Kategorie: Film (Seite 1 von 4)

Narziss und Goldmund

Hermann Hesse ist einer der Schriftsteller, die ich vor vielen Jahr sehr geliebt habe. Allerdings konnte ich mich so gut wie gar nicht mehr an die Handlung von “Narziss und Goldmund” erinnern, als ich das Buch zur Vorbereitung auf den Film wieder las. Ich war mir aber sicher, dass eine Verfilmung wenn nicht unmöglich, so doch sehr schwierig sein würde. Die Schließung der Kinos im März diesen Jahres ließ den Film des Regisseurs Stefan Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, zwar nicht in Vergessenheit, so doch aus meiner Reichweite geraten und ich war freudig überrascht, als Google mich daran erinnerte, dass der Film ausleihbar sei.

“Was ist denn passiert?” –  “Mehr als in ein Leben passt.”

Um es vorweg zu sagen: “Narziss und Goldmund” ist verfilmbar – noch dazu sehr beeindruckend und überraschend modern. Was nicht bedeutet, dass man die Geschichte um eine Freundschaft zwischen dem zutiefst gläubigen Jungen Narziss, der seine Bestimmung zum Mönch und späteren Abt nie in Zweifel zieht und Goldmund, dem verstoßenen Kind einer Hure, das von seinem Vater im Kloster abgegeben wird, weil er ihn nicht mehr sehen kann, gleich einer modernen Theateradaption eines Klassikers in die heutige Zeit verpflanzt hätte.

Ganz im Gegenteil fühlt man sich als Zuschauer ins Mittelalter versetzt – oder zumindest in das Mittelalter, das man sich als einigermaßen erfahrener Kinogänger und Filmfan so vorstellt und das sich Hermann Hesse vielleicht auch so oder so ähnlich vorgestellt hat. Das Kloster und das Klosterleben (inklusive der nackten Füße in Sandalen, Gregorianische Choräle am frühen Morgen und ein gemeinsamer Schlafsaal für die Klosterschüler) sind da ebenso stimmig wie das Leben der Bauern, der Städter und der Handwerker, die sich alle in einer Kulisse bewegen, die mit viel Liebe zum Detail gemacht ist.

“Narziss, dies ist Deine Bestimmung.”

Und dann sind da natürlich die beiden Hauptfiguren. Jannis Niewöhner gibt seinem Goldmund die Lebensfreude, die Leidenschaft und die ständige Suche nach einem “Mehr”, von dem er erst allmählich herausfindet, was dieses “Mehr” tatsächlich ist. Diese lebenslange Suche wirkt in sich stimmig und die schauspielerische Leistung überzeugend auf eine handfeste, direkte Art, die in Narziss  seinen Gegenpol findet. Sabin Tambrea verkörpert ihn mit einer Innigkeit,  die der Frömmigkeit des Mönchs genauso gerecht wird wie seiner Zuneigung,  mit der er an Narziss hängt und von der er genau weiß, dass sie viel mehr als Freundschaft ist.

“Narziss und Goldmund” ist eine Literaturverfilmung, die sich klug an der Vorlage bedient und sich ihre Freiheiten nimmt, so dass ein eigenständiger Film entsteht, an den man sich gern erinnert.

Narziss und Goldmund, 118 Minuten, FSK: 12 ⭐⭐⭐⭐⭐
Das Buch, auf dem der Film beruht, ist bei Suhrkamp erschienen.

#ReadALetter – Letters Live –

 

Bamberg, Germany, 11th of April 2020

My dear beloved cinema,
I never thought I’d ever write a letter to you. Why would I? I’m living literally just round the corner.

In summer I can smell you. That scent that defines you or at least it does for me. It’s that smell of popcorn, coffee and that very special mysterious smell that lives behind your glass doors normally full of film posters and the monthly schedule, that smell that greets me immediately after pulling the very left door open and step inside.

Normally I meet my dear friend there before strolling to the back to buy our tickets and where normally a “Hi ladies, it’s the OmU*f or yous, is it. Grand cappuccino with wheat milk, small latte macchiato, mineral water and..?” welcomes and marks us as frequent visitors.

You, little cinema, my second living room, you are closed since weeks and I do miss you so much.
But some day, hopefully not too far away, we’ll meet again. I can’t wait.
Yours
Petra

*OmU = Original mit Untertiteln = Original Version with subtitles”

Corona – Noch mehr Serien gegen die Langeweile

Bingewatching, also mehrere Folgen einer Serie hintereinander schauen, dazu fehlt im normalen Alltag häufig die Zeit. Aber was ist schon normal, wenn man wegen der derzeit geltenden Ausgangsbeschränkung mehr zuhause ist. Zeit, die man für Serien verwenden kann – zum Beispiel für diese:

Familienserien
Wer Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend auffrischen will, wird in der ZDF-Mediathek fündig. In „Ich heirate eine Familie“ verliebt sich der Junggeselle Werner Schumann (Peter Weck) in die geschiedene Mutter dreier Kinder Angelika Graf (Thekla-Carola Wied). Die in Jahren 1983 bis 1986 ausgestrahlte Serie besteht aus ursprünglich 14 Folgen. Weil die drei Langfolgen aufgeteilt wurden, ist in der Mediathek eine 17-teilige Fassung abrufbar.

Im Oktober 1985 öffnete „Die Schwarzwaldklinik“ im idyllischen Glottertal ihre Türen. In insgesamt 70 Folgen stand nicht unbedingt die medizinische Arbeit im Vordergrund. Ganz im Stil späterer Seifenopern ging es rund um den Chefarzt und Leiter der Klinik, Professor Dr. Klaus Brinkmann, um Herz-Schmerz, die Reibereien zwischen Kollegen und Beziehungsstress. 73 Folgen (sechs Staffeln plus das Special „Die nächste Generation“) stehen in der ZDF-Mediathek.

Die erste Staffel der Serie “Girl Friends” um die beiden Freundinnen Marie (Marielle Millowitsch) und Ilka (Tamara Rohloff) ist ab dem 1. April in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Krimiserie
Zwei Staffeln zu je acht Folgen der bislang teuersten Fernsehproduktion Serie „Babylon Berlin“ stellt die ARD in ihrer Mediathek (inklusive Hörfassungen) zur Verfügung. Wer die Ereignisse dieser Krimiserie im Berlin des Jahres 1929 bei ihrer Erstausstrahlung verpasst hat, kann sich per Stream in das Ende der Weimarer Republik versetzen lassen. Oder aber seine Erinnerungen auf den neuesten Stand bringen, denn die Ausstrahlung der dritten Staffel ist in der ARD für den Herbst geplant. Aktuell ist sie beim mitproduzierenden Sender Sky zu sehen.

Dokumentationen
Unterhaltung in Serie ganz anderer Art versprechen Dokumentationen, die sich mit Natur oder Tieren beschäftigen. Immer wieder faszinierende Einblicke in Orte, die uns sonst verborgen bleiben, bietet das ZDF mit seiner sonntäglichen Reihe „Terra X“. In der Mediathek sind diverse Folgen zu finden, unter anderem die spektakuläre Sendungen „Lichter der Tiefsee“, „Faszination Erde“ und „Sieben Kontinente – Ein Planet“.

 

Corona: Filme und Serien gegen die Langweile

Es war nicht einfach, eine  Buchauswahl zu treffen – bei Filmen und Serien ist das noch schwieriger.  Die meisten der hier aufgeführten sind bei den üblichen Streaming-Diensten zu finden oder als DVDs/Blu Rays zu kaufen.

Filme:

Tolkien: Dieser bildgewaltige Film war leider nur  kurz und in wenigen Kinos zu sehen. Schade, denn das Leben des Autors von “Der Herr der Ringe”, der im Grunde nicht nur eine Fantasy-Geschichte, sondern mit Mittelerde auch gleich einen ganz eigene Welt erschaffen hat, wird hier so wunderbar erzählt, dass man den Film gern öfter schauen mag.

 

Ich war noch niemals in New York: Ein Film, der sich nicht ernst nimmt und dabei jede Menge Spaß macht. Was man bei einem deutschen Film nicht für möglich gehalten hätte, funktioniert mit diesem ganz wunderbar. Und er verbreitet einfach nur gute Laune.

 

Das perfekte Geheimnis: Drei Frauen, vier Männer treffen sich zum Abendessen. Sie sind zum Teil seit Jahrzehnten befreundet und kommen auf die Idee, ihre Handys auf den Tisch zu legen. Jede Nachricht, jeder Anruf wird entweder vorgelesen oder über Lautsprecher geführt, so dass jeder jede Unterhaltung mithören kann. Das führt zu Chaos und Überraschungen und ist beste Unterhaltung. Tipp: auch den Abspann anschauen.

 

Marvel’s Avengers-Filme sind immer gut, um der Realität für ein paar Stunden zu entfliehen: Der letzte, “Endgame”, ist auch beim wiederholten Anschauen der kurzweiligste Drei-Stunden-Film seit Langem. Wer vorher noch keinen dieser Superhelden-Filme gesehen hat, sollte zumindest die Ironman-Filme gesehen haben. Hilfreich ist unter anderem diese Liste.

 

 

Der wunderbare Garten der Bella Brown: Die Londoner Bibliothekarin Bella Brown will seit Jahren ein Kinderbuch schreiben. Als sie vor die Wahl gestellt wird, entweder ihren verwilderten Garten herzurichten oder auszuziehen, entscheidet sie sich für die Gartenarbeit. Der Film ist liebenswert und etwas sonderlich – also im Grund so, wie wir uns die Briten eigentlich vorstellen.

 

Pride: Während die Bergarbeiter im Großbritannien der Thatcher-Jahre wegen der Schließung zahlreicher Zechen streiken, gehen in London Schwule und Lesben auf die Straße, um für mehr Rechte für Homosexuelle zu demonstrieren. Der auf wahren Ereignissen und Personen beruhende Film räumt mit Vorurteilen auf und zeigt, dass das Einstehen für eine gute Sache nicht hoffnungslos ist.

 

Star Trek: 13 Kinofilme und natürlich Serien: Die Vereinigte Förderation der Planeten hat mit “Picard” auf Amazon Prime ihre neueste Serie (und meiner Ansicht nach eines der besten Intros). Beste Gelegenheit also mal wieder in die unendlichen Weiten abzutauchen. Die Originalserie, die bei uns unter “Raumschiff Enterprise” im Fernsehen lief, ist ebenso wie “The Next Generation”, “Voyager” und “Deep Space Nine” auf Netflix zu finden.

 

Serien:

Strike: Wie schon geschrieben, bin ich Cormoran Strike verfallen. Die BBC-Serie mit Tom Burke (bekannt aus der Serie “Musketiere”) in der Titelrolle setzt die Geschichten um den Privatdetektiv mehr als angemessen um.

 

Outlander: Claire Randell findet sich auf unerklärbare Weise in der Vergangenheit wieder.  Was die gelernte Krankenschwester im Schottland des Jahres 1743 erlebt, ist Stoff für fünf Staffeln der Fantasy-Serie, vier Staffeln sind  mittlerweile auf Netflix zu sehen.

 

The Last Kingdom: Die lose auf historischen Ereignissen basierende Serie wurde ursprünglich für die BBC produziert und ist bei uns auf Netflix zu finden. Erzählt wird die Geschichte von Uhtred, der  in Angelsachsen des 9. Jahrhunderts zur Zeit des Königs Alfred the Great bei einem Überfall der Wikinger entführt wird und als einer der ihren aufwächst. Die vierte Staffel ist für April angekündigt.

 

The Crown: Die britische Monarchie unter Queen Elizabeth II. – wenn das kein Stoff für eine Serie ist. “The Crown”  ist eine dieser Serien, die man gesehen haben muss. Mittlerweile sind drei Staffeln auf Netflix zu sehen.

 

Downton Abbey: In sechs Staffeln  (insgesamt 52 Folgen) und einem Kinofilm wird das Leben der britischen Adelsfamilie Crawley von 1912 bis 1927 mit viel Liebe zum Detail erzählt. Findet man Gefallen am Stoff und den Darstellern ist es so, als hätte man neue Famillienmitglieder adoptiert.

 

 

Broadchurch: Sp spannend, dass man schon mal mit angehaltenem Atem auf der Sofakante sitzt, ist die Krimiserie “Broadchurch”. Gut dass es drei Staffeln gibt, die inhaltlich aufeinander Bezug nehmen, aber immer eigene Fälle behandeln. Oscar-Preisträgerin Olivia Colman (als Ellie Miller) und David Tennant (als Alec Hardy) sind überragend und der Soundtrack  von Ólafur Arnalds hörenswert.

Unterleuten: Die dreiteilige Serie erzählt vom fiktiven brandenburgischen Dorf Unterleuten, in dem ein Windpark entstehen soll. Das lässt Gräben zwischen Ossis und Wessis, Zugezogenen und Alteingesessenen aufbrechen. Die Serie ist gerade erst im ZDF gelaufen und in der Mediathek zu finden.

 

Ku’damm: Die beiden Staffeln (Ku’damm 56 und Ku’damm 59)  erzählen die Geschichte der Familie Schöllack in den 1950er Jahren. Neben den eigentlichen Folgen bietet das ZDF in der Mediathek auch Dokumentationen und einiges Wissenswertes.

 

Naturdokus sind im Idealfall unterhaltsam, vermitteln Wissen und zeigen umwerfend schöne Bilder. Eine davon ist “Unser blauer Planet”, die unter anderem bei Amazon Prime zu kaufen ist. Ähnliche Dokus gibt es aber auch bei Netflix oder in den Mediatheken von ARD und ZDF und Arte.

Preis der Freiheit

 

Erstaunlicherweise gibt zur Zeit deutsche Serien, die es lohnt, anzuschauen. Seien es “Weissensee“, “Ku’damm“, “Tannbach” oder “Preis der Freiheit”. Allen ist gemein, dass sie sich mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen und sie anhand von Familien erzählen, deren Schicksal mit den historischen Entwicklungen verbunden ist. Das gelingt ordentlich, aber nicht unbedingt sehr gut.

“Ich tue alles für diesen Staat.” Margot

Im Zentrum von “Preis der Freiheit” stehen drei Schwestern: Lotte Bohla (Nadja Uhl), ist Buchhändlerin, alleinerziehende Mutter, die sich in der Umweltbewegung engagiert. Margot Spindler (brillant Nadja Auer) arbeitet in der “Kommerziellen Koordinierung” daran, Devisen für die DDR zu beschaffen. Ihr Mann, Paul (Joachim Król) arbeitet in einem Kombinat, das den ersten FCKW-freien Kühlschrank erfindet. Die dritte Schwester, Ina Winter (irgendwie immer leidend Nicolette Krebitz), arbeitet in der Bundesrepublik beim Ministerium für innerdeutsche Beziehungen unter anderem am Flüchtlingsfreikauf. Weshalb sie seit Jahren unter einem anderen Namen im Westen lebt, bleibt unklar.
Neben der Familiengeschichte liegt das Hauptaugenmerk der Filmemacher auf der zunehmend unzufriedene Jugend und der Geschäftemacherei, bei der nach und nach klar wird, dass die DDR auf den Bankrott zusteuert.

Im Grund hat die dreiteilige Serie “Preis der Freiheit” alles, was gute und spannende Unterhaltung braucht – und in weiten Strecken ist das die Mischung aus Historiendrama, Agententhriller und Familientragödie, die in drei Folgen erzählt wird, auch. Dennoch bleibt die Inszenierung typisch deutsch: die Farben wirken, als hätte jemand alle frischen Töne herausgefiltert und durch eine braun-beige-khaki Farbpalette ersetzt, die den Bildern etwas seltsam unrealistisches gibt. Der Soundtrack begleitet die Handlung nicht, sondern überlagert zu oft und zu penetrant und zu laut die Dialoge anstatt die Stimmung zu untermalen. Dennoch bleibt er nicht im Gedächtnis haften. Dass keiner der Schauspieler berlinert oder sächselt, erwartet man in einer deutschen Produktion ebenso wenig wie künstliche Dialoge, die kein Mensch im wirklichen Leben so sprechen würde. Dennoch lohnt es sich, ein weiteres Mal mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte  zu beschäftigen.

Der Preis der Freiheit, 3 Folgen, insgesamt 270 Minuten.
Die DVDs wurden mit freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

⭐⭐⭐

 

Ich war noch niemals in New York


Ach, das es das noch geben darf: einen deutschen Film, der sich selbst keine Minute ernst nimmt, vor keinem Klischee zurückschreckt und das Ganze auch noch mit jeder Menge Zuckerguss garniert. Genau das ist „Ich war noch niemals in New York“ (129 Minuten, FSK ohne Beschränkung).

Die Geschichte, die sich an Bord des Überseedampfers „MS Maximiliane“ auf deren Fahrt nach News York abspielt und von verpassten Chancen, verlorenen Lieben und dem Versprechen auf einen Neustart handelt, könnte nicht bunter und bühnenhafter erzählt werden.

Lisa Wartberg (Heike Makatsch) ist eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin, deren Mutter (Katharina Thalbach) nach einem Sturz ihr Gedächtnis verliert und sich nur noch an New York erinnert. Deshalb flieht sie aus dem Krankenhaus und schafft es als blinde Passagierin auf das Schiff, wo ihr Otto (Uwe Ochsenknecht) begegnet. Lisa wiederum trifft auf den Statistiker Axel (Moritz Bleibtreu).

Diese starbesetzten Irrungen und Wirrungen sind erstaunlich kurzweilig, traurig und komisch und man wird den Verdacht nicht los, dass die Schauspieler mindestens genauso viel Spaß am Schauspielern wie am Singen und Tanzen hatten. Wer sich einfach gut unterhalten lassen möchte, ist bei diesem Film genau richtig.

Ich war noch niemals in New York, 129 Minuten, FSK ohne Altersbeschränkung
⭐⭐⭐⭐

Deutschstunde

Es ist vielleicht der deutscheste Romanstoff, der da auf die Kinoleinwand gebracht wird. Siegfried Lenz 1968 erschienener Roman gehört nicht nur zum Schulkanon. Er ist auch der Versuch einer Aufarbeitung von typisch deutschem Pflichtbewusstsein, das ungeachtet von Freundschaften und Unrechtsbewusstsein Befehle ausführt.

Eingebettet in die Rahmenhandlung, die Siggi Jepsen (Tom Gronau) beim Strafarbeitschreiben zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ in einem Jugendgefängnis zeigt, entfaltet sich seine Kindheit im Dorf Rugbüll. Hier ist sein Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) zur NS-Zeit Dorfpolizist und damit beauftragt, das Malverbot für den Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) einzuhalten.

“Die glauben, dass Malen gefährlich ist, dass ich gefährlich bin.”

Getreu seinem eigenen Motto „Aus Dir machen wir was Brauchbares“ stiftet Jens Ole den elfjährigen Siggi (Levi Eisenblätter) an, den Maler zu bespitzeln und sofort zu melden, wenn der zum Pinsel und Leinwand greift. Das wiederum überfordert Siggi, der letztlich zum Bilderdieb und Bilderbewahrer wird.

“Wir werden zusammenarbeiten, Siggi. Gegen uns beide da kommt keiner an.”

Mag der Roman schon keine einfache Lektüre sein, so ist es der Film erst recht nicht. In 125 Minuten bringt Regisseur Christian Schochow von allem etwas zu viel auf die Leinwand: zu viel Weite, zu viel Düsternis, zu viel Symbolik und zu viel Perfektionismus: die Wohnungen sind entweder zu aufgeräumt oder zu bohemehaft (wobei auch hier die Nusstorte zu Max‘ 70. perfekt dekoriert ist): Es reicht nicht, dass die Küstenlandschaft weder weit noch offen, sondern bedrückend und düster ist. In einer der ersten Szenen des Films müssen Bilder auf Staffeleien in der See verbrennen und Siggi  später kunstvoll tote Tiere arrangieren.

Soviel Betonung des Offensichtlichen hätten weder Stoff noch Schauspieler nötig gehabt. Denn der Stoff, aus dem „Deutschstunde“ ist, veranschaulicht auch heute noch eindringlich und immer noch aktuell die  Grenzen des Pflichtbewusstseins.
125 Minuten, FSK: 12

⭐⭐⭐⭐

Joker


Nein, das ist kein leichter Film und die Altersfreigabe (FSK 16) inklusive des Hinweises vor dem Kinoeingang mehr als sinnvoll. Denn das, was Joaquin Phoenix in der Titelrolle abliefert, ist eine einzige Achterbahnfahrt, die den Film die kompletten 118 Minuten trägt. Der Zuschauer schwankt von Anfang an zwischen Ekel, Mitleid, Angst, Lachen und irgendwie auch dem Wunsch, das Kino sofort zu verlassen. Der Joker, der sich erst am Ende des Films so nennt und eigentlich Arthur Fleck heißt, ist die personifizierte Unterklasse der New Yorker Gesellschaft. Er arbeitet bis zu seiner Entlassung als Clown, wird mehrfach verprügelt, gedemütigt, ist in Therapie (wo er sich allerdings nur seine Medikamente verschreiben lässt) und lebt mit seiner kranken Mutter, die er aufopferungsvoll pflegt, in mehr als armseligen Verhältnissen.

“Mein ganzes Leben lang war mir nicht klar, ob ich überhaupt existierte. Aber ich tue es. Und mit der Zeit fällt es den Leuten langsam auf.”

Aber er gibt seinen Traum, als Comedian Karriere zu machen, nicht auf. Allmählich erfährt der Zuschauer mehr über Arthurs Hintergrund, während er gleichzeitig erlebt, wie sich Arthur vom stillen Dulder zum Joker wandelt, der vor keinem Extrem zurückschreckt.

Joaquin Phoenixs schauspielerische Leistung ist so außergewöhnlich wie die Rolle, für die er nach eigenen Angaben 24 Kilogramm abgenommen hat und für die er auch vor dem Hässlichen und Abstoßenden nicht zurückschreckt. Bezeichnend dafür sind die Szenen, in denen er nur mit einer Unterhose bekleidet selbstvergessen tanzt  oder in denen er zum brutalen Mörder wird. Wenn Phoenix nicht den Oscar für den besten männlichen Hauptdarsteller bekommt, so dürfte ihm zumindest eine Nominierung sicher sein.

Joker, Länge 118 Minuten, FSK 16.

⭐⭐⭐⭐⭐

Geheimnis eines Lebens

So ganz hat sie scheinbar nicht verstanden, weshalb sie verhaftet wird. Die über 80 Jahre alte Joan Stanley (Judi Dench) wird in ihrem Haus in einem Londoner Vorort verhaftet und intensiv verhört. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit erfährt der Zuschauer nach und nach, dass die junge Joan (Sophie Cookson) 1938 in ihrer Zeit als Physik-Studentin in Cambridge Freundschaften und Beziehungen zu russischen Kommilitonen unterhielt. Die biedere Joan lernt die aus Russland stammende Studentin Sonya (Tereza Sbrová) kennen und ist fasziniert von deren offensichtlicher Weltläufigkeit, probiert buchstäblich deren rote (!) Stöckelschuhe an und posiert in einem Pelzmantel vor ihrem großen, goldenen Spiegel. Und sie verliebt sich unsterblich in deren gutaussehenden Cousin Leo (Tom Hughes, der in „Victoria“ Prinz Albert spielt), mit dem sie über Jahre hinweg eine „on/off-Beziehung“ führt und der sie als Spionin für die Sowjetunion gewinnen will. Als Assistentin von Max Davis (Stephen Campbell Moore, jüngst in „A Child in Time“ zu sehen) hat Joan während des Zweiten Weltkriegs Zugang zu einem Projekt, mit dem Großbritannien eine eigene Atombombe entwickeln will. Als sie erfährt, welche furchtbaren Auswirkungen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten, kann sie nicht mehr länger untätig zuschauen, wie sich die Menschheit selber vernichtet. Joan beschließt, wichtige Unterlagen an die Sowjetunion zu verraten.

„Geheimnis eines Lebens“ wechselt immer wieder zwischen der Gegenwart des Jahres 2000, in der die alte Joan verhört wird, und der Zeit kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs. Während sich die alte Joan an damals erinnert, schafft es eine überragende Judi Dench mit nur wenigen Worte und Gesten, ihre Verwunderung über die MI5-Verhörer auszudrücken, die offenbar keine Ahnung vom damaligen Leben haben, das sie gleichsam mit einem Seufzer wieder belebt.

Am besten in eine „Frauenladen” gehen

Diese Rückblenden, in denen Sophie Cookson als junge Joan brilliert, sind in der besten Tradition eines Period-Dramas inszeniert, in der von der zeitgenössischen Kleidung bis hin zur Teetasse alles mit viel Liebe zum Detail ausgesucht und in Szene gesetzt wurde. Darüber hinaus zeigt es aber auch, in welchen Umständen Frauen damals gearbeitet haben, dass sie nicht als ebenbürtige Kolleginnen wahrgenommen wurden, sondern bestenfalls Tee servieren oder als Sekretärinnen adrett auf dem Besucherstuhl Notizen machen durften. „Wir sind Frauen, niemand traut uns das zu“, bringt Sonya das Ganze treffend auf den Punkt und gibt Joan dann auch noch den Tipp am besten in einen „Frauenladen“ zu gehen, wenn sie einen Verfolger abschütteln will. Witzig und bezeichnend zugleich ist dann auch die Reaktion eines Polizisten, der Joans Handtasche durchsucht, eine Packung mit Damenbinden wie elektrisiert wegsteckt und die Tasche wieder zurückgibt, ohne die in der Packung versteckte Minikamera gefunden zu haben. Gleichberechtigung ist ein Thema, das unwillkürlich an den Film „Hidden Figures“ erinnert, der die unbekannten Frauen der Nasa in den USA der 1950er und 1960er Jahre in den Mittelpunkt stellt – und die beispielsweise um heute so banale Dinge wie eine Damentoilette in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes kämpfen mussten.

„Geheimnis eines Lebens“ ist ein leiser, aber umso eindringlicher Film, von dessen 102 Minuten keine überflüssig ist.
⭐⭐⭐⭐⭐

Tolkien

Wie ein Ausflug nach Mittelerde – so beginnt der Film „Tolkien“ mit Bildern des jungen JRR Tolkien, der in den englischen Midlands aufwächst und für den es nichts Schöneres gibt, als durch die zauberhafte Umgebung mit ihren uralten Bäumen zu streifen. Doch weil die Familie arm ist, muss sie nach Birmingham umziehen. Als ob das noch nicht genug ist, stirbt überraschend auch noch die Mutter. John Ronald (Nicholas Hoult) und sein Bruder Hilary (James MacCallum) kommen als Waisen in die Obhut des Priesters Francis Morgan (Colm Meaney, ja Chief O’Brien) und auf eine renommierte Schule. Dort freundet sich John mit einer Gruppe von Schülern an, die alle ärmer sind als er. Trotz der Klassenunterschiede entstehen Freundschaften, die ein Leben lang halten und sogar das Trauma des Ersten Weltkriegs überdauern.

Schützengräben und eine Leidenschaft für Sprachen

Der Erste Weltkrieg ist es auch, der Tolkien jedenfalls in diesem Film prägen wird und aus dessen Schützengräben der Film im Rückblick erzählt. Inwieweit der Schöpfer von Mittelerde beispielsweise in den Feuersbrünsten zwischen den Fronten Fabelwesen sah, die er in seinen späteren Geschichten verarbeiten wird, sei dahingestellt. Sicher ist, dass Tolkien zeitlebens eine Leidenschaft für Sprachen und deren Grammatik hatte, die er schon als Student nutzte, um eigene Sprachen und Schriften zu erfinden. Eine andere Leidenschaft gilt seiner großen Liebe Edith (Lily Collins).

„Tolkien“ ist ein bildgewaltiger Film, der immer wieder auf den Roman „Der Herr der Ringe“ anspielt und dessen Dramatik von Thomas Newmans Musik unterstrichen wird – nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig, sondern genau richtig, um die Schauspielkunst der beiden Hauptdarsteller zu unterstreichen: Nicholas Hoult, der zuletzt in „The Favourite“ neben Olivia Coleman („Night Manager“) zu sehen war und der Nikola Tesla in „The Current War“ (Starttermin für Deutschland noch unklar) verkörpern wird, überzeugt als Tolkien und ist in der Figur leinwandfüllend. Lily Collins, die in der BBC-Miniserie „Les Misérables“ zu sehen war, spielt Edith so mühelos und glaubhaft, dass man ihr sowohl die erwachsene Frau als auch das verliebte Mädchen abnimmt. Schade eigentlich, dass der Film nur in wenigen Kinos läuft und lief. Dabei hätte er weit mehr Vorstellungen auch in der Originalversion verdient. Immerhin ist die DVD für Ende Oktober angekündigt.
⭐⭐⭐⭐⭐

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