Kategorie: Allgemein (Seite 1 von 9)

Urlaub daheim

Die Corona-Krise lässt so manchen über Urlaub im eigenen Land nachdenken. Wer sich nur zu Tagesausflügen in die nähere Umgebung entschließt, kann zumindest mit ein paar Reiseführern von vergangenen Reisen träumen und auf ein nächstes Mal hoffen.

Franken isst gut
Es soll ja immer noch Leute geben, die meinen, fränkische Küche sei alles andere als modern oder gar gesund, von vegetarischen oder gar veganen Gerichten ganz zu schweigen. Dass das nicht (mehr) so ist, merkt man schon beim ersten Blick auf die vegetarische Variante von “Gscheitgut”. Denn die Heidelbeerpfannkuchen und die Gartenkräuterbutter, die das Cover des großformatigen Kochbuchs zieren, lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. In “Gscheitgut – vegetarische Küche” versammeln die Herausgeber Corinna Brauer und Michael Müller nicht nur Deftiges wie Gefüllte Bierzwiebeln, Bohneneintopf oder Kartoffelgulasch. Es gibt auch Rezepte für Nachspeisen wie Hugo-Eis mit Holunderbeerenkompott und fränkisches Rhabarber-Tiramisu.
Geordnet sich die Rezepte nach den Jahreszeiten, so dass man mit Hilfe des Saisonkalenders ganz hinten im Buch Gericht und Zutaten saisonal und wenn möglich regional kaufen kann. Wer sich lieber auswärts verwöhnen lässt, findet Gasthöfe in der Fränkischen Schweiz und viel Wissenswertes über diese Gegend selbst.
Corinna Brauer und Michael Müller (Hg): Gscheitgut- vegetarische Küche. Michael-Müller-Verlag, 24,80 Euro.
Wer mag, kann das Buch über diesen Partnerlink direkt beim Verlag bestellen.

München
Die bayerische Hauptstadt hat mehr zu bieten als Lederhosen und Oktoberfest – davon kann man sich schon beim Durchblättern des MM-City-Reiseführers “München” (Partnerlink) überzeugen. Neben diversen Spaziergängen, die immer wieder an Sehenswürdigkeiten vorbeiführen, gibt es auch einiges über Münchens Geschichte zu lesen. Wer sich lieber fahren lassen möchte, dem sei eine der Stadtrundfahrten mit sogenanntem Live-Guide empfohlen. Unter anderem bietet  Stadtrundfahrt München  Touren mit verschiedenen Zusteigemöglichkeiten an, so dass man sich beispielsweise ganz bequem nach Schloss Nymphenburg fahren  und später wieder abholen lassen kann.  Außerhalb der Saison hat man nicht nur weniger Mitbesucher im Park – der Eintritt ist außerdem frei.

Berlin
Die deutsche Hauptstadt gilt mittlerweile als trendy und hat so viel zu bieten, dass es Städtetouristen dort sicher nicht langweilig werden wird. Hilfreiche Tipps, Spaziergänge und Empfehlungen jenseits der Touristenströme finden sich im MM-City-Reiseführer “Berlin” und im “Stadtabenteuer Berlin” (jeweils Partnerlinks), so dass man sich auch bei einem Tagestrip bestimmte Ziele leicht aussuchen kann. Ein Interview mit den Autoren gibt es hier.

London
Was wäre ein Blogeintrag über Reiseführer ohne London? Eben.  Deshalb sei an dieser Stelle nicht nur auf diverse Einträge (nicht nur, aber auch zu Reisetipps) in diesem Blog verwiesen, sondern auch auf den immer wieder aktualisierten MM-City-Reiseführer “London” (Partnerlink), den ich seit meiner ersten London-Reise schätze.

Alle Bücher wurden mir freundlicherweise vom Michael-Müller-Verlag zur Verfügung gestellt

Kent Haruf: Kostbare Tage

Manchmal gibt es Bücher, die schon auf den ersten Seiten eine Traurigkeit verströmen, die der Leser nur schwer aushalten kann. Kent Harufs “Kostbare Tage” ist ein Buch vom Abschiednehmen, vom Rückblick auf ein zu Ende gehendes Leben, vom Regeln wichtiger Dinge. Dad Lewis erlebt seinen letzten heißen Sommer in Holt. Er hat Krebs im Endstadium und er weiß, dass er, bevor der Herbst kommt, tot sein wird. Diese Tatsache nimmt er klaglos hin, während er immer wieder auf sein Leben zurückblickt – beispielsweise von seinem Platz auf der Veranda seines Hauses, von wo aus er auch die Nachbarn beobachten kann. Er erinnert sich daran, wie er seinen Sohn Frank in der Scheune in Frauenkleidern überrascht hat – und dass er schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm hat. Seiner Tochter Lorraine, die zur Unterstützung nach Hause gekommen ist, will er sein Geschäft übertragen, damit alles geregelt ist, wenn er nicht mehr da ist.

“Er saß auf der Veranda, trank und hielt die Hand seiner Frau. Er würde also sterben. Das war es, was sie gesagt hatten. Noch ehe der Sommer vorbei war, wäre er tot.”

Kent Haruf nimmt den Leser mit in die fiktive Kleinstadt Holt, mit ihren Einwohnern, ihren jeweils ganz eigenen Charakteren und Biografien. Das macht er so wunderbar, dass man sich durchaus vorstellen kann, den Figuren im realen Leben zu begegnen. Die Melancholie der Geschichte ist so echt wie das Leben selbst.

Kent Haruf: Kostbare Tage. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

In Berlin ist weniger mehr

Berlin hat viel mehr zu bieten als Reichstag und Brandenburger Tor. Wie so oft bei großen Städte ist der Besucher schon mal überfordert, vor allem, wenn er zum ersten Mal da ist. Die Reisebuchautoren Gabriele Tröger und Michael Bussmann geben Tipps für Neulinge und Erfahrene gleichermaßen.

Welche Sehenswürdigkeiten sollten Berlin-Besucher unbedingt sehen?
Der, der zum ersten Mal nach Berlin kommt, will natürlich die altbekannten Highlights sehen: Brandenburger Tor, Reichstag, Ku’damm, Unter den Linden, Fernsehturm und Alexanderplatz, Museumsinsel, East Side Gallery und so fort. Rennt man allerdings nur den großen Sights hinterher, entgehen einem schnell die wirklichen Vibes der Stadt. Unseren Gästen empfehlen wir deswegen stets Spaziergänge durch die Kieze. Durch den Akazienkiez in Schöneberg oder den Graefekiez in Kreuzberg beispielsweise.

Was empfehlen Sie Tagestouristen, die morgens per Zug anreisen und gegen Abend wieder nach Hause fahren wollen?
Kommen die Leute zum ersten Mal oder zum 100. Mal? Grundsätzlich gilt: Weniger ist mehr. Am besten beschränkt man sich auf einen einzigen Stadtteil. Mitte zum Beispiel. Da ist man ruckzuck vom Hauptbahnhof hingefahren, kann in einem schönen Café toll frühstücken (im Barcomi’s Deli zum Beispiel), danach in den coolen Boutiquen der Spandauer Vorstadt stöbern und viele spannende Galerien und Museen besichtigen. Die Museumsinsel liegt ja vor der Tür, zudem sind das Naturkundemuseum und das Deutsche Historische Museum Must-sees.

Haben Sie Tipps für erfahrene Berlin-Besucher?
Wer auf zeitgenössische Kunst in außergewöhnlichem Ambiente steht, sollte unbedingt eine Führung durch die Sammlung Boros  buchen. Stets empfehlen wir auch Führungen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, den ehemaligen Stasi-Knast. Manche der Guides sind noch Zeitzeugen. Bei schönem Wetter kann man auch mal das Zentrum verlassen und sich den einen oder anderen See vornehmen. Wunderschöne Radtouren kann man beispielsweise um den Müggelsee und den Wannsee unternehmen.

​Haben Sie einen Lieblingsort/Lieblingsplatz in Berlin, den Sie immer wieder aufsuchen?
Oh ja, das Tempelhofer Feld! Wir lieben diesen Ort, so etwas gibt es einfach kein zweites Mal auf der Welt. Auf dem riesigen Areal des aufgegebenen Flughafens kann man radeln, joggen, grillen, gucken, Wein trinken oder einfach nur faul in den Himmel schauen. Very Berlin.

Gabriele Tröger und Michael Bussmann sind Reisebuchautoren. Unter anderem haben sie neben dem Reiseführer Berlin MM-City auch den Reiseführer Berlin – Stadtabenteuer (jeweils Partnerlinks) verfasst.  Sie bloggen auf Hierdadort.de.

 

Donna Leon: Geheime Quellen

Immer dann, wenn die Tage angenehm warm werden, kommen alte Bekannte zu Besuch. Die alten Bekannten, das sind in diesem Fall Commissario Guido Brunetti, seine Familie und seine Kollegen, denen wir im mittlerweile 29. Fall in einer unerträglichen sommerlichen Hitze Venedigs wieder begegnen. Es geht natürlich um einen Todesfall, um eine alte Dame und um die ewige Frage, ob es ein Unfall oder Mord war, doch es wäre nicht Brunetti, wenn es nicht eigentlich um etwas anderes gehe würde.

Venedig, die gleichermaßen schöne wie morbide Stadt, wunderschönes und bewahrenswertes Weltkulturerbe, leidet nicht so sehr unter der Hitze, die Einheimische mit stoischer Ruhe und weit geöffneten Fenstern zu ertragen gelernt haben.
Venedig leidet unter den Touristen, die in Scharen einfallen und nicht nur die kleinen Straßen und Gassen verstopfen. Seit es in Mode gekommen ist, die Welt bequem in riesigen Kreuzfahrtschiffen zu erkunden, legen diese natürlich auch in Venedig an und bringen nicht nur Besucher.  Die Schiffe verursachen Wellen, die die Fundamente der auf Pfählen errichteten Stadt aushöhlen und mit zu ihrer Zerstörung beitragen.

“Brunetti selbst hatte etwas gegen Klimaanlagen, weil er von Kindesbeinen an gelernt hatte, Hitze zu ertragen. Hitze und manches andere.”

Während Donna Leon selbst nicht mehr in Venedig wohnt  – wohl auch, weil sie die Veränderung der Stadt durch den Massentourismus nicht länger ertragen konnte – und nicht mehr unter der  Hitze der Stadt leiden muss, bleibt Brunetti der, er er immer war.  Zusammen mit der Sekretärin Elettra, die sich mit jedem neuen Fall mehr zu einer Hackerin in Designerklamotten entwickelt und seinem langjährigen Kollegen Vianello und der immer mehr geschätzten Claudia Griffoni versucht er, sich dem Verbrechen entgegenzustellen, wohl wissend, dass das eine mindestens so langwierige wenn nicht lebensfüllende Aufgabe ist wie das Lesen der griechischen Klassiker.
Wichtig bleibt für ihn das, worauf er sich immer verlassen kann: seine Frau Paola, mit der er genauso über Bücher wie über aktuelle politische Probleme plaudern kann und die zusammen mit den Kindern Chiara und Raffi der ruhende Pol in seinem Leben ist –  und gutes Essen.

“Geheime Quellen” thematisiert wie sein Vorgänger “Ein Sohn ist uns gegeben” Umweltverschmutzung und Massentourismus, Bestechung und Geldgeschäfte. Dass es auch um Liebe und Eifersucht und natürlich um die Aufklärung eines Todesfalls geht, das geht in den diversen Erzählsträngen fast verloren und es scheint so, als hätte das Donna Leon beim Schreiben etwas aus den Augen verloren.  Auch wenn die Commissario-Brunetti-Romane noch nie dem Muster klassischer Mord-und-Totschlag-Krimis gefolgt sind und mehr Wert auf bedächtiges Vorgehen gelegt und so ihren ganz eigenen Reiz entwickelt haben, so kommt dieser 29. Fall noch behäbiger und langsamer daher als so mancher seiner Vorgänger. Das macht ihn wohl nur für Fans, die wissen wollen, wie es mit ihrem Commissario weitergeht, zu einem Lese-Muss.

Donna Leon: Geheime Quellen. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Narziss und Goldmund

Hermann Hesse ist einer der Schriftsteller, die ich vor vielen Jahr sehr geliebt habe. Allerdings konnte ich mich so gut wie gar nicht mehr an die Handlung von “Narziss und Goldmund” erinnern, als ich das Buch zur Vorbereitung auf den Film wieder las. Ich war mir aber sicher, dass eine Verfilmung wenn nicht unmöglich, so doch sehr schwierig sein würde. Die Schließung der Kinos im März diesen Jahres ließ den Film des Regisseurs Stefan Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, zwar nicht in Vergessenheit, so doch aus meiner Reichweite geraten und ich war freudig überrascht, als Google mich daran erinnerte, dass der Film ausleihbar sei.

“Was ist denn passiert?” –  “Mehr als in ein Leben passt.”

Um es vorweg zu sagen: “Narziss und Goldmund” ist verfilmbar – noch dazu sehr beeindruckend und überraschend modern. Was nicht bedeutet, dass man die Geschichte um eine Freundschaft zwischen dem zutiefst gläubigen Jungen Narziss, der seine Bestimmung zum Mönch und späteren Abt nie in Zweifel zieht und Goldmund, dem verstoßenen Kind einer Hure, das von seinem Vater im Kloster abgegeben wird, weil er ihn nicht mehr sehen kann, gleich einer modernen Theateradaption eines Klassikers in die heutige Zeit verpflanzt hätte.

Ganz im Gegenteil fühlt man sich als Zuschauer ins Mittelalter versetzt – oder zumindest in das Mittelalter, das man sich als einigermaßen erfahrener Kinogänger und Filmfan so vorstellt und das sich Hermann Hesse vielleicht auch so oder so ähnlich vorgestellt hat. Das Kloster und das Klosterleben (inklusive der nackten Füße in Sandalen, Gregorianische Choräle am frühen Morgen und ein gemeinsamer Schlafsaal für die Klosterschüler) sind da ebenso stimmig wie das Leben der Bauern, der Städter und der Handwerker, die sich alle in einer Kulisse bewegen, die mit viel Liebe zum Detail gemacht ist.

“Narziss, dies ist Deine Bestimmung.”

Und dann sind da natürlich die beiden Hauptfiguren. Jannis Niewöhner gibt seinem Goldmund die Lebensfreude, die Leidenschaft und die ständige Suche nach einem “Mehr”, von dem er erst allmählich herausfindet, was dieses “Mehr” tatsächlich ist. Diese lebenslange Suche wirkt in sich stimmig und die schauspielerische Leistung überzeugend auf eine handfeste, direkte Art, die in Narziss  seinen Gegenpol findet. Sabin Tambrea verkörpert ihn mit einer Innigkeit,  die der Frömmigkeit des Mönchs genauso gerecht wird wie seiner Zuneigung,  mit der er an Narziss hängt und von der er genau weiß, dass sie viel mehr als Freundschaft ist.

“Narziss und Goldmund” ist eine Literaturverfilmung, die sich klug an der Vorlage bedient und sich ihre Freiheiten nimmt, so dass ein eigenständiger Film entsteht, an den man sich gern erinnert.

Narziss und Goldmund, 118 Minuten, FSK: 12 ⭐⭐⭐⭐⭐
Das Buch, auf dem der Film beruht, ist bei Suhrkamp erschienen.

Reiner Lehberger: Die Schmidts

Beeindruckende Zahlen und beeindruckende Leben: Hannelore “Loki” und Helmut Schmidt kannten sich 81 Jahre lang, waren fast 70 Jahre verheiratet und über 40 Jahre ein Paar von öffentlichem Interesse. Selbst wer sich nicht so sehr für deutsche Politik interessiert, stößt früher oder später auf das Ehepaar Schmidt, das sich schon zu Schulzeiten kannte und auch nach Helmut Schmidts Kanzlerschaft im öffentlichen Bewusstsein geblieben ist.

“Das Kanzlerpaar Schmidt war ein reibungslos funktionierendes politisches Team geworden, ihre offenbar aufrichtige gegenseitige Unterstützung war für jedermann ersichtlich.”

Reiner Lehberger zeichnet in “Die Schmidts – Ein Jahrhundertpaar” nicht nur eine Doppelbiografie, sondern lässt auch einen Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wieder lebendig werden. Die Ehepartner, gleichermaßen bodenständig, weltoffen und hanseatisch pragmatisch, bleiben einander ein Leben lang zugetan. Freilich blieben in den langen gemeinsamen Jahren Probleme nicht aus, und es ist offenbar Loki zu verdanken, dass die Ehe an einer langjährigen Affäre Helmut Schmidts nicht zerbrochen ist. Dass sie es war, die ihrem Mann die Trennung angeboten hat, ist wohl auch ein Zeichen für das moderne Rollenverständnis, das Loki Schmidt als Ehefrau des Bundeskanzlers lebte. Blieben Kanzlergattinnen vor ihr buchstäblich einen Schritt hinter ihrem Ehemann und bestenfalls schmückendes Beiwerk, verstand sich Loki von Anfang an als Unterstützerin ihres Mannes, griff eigene Themen auf und brachte mit ihrer Stiftung das Thema Naturschutz ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, beispielsweise mit der “Blume des Jahres“, die seit 1980 ausgewählt wird und auf gefährdete Arten aufmerksam machen will.

“Als sie (Loki Schmidt) Bonn Ende 1982 verließ, war sie zu einer der führenden Persönlichkeiten im deutschen Naturschutz avanciert.”

Aus eben dieser Öffentlichkeit verschwanden weder Loki noch Helmut Schmidt nach dem Ende seiner Kanzlerschaft. Beide schrieben zahlreiche Bücher, Helmut Schmidt blieb bis zu seinem Tod Mitherausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, hielt zahlreiche Vorträge und war als Elder Statesman gefragt.

Reiner Lehbergers Perspektive auf “Die Schmidts” ist trotz der Nähe nie effekthascherisch und faktensatt. Ein umfangreiches Fußnoten- und Literaturverzeichnis runden das Buch ab.

Reiner Lehberger: Die Schmidts, Atlantik, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Die Brüder Schwagintweit brechen 1854 zu einer Forschungsexpedition auf, die die größte ihrer Zeit werden sollte – wohl auch, weil sie vom berühmten Alexander von Humboldt unterstützt wurden. In ihrem Dienst ist Bartholomäus, ein Zwölfjähriger, der eine ganze Reihe an Sprachen spricht und der ihr Übersetzer wird. Bartholomäus macht sich zusammen mit den Forschern auf die Expedition durch Indien und in den Himalaya. Auf ihrer durchaus beschwerlichen Reise muss der Junge nicht nur eigene Probleme überwinden. Die Deutschen, die auch für die britische Ostindien-Kompanie” unterwegs sind,  geraten auch immer wieder in die Machtspiele zwischen England, Russland und China um die Vorherrschaft auf dem zentralasiatischen Kontinent – eine Verstrickung, mit der Bartholomäus nicht gerechnet hat und die er wohl aus seiner beschränkten Sicht gar nicht einzuordnen vermag.

“Jede Sprache schenkt mir ein anderes Zuhause.”

Schließlich will der Junge, der bisher nur in Bombay gelebt hat, nur eines: sein Museum der Welt gründen, ein Museum, das so ganz anders sein wird als das British Museum, das für die Vickys genannten Engländer ein Tempel ist, der sich daran erinnert, wer sie wirklich sind – meint Bartholomäus.

Christopher Kloeble erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Perspektive des fiktiven zwölfjährigen Jungen und der verwendet natürlich für ihn gängige Begriffe, die dem Leser aber so unbekannt sein mögen wie die geschichtlichen Details der Kolonialisierung Indiens. Dennoch entwickelt der Roman einen eigenen Sog, dem man gerne folgt. Jedes Buch öffnet die Tür in eine ganz neue Welt, die wir vorher nicht kannten. “Das Museum der Welt” ist ein wunderbares Beispiel dafür.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt, dtv, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium

Die Dunkelheit soll fern bleiben in diesem geheimnisvollen Schloss, in dem der Ich-Erzähler immer leistungsfähigere Glühlampen konstruieren soll. Doch es geht nicht nur um Forschungsprojekte, denn alle Ausgänge werden streng bewacht und der einzige Weg aus diesem Gefängnis scheint nur mit Hilfe des geheimnisvollen Zauberbuchs mit der Nummer 908’809 auffindbar zu sein. Und als wäre das nicht schon Fantasy genug, gibt es auch noch ein Ungeheuer im See, der das Schloss umgibt, eine Hexe nebst Drachen, die im Wald haust und natürlich die Wachen im Schloss, die verhindern, dass die Insassen die ihnen zugeteilten Räume verlassen.

“Sie werden noch auf lange, unbestimmte Zeit hier bleiben.”

Matthias A.K. Zimmermann entführt in seinem Roman “Kryonium – Die Experimente der Erinnerung” den Leser in eine Welt, in der nichts so zu sein scheint, wie es auf den ersten Blick wirkt. Glaubt man zunächst, dass der Ich-Erzähler ein Gefangener ist, der zu seiner Arbeit gezwungen wird, entpuppt sich das Gefängnis im Schloss als Psychiatrie, der Wald als Park und das Ungeheuer als Stadt – oder doch nicht?

Es sind keine neuen Motive, nichts, was man nicht schon so oder so ähnlich gelesen (oder gesehen) hätte, aber wenn man sich erstmal mit der Handlung und den Figuren angefreundet hat (was ja nicht gegen das Buch spricht), dann entfaltet der Autor eine Spannung, auf die man sich gerne einlässt. Wer Fantasy mit einer Portion Science-Fiction mag, sollte der Welt von “Kryonium” eine Chance geben.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium, Kadmos-Verlag, 19,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

#ReadALetter – Letters Live –

 

Bamberg, Germany, 11th of April 2020

My dear beloved cinema,
I never thought I’d ever write a letter to you. Why would I? I’m living literally just round the corner.

In summer I can smell you. That scent that defines you or at least it does for me. It’s that smell of popcorn, coffee and that very special mysterious smell that lives behind your glass doors normally full of film posters and the monthly schedule, that smell that greets me immediately after pulling the very left door open and step inside.

Normally I meet my dear friend there before strolling to the back to buy our tickets and where normally a “Hi ladies, it’s the OmU*f or yous, is it. Grand cappuccino with wheat milk, small latte macchiato, mineral water and..?” welcomes and marks us as frequent visitors.

You, little cinema, my second living room, you are closed since weeks and I do miss you so much.
But some day, hopefully not too far away, we’ll meet again. I can’t wait.
Yours
Petra

*OmU = Original mit Untertiteln = Original Version with subtitles”

Corona: Podcasts gegen die Langeweile

Podcast-Hören scheint gerade im Trend zu liegen – ganz unabhängig von der Corona-Krise und den Meldungen, die uns weismachen wollen, wir hätten momentan viel mehr Zeit. Mit dem Radio hören auf Abruf,  was ein Podcast in gewisser Weise ist, kann man sich über eine Vielzahl an Themen informieren oder sich ganz einfach unterhalten  lassen. Das geht per Klick auf den Link zur jeweiligen Homepage, auf der der Podcast zum Anhören bereit steht oder man sucht nach dem Titel des Podcasts in einer App, die wiederum – soweit vorhanden – mehrere Folgen anzeigt. Über welche App man hört, ist Geschmacks- und Gewohnheitssache und auch davon abhängig, welche App das eigene Smartphone mitbringt. Ich höre seit einigen Jahren über  Pocket Casts, die für iOS und Android erhältlich ist und die auch eine Verbindung zu Alexa, Google Mini oder anderen schlauen Lautsprechern aufbauen kann.

Hier ein paar Podcasts, die ich regelmäßig höre:

NDR-Info: Corona-Virus-Update: Unaufgeregt erklärt der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Prof. Christian Drosten, ganz unterschiedliche Aspekte rund um das große Thema Corona-Virus. Das ist nicht immer einfacher Stoff, denn auch wenn sich die jeweilige Wissenschaftsredakteurin um Verständlichkeit bemüht, merkt man beim Zuhören, dass sich hier keine Laien unterhalten. Wer dranbleibt, bekommt in relativ kurzer Zeit – die einzelnen immer werktags erscheinenden Folgen sind ca. 30 Minuten lang –  sehr viel erklärt.

Zeit: Alles gesagt: Für dieses Podcast-Angebot von Zeit-Online braucht man, nun ja, Zeit. Denn irgendwas zwischen einer und sechs (!) Stunden muss man für eine einzelne Folge durchaus einplanen. Dafür aber bekommt man unglaublich viele Einblicke in mindestens ebenso viele Themen und Gedanken von ganz unterschiedlichen Menschen. Christoph Amend, Chefredakteur vom Zeitmagazin und Jochen Wegener, Chefredakteur von Zeit Online, befragen, nein unterhalten sich mit Thomas Hitzlsperger, Ian McEwan, Christian Linder, Sophie Passmann, Katarina Barley, Nina Hoss oder Dorothee Bär und man hat beim Zuhören das Gefühl, mit am Küchentisch zu sitzen  und gemütlich bei dem ein oder anderen Happen und dem ein oder anderen Schluck über Gott und die Welt zu reden. Wegen der Länge lernt man außerdem seine Podcast-App zu schätzen, die sich zuverlässig den Zeitpunkt merkt, an dem man nach einer Pause weiterhören kann.

SZ – Auf den Punkt: Der Nachrichten-Podcast der Süddeutschen Zeitung fasst die wichtigsten Nachrichten des aktuellen Tages kurz und prägnant zusammen. Wer nur einmal am Tag Zeit hat, Nachrichten zu hören oder wer die wichtigsten Nachrichten nachhören will, bekommt in rund 10 Minuten einen guten Überblick.

SZ: Das Thema: liefert jeden zweiten Mittwoch Hintergründe nicht nur, aber auch zu weltweiten politischen Themen. Die einzelnen Podcasts dauern unterschiedlich lang, meist um die 30 Minuten.

WDR Hörspielspeicher: Kein Podcast im eigentlichen Sinne aber immer mal wieder einen Blick wert, ist der Hörspielspeicher des WDR, der laut eigener Homepage „begeistern, bewegen und unterhalten“ will. Das tut er durchaus und zwar je nach Geschmack mit Krimis, Thrillern oder anderen Buchvertonungen, eben Hörspielen. Weil die je nach Geschichte unterschiedlich lang sind, gibt es verschiedene Folgen mit Längen zwischen 20 Minuten und einer Stunde. Neben alten Bekannten wie Commissario  Guido Brunetti, Graf Dracula oder Sherlock Holmes kann man aber auch neue „Hörwelten“ entdecken. Neue Folgen erscheinen regelmäßig, aber nicht unbedingt nach einem festen Rhythmus.

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