate Connolly: Exit Brexit – Wie ich Deutsche wurde:
Auch wer das Wort “Brexit”nicht mehr hören kann und mit britischem Understatement nur die Augen verdreht, sollte sich “Exit Brexit” der Guardian-Korrespondentin Kate Connolly nicht entgehen lassen. Denn es gewährt einen wunderbaren Einblick in das Leben eines zweisprachigen Haushalts, das Staunen über typisch deutsche Verhaltensweisen und erklärt, weshalb es für viele Briten hierzulande nur folgerichtig war, auf den Brexit mit dem Antrag auf die deutsche Staatsangehörigkeit zu antworten. (Hanser, 19 Euro)

Matt Haig: Mach mal halblang: 
Das Internet ist wunderbar, denn man kann mit Freunden weltweit in Kontakt bleiben, Filme schauen und diesen Blog lesen. Aber es setzt die Menschen immer mehr unter Druck, weil man glaubt, ständig online sein zu müssen. Dass man sich öfter bewusst machen sollte, wie viel Zeit man online verbringt und dass es  oft besser ist, einfach mal nur die Umgebung zu genießen, dafür plädiert Matt Haig in “Mach mal halblang” – ganz ohne erhobenen Zeigefinger. (dtv, 14,90 Euro)

Robert Galbraith: Cormoran-Strike-Romane:
Noch ein Privatdetektiv, der in den Straßen Londons unterwegs ist – aber was für einer. Cormoran Strike hat in Afghanistan einen Unterschenkel verloren und versucht sich nach seinem Ausscheiden aus der britischen Armee mehr schlecht als recht als Privatdetektiv über Wasser zu halten. Als ihm die Arbeitsvermittlung eine Sekretärin schickt, weiß er, dass er sich deren Gehalt auf keinen Fall leisten kann. J.K. Rowling hat unter dem Pseudonym Robert Galbraith bis jetzt vier Cormoran-Strike-Romane geschrieben, die ersten drei sind mittlerweile mit Tom Burke in der Titelrolle  von der BBC verfilmt und hierzulande unter anderem auf Sky, Google Play Film oder Amazon Prime zu sehen. Wer dieses Genre mag und Strike kennen lernen will, sollte mit dem ersten Band “Der Ruf des Kuckucks” anfangen. (alle Bände bei Randomhouse, ab 9,99 Euro)

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben

Was macht ein reicher Kunsthändler mit all seinem Besitz, wenn er niemanden hat, der sein Erbe antreten kann? Plant Gonzales Rodríguez de Tejeda seine Reichtümer einem jungen Mann zu hinterlassen, mit dem er in Venedig gesehen wurde? Guido Brunettis Schwiegervater Conte Falier macht sich Sorgen um seinen langjährigen Freund Gonzales, zumal ihm weder dessen Lebenswandel noch die Beziehung zu dem jungen Mann geheuer sind. Und wie das in Venedig so üblich ist, bittet der Conte Brunetti um Hilfe, der wiederum seine befreundeten Polizeikollegen, allen voran Sekretärin Elettra, bei diskreten Nachforschungen über das Privatleben Gonzales’ einschaltet. Doch es geht viel mehr als um die Frage, wer denn nun wann was getan hat. Brunetti sieht sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen  und zutiefst menschlichen Fragen konfrontiert, für dessen Beantwortung er wie immer seine Frau Paola und klassische Literatur zur Rate zieht.

“Weil er über achtzig ist und sich in einem Mann verknallt hat, der deutlich jünger ist? Was ist so schlimm daran?”

Neben den aus anderen Brunetti-Romanen bekannten Themen wie Umweltverschmutzung und Venedig-Tourismus beschäftigt sich “Ein Sohn ist uns gegeben” auch mit den Werten, die eine Gesellschaft definieren und wie sie in diesem Fall auf die Liebe zwischen homosexuellen Männern reagiert. Denn, so fragt Griffoni ihren Kollegen Brunetti, würde es einen Unterschied machen, wenn Gonzales sich in einen gleichaltrigen Mann verliebt hätte? Weshalb soll bei dieser Beziehung nicht tatsächlich Liebe und nicht nur sexuelle Begierde im Spiel sein? Und Brunetti wiederum fragt sich, wie er reagieren würde, wenn es sich um eine Beziehung zwischen Heterosexuellen handeln würde.

Auch im mittlerweile 28. Fall für den venezianischen Kommissar findet der Leser all das, was er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat: Brunettis Familie, die immer noch zusammen lebt und nicht nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten miteinander redet; die Questura mit den Kollegen Vianello, Griffoni, Elettra und dem Vorgesetzten Vice-Questore Patta und natürlich Venedig mitsamt der italienischen Lebensart. Hat man den Roman gelesen, kann man ihn mit einem beruhigenden Seufzer und dem Gefühl weglegen, dass in Brunettis Welt die Dinge ihren richtigen Gang gehen.

Tipp: Wer noch nie einen Brunetti-Roman gelesen hat, sollte nicht irgendwo einsteigen, sondern tatsächlich mit dem ersten  Fall “Venezianisches Finale” beginnen. Alle Bände sind bei Diogenes erschienen.

 

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Es ist eine Art Paralleluniversum, in das Ian McEwan die Leser in seinem jüngsten Roman mitnimmt. Denn “Maschinen wie ich” spielt in Großbritannien im Jahr 1982 – allerdings einem anderen, als das, an das wir uns erinnern. Das Land hat den Falklandkrieg verloren,  Premierministerin Margaret Thatcher führt Wahlkampf gegen den Labour-Politiker Tony Benn und dank Alan Turing gibt es bereits in den 1980er Jahren Internet, Smartphones und selbstfahrende Autos. Charlie schlägt sich im London dieser Zeit durch und kratzt sein Geld zusammen, um sich einen der ersten Androiden, Adam, zu kaufen. Gerade als er den künstlichen Menschen geliefert bekommt, verliebt er sich in seine Nachbarin Miranda. Als Adam anfängt,  menschliche Gefühle und Eigenarten zu entwickeln, stellt sich nicht nur die Frage, wer mit wem in welcher Beziehung steht. Es geht im Grunde darum, was einen Menschen ausmacht und wann eine künstliche Lebensform menschlich ist.

“Der größere Mann hatte silbriges, nach hinten gekämmtes Haar, trug um den Hals einen lockeren braunen Seidenschal und eine Art Künstlerjoppe, die ihm schlaff von den Schultern hin.”

Ian McEwan beschäftigt sich auch in seinem neuesten Roman mit den Fragen unserer modernen Gesellschaft  und der Frage, wie wir Menschen darin leben und arbeiten wollen – angesichts der Klimakatastrophe, Umweltverschmutzung und des technischen Fortschritts, der Segen und Fluch zugleich ist. Dass er sich Elementen des Science-Fiction-Genres bedient, macht diese Fragen nicht weniger wichtig. Die 80er Jahre, die uns “Maschinen wie ich” in einem “Was-wäre-wenn”-Dreh der Geschichte vorführen, zeigen am Beispiel von Alan Turing auch, welche Auswirkungen heute unverständliches Verhalten von Regierung und Justiz nicht nur auf einen Mann, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes haben können. Wäre – so Ian McEwan – Alan Turing für seine Verdienste um das Knacken des deutschen Enigma-Codes im Zweiten Weltkrieg gewürdigt, statt für seine Homosexualität verurteilt worden, so hätte der geniale Mathematiker nicht Selbstmord begangen, sondern dank seiner Forschung den technischen Fortschritt, inklusive der künstlichen Intelligenz, deutlich schneller voran gebracht. Und mit ihm auch die Frage nach dem, was den Menschen eigentlich ausmacht.

“Alan Turing hatte es in seiner Jugend oft gesagt und geschrieben: In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.”

“Maschinen wie ich” ist kein Buch, das man nebenher liest. Zuviel Wissen, Überlegung und Tiefe steckt in jedem scheinbar so leicht dahin geschriebenen Satz. Faszinierend ist die Geschichte, an die man sich auch nach dem Ende des Buches noch erinnert, allemal. Und sie zeigt, dass Ian McEwan ein wunderbarer Erzähler ist.

Anmerkung: Wer diesen Blog öfter liest oder mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich schon einiges von Ian McEwan gelesen habe. Deshalb habe ich auch das englische Original “Machines like me” (Penguin, ca. 19£) vorbestellt – in der Hoffnung, es vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe beenden zu können. Allerdings hatte ich nicht mit der Schnelligkeit vom Diogenes-Verlag gerechnet, der mir das Rezensionsexemplar eine Woche vor dem offiziellen deutschen Erscheinungstermin auf die Türschwelle lieferte. Neugierig wie immer wenn neue Bücher den Weg zu mir finden, beschloss ich, einfach an der Stelle, an der ich gerade in der Originalversion war, in der deutschen Übersetzung weiterzulesen – was dank der wunderbaren Arbeit von Bernhard Robben nahtlos möglich war.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Diogenes, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lukas Hartmann: Der Sänger

Joseph Schmidt? Ein Sänger? Nie gehört. Aber “Ein Lied geht um die Welt” kenne ich. Irgendwie. Vielleicht als Teil des kollektiven Gedächtnisses.  Dass es diesen Sänger, diesen Tenor, der bis zur Naziherrschaft ein umjubelter Star und Frauenschwarm war, tatsächlich gegeben hat, macht den neuen Roman von Lukas Hartmann umso interessanter. In “Der Sänger” begleitet man Joseph Schmidt auf seiner Flucht, die ihn im September 1942 schließlich in die Schweiz führt, wo er hofft, so wie viele andere Juden Asyl zu bekommen. Dass er stattdessen in einem Lager landet, obwohl er doch eine Berühmtheit ist und obwohl er krank – todkrank wie sich herausstellt – ist, nimmt er zunächst gelassen, ist er doch dankbar dafür, überhaupt aufgenommen zu werden. Da seine Stimme zunehmend versagt, bleibt ihm nur noch, seine geliebte Musik in Form von Partituren zu lesen und sich an sein zurückliegendes Leben zu erinnern.

“Ich weiß nicht, ob ich noch an die Musik glauben soll. Sie war mein Leben, ihr habe ich alles untergeordnet. Wer lässt denn all das Üble zu, das uns zu wehrlosen Opfern macht?”

Wenn historische Romane neugierig machen auf das echte Leben der vorgestellten Personen, wenn man an die Handlung und das erzählte Schicksal noch denkt, wenn man das Buch längst zu Ende gelesen hat, dann durfte man das Werk eines Meistererzählers kennenlernen. Lukas Hartmann beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, historische Stoffe so zu erzählen, dass man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen möchte. Wie schon seine vorherigen Bücher ist auch dieses eine absolute Leseempfehlung.

 

Lukas Hartmann: Der Sänger, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung

Wenn der Verlag eines Buchautors findet, dass eben dieser Autor zu wenig Bücher verkauft, schickt er ihn auf Lesereise. Zumindest könnte man das laienhaft denken – zumindest in der heutigen Zeit, in der gefühlt ständig über zu wenig Leser, zu wenig Buchkäufer, gerne auch in Verbindung mit dem Untergang der abendländischen Kultur geklagt wird. Wer dann aber zu einer Lesung geht, findet begeisterte Leser und freudig aufgeregte Schriftsteller, die ein paar nette Stunden miteinander verbringen, Bücherkauf und Signiergelegenheit inklusive.

“Das Volk war dumm und wie das Vieh und würde niemals Anstand lernen.”

Was also für zeitgenössische Autoren zutrifft, gilt auch für die Dichter der Deutschen, Schiller und Goethe, wobei man natürlich korrekt Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller schreiben muss. Zumal wenn es nach dem Dichterfürsten Goethe geht, der sich eher unwillig auf die Lesereise begibt, die ihm sein Verleger Cotta aufgetragen hat, und die er gemeinsam mit seinem Freund Schiller möglichst schnell hinter sich bringen will. “Volksnähe” – unter diesem Motto steht die Reise der beiden – ist nämlich überhaupt nichts für Goethe, der sich seiner Bedeutung als Klassiker durchaus bewusst ist und auch als solcher behandelt werden will. Schiller dagegen ist populär und Goethe beschleicht der Verdacht, dass das Publikum hauptsächlich wegen des jüngeren Kollegen kommt.

“Er hatte genug. Er war alt. Er war Klassiker. Er war unsterblich. Er hatte alles erreicht.”

Überhaupt das Alter. Goethe ist mittlerweile 270, Schiller 260 Jahre alt, denn Christian Tielmann lässt seinen Roman “Unsterblichkeit ist auch keine Lösung. Ein Goethe-Schiller-Desaster” heute spielen. Was dabei herausgekommen ist, wirkt nur auf den ersten paar Seiten merkwürdig. Hat man sich erst eingelesen, ist die Konstellation, die die beiden Klassiker vor Schulklassen zeigt, die versuchen, die Zeit während der Pflichtveranstaltung totzuschlagen, ist nicht nur stimmig, sondern auch witzig und so erzählt, dass man die Geschichte unbedingt bis zum Ende lesen will. Und sich auch dabei ertappt, zu dem Regal zu schauen, wo die Werke der Klassiker stehen und sich fragt, wann man denn zum letzten Mal eines gelesen hat.

 

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung, dtv, 14 Euro.
Das Buch wurde mich freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kate Connolly: Exit Brexit

Körperliche Schocksymptome – das ist es, woran sich Kate Connolly noch gut erinnern kann, als sie am Morgen nach dem Referendum in ihrer Berliner Wohnung aufwacht. Die Britin lebt schon seit Jahren in Deutschland und ist Korrespondentin des “Guardian”. Was nicht zuletzt viele Deutsche – mich eingeschlossen – für vollkommen unmöglich gehalten hatten, war Realität: eine Mehrheit der Briten hatte am 23. Juni 2016 dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings noch vollkommen unklar, welche Auswirkungen es für Einzelne haben würde, vor allem für die, die sich im jeweils anderen Land eine Existenz aufgebaut haben und dort zum Teil seit Jahrzehnten leben. Waren sie tatsächliche Bürger eines “Niemandslandes” wie die britische Premierministerin Theresa May einige Monate später Menschen bezeichnete, die sich als Weltbürger empfinden und sich nicht auf eine Identität oder sogar Staatsangehörigkeit festlegen wollen?

“Die Verbundenheit mit Deutschland, die ich heute empfinde, hat im Kern mit der Beherrschung der Sprache zu tun.”

Etliche Menschen wie Kate Connolly, Briten also, die in Deutschland leben, fanden darauf ihre eigene Antwort: Sie beantragten angesichts der Unsicherheit, die der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union für ihr Leben haben könnte, die deutsche Staatsbürgerschaft, den “außer etwas Zeit und einer überschaubaren Menge Geld” gebe es nichts zu verlieren, wie Kate Connolly in ihrem lesenswerten Buch “Exit Brexit” schreibt. Für ihr deutsches Umfeld ist ihre neue Staatsangehörigkeit bald ein nebensächliches Detail. Typisch deutsch eben, so wie das klaglose Ausfüllen von Formularen, das frühe Aufstehen und die Pünktlichkeit.

Kate Connolly wird also Deutsche oder wie sie schreibt “Deutsch-Britin”, was nicht nur “jung und frisch” klingt, sondern auch signalisiert, dass es etwas mit dem Brexit zu tun hat und “es mir vielleicht in gewissem Umfang erlauben (würde), mit meiner schlechten deutschen Grammatik durchzukommen”.

“Wir stehen mehr auf Sherlock als auf Tatort.”

Neben den politischen Irrungen und Wirrungen, die das Brexit-Chaos in den vergangenen beiden Jahren für sie persönlich und für ihr Heimatland mit sich gebracht haben und immer noch bringen, beschreibt die Journalistin die wunderbaren Details, die Einblick in einen deutsch-britischen Haushalt geben und die Kate Connolly als typisch für bilinguale Familien empfindet und ihr nicht nachlassendes Staunen über typisch deutsche Verhaltensweisen. Etwa, dass Deutsche anders aufs Rad steigen (also zuerst mit dem linken Fuß auf das Pedal und mit dem rechten abstoßend Schwung holen), Müll trennen und nicht unbedingt Tee mit einem Schuss Milch trinken. “Wir stehen mehr auf Sherlock als auf Tatort”, bekennt sie und fragt sich, was es denn heißt, dass sie ihr Buch auf Englisch geschrieben hat und es dann ins Deutsche übersetzt wurde.

“Exit Brexit” ist ein wunderbares und souverän von Kirsten Riesselmann übersetztes Buch über den Weg zum deutschen Pass, das gleichzeitig einen Blick von außen auf das Deutschsein wirft. Der deutsche Leser schmunzelt, nickt – greift zum Breakfast Tea mit Milch und merkt sich “Sherlock” wiedereinmal für den Sonntagabend vor.

Kate Connolly: Exit Brexit – Wie ich Deutsche wurde, Hanser, 19 Euro; E-Book 14,99 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre 1918-1938

Die Zwischenkriegsjahre scheinen im Rückblick auf als eine Zeit, in der alles möglich schien.  Nach den verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, der Werte und Gesellschaften mit einem Schlag nicht nur in Frage stellte, sondern zerstörte und ehemalige Soldaten zu traumatisierten Männern machte, schien es so, als würde es allmählich aufwärts gehen. Als würde die Entwurzelung, die Entfremdung der Menschen, hervorgerufen durch neue Entwicklungen wie technische Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, das Wachsen der Städte (mit der Metropole Berlin als Musterbeispiel) allmählich einer neuen Zuversicht Platz machen. Doch während die einen in den  Clubs der Großstädte hemmungslos feierten, versuchten vor allem die Armen einfach nur zu überleben.

In “Die zerrissenen Jahre” zeichnet Philipp Blom ein vielfältiges Bild der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, das sich nicht auf Europa beschränkt. Anhand von Einzelschicksalen macht er die globalen Entwicklungen und ihre Auswirkungen greifbar. So verdeutlicht der englische Dichter Wilfred Owen, der als Soldat an der Westfront zum Shell-Shock-Opfer, zum Kriegszitterer, geworden war, das Schicksal seiner Generation, die bald als die “verlorene” bezeichnet wird. Blom sieht zwischen den verstümmelten Körpern der Kriegsveteranen und den heroisch überstilisierten Athleten der Olympischen Spiele von 1936 einen direkten Zusammenhang: Das Nazi-Regime feierte den Übermenschen, der “seine eigene Zeit und seine körperlichen Begrenzungen überwinden kann, um der Technologie und den zerstörerischen Mächten der Geschichte die Stirn zu bieten.”

“‘No Future’ begann in den Schützengräben.”

Der überwundene Krieg hinterließ eine Leere, die von politischen Ideologien mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen gefüllt wurden und Hoffnung auf eine bessere Zukunft versprachen.  Hoffnung und Zukunftsperspektive, an der die Feiernden in den Berliner Clubs der Goldenen Zwanziger Jahre nicht interessiert waren, solange die Gegenwart ausreichend Vergnügungen bereithielt.

Wie schon in “Der taumelnde Kontinent” schafft es der Historiker Philipp Blom, Geschichte greif- und lesbar zu machen. Sein Streifzug durch die Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1938 ist fundiert, faktensatt, niemals langweilig und daher unbedingt empfehlenswert.

 

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre, 1919 bis 1938, dtv, 12,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Matt Haig: Mach mal halblang

Ein “nervöser” Planet? Kann das überhaupt sein? Und wenn ja – was bedeutet das für uns? Offensichtlich sind wir von allem etwas (auch wenn wir das vielleicht nicht zugeben wollen), also flatterhaft, zerfahren, unsicher, immer getrieben von einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht, uns mit immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit eindeckt. Wobei es zu diesen Informationen im Internet-Zeitalter auch gehört, seine Social-Media- und E-Mail-Accounts zu checken und sich so gleichzeitig zu versichern, wie der jüngste eigene Post bei den Followern angekommen ist. Wobei wir genau an dem Punkt wären, auf den es nicht nur für Matt Haig in “Mach mal halblang” ankommt: dieses Verhalten, dass wir uns mehr oder weniger unbewusst aufdrängen lassen, kann uns abhängig machen und deshalb gefährlich für uns werden. Nicht nur für Menschen – wie Matt Haig selber – die unter Panikattacken leiden. Denn durch den permanenten Druck, immer online zu sein, nehmen wir unsere eigene Umgebung nicht mehr wahr, können nicht mehr richtig abschalten.

“Das Internet enthält eine ganze Welt. Das Internet ist das, was wir daraus machen.”

Dabei ist Matt Haig weit davon entfernt, das Internet und die moderne Technik als Teufelszeug abzutun:  “Es ist einfach online Kontakte zu pflegen. Das Wetter spielt keine Rolle. Du brauchst kein Taxi und kein gebügeltes Hemd. Es kann wunderbar sein. Es ist oft wunderbar.” Er plädiert lediglich dafür, sich selbst bewusst zu machen, wie viel Zeit wir in welcher Form auch immer online verbringen, wie viel uns dadurch in der realen Welt entgeht, uns das klar zu machen und uns bewusst für etwas anderes zu entscheiden.

“Wir sind Menschen. Wir sollten uns nicht schämen, auch wie Menschen auszusehen.”

In “Mach mal halblang” hebt Matt Haig keinen moralischen Zeigefinger, der uns auf den rechten Weg und in die analoge Welt zurückführen will. Doch trotz des lockeren, oft witzigen, Plaudertons ertappt man sich nicht nur beim zustimmenden Nicken, sondern fragt sich, ob es nötig ist, während des Schreibens dieses Blogbeitrags noch drei andere Browser-Tabs offen zu haben und vor allem verfolgen zu müssen, was die Twitter-Timeline so treibt. (Antwort: Eigentlich nicht, vor allem wäre dieser Beitrag schneller fertig geworden.) Wer sich ein paar Stunden Zeit nehmen will für ein Buch, dem sei dieses empfohlen, nicht nur, weil Matt Haig ein wunderbarer Autor ist, sondern auch, weil die Übersetzung von Sophie Zeitz vergessen lässt, dass man ein Übersetzung liest, so leicht und selbstverständlich kommt die deutsche Version daher. Und ganz ehrlich: allein für den gelungenen Titel muss man dieses Buch lieben.

 

Matt Haig: Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten. dtv, 4,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict on the original version “Notes on a Nervous Planet” here.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Es tut Schriftstellern nicht immer gut, wenn sie zum Schulkanon gehören, ihre Werke also im Unterricht gelesen werden und der Umgang mit ihnen im besten Fall ein kleines Übel im schlimmsten Fall eine Qual ist. Liegt die eigene Schulzeit länger zurück, mag man sich mit einem Seufzer daran erinnern, dass man – wie in diesem Fall – die „Judenbuche“ gelesen und das Exemplar noch irgendwo bei den gelben Reclam-Heften sein müsste. Und fragt sich, ob und wenn ja was man über die Autorin, über Annette von Droste-Hülshoff, gelernt, aber wieder vergessen hat.

“Fräulein Nettes kurzer Sommer” erlaubt einen Blick in die Zeit und die Lebensumstände und deren Konventionen, unter denen Droste-Hülshoff lebte. Konventionen, denen sie sich nicht anpassen wollte und schon alleine dadurch unangenehm auffiel, dass sie eine eigene Meinung hatte und sich nicht mit Handarbeiten begnügte. Als sie in dem mittellosen Studenten Straube einen Seelenverwandten findet und sich in ihn verliebt, glaubt sie ihren zukünftigen Ehemann gefunden zu haben und dennoch – allen gegenteiligen Meinungen zum Trotz – ein konventionelles Leben führen zu können.

Doch eine als angebliche moralische Prüfung getarnte Intrige zerstört nicht nur Annette von Droste-Hülshoffs Ruf, sondern auch den ihrer Familie, die fortan nur noch daran interessiert ist, sie aus der Öffentlichkeit und von ihrer großen Liebe fernzuhalten.

“Eine Überanstrengung des Gehirns ermattet die generativen Organe und zerrüttet ihr harmonisches Zusammenspiel. Ihr Körper ist nicht eingerichtet, um zu denken, sondern um die große Absicht zu erfüllen, welche die Natur ihm auferlegt hat.”

Karen Duve hat sich der historischen Figur Annette von Droste-Hülshoff über ein umfangreiches Quellenstudium genähert und ihre Ergebnisse in einem Roman verarbeitet, der nicht zuletzt auch durch die altertümelnde Sprache dem Thema gerecht werden will. Das gelingt auch insofern als ein Gesellschaftsbild entsteht, in dem Konventionen das Leben vor allem der Frauen bestimmen. Einem Leben, an dem Annette von Droste-Hülshoff stellvertretend für alle unkonventionellen Frauen ihrer Zeit letztlich scheitert.

Was bleibt von diesem Buch in Erinnerung? Ein leichtes Bedauern darüber, dass man gerne mehr über “die Droste” erfahren würde und dass man eigentlich auf etliche der studentischen Szenen hätte verzichten können, hätte man mehr über Nette erfahren. Mehr über ihre Gefühle, mehr darüber, wie sie schrieb. Hat man sich aber erst einmal an die eigentümliche Sprache gewöhnt, bekommt man Einblick in eine längst vergangene Welt mit heute fremd anmutenden Ritualen und Verhaltensvorschriften. Und man möchte mehr erfahren über die Autorin der “Judenbuche”.

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Kiepenheuer&Witsch/Galiani, 25 Euro/E-Book 22,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

« Ältere Beiträge

© 2019 diebedra.de

Theme von Anders NorénHoch ↑

Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Du hier bleibst, gehe ich davon aus, dass Du damit einverstanden bist. This site uses cookies. By continuing browsing, you are agreeing to use of cookies. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen