Tom Mole: The Secret Life of Books

As a passionate reader you can’t imagine a world without books or even longer periods without reading a book. Strangely enough I still remember the time when I wasn’t able to read but was fascinated by that black lines and dots in books my brother read – and wondered why none of those lines looked the same. Soon enough those signs became letters and words and I discovered new worlds and stories with every new book (more about this in that  blog entry  – in German).
So “The Secret Life of Books” begged for being bought and taken back home when I stumbled upon it at Waterstones Piccadilly (So much to the “Don’t judge books by their covers” thingy) claiming it to be a “treasure trove for book lovers”.

“Books are part of how we understand ourselves. They shape our identities, even before we can read them.”

Tom Mole explains why books have been with us for centuries, why we collect them (and spend a considerable amount of money on them if we can afford them), why we love them (and read them till they loose shape) and why they vanish while we reading them and  pop up again when we stop reading. Books are treated in different ways, they are flooding shelves, tables, attics or cellars and they are always telling something about their owners – even books which are not there.  Books are bringing people together when a group of readers meet to talk about a book they have read. Books are recommended by friends, papers or blogs (even a tiny little one like this), are lend, bought, sold and given away to make room for new ones. And even with new and different technical possibilities like tablets or e-readers, the printed book we can smell, touch, scribble notes in between lines, will still stay with us for quite a while.

“Books in the shelves are sandbags stacked against the floodwaters of forgetting.”

“The Secret Life of Books” is a thrilling story, brilliantly written and will still be fascinating on a second or third reading.

Tom Mole: The Secret Life of Books, Elliott & Thompson, £14.

Ich war noch niemals in New York


Ach, das es das noch geben darf: einen deutschen Film, der sich selbst keine Minute ernst nimmt, vor keinem Klischee zurückschreckt und das Ganze auch noch mit jeder Menge Zuckerguss garniert. Genau das ist „Ich war noch niemals in New York“ (129 Minuten, FSK ohne Beschränkung).

Die Geschichte, die sich an Bord des Überseedampfers „MS Maximiliane“ auf deren Fahrt nach News York abspielt und von verpassten Chancen, verlorenen Lieben und dem Versprechen auf einen Neustart handelt, könnte nicht bunter und bühnenhafter erzählt werden.

Lisa Wartberg (Heike Makatsch) ist eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin, deren Mutter (Katharina Thalbach) nach einem Sturz ihr Gedächtnis verliert und sich nur noch an New York erinnert. Deshalb flieht sie aus dem Krankenhaus und schafft es als blinde Passagierin auf das Schiff, wo ihr Otto (Uwe Ochsenknecht) begegnet. Lisa wiederum trifft auf den Statistiker Axel (Moritz Bleibtreu).

Diese starbesetzten Irrungen und Wirrungen sind erstaunlich kurzweilig, traurig und komisch und man wird den Verdacht nicht los, dass die Schauspieler mindestens genauso viel Spaß am Schauspielern wie am Singen und Tanzen hatten. Wer sich einfach gut unterhalten lassen möchte, ist bei diesem Film genau richtig.

Ich war noch niemals in New York, 129 Minuten, FSK ohne Altersbeschränkung
⭐⭐⭐⭐

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage

Lisette ist alles andere als ein Kind nach den Vorstellungen seiner Zeit. Geboren 1888, im Drei-Kaiser-Jahr, hatten Kinder unauffällig zu sein, sich nach den Erwachsenen zu richten und – wenn sie Mädchen waren – im heiratsfähigem Alter eine gute Partie zu machen. Doch anstatt sittsam zu sein und sich in ein Korsett zwängen zu lassen, begehrt Lisette auf, gegen ihre Eltern und gegen die Konventionen ihrer Zeit. Anstatt den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, verliebt sie sich in den Schneider Emile, verlässt für ihn ihr großbürgerliches Elternhaus und entwirft  Reformkleider.

“Die ständig neuen Einschränkungen und Widerstände forderten Lisette heraus. Genau dagegen galt es anzustürmen. Durch Emile fand sie dafür den Mut.”

Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt werden, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden.

Im ersten Band einer Trilogie erzählt Astrid Ruppert über die Frauen der Familie Winter – was “Leuchtende Tage” natürlich zu einem Frauenroman macht. Doch fernab der Frage, weshalb Bücher in Kategorien eingeteilt werden müssen (am liebsten noch in “gut” oder “schlecht”), ist “Leuchtende Tage” eine Geschichte, die wunderbar unterhält und dabei nie zu kitschig oder zu banal wird. Schade nur, dass auch die schönste Geschichte einmal zuende geht und man sich dabei ertappt, ungeduldig auf den nächsten Teil zu warten.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage, dtv, 15,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Deutschstunde

Es ist vielleicht der deutscheste Romanstoff, der da auf die Kinoleinwand gebracht wird. Siegfried Lenz 1968 erschienener Roman gehört nicht nur zum Schulkanon. Er ist auch der Versuch einer Aufarbeitung von typisch deutschem Pflichtbewusstsein, das ungeachtet von Freundschaften und Unrechtsbewusstsein Befehle ausführt.

Eingebettet in die Rahmenhandlung, die Siggi Jepsen (Tom Gronau) beim Strafarbeitschreiben zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ in einem Jugendgefängnis zeigt, entfaltet sich seine Kindheit im Dorf Rugbüll. Hier ist sein Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) zur NS-Zeit Dorfpolizist und damit beauftragt, das Malverbot für den Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) einzuhalten.

“Die glauben, dass Malen gefährlich ist, dass ich gefährlich bin.”

Getreu seinem eigenen Motto „Aus Dir machen wir was Brauchbares“ stiftet Jens Ole den elfjährigen Siggi (Levi Eisenblätter) an, den Maler zu bespitzeln und sofort zu melden, wenn der zum Pinsel und Leinwand greift. Das wiederum überfordert Siggi, der letztlich zum Bilderdieb und Bilderbewahrer wird.

“Wir werden zusammenarbeiten, Siggi. Gegen uns beide da kommt keiner an.”

Mag der Roman schon keine einfache Lektüre sein, so ist es der Film erst recht nicht. In 125 Minuten bringt Regisseur Christian Schochow von allem etwas zu viel auf die Leinwand: zu viel Weite, zu viel Düsternis, zu viel Symbolik und zu viel Perfektionismus: die Wohnungen sind entweder zu aufgeräumt oder zu bohemehaft (wobei auch hier die Nusstorte zu Max‘ 70. perfekt dekoriert ist): Es reicht nicht, dass die Küstenlandschaft weder weit noch offen, sondern bedrückend und düster ist. In einer der ersten Szenen des Films müssen Bilder auf Staffeleien in der See verbrennen und Siggi  später kunstvoll tote Tiere arrangieren.

Soviel Betonung des Offensichtlichen hätten weder Stoff noch Schauspieler nötig gehabt. Denn der Stoff, aus dem „Deutschstunde“ ist, veranschaulicht auch heute noch eindringlich und immer noch aktuell die  Grenzen des Pflichtbewusstseins.
125 Minuten, FSK: 12

⭐⭐⭐⭐

Joker


Nein, das ist kein leichter Film und die Altersfreigabe (FSK 16) inklusive des Hinweises vor dem Kinoeingang mehr als sinnvoll. Denn das, was Joaquin Phoenix in der Titelrolle abliefert, ist eine einzige Achterbahnfahrt, die den Film die kompletten 118 Minuten trägt. Der Zuschauer schwankt von Anfang an zwischen Ekel, Mitleid, Angst, Lachen und irgendwie auch dem Wunsch, das Kino sofort zu verlassen. Der Joker, der sich erst am Ende des Films so nennt und eigentlich Arthur Fleck heißt, ist die personifizierte Unterklasse der New Yorker Gesellschaft. Er arbeitet bis zu seiner Entlassung als Clown, wird mehrfach verprügelt, gedemütigt, ist in Therapie (wo er sich allerdings nur seine Medikamente verschreiben lässt) und lebt mit seiner kranken Mutter, die er aufopferungsvoll pflegt, in mehr als armseligen Verhältnissen.

“Mein ganzes Leben lang war mir nicht klar, ob ich überhaupt existierte. Aber ich tue es. Und mit der Zeit fällt es den Leuten langsam auf.”

Aber er gibt seinen Traum, als Comedian Karriere zu machen, nicht auf. Allmählich erfährt der Zuschauer mehr über Arthurs Hintergrund, während er gleichzeitig erlebt, wie sich Arthur vom stillen Dulder zum Joker wandelt, der vor keinem Extrem zurückschreckt.

Joaquin Phoenixs schauspielerische Leistung ist so außergewöhnlich wie die Rolle, für die er nach eigenen Angaben 24 Kilogramm abgenommen hat und für die er auch vor dem Hässlichen und Abstoßenden nicht zurückschreckt. Bezeichnend dafür sind die Szenen, in denen er nur mit einer Unterhose bekleidet selbstvergessen tanzt  oder in denen er zum brutalen Mörder wird. Wenn Phoenix nicht den Oscar für den besten männlichen Hauptdarsteller bekommt, so dürfte ihm zumindest eine Nominierung sicher sein.

Joker, Länge 118 Minuten, FSK 16.

⭐⭐⭐⭐⭐

Lia Tilon: Der Archivar der Welt

Er ist eigentlich nur der Chauffeur, doch dann soll er Fotos machen. Alfred Dutertre bricht zusammen mit dem Pariser Bankier Albert Kahn zu Reisen in ferne Länder auf, denn Kahn will ein Archiv der Welt schaffen, ein Archiv, das aus Fotos bestehen soll. Und genau diese Fotos soll Dutertre aufnehmen.

Im Rückblick erzählt eben dieser Alfred Dutertre sein Leben und das des mittlerweile kranken Albert Kahn, der glaubte, mit Hilfe der Fotografie zur Völkerverständigung beitragen zu können. Basierend auf wahren Begebenheiten taucht der Leser ein in eine längst vergangene Zeit und lernt mit Alfred Kahn einen Menschen kennen, der vielleicht früher als andere ahnte, dass sich die Welt nicht nur verändert, sondern auch bestimmte Lebensweisen verschwinden werden und er zumindest die Erinnerung daran bewahren möchte. Als Kahn verarmt und schwer erkrankt, bleibt Dutertre bei ihm und pflegt dank der über 70.000 Fotos die gemeinsame Erinnerung an ein vergangenes Leben und eine vergangene Welt.

“Über Amerika und Honolulu fahren wir nach Japan und China. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unterwegs zu fotografieren, nicht wahr?”

Mit “Der Archivar der Welt” legt Lia Tilon ein Werk vor, das eine Mischung ist aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, die im Rückblick erzählt werden. Weder das eine noch das andere ist reißerisch geschrieben, dafür in einer ruhigen und unaufgeregten Art umso eindringlicher.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: The Cockroach

“That morning, Jim Sams, clever but by no means profound, woke from uneasy dreams to find himself transformed into a gigantic creature.”

There is no doubt that this very first sentence of “The Cockroach” is a nod to Franz Kafka’s “Metamorphosis” with its Gregor Samsa being transformed into a huge bug. But it wouldn’t be Ian McEwan if there weren’t more to discover in this novella that hit the shop shelves by surprise (such a surprise that Swiss publishing house Diogenes couldn’t manage to list it on their  website at first but will publish the German version November 27th).

“As the nation tears itself apart, (…) a writer is bound to ask what he or she can do. There’s only one answer: write,” Ian McEwan says on his website. And so he unfolds the story of Jim Sams who finds himself being transformed into the British Prime Minister who wants to carry out the will of the people whatever it takes. But unlike Gregor Samsa, Jim Sams is an insect, a cockroach, which somehow has become a human being. As it turns out Jim Sams isn’t alone to deliver “Reversalism” where the flow of money is reversed: workers pay their employees for being allowed to work but get money for shopping and Britain will pay other countries for their exports.

“There’ll be some bumps in the road ahead and we have to take the people with us.”

It is obvious that “The Cockroach” is a short but sharp and funny satire on Brexit and all the political chaos that it dragged along not only to the UK. You can’t help but smile, laugh and shake your head in a mixture of embarrassment, amusement and frustration while reading the small book happily discovering recent political developments, reactions and even quotes. With his second work this year, Ian McEwan proofs again that he is not only one of the finest writer the UK has to offer but also a political one that can’t help himself but make his voice heard.

Ian  McEwan: The Cockroach, Vintage, 7,99£

You can find more about Ian McEwans’s book here.

Anthony McCarten: Die zwei Päpste

Was passiert, wenn ein Papst zurücktritt? Wie beeinflusst das seinen Nachfolger? Welche Auswirkungen hat das auf die katholische Kirche? Die Ankündigung, die Papst Benedikt XVI. am 28. Februar 2013 machte, war eine Sensation. Zu den Lebzeiten der faszinierten Weltöffentlichkeit war das noch nicht vorgekommen.  Kein Wunder also, dass dieses Ereignis, das bald darauf folgende Konklave und die Wahl des Argentiniers zum Papst Franziskus auch bei Nichtkatholiken große Aufmerksamkeit fand und wie  in einer Mediengesellschaft üblich, entsprechend verfolgt wurde. Oder lag das daran, dass dieser Stoff genügend Material für ein Drehbuch lieferte, für das Anthony McCarten mit “Die zwei Päpste” die Grundlage schrieb?

Der in London lebende Autor, der schon Oscar-nominierte Drehbücher für “Die Entdeckung der Unendlichkeit“, “Die dunkelste Stunde” und “Bohemian Rhapsody” schrieb, legt ein detailreiches Buch vor, das die Biografien der beiden Kirchenmänner beschreibt und versucht, Antworten auf die Fragen zu finden, was beide antreibt und im Innersten bewegt. Das freilich, muss Spekulation bleiben, denn weder der eine noch der andere haben für dieses Buch ihre Beweggründe offen gelegt. Dennoch beschreibt McCarten beide Päpste als Menschen mit Fehlern, die – wie letztlich die katholische Kirche selbst – nicht in der Lage sind, die zahlreichen Missbrauchsfälle, schonungslos aufzuklären. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Benedikt zurücktrat und Franziskus nicht gewählt werden wollte?

“Die zwei Päpste” hat Längen. Das mag daran liegen, dass Anthony McCarten keinen durchgängig erzählten Roman vorlegt, sondern sich gleichsam immer wieder selbst bremst, wenn die Handlung dabei ist, Fahrt aufzunehmen – und den Leser mit der Frage zurück lässt, ob das Buch nun Sachbuch oder Belletristik ist.

Die angekündigte Netflix-Verfilmung ist mit Anthony Hopkins (zuletzt als König Lear in einer Amazon-Produktion) als Benedikt XVI. und  Jonathan Pryce  (zuletzt in “Die Frau des Nobelpreisträgers” zu sehen) als Franziskus starbesetzt. Ob sie spannender und griffiger ist als das Buch und das hält, was der Trailer verspricht, wird sich im November zeigen, wenn der Film auf Netflix und in “ausgewählten Kinos” wie es heißt, zu sehen ist.

 

Anthony McCarten: Die zwei Päpste. Diogenes, 24 Euro. 
Das Buch wurde mir freundlicherweise  vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen

Bewegend, gut geschrieben und immer einzigartig – das waren die Reportagen, die Claas Relotius über Jahre hinweg für den Spiegel schrieb. Egal, wo er auf seinen Reisen Menschen begleitete, ihr Leben, ihr Schicksal auf mehreren Druckseiten ausbreitete, es war immer mit viel Gefühl und so hautnah beschrieben, dass ihn dafür nicht nur seine Chefs liebten und ihn befördern wollten. Auch diverse Jurys diverser Journalistenpreise konnten sich dem meisterhaften Erzähler  nicht entziehen und überhäuften ihn förmlich mit Auszeichnungen. Zu seinem Können kam auch noch eine überaus angenehme Erscheinung, die Claas zu einem Kollegen machte, den man vertraute und mochte. Bis einem Kollegen etwas merkwürdig vorkam.

Juan Moreno beschreibt in “Tausend Zeilen Lügen”, dass das “System Relotius” auch deshalb funktionieren konnte, weil der Starreporter für seine Reportagen immer  im Ausland unterwegs war. Das machte es naturgemäß schwerer, Menschen, Orte oder Gegebenheiten zu überprüfen als dies bei Themen in Deutschland möglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen im Lokaljournalismus, wo Reporter und Leser schon mal beim Einkaufen im Supermarkt aufeinander treffen und man sich unter Umständen für einen Fehler rechtfertigen muss (auch Lob gibt es, um fair zu sein). Im Gegensatz zu Lokalredaktionen verfügt der Spiegel aber über etwas, das ihn von allen Medienhäusern Deutschlands, wenn nicht weltweit unterscheidet: er hat eine Dokumentationsabteilung, die jedes kleinste Detail eines Artikels vor der Drucklegung überprüft, einen Faktencheck macht, den Autor nach Kontakten fragt. Weshalb aber haben die Mitarbeiter dort im Fall Relotius so katastrophal versagt? Weil, so Moreno in seinem mitreißend geschriebenen Buch, Relotius sich über Jahre hinweg ein eigenes System aufgebaut hat. Das zum einem auf seiner anscheinend akribischen Recherchearbeit, seiner überragenden Schreibe und zum anderen in seiner Art lag, mit der er die Menschen in seinem Umfeld für sich gewinnen konnte. Journalisten, die in der Regel alles hinterfragen und es meist nicht bei rhetorischen Fragen belassen, sondern nachbohren.

“Immer und immer wieder stand Relotius kurz davor, als Hochstapler aufzufliegen. Er war Journalist in einem Ressort, im dem lauter Spitzenreporter saßen (…) Relotius war von Berufsskeptikern umgeben. Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt.”

Genau das tut Juan Moreno. Ihm kommen Zweifel. Zweifel daran, dass Class Relotius, mit dem zusammen er eine Reportage geschrieben hat, all das, was er da in so überaus gekonnter Weise aufgeschrieben hat, auch tatsächlich genauso erlebt hat. Dass die Menschen, die er beschreibt, nicht so existieren. Zunächst ahnt Moreno nicht, dass er mehr auf der Spur ist, als nur einigen Recherchefehlern. Und dass er bei seinen Chefs auf Ablehnung stoßen wird.

“Natürlich machen Reporter diese (Arbeit) nicht perfekt, einige nicht mal besonders herausragend (…), aber die allermeisten machen sie ehrlich. So gut es eben geht, so wie andere Menschen in anderen Berufen auch.”

“Tausend Zeilen Lügen” ist ein gleichermaßen mitreißend und spannend geschriebenes Buch, aber auch ein akribisch recherchierter Enthüllungsbericht über einen Skandal, der den deutschen Journalismus erschütterte. Gerade in Zeiten von Fake News und Angriffen von  Rechtsextremen auf die unabhängige Presse, hat Relotius über Jahre hinweg keinen sauber recherchierten Journalismus gemacht, sondern – das deckt Moreno zweifelsfrei auf – Märchen erzählt. Eine Tatsache, die das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”, das für viele der Hort des kritischen Journalismus ist und für dessen Gesellschaftsressort nur Edelfedern schreiben, in eine Vertrauenskrise stürzte. Eine Vertrauenskrise, die auch auf andere Medien wirkte und dafür sorgte, dass Relotius’ frühere Artikel, die unter anderem auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen sind,  überprüft wurden.

Auch, wenn Claas Relotius offenbar krank ist und nicht anders kann, als lügen, bleibt doch die Frage, weshalb nicht nur Redaktionen, sondern auch Leser den offenbar so wunderbar geschriebenen Geschichten glaubten. Vielleicht, weil Menschen gerne Erzählungen lesen und ihnen so gerne glauben möchten, vor allem, wenn sie die eigenen Vorstellungen widerspiegelt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Rowohlt, 18 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Claire Lombardo: Den größten Spaß, den wir je hatten

Ein Familienbuch oder ein Buch über eine Familie, allem Anschein nach eine recht normale Familie, noch dazu ein Erstlingswerk. Nicht unbedingt Kriterien, nach denen ich normalerweise mein nächstes Buch auswähle. Allerdings fiel mir das Buchcover auf – gelbe Gingkoblätter (ich mag den Gingko, der seit ein paar Jahren auf meinem Balkon lebt, aber das ist eine andere Geschichte) und außerdem meinte mein freundlicher Ansprechpartner beim dtv, dass “Den größten Spaß, den wir je hatten”  auf jeden Fall empfehlenswert sei.

Wie recht er hatte, ist doch die Familie Sorensen alles andere als langweilig. Das betrifft die Eltern Marilyn und David, die  nach 40 Ehejahren nicht nur glücklich, sondern auch immer noch verliebt sind und das bei jeder Gelegenheit – auch unpassenden wie ihre Töchter finden – zeigen. Für die ist die Vorzeigeehe ihrer Eltern ein Vorbild, vom dem sie wissen, dass sie es nie erreichen werden und willkommener Anlass, Anstoß am elterlichen Verhalten zu nehmen.

“Von jener Sekunde an wusste er, dass er ihre gemeinsamen Kinder inbrünstig lieben würde. Aber er liebte Marilyn noch mehr, und er machte sich von Anfang an keine Illusionen darüber.”

Doch im Grund sind die Schwestern Wendy (die nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes zurechtkommen muss), Violet (Mutter statt Anwältin, aber mit einem eigenen Büro, in dem sie die Familie organisiert – eine Szene die mich an “Orphan Black” erinnert hat), Liza (brillante Professorin mit Versagensängsten als werdende Mutter) und Grace (die nicht das macht, was sie behauptet) froh, dass sie bei Schwierigkeiten jederzeit in ihr Elternhaus wie in einen sicheren Hafen zurückkehren können.

“Jede von ihnen unterbrach, was sie gerade tat, um zu beobachten, wie ihre Eltern auf ihrem eigenen unergründlichen Planeten weilten, zwei Menschen, die mehr Liebe verströmten, als es das Universum möglicherweise zuließ.”

Claire Lombardo legt mit ihrem ersten Roman einen Schmöker vor, den man am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. So intensiv, aber gleichzeitig auch leicht und spannend erzählt sie von Liebe, Ehe, dem Erwachsen- und dem Älterwerden – Themen, die die sogenannte Trivialliteratur massenweise verarbeitet. In “Den größten Spaß, den wir je hatten” aber sind sie jenseits von Klischees und Kitsch einfach nur gute Literatur und der beste Grund, sich von 720 Seiten nicht abschrecken zu lassen.

Claire Lombardo: Den größten Spaß, den wir je hatten. dtv, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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