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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Traumfabrik

Was ist die Welt des Films doch für eine Welt, und was für ein Gewusel erwartet den Besucher in den Filmstudios der Defa! Die ersten Minuten des Films „Traumfabrik“ (FSK 6, 127min) entfalten eine Vielfalt an Gestalten, Farben und Geräuschen, die den Zuschauer nicht nur wegen der Kamerafahrt überwältigen. Auch Emil (Dennis Mojen), den die Kamera und mit ihr die Zuschauer auf seinem ersten Weg durch das weitläufige Gelände und die Hallen des Filmgeländes in Berlin-Babelsberg begleitet, weiß gar nicht, wo er hinschauen soll, so sehr wimmelt es von römischen Soldaten, Tänzerinnen und exotischen Tieren, die von einem Dreh kommen oder zu ihrer nächsten Szene gehen. Doch dann sieht Emil Milou (Emilia Schüle) und die Welt um ihn herum scheint stillzustehen.

Wie sich herausstellt, ist die junge Frau Französin (oder Deutsche mit französischem Pass?) und Tanzdouble für die renommierte Schauspielerin Beatrice Morée (Ellenie Salvo González). Als der unsterblich verliebte Emil einige Zeit später eine besondere Überraschung für Milou vorbereitet, wird er enttäuscht, denn seine Angebetete erscheint nicht am verabredeten Treffpunkt, denn ihr Taxi wird auf der Glienicker Brücke von Grenzpolizisten mit vorgehaltenen Waffen gestoppt. Es ist der 13. August 1961, der Tag, an dem die DDR die Grenzen zu den westlichen Sektoren Berlins geschlossen hat. Das ist der Grund (den Emil zunächst nicht kennt), weshalb Milou nicht aus ihrem Hotel im Westteil der Stadt (ob die Menschen damals sofort „West-Berlin“ gesagt haben?) zu den Defa-Studios kommen kann und deshalb zunächst wieder zurück nach Paris fliegt. Emil aber will Milou unbedingt wieder nach Berlin locken und verfällt auf die Idee, nicht nur das Drehbuch für einen Film zu schreiben, sondern extra für Milou eine Tanzszene einzubauen und damit ihren Traum zu erfüllen. Zu allem Überfluss kommt dem völlig unerfahrenen Emil auch noch der Zufall zu Hilfe, und er findet sich als Regisseur nebst entsprechendem Büro wieder.

Der Film, der zu viel will

„Traumfabrik“ ist ein Film, der zu viel sein will: Komödie und historischer Film, Liebesfilm mit einem Schuss von Musical und eine Hommage an die große Zeit des Kinos – das Ganze auch noch verpackt in eine Rahmenhandlung, in der der Großvater Emil (Michael Gwisdek) seinem Enkel den eigentlichen Film als die Geschichte seiner Jugend erzählt. Doch der Anspruch ist so groß, dass auch ein überragend agierender, furchteinflößender Heiner Lauterbach als mächtiger Defa-Generaldirektor Beck den Film nicht vor dem Abdriften in den Kitsch bewahren kann. Schade, denn „Traumfabrik“ hätte sich in die jüngsten hervorragenden Produktionen wie den im April angelaufenen Film „Der Fall Collini“ (auch mit Heiner Lauterbach) oder die auf Hape Kerkelings Lebenserinnerungen basierende Tragikomödie „Der Junge muss an die frische Luft“ einreihen können. Das aber schafft „Traumfabrik“ nicht.

⭐⭐⭐

Spider-Man: Far From Home

Wehmütig endet „Avengers: Endgame“ mit dem Tod zahlreicher geliebter Helden und wehmütig ist der nächste Marvel-Blockbuster auch am Anfang. Peter Parker (Tom Holland) sieht als Spider-Man ein riesiges Bild von Iron Man (Robert Downey Jr) auf einer Hauswand und kann die Tränen kaum zurück halten. Zu nah sind noch die Erinnerungen an den „Blip“, mit dem einige Helden – und mit ihnen auch normale Menschen – dank der Portale von Doctor Strange und Wong von den Toten zurückgeholt wurden. Doch einige, darunter Iron Man, alias Tony Stark, haben sich für den Fortbestand der Menschheit geopfert. Da hilft es wenig, dass Tony seine Brille an Peter übergeben hat, der sich mit diesem Erbe überfordert fühlt. Er verwendet das Gadget lieber dafür, seinen Klassenkameraden auf dem Schulausflug nach Europa hinterher zu spionieren.

Denn schließlich ist Peter wenn er sich nicht gerade in das Spider-Man-Kostüm zwängt, nichts weiter als ein Junge in der Pubertät, der seinem Schwarm MJ (Zendaya) auf dem Eiffelturm in Paris seine Liebe gestehen will. Doch bis es soweit ist, muss er in Venedig noch ein Wassermonster bekämpfen, Bekanntschaft mit einem neuen Superhelden namens Quentin Beck oder Mysterio (Jake Gyllenhall) machen und die aufdringlichen Anrufe von S.H.I.E.L.D-Boss Nick Fury (Samuel L. Jackson) abwehren.

„Spider-Man: Far From Home“ ist ein würdiger Nachfolger von „Endgame“, weil er in bester Marvel-Manier zahlreiche Verweise auf den jüngsten, aber auch auf frühere Filme macht und den Übergang zur nächsten Phase im Marvel-Universum weitererzählt. Neben den wehmütigen Momenten, bei denen die Zuschauer die ein oder andere Träne verdrücken, ist dieser Film voller Witz und beeindruckender Special Effects, die nicht zuletzt deshalb so überraschend sind, weil sich Spider-Man statt durch die Häuserschluchten New Yorks dieses Mal durch Venedigs Kanäle, über Hollands Tulpenfeldern oder entlang Londons Tower nebst ikonischer Tower Bridge schwingt. Tom Holland zeigt, dass er das Spider-Man-Kostüm würdig auszufüllen weiß. Wie bei allen Marvel-Filmen gilt: den ganzen Abspann anschauen.
⭐⭐⭐⭐⭐

Angelesen: Tijan Sila: “Tierchen unlimited” und Kenah Cusanit: “Babylon”

Wer auf der Suche nach eher ungewöhnlichen Lektüren ist, könnte hier fündig werden:

Eine Kindheit in Bosnien, dann die Flucht nach Deutschland und ein Leben in der Provinz in Rheinland-Pfalz – klingt nicht uninteressant, was Tijan Sila in “Tierchen unlimited” wie auf einem Buffet anrichtet. Ob diese durchaus anspruchsvollen Themen aber so gezwungen leicht erzählt werden müssen, erschließt sich nicht unbedingt jedem. Zumal der Ich-Erzähler namenlos bleibt und seine Geschichten eher Anekdoten sind, die zusammenhanglos aneinander gereiht sind.

 

Kenah Cusanit widmet sich in ihrem ersten Roman “Babel” dem  Archäologen Robert Koldewey. Obwohl er das historische Babylon ausgegraben hat, ist der 1855 in Blankenburg geborene Mann gerade im Vergleich zu Heinrich Schliemann eher unbekannt. Umso interessanter ist da die Tatsache, dass zahlreiche seiner Briefe erhalten sind, die die Autorin zu ihrem Werk animierten. Doch wer einen historischen Roman erwartet, der die Zeit, ihre Menschen und die Hauptfigur lebendig werden lässt, wird enttäuscht. Kenah Cusanit zeichnet Koldewey als liebenswerten Kauz, der akribisch an seiner Arbeit hängt, weil sie aber durchweg auf die direkte Rede verzichtet, bleibt immer eine Distanz, die man als Leser gerne überwunden hätte.

 

Tijan Sila: Tierchen unlimited, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kenah Cusanit: Babel. Hanser, 23 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher für den Sommer

Es soll ja Leute geben, die nur im Urlaub Bücher lesen. Für die, aber auch für alle, die auf der Suche nach neuer Lektüre sind, hier ein paar Tipps für den Sommer, aber natürlich auch für jede andere Jahreszeit.

Lukas Hartmann: Der Sänger:
Historische Romane sind die Stärke des Schweizer Schriftstellers Lukas Hartmann, dessen Werke immer mit einer scheinbaren Leichtigkeit geschrieben, aber akribisch recherchiert sind. So wie in seinem jüngsten Roman “Der Sänger“. Erzählt wird die Geschichte von Joseph Schmidt, den seine Flucht vor den Nazis in die Schweiz führt, wo er nach schwerer Krankheit stirbt. (Diogenes, 22 Euro)

Ian McEwan: Maschinen wie ich:
Liebe, künstliche Intelligenz und die Frage, was eigentlich einen Menschen ausmacht – das sind die Themen in “Maschinen wie ich” des britischen Schriftstellers Ian McEwan. Spätestens wenn der brillante Mathematiker und Knacker des Enigma-Codes Alan Turing auftaucht, ist klar, dass Ian McEwan auch Science-Fiction-Elemente eingebaut hat, die den Roman umso interessanter machen. (Diogenes, 25 Euro)

Kate Connolly: Exit Brexit – Wie ich Deutsche wurde:
Auch wer das Wort “Brexit”nicht mehr hören kann und mit britischem Understatement nur die Augen verdreht, sollte sich “Exit Brexit” der Guardian-Korrespondentin Kate Connolly nicht entgehen lassen. Denn es gewährt einen wunderbaren Einblick in das Leben eines zweisprachigen Haushalts, das Staunen über typisch deutsche Verhaltensweisen und erklärt, weshalb es für viele Briten hierzulande nur folgerichtig war, auf den Brexit mit dem Antrag auf die deutsche Staatsangehörigkeit zu antworten. (Hanser, 19 Euro)

Matt Haig: Mach mal halblang: 
Das Internet ist wunderbar, denn man kann mit Freunden weltweit in Kontakt bleiben, Filme schauen und diesen Blog lesen. Aber es setzt die Menschen immer mehr unter Druck, weil man glaubt, ständig online sein zu müssen. Dass man sich öfter bewusst machen sollte, wie viel Zeit man online verbringt und dass es  oft besser ist, einfach mal nur die Umgebung zu genießen, dafür plädiert Matt Haig in “Mach mal halblang” – ganz ohne erhobenen Zeigefinger. (dtv, 14,90 Euro)

Robert Galbraith: Cormoran-Strike-Romane:
Noch ein Privatdetektiv, der in den Straßen Londons unterwegs ist – aber was für einer. Cormoran Strike hat in Afghanistan einen Unterschenkel verloren und versucht sich nach seinem Ausscheiden aus der britischen Armee mehr schlecht als recht als Privatdetektiv über Wasser zu halten. Als ihm die Arbeitsvermittlung eine Sekretärin schickt, weiß er, dass er sich deren Gehalt auf keinen Fall leisten kann. J.K. Rowling hat unter dem Pseudonym Robert Galbraith bis jetzt vier Cormoran-Strike-Romane geschrieben, die ersten drei sind mittlerweile mit Tom Burke in der Titelrolle  von der BBC verfilmt und hierzulande unter anderem auf Sky, Google Play Film oder Amazon Prime zu sehen. Wer dieses Genre mag und Strike kennen lernen will, sollte mit dem ersten Band “Der Ruf des Kuckucks” anfangen. (alle Bände bei Randomhouse, ab 9,99 Euro)

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben

Was macht ein reicher Kunsthändler mit all seinem Besitz, wenn er niemanden hat, der sein Erbe antreten kann? Plant Gonzales Rodríguez de Tejeda seine Reichtümer einem jungen Mann zu hinterlassen, mit dem er in Venedig gesehen wurde? Guido Brunettis Schwiegervater Conte Falier macht sich Sorgen um seinen langjährigen Freund Gonzales, zumal ihm weder dessen Lebenswandel noch die Beziehung zu dem jungen Mann geheuer sind. Und wie das in Venedig so üblich ist, bittet der Conte Brunetti um Hilfe, der wiederum seine befreundeten Polizeikollegen, allen voran Sekretärin Elettra, bei diskreten Nachforschungen über das Privatleben Gonzales’ einschaltet. Doch es geht viel mehr als um die Frage, wer denn nun wann was getan hat. Brunetti sieht sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen  und zutiefst menschlichen Fragen konfrontiert, für dessen Beantwortung er wie immer seine Frau Paola und klassische Literatur zur Rate zieht.

“Weil er über achtzig ist und sich in einem Mann verknallt hat, der deutlich jünger ist? Was ist so schlimm daran?”

Neben den aus anderen Brunetti-Romanen bekannten Themen wie Umweltverschmutzung und Venedig-Tourismus beschäftigt sich “Ein Sohn ist uns gegeben” auch mit den Werten, die eine Gesellschaft definieren und wie sie in diesem Fall auf die Liebe zwischen homosexuellen Männern reagiert. Denn, so fragt Griffoni ihren Kollegen Brunetti, würde es einen Unterschied machen, wenn Gonzales sich in einen gleichaltrigen Mann verliebt hätte? Weshalb soll bei dieser Beziehung nicht tatsächlich Liebe und nicht nur sexuelle Begierde im Spiel sein? Und Brunetti wiederum fragt sich, wie er reagieren würde, wenn es sich um eine Beziehung zwischen Heterosexuellen handeln würde.

Auch im mittlerweile 28. Fall für den venezianischen Kommissar findet der Leser all das, was er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat: Brunettis Familie, die immer noch zusammen lebt und nicht nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten miteinander redet; die Questura mit den Kollegen Vianello, Griffoni, Elettra und dem Vorgesetzten Vice-Questore Patta und natürlich Venedig mitsamt der italienischen Lebensart. Hat man den Roman gelesen, kann man ihn mit einem beruhigenden Seufzer und dem Gefühl weglegen, dass in Brunettis Welt die Dinge ihren richtigen Gang gehen.

Tipp: Wer noch nie einen Brunetti-Roman gelesen hat, sollte nicht irgendwo einsteigen, sondern tatsächlich mit dem ersten  Fall “Venezianisches Finale” beginnen. Alle Bände sind bei Diogenes erschienen.

 

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Es ist eine Art Paralleluniversum, in das Ian McEwan die Leser in seinem jüngsten Roman mitnimmt. Denn “Maschinen wie ich” spielt in Großbritannien im Jahr 1982 – allerdings einem anderen, als das, an das wir uns erinnern. Das Land hat den Falklandkrieg verloren,  Premierministerin Margaret Thatcher führt Wahlkampf gegen den Labour-Politiker Tony Benn und dank Alan Turing gibt es bereits in den 1980er Jahren Internet, Smartphones und selbstfahrende Autos. Charlie schlägt sich im London dieser Zeit durch und kratzt sein Geld zusammen, um sich einen der ersten Androiden, Adam, zu kaufen. Gerade als er den künstlichen Menschen geliefert bekommt, verliebt er sich in seine Nachbarin Miranda. Als Adam anfängt,  menschliche Gefühle und Eigenarten zu entwickeln, stellt sich nicht nur die Frage, wer mit wem in welcher Beziehung steht. Es geht im Grunde darum, was einen Menschen ausmacht und wann eine künstliche Lebensform menschlich ist.

“Der größere Mann hatte silbriges, nach hinten gekämmtes Haar, trug um den Hals einen lockeren braunen Seidenschal und eine Art Künstlerjoppe, die ihm schlaff von den Schultern hin.”

Ian McEwan beschäftigt sich auch in seinem neuesten Roman mit den Fragen unserer modernen Gesellschaft  und der Frage, wie wir Menschen darin leben und arbeiten wollen – angesichts der Klimakatastrophe, Umweltverschmutzung und des technischen Fortschritts, der Segen und Fluch zugleich ist. Dass er sich Elementen des Science-Fiction-Genres bedient, macht diese Fragen nicht weniger wichtig. Die 80er Jahre, die uns “Maschinen wie ich” in einem “Was-wäre-wenn”-Dreh der Geschichte vorführen, zeigen am Beispiel von Alan Turing auch, welche Auswirkungen heute unverständliches Verhalten von Regierung und Justiz nicht nur auf einen Mann, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes haben können. Wäre – so Ian McEwan – Alan Turing für seine Verdienste um das Knacken des deutschen Enigma-Codes im Zweiten Weltkrieg gewürdigt, statt für seine Homosexualität verurteilt worden, so hätte der geniale Mathematiker nicht Selbstmord begangen, sondern dank seiner Forschung den technischen Fortschritt, inklusive der künstlichen Intelligenz, deutlich schneller voran gebracht. Und mit ihm auch die Frage nach dem, was den Menschen eigentlich ausmacht.

“Alan Turing hatte es in seiner Jugend oft gesagt und geschrieben: In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.”

“Maschinen wie ich” ist kein Buch, das man nebenher liest. Zuviel Wissen, Überlegung und Tiefe steckt in jedem scheinbar so leicht dahin geschriebenen Satz. Faszinierend ist die Geschichte, an die man sich auch nach dem Ende des Buches noch erinnert, allemal. Und sie zeigt, dass Ian McEwan ein wunderbarer Erzähler ist.

Anmerkung: Wer diesen Blog öfter liest oder mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich schon einiges von Ian McEwan gelesen habe. Deshalb habe ich auch das englische Original “Machines like me” (Penguin, ca. 19£) vorbestellt – in der Hoffnung, es vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe beenden zu können. Allerdings hatte ich nicht mit der Schnelligkeit vom Diogenes-Verlag gerechnet, der mir das Rezensionsexemplar eine Woche vor dem offiziellen deutschen Erscheinungstermin auf die Türschwelle lieferte. Neugierig wie immer wenn neue Bücher den Weg zu mir finden, beschloss ich, einfach an der Stelle, an der ich gerade in der Originalversion war, in der deutschen Übersetzung weiterzulesen – was dank der wunderbaren Arbeit von Bernhard Robben nahtlos möglich war.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Diogenes, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lukas Hartmann: Der Sänger

Joseph Schmidt? Ein Sänger? Nie gehört. Aber “Ein Lied geht um die Welt” kenne ich. Irgendwie. Vielleicht als Teil des kollektiven Gedächtnisses.  Dass es diesen Sänger, diesen Tenor, der bis zur Naziherrschaft ein umjubelter Star und Frauenschwarm war, tatsächlich gegeben hat, macht den neuen Roman von Lukas Hartmann umso interessanter. In “Der Sänger” begleitet man Joseph Schmidt auf seiner Flucht, die ihn im September 1942 schließlich in die Schweiz führt, wo er hofft, so wie viele andere Juden Asyl zu bekommen. Dass er stattdessen in einem Lager landet, obwohl er doch eine Berühmtheit ist und obwohl er krank – todkrank wie sich herausstellt – ist, nimmt er zunächst gelassen, ist er doch dankbar dafür, überhaupt aufgenommen zu werden. Da seine Stimme zunehmend versagt, bleibt ihm nur noch, seine geliebte Musik in Form von Partituren zu lesen und sich an sein zurückliegendes Leben zu erinnern.

“Ich weiß nicht, ob ich noch an die Musik glauben soll. Sie war mein Leben, ihr habe ich alles untergeordnet. Wer lässt denn all das Üble zu, das uns zu wehrlosen Opfern macht?”

Wenn historische Romane neugierig machen auf das echte Leben der vorgestellten Personen, wenn man an die Handlung und das erzählte Schicksal noch denkt, wenn man das Buch längst zu Ende gelesen hat, dann durfte man das Werk eines Meistererzählers kennenlernen. Lukas Hartmann beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, historische Stoffe so zu erzählen, dass man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen möchte. Wie schon seine vorherigen Bücher ist auch dieses eine absolute Leseempfehlung.

 

Lukas Hartmann: Der Sänger, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Niemandsland – The Aftermath

Deutschland unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Briten haben Hamburg oder das, was von der Hansestadt noch übrig ist, besetzt. Rachael Morgan (wie immer wunderbar in historischen Filmen: Keira Knightley) kommt aus London, um wieder mit ihrem Mann Lewis (Jason Clarke) zu leben, der als Colonel eine unzerstörte Villa für sich und seine Frau beschlagnahmt hat. Überraschenderweise erlaubt Lewis dem Eigentümer, dem Architekten Stefan Lubert (Alexander Skargård), und seiner Tochter Freda (beeindruckend: Flora Thiemann) im Dachboden wohnen zu bleiben. Des Fraternisierungsverbots ungeachtet, kommt es natürlich zu Annäherungen und den entsprechenden Verwicklungen, Liebe, Trauer und Eifersucht inklusive.

“Es ist das gleiche Meer.”

Was „Niemandsland – The Aftermath“ ausmacht, ist nicht so sehr das überraschende Ende, sondern die niemals unfaire Darstellung von Siegern und Besiegten, Schuldigen und Unschuldigen. Die hierzulande übliche Unart, Filme zu synchronisieren, offenbart eine der größten Schwächen, begreift doch Rachael gerade ihre fehlenden Deutschkenntnisse vor allem am Anfang als Ausgrenzung. Dass die Briten Deutsch wenn überhaupt mit schwerem Akzent sprechen und in der Originalfassung ihre jeweilige regionale Sprachfärbung behalten, geht in der Synchronisation verloren. Die Tatsache, dass man die Rolle des Stefan Lubert nicht mit einem Deutschen besetzen konnte oder wollte (warum eigentlich?), beschert den deutschen  Zuschauern einen mit schwedischem Akzent sprechenden Alexander Skargård.

Auch in der deutschen Fassung kann man sich  auf die Handlung und die detailreiche Ausstattung konzentrieren, sich fragen, ob Rachael ihre gesamte Garderobe tatsächlich in dem kleinen Koffer mitgebracht hat und woher im ausgebombten bitterkalten Hamburg die wunderschönen Rosengestecke kommen –   und einen Film jenseits des Popcorn-Kinos erleben.

Der Film basiert auf dem Buch von Rhidian Brook, das auf Deutsch bei btb erschienen ist.

[Das Zitat ist meine Übersetzung]

⭐⭐⭐⭐⭐

Der Fall Collini

Der angesehene Großindustrielle Hans Meyer (Manfred Zapatka) wird scheinbar grundlos in seiner Berliner Hotelsuite ermordet. Der junge Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) übernimmt die Pflichtverteidigung des Italieners Fabrizio Collini (Franco Nero), der bevor er zum Mörder wurde, unbescholten in Deutschland gewohnt hat. Der  scheinbar eindeutige Fall wird für Caspar auch zu einem persönlichen Problem. Denn es stellt sich heraus, dass der Ermordete nicht nur sein Ersatzvater war,  sondern auch  der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara). Darüberhinaus ist ihm der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger (Heiner Lauterbach), bei dem Caspar auch noch studiert hat, ganz offensichtlich überlegen.

“Es war damals eine andere Zeit.”

“Der Fall Collini” könnte sich nur mit einem ehrgeizigen jungen Anwalt beschäftigen, der bei seinem ersten Fall mehr als alles nur richtig machen will. Schon alleine deshalb wäre die Rolle des Caspar Leinen mit der 36-jährigen Elyas M’Barak sehr gut besetzt, der den meisten bisher nur aus den “Fack-ju-Göthe”-Filmen bekannt sein dürfte und der sich auf der nächsten Stufe seiner Karriereleiter, hin zum Charakterdarsteller befindet. Doch der Film unter der Regie von Markus Kreuzpaintner beschäftigt sich auch mit dem grundlegenden Thema Recht, Gerechtigkeit und – man ist versucht zu schreiben dem unvermeidlichen Thema eines deutschen Films – der Zeit des Nationalsozialismus und der jungen Bundesrepublik. In der Zeit der Studentenproteste verabschiedete der Deutsche Bundestag das “Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz, kurz EGOWiG”, das Mitläufer des NS-Regimes lediglich als Gehilfen, aber nicht als Mörder einstufte, weshalb die Taten der meisten NS-Verbrecher als verjährt galten.

Freilich: diese ganze Thematik, die vor allem für juristische Laien schwer verständlich ist, bräuchte eine längliche Dokumentation. Weil aber “Der Fall Collini” ein Spielfilm ist,  lässt er sie die Figuren in Dialogen abhandeln,  ohne allerdings die NS-Morde zu verharmlosen. Dass das auf überzeugende und beeindruckende Weise gelingt, liegt nicht nur an der dichten Handlung und an der Kameraführung, die die Gesichter der Figuren immer wieder in Großaufnahmen zeigt, sondern auch an den durchweg überzeugenden Schauspielern. Am Ende will man nicht nur mehr über den rechtlichen Hintergrund wissen, sondern wundert sich auch, wie schnell 118 Minuten vergehen können.

⭐⭐⭐⭐⭐

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung

Wenn der Verlag eines Buchautors findet, dass eben dieser Autor zu wenig Bücher verkauft, schickt er ihn auf Lesereise. Zumindest könnte man das laienhaft denken – zumindest in der heutigen Zeit, in der gefühlt ständig über zu wenig Leser, zu wenig Buchkäufer, gerne auch in Verbindung mit dem Untergang der abendländischen Kultur geklagt wird. Wer dann aber zu einer Lesung geht, findet begeisterte Leser und freudig aufgeregte Schriftsteller, die ein paar nette Stunden miteinander verbringen, Bücherkauf und Signiergelegenheit inklusive.

“Das Volk war dumm und wie das Vieh und würde niemals Anstand lernen.”

Was also für zeitgenössische Autoren zutrifft, gilt auch für die Dichter der Deutschen, Schiller und Goethe, wobei man natürlich korrekt Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller schreiben muss. Zumal wenn es nach dem Dichterfürsten Goethe geht, der sich eher unwillig auf die Lesereise begibt, die ihm sein Verleger Cotta aufgetragen hat, und die er gemeinsam mit seinem Freund Schiller möglichst schnell hinter sich bringen will. “Volksnähe” – unter diesem Motto steht die Reise der beiden – ist nämlich überhaupt nichts für Goethe, der sich seiner Bedeutung als Klassiker durchaus bewusst ist und auch als solcher behandelt werden will. Schiller dagegen ist populär und Goethe beschleicht der Verdacht, dass das Publikum hauptsächlich wegen des jüngeren Kollegen kommt.

“Er hatte genug. Er war alt. Er war Klassiker. Er war unsterblich. Er hatte alles erreicht.”

Überhaupt das Alter. Goethe ist mittlerweile 270, Schiller 260 Jahre alt, denn Christian Tielmann lässt seinen Roman “Unsterblichkeit ist auch keine Lösung. Ein Goethe-Schiller-Desaster” heute spielen. Was dabei herausgekommen ist, wirkt nur auf den ersten paar Seiten merkwürdig. Hat man sich erst eingelesen, ist die Konstellation, die die beiden Klassiker vor Schulklassen zeigt, die versuchen, die Zeit während der Pflichtveranstaltung totzuschlagen, ist nicht nur stimmig, sondern auch witzig und so erzählt, dass man die Geschichte unbedingt bis zum Ende lesen will. Und sich auch dabei ertappt, zu dem Regal zu schauen, wo die Werke der Klassiker stehen und sich fragt, wann man denn zum letzten Mal eines gelesen hat.

 

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung, dtv, 14 Euro.
Das Buch wurde mich freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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