Autor: DieBedra (Seite 1 von 27)

Edison – Ein Leben voller Licht

Was lange währt … wird manchmal nur gut – nicht überragend. Immerhin kann man aber schon fast erleichtert aufschnaufen, dass “Edison – Ein Leben voller Licht” doch noch das Licht deutscher Kinoleinwände erblickt. Der Kinostart des Films, der nach dem Skandal um Harvey Weinstein bereits 2017 auf dem Toronto Film Festival seine Premiere feierte, wurde zunächst verschoben, die Rechte verkauft und der Film selbst von Direktor Alfonso Gomez-Rejon neu geschnitten. Herausgekommen ist einer der Filme, die versuchen, in eine Laufzeit von 103 Minuten zu viel hineinzupacken.

Der Film zeichnet die Zeitspanne zwischen der bahnbrechenden Erfindung der Glühbirne bis hin zu ihrem weltweiten Einsatz nach und lässt nur wenig Raum für die Person Edison. Die Szenen, in denen der sich seiner Erfolge sichere Erfinder voller Hingabe um seine Familie kümmert, sind zu kurz und zu wenige, zu schnell muss sich die Handlung der nächsten Verhandlung mit Politikern um weitere Gelder widmen

Mag der Originaltitel “The Current War” (etwa der Strom-Krieg) noch darauf hinweisen, dass es nicht nur um den berühmte Erfinder Thomas Alva Edison (Benedict Cumberbatch) geht, sondern um die Frage, ob Gleich- oder Wechselstrom die bessere Elektrizität erzeugen, führt der deutsche Titel eher in die Irre. Freilich konzentriert sich die Handlung auf Edison und natürlich ist er derjenige, der auch deutschen Zuschauern ein Begriff ist. Doch auch seine Rivalen, der Großindustrielle George Westinghouse (Michael Shannon) und Nikola Tesla (Nicholas Hoult) hätten mehr Zeit gebraucht, um wirkliche Tiefe zu gewinnen und den Zuschauer mehr zu berühren. So bleiben nicht nur die beiden, sondern auch Edison selbst wie aufscheinende Schlaglichter, von denen man gerne mehr erfahren hätte.

“Meine Bücher sind so voller Ideen. Ich würde zwölf Leben brauchen, um sie alle auszuführen.”

Dabei sind die Kulissen und Dekorationen aufwendig, das Staraufgebot alleine hätte schon für Qualität bürgen müssen. Benedict Cumberbatch spielt Edison routiniert, aber seine Leistung erinnert nur von Ferne an seine Oscar-nominierte Rolle als Alan Turing  in “The Imitation Game“. Und auch Nicholas Hoult bekommt als US-Einwanderer Tesla ebenfalls zu wenig Zeit auf der Leinwand. Doch ist die Figur (auch vor der aktuellen Diskussion um E-Autos) so faszinierend, dass man unwillkürlich hofft, der für Ende August angekündigte Film “Tesla” möge gut sein. Nicht zuletzt spielt  Tom Holland Edisons Sekretär Samuel Insull wunderbar naiv  witzig und loyal.

Fazit:
Der Film ist sicherlich keiner, den man unbedingt gesehen haben muss. Weil aber die Kinos erst seit Kurzem wieder offen sind und es an neuen Filmen mangelt, sollte man dennoch den Gang ins Lieblingskino einplanen. Wer nicht die Originalversion zu sehen (und zu hören) bekommt, dem sei gesagt, dass Benedict Cumberbatch hier amerikanisches Englisch spricht, was (seien wir ehrlich) den Vergleich mit seinem britischen Akzent niemals standhalten wird.

Edison – Ein Leben voller Licht, 103 Minuten, FSK 6

⭐⭐⭐

Devid Striesow, Axel Ranisch: Klassik drastisch

Die Autoren mögen es mir verzeihen, denn als ich das erste Mal von ihrem Buch “Klassik drastisch” gelesen habe, musste ich an James Rhodes denken. Den britischen Pianisten, der es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, klassische Musik von ihrem elitären Image zu befreien und sie für unkundige Hörer zugänglich zu machen.

Diesen Ansatz verfolgen auch Devid Striesow und Axel Ranisch, die sich selbst im Untertitel als “Musik-Nerds” bezeichnen, mit dem Buch “Klassik drastisch”. Sie erklären, weshalb sie ein bestimmtes Stück begeistert und erzählen aus dem Leben des jeweiligen Komponisten. Axel Ranisch las als Teenager Biografien berühmter Komponisten, Beethoven und Rachmaninow wurden wie Freunde für ihn, und er begeisterte sich für “Die Bilder einer Ausstellung” von Modest Mussorgski. Für Devid Striesow war das Volkstheater in Rostock ein heiliger Ort, an dem er als Kind hauptsächlich musikalische Veranstaltungen zusammen mit seinen Eltern besuchte.
Beide Autoren greifen neben persönlichen Erlebnissen besondere Stücke heraus, die für sie wichtig sind und fassen sie unter so wunderbaren Überschriften wie “Fünf Stücke, die mich auf der Stelle glücklich machen”, “Fünf Stücke, bei denen ich auf der Stelle weinen muss” oder “Zehn Opernmomente, die mir auf der Stelle Gänsehaut verursachen” zusammen.

“Mit der Zeit verstand ich, dass alles zusammenhing, dass Musik aus unterschiedlichen Zeiten auch ganz anders klang, dass es aber Verbindungen untereinander gab.”

Das und die leichte, liebevolle Art, mit der die Autoren dem Leser ihrer Leidenschaft für klassische Musik näherbringen, macht Lust, sich die Stücke anzuhören und die Eindrücke mit dem Geschriebene zu vergleichen. Aber: es fehlt eine Playlist, eine Zusammenstellung der Stücke auf einem der bekannten Streaming-Portale oder zumindest eine Liste, die alle angesprochenen Stücke so aufführt, dass man sie leicht finden kann. Und wie es, um beim anfänglichen Beispiel zu bleiben, James Rhodes mit “Playlist – The rebels and revolutionaries of sound” (leider nicht auf Deutsch erhältlich) gemacht hat.
Erst beim Googeln habe ich herausgefunden, dass Striesow und Ranisch unter dem gleichen Titel einen Podcast für Deutschlandfunk Kultur haben oder ihn zumindest hatten. Denn der letzte Eintrag stammt vom 12. Oktober 2019. Schade, denn das Buch macht wirklich Lust, sofort loszuhören. Muss man sich die Stücke erst zusammensuchen, ist das eine Hürde, die nicht sein müsste und die vielleicht so manchen abhält, die klassischen Stücke doch noch für sich zu entdecken.

Devid Striesow, Axel Ranisch: Klassik drastisch. Lippenbekenntnisse zweier Musik-Nerds, Ullstein, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Es gibt eine schier unendliche Zahl an Farben – und genauso viele Arten des Abschieds. Und auch, wenn man beim Namen des neuesten Sammelbands von Bernhard Schlink an den Tod denken muss, so versammelt doch “Abschiedsfarben” eine ganze Reihe an ganz unterschiedlichen Abschieden; das Ende einer Liebe, die Erkenntnis, dass die Mutter auch noch ganz andere Seiten hat als die, die der Junge kennt, das erneute Finden der Jugendliebe, der Verrat an einem Freund.

Bernhard Schlinks schmaler (zu schmaler!) Band berührt mit seinen unterschiedlichen Geschichten zutiefst. Er macht nachdenklich, verwundert, verstört, erfreut und rührt zur Tränen – mit einer Prosa, die in ihrer einfachen Klarheit meisterhaft ist.

 

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher für den Sommer

Es ist wieder mal soweit – Sommer(ferien), die Zeit also, in der angeblich mehr Leute ein Buch lesen. Für die und für alle, die vielleicht den ein oder anderen Lesetipp brauchen, kommen hier ein paar freundliche Empfehlungen:

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage
Ein wunderbares Buch, um warme Tage unterm Sonnenschirm zu verlesen ist “Leuchtende Tage” der erste Band einer geplanten Trilogie (der zweite erscheint laut dtv-Seite “demnächst”) um Frauen dreier Generationen. Maya versucht mehr über ihre Großmutter Lisette herauszufinden und erfährt auf diese Weise mehr über sich selbst. (dtv, 10,95 Euro)

André Aciman: Fünf Lieben lang
Wer “Call me by your name – Ruf mich bei Deinem Namen” als Film oder Buch kennt, wird “Fünf Lieben lang” lieben. Meisterhaft beschreibt der Autor, was es heißt, Menschen beiderlei Geschlechts zu lieben. Obwohl die Geschichten zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten spielen, verliert sich der Leser sind, sondern taucht ein in eine Sprache, die so tiefgründig und wahr ist wie die Liebe selbst. (dtv, 22 Euro)

Hartmut Lange: Der Lichthof
Ideal für Leser, die an 1000-Seiten-Romanen verzweifeln, sind diese Novellen, die in “Der Lichthof” zusammengefasst sind. In allen erzählt Hartmut Lange scheinbar Alltägliches, das niemals banal, aber immer überraschend ist. (Diogenes, 22 Euro)

James Rhodes: Playlist
Kein Sammelblog ohne einen Hinweis auf James Rhodes. Sein jüngstes Buch “Playlist” (englischsprachiger Blogeintrag)  ist nicht nur durch sein LP-Format ungewöhnlich. Es hilft, die Scheu vor klassischer Musik abzubauen und macht neugierig. Neugierig auf die Komponisten, die für James Rhodes Helden sind. Praktischerweise hat er eine Liste auf Spotify angelegt, so dass man sie auch noch ganz leicht nachhören kann. (nur auf Englisch erhältlich, Wren&Rook, £17, ca. 30 Euro)

Ian McEwan: Die Kakerlake
Die Geschichte von Gregor Samsa, der eines morgens als Käfer aufwacht, hat einer der wichtigsten britischen Schriftsteller Ian McEwan in “Die Kakerlake” zu einer bösen Satire über den Brexit verwandelt, in der Ähnlichkeiten mit lebenden Menschen und wahren Ereignissen genauso beabsichtigt sind wie die Anlehnung an Franz Kafkas “Die Verwandlung”. Liest man den Roman in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Bernhard Robben sind die Anleihen an Kafka noch deutlicher als im englischen Original. Lesenswert sind sie (wie auch alle anderen Werke von Ian McEwan) beide. (Diogenes, 19 Euro)

 

Urlaub daheim

Die Corona-Krise lässt so manchen über Urlaub im eigenen Land nachdenken. Wer sich nur zu Tagesausflügen in die nähere Umgebung entschließt, kann zumindest mit ein paar Reiseführern von vergangenen Reisen träumen und auf ein nächstes Mal hoffen.

Franken isst gut
Es soll ja immer noch Leute geben, die meinen, fränkische Küche sei alles andere als modern oder gar gesund, von vegetarischen oder gar veganen Gerichten ganz zu schweigen. Dass das nicht (mehr) so ist, merkt man schon beim ersten Blick auf die vegetarische Variante von “Gscheitgut”. Denn die Heidelbeerpfannkuchen und die Gartenkräuterbutter, die das Cover des großformatigen Kochbuchs zieren, lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. In “Gscheitgut – vegetarische Küche” versammeln die Herausgeber Corinna Brauer und Michael Müller nicht nur Deftiges wie Gefüllte Bierzwiebeln, Bohneneintopf oder Kartoffelgulasch. Es gibt auch Rezepte für Nachspeisen wie Hugo-Eis mit Holunderbeerenkompott und fränkisches Rhabarber-Tiramisu.
Geordnet sich die Rezepte nach den Jahreszeiten, so dass man mit Hilfe des Saisonkalenders ganz hinten im Buch Gericht und Zutaten saisonal und wenn möglich regional kaufen kann. Wer sich lieber auswärts verwöhnen lässt, findet Gasthöfe in der Fränkischen Schweiz und viel Wissenswertes über diese Gegend selbst.
Corinna Brauer und Michael Müller (Hg): Gscheitgut- vegetarische Küche. Michael-Müller-Verlag, 24,80 Euro.
Wer mag, kann das Buch über diesen Partnerlink direkt beim Verlag bestellen.

München
Die bayerische Hauptstadt hat mehr zu bieten als Lederhosen und Oktoberfest – davon kann man sich schon beim Durchblättern des MM-City-Reiseführers “München” (Partnerlink) überzeugen. Neben diversen Spaziergängen, die immer wieder an Sehenswürdigkeiten vorbeiführen, gibt es auch einiges über Münchens Geschichte zu lesen. Wer sich lieber fahren lassen möchte, dem sei eine der Stadtrundfahrten mit sogenanntem Live-Guide empfohlen. Unter anderem bietet  Stadtrundfahrt München  Touren mit verschiedenen Zusteigemöglichkeiten an, so dass man sich beispielsweise ganz bequem nach Schloss Nymphenburg fahren  und später wieder abholen lassen kann.  Außerhalb der Saison hat man nicht nur weniger Mitbesucher im Park – der Eintritt ist außerdem frei.

Berlin
Die deutsche Hauptstadt gilt mittlerweile als trendy und hat so viel zu bieten, dass es Städtetouristen dort sicher nicht langweilig werden wird. Hilfreiche Tipps, Spaziergänge und Empfehlungen jenseits der Touristenströme finden sich im MM-City-Reiseführer “Berlin” und im “Stadtabenteuer Berlin” (jeweils Partnerlinks), so dass man sich auch bei einem Tagestrip bestimmte Ziele leicht aussuchen kann. Ein Interview mit den Autoren gibt es hier.

London
Was wäre ein Blogeintrag über Reiseführer ohne London? Eben.  Deshalb sei an dieser Stelle nicht nur auf diverse Einträge (nicht nur, aber auch zu Reisetipps) in diesem Blog verwiesen, sondern auch auf den immer wieder aktualisierten MM-City-Reiseführer “London” (Partnerlink), den ich seit meiner ersten London-Reise schätze.

Alle Bücher wurden mir freundlicherweise vom Michael-Müller-Verlag zur Verfügung gestellt

Kent Haruf: Kostbare Tage

Manchmal gibt es Bücher, die schon auf den ersten Seiten eine Traurigkeit verströmen, die der Leser nur schwer aushalten kann. Kent Harufs “Kostbare Tage” ist ein Buch vom Abschiednehmen, vom Rückblick auf ein zu Ende gehendes Leben, vom Regeln wichtiger Dinge. Dad Lewis erlebt seinen letzten heißen Sommer in Holt. Er hat Krebs im Endstadium und er weiß, dass er, bevor der Herbst kommt, tot sein wird. Diese Tatsache nimmt er klaglos hin, während er immer wieder auf sein Leben zurückblickt – beispielsweise von seinem Platz auf der Veranda seines Hauses, von wo aus er auch die Nachbarn beobachten kann. Er erinnert sich daran, wie er seinen Sohn Frank in der Scheune in Frauenkleidern überrascht hat – und dass er schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm hat. Seiner Tochter Lorraine, die zur Unterstützung nach Hause gekommen ist, will er sein Geschäft übertragen, damit alles geregelt ist, wenn er nicht mehr da ist.

“Er saß auf der Veranda, trank und hielt die Hand seiner Frau. Er würde also sterben. Das war es, was sie gesagt hatten. Noch ehe der Sommer vorbei war, wäre er tot.”

Kent Haruf nimmt den Leser mit in die fiktive Kleinstadt Holt, mit ihren Einwohnern, ihren jeweils ganz eigenen Charakteren und Biografien. Das macht er so wunderbar, dass man sich durchaus vorstellen kann, den Figuren im realen Leben zu begegnen. Die Melancholie der Geschichte ist so echt wie das Leben selbst.

Kent Haruf: Kostbare Tage. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

In Berlin ist weniger mehr

Berlin hat viel mehr zu bieten als Reichstag und Brandenburger Tor. Wie so oft bei großen Städte ist der Besucher schon mal überfordert, vor allem, wenn er zum ersten Mal da ist. Die Reisebuchautoren Gabriele Tröger und Michael Bussmann geben Tipps für Neulinge und Erfahrene gleichermaßen.

Welche Sehenswürdigkeiten sollten Berlin-Besucher unbedingt sehen?
Der, der zum ersten Mal nach Berlin kommt, will natürlich die altbekannten Highlights sehen: Brandenburger Tor, Reichstag, Ku’damm, Unter den Linden, Fernsehturm und Alexanderplatz, Museumsinsel, East Side Gallery und so fort. Rennt man allerdings nur den großen Sights hinterher, entgehen einem schnell die wirklichen Vibes der Stadt. Unseren Gästen empfehlen wir deswegen stets Spaziergänge durch die Kieze. Durch den Akazienkiez in Schöneberg oder den Graefekiez in Kreuzberg beispielsweise.

Was empfehlen Sie Tagestouristen, die morgens per Zug anreisen und gegen Abend wieder nach Hause fahren wollen?
Kommen die Leute zum ersten Mal oder zum 100. Mal? Grundsätzlich gilt: Weniger ist mehr. Am besten beschränkt man sich auf einen einzigen Stadtteil. Mitte zum Beispiel. Da ist man ruckzuck vom Hauptbahnhof hingefahren, kann in einem schönen Café toll frühstücken (im Barcomi’s Deli zum Beispiel), danach in den coolen Boutiquen der Spandauer Vorstadt stöbern und viele spannende Galerien und Museen besichtigen. Die Museumsinsel liegt ja vor der Tür, zudem sind das Naturkundemuseum und das Deutsche Historische Museum Must-sees.

Haben Sie Tipps für erfahrene Berlin-Besucher?
Wer auf zeitgenössische Kunst in außergewöhnlichem Ambiente steht, sollte unbedingt eine Führung durch die Sammlung Boros  buchen. Stets empfehlen wir auch Führungen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, den ehemaligen Stasi-Knast. Manche der Guides sind noch Zeitzeugen. Bei schönem Wetter kann man auch mal das Zentrum verlassen und sich den einen oder anderen See vornehmen. Wunderschöne Radtouren kann man beispielsweise um den Müggelsee und den Wannsee unternehmen.

​Haben Sie einen Lieblingsort/Lieblingsplatz in Berlin, den Sie immer wieder aufsuchen?
Oh ja, das Tempelhofer Feld! Wir lieben diesen Ort, so etwas gibt es einfach kein zweites Mal auf der Welt. Auf dem riesigen Areal des aufgegebenen Flughafens kann man radeln, joggen, grillen, gucken, Wein trinken oder einfach nur faul in den Himmel schauen. Very Berlin.

Gabriele Tröger und Michael Bussmann sind Reisebuchautoren. Unter anderem haben sie neben dem Reiseführer Berlin MM-City auch den Reiseführer Berlin – Stadtabenteuer (jeweils Partnerlinks) verfasst.  Sie bloggen auf Hierdadort.de.

 

Donna Leon: Geheime Quellen

Immer dann, wenn die Tage angenehm warm werden, kommen alte Bekannte zu Besuch. Die alten Bekannten, das sind in diesem Fall Commissario Guido Brunetti, seine Familie und seine Kollegen, denen wir im mittlerweile 29. Fall in einer unerträglichen sommerlichen Hitze Venedigs wieder begegnen. Es geht natürlich um einen Todesfall, um eine alte Dame und um die ewige Frage, ob es ein Unfall oder Mord war, doch es wäre nicht Brunetti, wenn es nicht eigentlich um etwas anderes gehe würde.

Venedig, die gleichermaßen schöne wie morbide Stadt, wunderschönes und bewahrenswertes Weltkulturerbe, leidet nicht so sehr unter der Hitze, die Einheimische mit stoischer Ruhe und weit geöffneten Fenstern zu ertragen gelernt haben.
Venedig leidet unter den Touristen, die in Scharen einfallen und nicht nur die kleinen Straßen und Gassen verstopfen. Seit es in Mode gekommen ist, die Welt bequem in riesigen Kreuzfahrtschiffen zu erkunden, legen diese natürlich auch in Venedig an und bringen nicht nur Besucher.  Die Schiffe verursachen Wellen, die die Fundamente der auf Pfählen errichteten Stadt aushöhlen und mit zu ihrer Zerstörung beitragen.

“Brunetti selbst hatte etwas gegen Klimaanlagen, weil er von Kindesbeinen an gelernt hatte, Hitze zu ertragen. Hitze und manches andere.”

Während Donna Leon selbst nicht mehr in Venedig wohnt  – wohl auch, weil sie die Veränderung der Stadt durch den Massentourismus nicht länger ertragen konnte – und nicht mehr unter der  Hitze der Stadt leiden muss, bleibt Brunetti der, er er immer war.  Zusammen mit der Sekretärin Elettra, die sich mit jedem neuen Fall mehr zu einer Hackerin in Designerklamotten entwickelt und seinem langjährigen Kollegen Vianello und der immer mehr geschätzten Claudia Griffoni versucht er, sich dem Verbrechen entgegenzustellen, wohl wissend, dass das eine mindestens so langwierige wenn nicht lebensfüllende Aufgabe ist wie das Lesen der griechischen Klassiker.
Wichtig bleibt für ihn das, worauf er sich immer verlassen kann: seine Frau Paola, mit der er genauso über Bücher wie über aktuelle politische Probleme plaudern kann und die zusammen mit den Kindern Chiara und Raffi der ruhende Pol in seinem Leben ist –  und gutes Essen.

“Geheime Quellen” thematisiert wie sein Vorgänger “Ein Sohn ist uns gegeben” Umweltverschmutzung und Massentourismus, Bestechung und Geldgeschäfte. Dass es auch um Liebe und Eifersucht und natürlich um die Aufklärung eines Todesfalls geht, das geht in den diversen Erzählsträngen fast verloren und es scheint so, als hätte das Donna Leon beim Schreiben etwas aus den Augen verloren.  Auch wenn die Commissario-Brunetti-Romane noch nie dem Muster klassischer Mord-und-Totschlag-Krimis gefolgt sind und mehr Wert auf bedächtiges Vorgehen gelegt und so ihren ganz eigenen Reiz entwickelt haben, so kommt dieser 29. Fall noch behäbiger und langsamer daher als so mancher seiner Vorgänger. Das macht ihn wohl nur für Fans, die wissen wollen, wie es mit ihrem Commissario weitergeht, zu einem Lese-Muss.

Donna Leon: Geheime Quellen. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Narziss und Goldmund

Hermann Hesse ist einer der Schriftsteller, die ich vor vielen Jahr sehr geliebt habe. Allerdings konnte ich mich so gut wie gar nicht mehr an die Handlung von “Narziss und Goldmund” erinnern, als ich das Buch zur Vorbereitung auf den Film wieder las. Ich war mir aber sicher, dass eine Verfilmung wenn nicht unmöglich, so doch sehr schwierig sein würde. Die Schließung der Kinos im März diesen Jahres ließ den Film des Regisseurs Stefan Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, zwar nicht in Vergessenheit, so doch aus meiner Reichweite geraten und ich war freudig überrascht, als Google mich daran erinnerte, dass der Film ausleihbar sei.

“Was ist denn passiert?” –  “Mehr als in ein Leben passt.”

Um es vorweg zu sagen: “Narziss und Goldmund” ist verfilmbar – noch dazu sehr beeindruckend und überraschend modern. Was nicht bedeutet, dass man die Geschichte um eine Freundschaft zwischen dem zutiefst gläubigen Jungen Narziss, der seine Bestimmung zum Mönch und späteren Abt nie in Zweifel zieht und Goldmund, dem verstoßenen Kind einer Hure, das von seinem Vater im Kloster abgegeben wird, weil er ihn nicht mehr sehen kann, gleich einer modernen Theateradaption eines Klassikers in die heutige Zeit verpflanzt hätte.

Ganz im Gegenteil fühlt man sich als Zuschauer ins Mittelalter versetzt – oder zumindest in das Mittelalter, das man sich als einigermaßen erfahrener Kinogänger und Filmfan so vorstellt und das sich Hermann Hesse vielleicht auch so oder so ähnlich vorgestellt hat. Das Kloster und das Klosterleben (inklusive der nackten Füße in Sandalen, Gregorianische Choräle am frühen Morgen und ein gemeinsamer Schlafsaal für die Klosterschüler) sind da ebenso stimmig wie das Leben der Bauern, der Städter und der Handwerker, die sich alle in einer Kulisse bewegen, die mit viel Liebe zum Detail gemacht ist.

“Narziss, dies ist Deine Bestimmung.”

Und dann sind da natürlich die beiden Hauptfiguren. Jannis Niewöhner gibt seinem Goldmund die Lebensfreude, die Leidenschaft und die ständige Suche nach einem “Mehr”, von dem er erst allmählich herausfindet, was dieses “Mehr” tatsächlich ist. Diese lebenslange Suche wirkt in sich stimmig und die schauspielerische Leistung überzeugend auf eine handfeste, direkte Art, die in Narziss  seinen Gegenpol findet. Sabin Tambrea verkörpert ihn mit einer Innigkeit,  die der Frömmigkeit des Mönchs genauso gerecht wird wie seiner Zuneigung,  mit der er an Narziss hängt und von der er genau weiß, dass sie viel mehr als Freundschaft ist.

“Narziss und Goldmund” ist eine Literaturverfilmung, die sich klug an der Vorlage bedient und sich ihre Freiheiten nimmt, so dass ein eigenständiger Film entsteht, an den man sich gern erinnert.

Narziss und Goldmund, 118 Minuten, FSK: 12 ⭐⭐⭐⭐⭐
Das Buch, auf dem der Film beruht, ist bei Suhrkamp erschienen.

Reiner Lehberger: Die Schmidts

Beeindruckende Zahlen und beeindruckende Leben: Hannelore “Loki” und Helmut Schmidt kannten sich 81 Jahre lang, waren fast 70 Jahre verheiratet und über 40 Jahre ein Paar von öffentlichem Interesse. Selbst wer sich nicht so sehr für deutsche Politik interessiert, stößt früher oder später auf das Ehepaar Schmidt, das sich schon zu Schulzeiten kannte und auch nach Helmut Schmidts Kanzlerschaft im öffentlichen Bewusstsein geblieben ist.

“Das Kanzlerpaar Schmidt war ein reibungslos funktionierendes politisches Team geworden, ihre offenbar aufrichtige gegenseitige Unterstützung war für jedermann ersichtlich.”

Reiner Lehberger zeichnet in “Die Schmidts – Ein Jahrhundertpaar” nicht nur eine Doppelbiografie, sondern lässt auch einen Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wieder lebendig werden. Die Ehepartner, gleichermaßen bodenständig, weltoffen und hanseatisch pragmatisch, bleiben einander ein Leben lang zugetan. Freilich blieben in den langen gemeinsamen Jahren Probleme nicht aus, und es ist offenbar Loki zu verdanken, dass die Ehe an einer langjährigen Affäre Helmut Schmidts nicht zerbrochen ist. Dass sie es war, die ihrem Mann die Trennung angeboten hat, ist wohl auch ein Zeichen für das moderne Rollenverständnis, das Loki Schmidt als Ehefrau des Bundeskanzlers lebte. Blieben Kanzlergattinnen vor ihr buchstäblich einen Schritt hinter ihrem Ehemann und bestenfalls schmückendes Beiwerk, verstand sich Loki von Anfang an als Unterstützerin ihres Mannes, griff eigene Themen auf und brachte mit ihrer Stiftung das Thema Naturschutz ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, beispielsweise mit der “Blume des Jahres“, die seit 1980 ausgewählt wird und auf gefährdete Arten aufmerksam machen will.

“Als sie (Loki Schmidt) Bonn Ende 1982 verließ, war sie zu einer der führenden Persönlichkeiten im deutschen Naturschutz avanciert.”

Aus eben dieser Öffentlichkeit verschwanden weder Loki noch Helmut Schmidt nach dem Ende seiner Kanzlerschaft. Beide schrieben zahlreiche Bücher, Helmut Schmidt blieb bis zu seinem Tod Mitherausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, hielt zahlreiche Vorträge und war als Elder Statesman gefragt.

Reiner Lehbergers Perspektive auf “Die Schmidts” ist trotz der Nähe nie effekthascherisch und faktensatt. Ein umfangreiches Fußnoten- und Literaturverzeichnis runden das Buch ab.

Reiner Lehberger: Die Schmidts, Atlantik, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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