Kategorie: Film (Seite 1 von 4)

Ich war noch niemals in New York


Ach, das es das noch geben darf: einen deutschen Film, der sich selbst keine Minute ernst nimmt, vor keinem Klischee zurückschreckt und das Ganze auch noch mit jeder Menge Zuckerguss garniert. Genau das ist „Ich war noch niemals in New York“ (129 Minuten, FSK ohne Beschränkung).

Die Geschichte, die sich an Bord des Überseedampfers „MS Maximiliane“ auf deren Fahrt nach News York abspielt und von verpassten Chancen, verlorenen Lieben und dem Versprechen auf einen Neustart handelt, könnte nicht bunter und bühnenhafter erzählt werden.

Lisa Wartberg (Heike Makatsch) ist eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin, deren Mutter (Katharina Thalbach) nach einem Sturz ihr Gedächtnis verliert und sich nur noch an New York erinnert. Deshalb flieht sie aus dem Krankenhaus und schafft es als blinde Passagierin auf das Schiff, wo ihr Otto (Uwe Ochsenknecht) begegnet. Lisa wiederum trifft auf den Statistiker Axel (Moritz Bleibtreu).

Diese starbesetzten Irrungen und Wirrungen sind erstaunlich kurzweilig, traurig und komisch und man wird den Verdacht nicht los, dass die Schauspieler mindestens genauso viel Spaß am Schauspielern wie am Singen und Tanzen hatten. Wer sich einfach gut unterhalten lassen möchte, ist bei diesem Film genau richtig.

Ich war noch niemals in New York, 129 Minuten, FSK ohne Altersbeschränkung
⭐⭐⭐⭐

Deutschstunde

Es ist vielleicht der deutscheste Romanstoff, der da auf die Kinoleinwand gebracht wird. Siegfried Lenz 1968 erschienener Roman gehört nicht nur zum Schulkanon. Er ist auch der Versuch einer Aufarbeitung von typisch deutschem Pflichtbewusstsein, das ungeachtet von Freundschaften und Unrechtsbewusstsein Befehle ausführt.

Eingebettet in die Rahmenhandlung, die Siggi Jepsen (Tom Gronau) beim Strafarbeitschreiben zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ in einem Jugendgefängnis zeigt, entfaltet sich seine Kindheit im Dorf Rugbüll. Hier ist sein Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) zur NS-Zeit Dorfpolizist und damit beauftragt, das Malverbot für den Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) einzuhalten.

“Die glauben, dass Malen gefährlich ist, dass ich gefährlich bin.”

Getreu seinem eigenen Motto „Aus Dir machen wir was Brauchbares“ stiftet Jens Ole den elfjährigen Siggi (Levi Eisenblätter) an, den Maler zu bespitzeln und sofort zu melden, wenn der zum Pinsel und Leinwand greift. Das wiederum überfordert Siggi, der letztlich zum Bilderdieb und Bilderbewahrer wird.

“Wir werden zusammenarbeiten, Siggi. Gegen uns beide da kommt keiner an.”

Mag der Roman schon keine einfache Lektüre sein, so ist es der Film erst recht nicht. In 125 Minuten bringt Regisseur Christian Schochow von allem etwas zu viel auf die Leinwand: zu viel Weite, zu viel Düsternis, zu viel Symbolik und zu viel Perfektionismus: die Wohnungen sind entweder zu aufgeräumt oder zu bohemehaft (wobei auch hier die Nusstorte zu Max‘ 70. perfekt dekoriert ist): Es reicht nicht, dass die Küstenlandschaft weder weit noch offen, sondern bedrückend und düster ist. In einer der ersten Szenen des Films müssen Bilder auf Staffeleien in der See verbrennen und Siggi  später kunstvoll tote Tiere arrangieren.

Soviel Betonung des Offensichtlichen hätten weder Stoff noch Schauspieler nötig gehabt. Denn der Stoff, aus dem „Deutschstunde“ ist, veranschaulicht auch heute noch eindringlich und immer noch aktuell die  Grenzen des Pflichtbewusstseins.
125 Minuten, FSK: 12

⭐⭐⭐⭐

Joker


Nein, das ist kein leichter Film und die Altersfreigabe (FSK 16) inklusive des Hinweises vor dem Kinoeingang mehr als sinnvoll. Denn das, was Joaquin Phoenix in der Titelrolle abliefert, ist eine einzige Achterbahnfahrt, die den Film die kompletten 118 Minuten trägt. Der Zuschauer schwankt von Anfang an zwischen Ekel, Mitleid, Angst, Lachen und irgendwie auch dem Wunsch, das Kino sofort zu verlassen. Der Joker, der sich erst am Ende des Films so nennt und eigentlich Arthur Fleck heißt, ist die personifizierte Unterklasse der New Yorker Gesellschaft. Er arbeitet bis zu seiner Entlassung als Clown, wird mehrfach verprügelt, gedemütigt, ist in Therapie (wo er sich allerdings nur seine Medikamente verschreiben lässt) und lebt mit seiner kranken Mutter, die er aufopferungsvoll pflegt, in mehr als armseligen Verhältnissen.

“Mein ganzes Leben lang war mir nicht klar, ob ich überhaupt existierte. Aber ich tue es. Und mit der Zeit fällt es den Leuten langsam auf.”

Aber er gibt seinen Traum, als Comedian Karriere zu machen, nicht auf. Allmählich erfährt der Zuschauer mehr über Arthurs Hintergrund, während er gleichzeitig erlebt, wie sich Arthur vom stillen Dulder zum Joker wandelt, der vor keinem Extrem zurückschreckt.

Joaquin Phoenixs schauspielerische Leistung ist so außergewöhnlich wie die Rolle, für die er nach eigenen Angaben 24 Kilogramm abgenommen hat und für die er auch vor dem Hässlichen und Abstoßenden nicht zurückschreckt. Bezeichnend dafür sind die Szenen, in denen er nur mit einer Unterhose bekleidet selbstvergessen tanzt  oder in denen er zum brutalen Mörder wird. Wenn Phoenix nicht den Oscar für den besten männlichen Hauptdarsteller bekommt, so dürfte ihm zumindest eine Nominierung sicher sein.

Joker, Länge 118 Minuten, FSK 16.

⭐⭐⭐⭐⭐

Geheimnis eines Lebens

So ganz hat sie scheinbar nicht verstanden, weshalb sie verhaftet wird. Die über 80 Jahre alte Joan Stanley (Judi Dench) wird in ihrem Haus in einem Londoner Vorort verhaftet und intensiv verhört. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit erfährt der Zuschauer nach und nach, dass die junge Joan (Sophie Cookson) 1938 in ihrer Zeit als Physik-Studentin in Cambridge Freundschaften und Beziehungen zu russischen Kommilitonen unterhielt. Die biedere Joan lernt die aus Russland stammende Studentin Sonya (Tereza Sbrová) kennen und ist fasziniert von deren offensichtlicher Weltläufigkeit, probiert buchstäblich deren rote (!) Stöckelschuhe an und posiert in einem Pelzmantel vor ihrem großen, goldenen Spiegel. Und sie verliebt sich unsterblich in deren gutaussehenden Cousin Leo (Tom Hughes, der in „Victoria“ Prinz Albert spielt), mit dem sie über Jahre hinweg eine „on/off-Beziehung“ führt und der sie als Spionin für die Sowjetunion gewinnen will. Als Assistentin von Max Davis (Stephen Campbell Moore, jüngst in „A Child in Time“ zu sehen) hat Joan während des Zweiten Weltkriegs Zugang zu einem Projekt, mit dem Großbritannien eine eigene Atombombe entwickeln will. Als sie erfährt, welche furchtbaren Auswirkungen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten, kann sie nicht mehr länger untätig zuschauen, wie sich die Menschheit selber vernichtet. Joan beschließt, wichtige Unterlagen an die Sowjetunion zu verraten.

„Geheimnis eines Lebens“ wechselt immer wieder zwischen der Gegenwart des Jahres 2000, in der die alte Joan verhört wird, und der Zeit kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs. Während sich die alte Joan an damals erinnert, schafft es eine überragende Judi Dench mit nur wenigen Worte und Gesten, ihre Verwunderung über die MI5-Verhörer auszudrücken, die offenbar keine Ahnung vom damaligen Leben haben, das sie gleichsam mit einem Seufzer wieder belebt.

Am besten in eine „Frauenladen” gehen

Diese Rückblenden, in denen Sophie Cookson als junge Joan brilliert, sind in der besten Tradition eines Period-Dramas inszeniert, in der von der zeitgenössischen Kleidung bis hin zur Teetasse alles mit viel Liebe zum Detail ausgesucht und in Szene gesetzt wurde. Darüber hinaus zeigt es aber auch, in welchen Umständen Frauen damals gearbeitet haben, dass sie nicht als ebenbürtige Kolleginnen wahrgenommen wurden, sondern bestenfalls Tee servieren oder als Sekretärinnen adrett auf dem Besucherstuhl Notizen machen durften. „Wir sind Frauen, niemand traut uns das zu“, bringt Sonya das Ganze treffend auf den Punkt und gibt Joan dann auch noch den Tipp am besten in einen „Frauenladen“ zu gehen, wenn sie einen Verfolger abschütteln will. Witzig und bezeichnend zugleich ist dann auch die Reaktion eines Polizisten, der Joans Handtasche durchsucht, eine Packung mit Damenbinden wie elektrisiert wegsteckt und die Tasche wieder zurückgibt, ohne die in der Packung versteckte Minikamera gefunden zu haben. Gleichberechtigung ist ein Thema, das unwillkürlich an den Film „Hidden Figures“ erinnert, der die unbekannten Frauen der Nasa in den USA der 1950er und 1960er Jahre in den Mittelpunkt stellt – und die beispielsweise um heute so banale Dinge wie eine Damentoilette in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes kämpfen mussten.

„Geheimnis eines Lebens“ ist ein leiser, aber umso eindringlicher Film, von dessen 102 Minuten keine überflüssig ist.
⭐⭐⭐⭐⭐

Tolkien

Wie ein Ausflug nach Mittelerde – so beginnt der Film „Tolkien“ mit Bildern des jungen JRR Tolkien, der in den englischen Midlands aufwächst und für den es nichts Schöneres gibt, als durch die zauberhafte Umgebung mit ihren uralten Bäumen zu streifen. Doch weil die Familie arm ist, muss sie nach Birmingham umziehen. Als ob das noch nicht genug ist, stirbt überraschend auch noch die Mutter. John Ronald (Nicholas Hoult) und sein Bruder Hilary (James MacCallum) kommen als Waisen in die Obhut des Priesters Francis Morgan (Colm Meaney, ja Chief O’Brien) und auf eine renommierte Schule. Dort freundet sich John mit einer Gruppe von Schülern an, die alle ärmer sind als er. Trotz der Klassenunterschiede entstehen Freundschaften, die ein Leben lang halten und sogar das Trauma des Ersten Weltkriegs überdauern.

Schützengräben und eine Leidenschaft für Sprachen

Der Erste Weltkrieg ist es auch, der Tolkien jedenfalls in diesem Film prägen wird und aus dessen Schützengräben der Film im Rückblick erzählt. Inwieweit der Schöpfer von Mittelerde beispielsweise in den Feuersbrünsten zwischen den Fronten Fabelwesen sah, die er in seinen späteren Geschichten verarbeiten wird, sei dahingestellt. Sicher ist, dass Tolkien zeitlebens eine Leidenschaft für Sprachen und deren Grammatik hatte, die er schon als Student nutzte, um eigene Sprachen und Schriften zu erfinden. Eine andere Leidenschaft gilt seiner großen Liebe Edith (Lily Collins).

„Tolkien“ ist ein bildgewaltiger Film, der immer wieder auf den Roman „Der Herr der Ringe“ anspielt und dessen Dramatik von Thomas Newmans Musik unterstrichen wird – nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig, sondern genau richtig, um die Schauspielkunst der beiden Hauptdarsteller zu unterstreichen: Nicholas Hoult, der zuletzt in „The Favourite“ neben Olivia Coleman („Night Manager“) zu sehen war und der Nikola Tesla in „The Current War“ (Starttermin für Deutschland noch unklar) verkörpern wird, überzeugt als Tolkien und ist in der Figur leinwandfüllend. Lily Collins, die in der BBC-Miniserie „Les Misérables“ zu sehen war, spielt Edith so mühelos und glaubhaft, dass man ihr sowohl die erwachsene Frau als auch das verliebte Mädchen abnimmt. Schade eigentlich, dass der Film nur in wenigen Kinos läuft und lief. Dabei hätte er weit mehr Vorstellungen auch in der Originalversion verdient. Immerhin ist die DVD für Ende Oktober angekündigt.
⭐⭐⭐⭐⭐

Traumfabrik

Was ist die Welt des Films doch für eine Welt, und was für ein Gewusel erwartet den Besucher in den Filmstudios der Defa! Die ersten Minuten des Films „Traumfabrik“ (FSK 6, 127min) entfalten eine Vielfalt an Gestalten, Farben und Geräuschen, die den Zuschauer nicht nur wegen der Kamerafahrt überwältigen. Auch Emil (Dennis Mojen), den die Kamera und mit ihr die Zuschauer auf seinem ersten Weg durch das weitläufige Gelände und die Hallen des Filmgeländes in Berlin-Babelsberg begleitet, weiß gar nicht, wo er hinschauen soll, so sehr wimmelt es von römischen Soldaten, Tänzerinnen und exotischen Tieren, die von einem Dreh kommen oder zu ihrer nächsten Szene gehen. Doch dann sieht Emil Milou (Emilia Schüle) und die Welt um ihn herum scheint stillzustehen.

Wie sich herausstellt, ist die junge Frau Französin (oder Deutsche mit französischem Pass?) und Tanzdouble für die renommierte Schauspielerin Beatrice Morée (Ellenie Salvo González). Als der unsterblich verliebte Emil einige Zeit später eine besondere Überraschung für Milou vorbereitet, wird er enttäuscht, denn seine Angebetete erscheint nicht am verabredeten Treffpunkt, denn ihr Taxi wird auf der Glienicker Brücke von Grenzpolizisten mit vorgehaltenen Waffen gestoppt. Es ist der 13. August 1961, der Tag, an dem die DDR die Grenzen zu den westlichen Sektoren Berlins geschlossen hat. Das ist der Grund (den Emil zunächst nicht kennt), weshalb Milou nicht aus ihrem Hotel im Westteil der Stadt (ob die Menschen damals sofort „West-Berlin“ gesagt haben?) zu den Defa-Studios kommen kann und deshalb zunächst wieder zurück nach Paris fliegt. Emil aber will Milou unbedingt wieder nach Berlin locken und verfällt auf die Idee, nicht nur das Drehbuch für einen Film zu schreiben, sondern extra für Milou eine Tanzszene einzubauen und damit ihren Traum zu erfüllen. Zu allem Überfluss kommt dem völlig unerfahrenen Emil auch noch der Zufall zu Hilfe, und er findet sich als Regisseur nebst entsprechendem Büro wieder.

Der Film, der zu viel will

„Traumfabrik“ ist ein Film, der zu viel sein will: Komödie und historischer Film, Liebesfilm mit einem Schuss von Musical und eine Hommage an die große Zeit des Kinos – das Ganze auch noch verpackt in eine Rahmenhandlung, in der der Großvater Emil (Michael Gwisdek) seinem Enkel den eigentlichen Film als die Geschichte seiner Jugend erzählt. Doch der Anspruch ist so groß, dass auch ein überragend agierender, furchteinflößender Heiner Lauterbach als mächtiger Defa-Generaldirektor Beck den Film nicht vor dem Abdriften in den Kitsch bewahren kann. Schade, denn „Traumfabrik“ hätte sich in die jüngsten hervorragenden Produktionen wie den im April angelaufenen Film „Der Fall Collini“ (auch mit Heiner Lauterbach) oder die auf Hape Kerkelings Lebenserinnerungen basierende Tragikomödie „Der Junge muss an die frische Luft“ einreihen können. Das aber schafft „Traumfabrik“ nicht.

⭐⭐⭐

Spider-Man: Far From Home

Wehmütig endet „Avengers: Endgame“ mit dem Tod zahlreicher geliebter Helden und wehmütig ist der nächste Marvel-Blockbuster auch am Anfang. Peter Parker (Tom Holland) sieht als Spider-Man ein riesiges Bild von Iron Man (Robert Downey Jr) auf einer Hauswand und kann die Tränen kaum zurück halten. Zu nah sind noch die Erinnerungen an den „Blip“, mit dem einige Helden – und mit ihnen auch normale Menschen – dank der Portale von Doctor Strange und Wong von den Toten zurückgeholt wurden. Doch einige, darunter Iron Man, alias Tony Stark, haben sich für den Fortbestand der Menschheit geopfert. Da hilft es wenig, dass Tony seine Brille an Peter übergeben hat, der sich mit diesem Erbe überfordert fühlt. Er verwendet das Gadget lieber dafür, seinen Klassenkameraden auf dem Schulausflug nach Europa hinterher zu spionieren.

Denn schließlich ist Peter wenn er sich nicht gerade in das Spider-Man-Kostüm zwängt, nichts weiter als ein Junge in der Pubertät, der seinem Schwarm MJ (Zendaya) auf dem Eiffelturm in Paris seine Liebe gestehen will. Doch bis es soweit ist, muss er in Venedig noch ein Wassermonster bekämpfen, Bekanntschaft mit einem neuen Superhelden namens Quentin Beck oder Mysterio (Jake Gyllenhall) machen und die aufdringlichen Anrufe von S.H.I.E.L.D-Boss Nick Fury (Samuel L. Jackson) abwehren.

„Spider-Man: Far From Home“ ist ein würdiger Nachfolger von „Endgame“, weil er in bester Marvel-Manier zahlreiche Verweise auf den jüngsten, aber auch auf frühere Filme macht und den Übergang zur nächsten Phase im Marvel-Universum weitererzählt. Neben den wehmütigen Momenten, bei denen die Zuschauer die ein oder andere Träne verdrücken, ist dieser Film voller Witz und beeindruckender Special Effects, die nicht zuletzt deshalb so überraschend sind, weil sich Spider-Man statt durch die Häuserschluchten New Yorks dieses Mal durch Venedigs Kanäle, über Hollands Tulpenfeldern oder entlang Londons Tower nebst ikonischer Tower Bridge schwingt. Tom Holland zeigt, dass er das Spider-Man-Kostüm würdig auszufüllen weiß. Wie bei allen Marvel-Filmen gilt: den ganzen Abspann anschauen.
⭐⭐⭐⭐⭐

Niemandsland – The Aftermath

Deutschland unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Briten haben Hamburg oder das, was von der Hansestadt noch übrig ist, besetzt. Rachael Morgan (wie immer wunderbar in historischen Filmen: Keira Knightley) kommt aus London, um wieder mit ihrem Mann Lewis (Jason Clarke) zu leben, der als Colonel eine unzerstörte Villa für sich und seine Frau beschlagnahmt hat. Überraschenderweise erlaubt Lewis dem Eigentümer, dem Architekten Stefan Lubert (Alexander Skargård), und seiner Tochter Freda (beeindruckend: Flora Thiemann) im Dachboden wohnen zu bleiben. Des Fraternisierungsverbots ungeachtet, kommt es natürlich zu Annäherungen und den entsprechenden Verwicklungen, Liebe, Trauer und Eifersucht inklusive.

“Es ist das gleiche Meer.”

Was „Niemandsland – The Aftermath“ ausmacht, ist nicht so sehr das überraschende Ende, sondern die niemals unfaire Darstellung von Siegern und Besiegten, Schuldigen und Unschuldigen. Die hierzulande übliche Unart, Filme zu synchronisieren, offenbart eine der größten Schwächen, begreift doch Rachael gerade ihre fehlenden Deutschkenntnisse vor allem am Anfang als Ausgrenzung. Dass die Briten Deutsch wenn überhaupt mit schwerem Akzent sprechen und in der Originalfassung ihre jeweilige regionale Sprachfärbung behalten, geht in der Synchronisation verloren. Die Tatsache, dass man die Rolle des Stefan Lubert nicht mit einem Deutschen besetzen konnte oder wollte (warum eigentlich?), beschert den deutschen  Zuschauern einen mit schwedischem Akzent sprechenden Alexander Skargård.

Auch in der deutschen Fassung kann man sich  auf die Handlung und die detailreiche Ausstattung konzentrieren, sich fragen, ob Rachael ihre gesamte Garderobe tatsächlich in dem kleinen Koffer mitgebracht hat und woher im ausgebombten bitterkalten Hamburg die wunderschönen Rosengestecke kommen –   und einen Film jenseits des Popcorn-Kinos erleben.

Der Film basiert auf dem Buch von Rhidian Brook, das auf Deutsch bei btb erschienen ist.

[Das Zitat ist meine Übersetzung]

⭐⭐⭐⭐⭐

Der Fall Collini

Der angesehene Großindustrielle Hans Meyer (Manfred Zapatka) wird scheinbar grundlos in seiner Berliner Hotelsuite ermordet. Der junge Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) übernimmt die Pflichtverteidigung des Italieners Fabrizio Collini (Franco Nero), der bevor er zum Mörder wurde, unbescholten in Deutschland gewohnt hat. Der  scheinbar eindeutige Fall wird für Caspar auch zu einem persönlichen Problem. Denn es stellt sich heraus, dass der Ermordete nicht nur sein Ersatzvater war,  sondern auch  der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara). Darüberhinaus ist ihm der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger (Heiner Lauterbach), bei dem Caspar auch noch studiert hat, ganz offensichtlich überlegen.

“Es war damals eine andere Zeit.”

“Der Fall Collini” könnte sich nur mit einem ehrgeizigen jungen Anwalt beschäftigen, der bei seinem ersten Fall mehr als alles nur richtig machen will. Schon alleine deshalb wäre die Rolle des Caspar Leinen mit der 36-jährigen Elyas M’Barak sehr gut besetzt, der den meisten bisher nur aus den “Fack-ju-Göthe”-Filmen bekannt sein dürfte und der sich auf der nächsten Stufe seiner Karriereleiter, hin zum Charakterdarsteller befindet. Doch der Film unter der Regie von Markus Kreuzpaintner beschäftigt sich auch mit dem grundlegenden Thema Recht, Gerechtigkeit und – man ist versucht zu schreiben dem unvermeidlichen Thema eines deutschen Films – der Zeit des Nationalsozialismus und der jungen Bundesrepublik. In der Zeit der Studentenproteste verabschiedete der Deutsche Bundestag das “Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz, kurz EGOWiG”, das Mitläufer des NS-Regimes lediglich als Gehilfen, aber nicht als Mörder einstufte, weshalb die Taten der meisten NS-Verbrecher als verjährt galten.

Freilich: diese ganze Thematik, die vor allem für juristische Laien schwer verständlich ist, bräuchte eine längliche Dokumentation. Weil aber “Der Fall Collini” ein Spielfilm ist,  lässt er sie die Figuren in Dialogen abhandeln,  ohne allerdings die NS-Morde zu verharmlosen. Dass das auf überzeugende und beeindruckende Weise gelingt, liegt nicht nur an der dichten Handlung und an der Kameraführung, die die Gesichter der Figuren immer wieder in Großaufnahmen zeigt, sondern auch an den durchweg überzeugenden Schauspielern. Am Ende will man nicht nur mehr über den rechtlichen Hintergrund wissen, sondern wundert sich auch, wie schnell 118 Minuten vergehen können.

⭐⭐⭐⭐⭐

Der verlorene Sohn

Ein Sohn, der erkennt, dass er schwul ist. Ein Vater, der Baptistenprediger und Inhaber eines Autohauses ist. Und eine Mutter, die sich entscheiden muss, ob sie immer nur passiv sein will. Jared (Lucas Hedges) stellt mit seinem Outing nicht nur das zutiefst religiöse Leben seiner Mutter Nancy (Nicole Kidman) und seines Vaters Marshall (Russell Crowe) auf den Kopf, sondern das der ganzen Gemeinde. Zusammen mit deren Predigern fällt die Entscheidung, den 19-jährigen Jared in ein Zentrum zu schicken, in dem Homosexuelle mit der “Reparativtherapie” geheilt werden sollen – basierend auf der Überzeugung, dass sie “so” nicht auf die Welt gekommen sind. Unter dem Druck, seine Familie und seine religiöse Identität zu verlieren, entschließt sich Jared, die brutalen und entwürdigenden Methoden des Therapeuten Victor Sykes (Joel Edgerton) über sich ergehen zu lassen.

“Ich denke an Männer. Ich weiß nicht wieso, und es tut mir auch leid.”

“Der verlorene Sohn” ist alles andere als Popcorn-Kino und streckenweise nur schwer zu ertragen. Das liegt vor allem am  brillanten Lucas Hedges, der wie schon zuvor in “Ben is back” erneut beweist, dass er die schockierenden Erlebnisse, die darin gipfeln, seine Identität auszulöschen (der englische Titel “Boy Erased” weist das viel deutlicher aus als der deutsche) glaubhaft darstellen kann. Flankiert von einer Nicole Kidman, die  streckenweise die Verkörperung amerikanischer Hausfrauen-Klischees ist und Russell Crowe, der bis zuletzt nicht von seiner religiösen Überzeugung abweicht, zieht der Film den Zuschauer in den Bann. Bis zum Ende, das dem Film nicht gerecht wird.

Der Film basiert auf den Erinnerung von Garrard Conley, der seine Erlebnisse unter anderem im Roman “Boy Erased” (auf Deutsch im Secession-Verlag) verarbeitet hat.

★★★★

 

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