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Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Die Brüder Schwagintweit brechen 1854 zu einer Forschungsexpedition auf, die die größte ihrer Zeit werden sollte – wohl auch, weil sie vom berühmten Alexander von Humboldt unterstützt wurden. In ihrem Dienst ist Bartholomäus, ein Zwölfjähriger, der eine ganze Reihe an Sprachen spricht und der ihr Übersetzer wird. Bartholomäus macht sich zusammen mit den Forschern auf die Expedition durch Indien und in den Himalaya. Auf ihrer durchaus beschwerlichen Reise muss der Junge nicht nur eigene Probleme überwinden. Die Deutschen, die auch für die britische Ostindien-Kompanie” unterwegs sind,  geraten auch immer wieder in die Machtspiele zwischen England, Russland und China um die Vorherrschaft auf dem zentralasiatischen Kontinent – eine Verstrickung, mit der Bartholomäus nicht gerechnet hat und die er wohl aus seiner beschränkten Sicht gar nicht einzuordnen vermag.

“Jede Sprache schenkt mir ein anderes Zuhause.”

Schließlich will der Junge, der bisher nur in Bombay gelebt hat, nur eines: sein Museum der Welt gründen, ein Museum, das so ganz anders sein wird als das British Museum, das für die Vickys genannten Engländer ein Tempel ist, der sich daran erinnert, wer sie wirklich sind – meint Bartholomäus.

Christopher Kloeble erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Perspektive des fiktiven zwölfjährigen Jungen und der verwendet natürlich für ihn gängige Begriffe, die dem Leser aber so unbekannt sein mögen wie die geschichtlichen Details der Kolonialisierung Indiens. Dennoch entwickelt der Roman einen eigenen Sog, dem man gerne folgt. Jedes Buch öffnet die Tür in eine ganz neue Welt, die wir vorher nicht kannten. “Das Museum der Welt” ist ein wunderbares Beispiel dafür.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt, dtv, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium

Die Dunkelheit soll fern bleiben in diesem geheimnisvollen Schloss, in dem der Ich-Erzähler immer leistungsfähigere Glühlampen konstruieren soll. Doch es geht nicht nur um Forschungsprojekte, denn alle Ausgänge werden streng bewacht und der einzige Weg aus diesem Gefängnis scheint nur mit Hilfe des geheimnisvollen Zauberbuchs mit der Nummer 908’809 auffindbar zu sein. Und als wäre das nicht schon Fantasy genug, gibt es auch noch ein Ungeheuer im See, der das Schloss umgibt, eine Hexe nebst Drachen, die im Wald haust und natürlich die Wachen im Schloss, die verhindern, dass die Insassen die ihnen zugeteilten Räume verlassen.

“Sie werden noch auf lange, unbestimmte Zeit hier bleiben.”

Matthias A.K. Zimmermann entführt in seinem Roman “Kryonium – Die Experimente der Erinnerung” den Leser in eine Welt, in der nichts so zu sein scheint, wie es auf den ersten Blick wirkt. Glaubt man zunächst, dass der Ich-Erzähler ein Gefangener ist, der zu seiner Arbeit gezwungen wird, entpuppt sich das Gefängnis im Schloss als Psychiatrie, der Wald als Park und das Ungeheuer als Stadt – oder doch nicht?

Es sind keine neuen Motive, nichts, was man nicht schon so oder so ähnlich gelesen (oder gesehen) hätte, aber wenn man sich erstmal mit der Handlung und den Figuren angefreundet hat (was ja nicht gegen das Buch spricht), dann entfaltet der Autor eine Spannung, auf die man sich gerne einlässt. Wer Fantasy mit einer Portion Science-Fiction mag, sollte der Welt von “Kryonium” eine Chance geben.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium, Kadmos-Verlag, 19,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

#ReadALetter – Letters Live –

 

Bamberg, Germany, 11th of April 2020

My dear beloved cinema,
I never thought I’d ever write a letter to you. Why would I? I’m living literally just round the corner.

In summer I can smell you. That scent that defines you or at least it does for me. It’s that smell of popcorn, coffee and that very special mysterious smell that lives behind your glass doors normally full of film posters and the monthly schedule, that smell that greets me immediately after pulling the very left door open and step inside.

Normally I meet my dear friend there before strolling to the back to buy our tickets and where normally a “Hi ladies, it’s the OmU*f or yous, is it. Grand cappuccino with wheat milk, small latte macchiato, mineral water and..?” welcomes and marks us as frequent visitors.

You, little cinema, my second living room, you are closed since weeks and I do miss you so much.
But some day, hopefully not too far away, we’ll meet again. I can’t wait.
Yours
Petra

*OmU = Original mit Untertiteln = Original Version with subtitles”

Corona: Podcasts gegen die Langeweile

Podcast-Hören scheint gerade im Trend zu liegen – ganz unabhängig von der Corona-Krise und den Meldungen, die uns weismachen wollen, wir hätten momentan viel mehr Zeit. Mit dem Radio hören auf Abruf,  was ein Podcast in gewisser Weise ist, kann man sich über eine Vielzahl an Themen informieren oder sich ganz einfach unterhalten  lassen. Das geht per Klick auf den Link zur jeweiligen Homepage, auf der der Podcast zum Anhören bereit steht oder man sucht nach dem Titel des Podcasts in einer App, die wiederum – soweit vorhanden – mehrere Folgen anzeigt. Über welche App man hört, ist Geschmacks- und Gewohnheitssache und auch davon abhängig, welche App das eigene Smartphone mitbringt. Ich höre seit einigen Jahren über  Pocket Casts, die für iOS und Android erhältlich ist und die auch eine Verbindung zu Alexa, Google Mini oder anderen schlauen Lautsprechern aufbauen kann.

Hier ein paar Podcasts, die ich regelmäßig höre:

NDR-Info: Corona-Virus-Update: Unaufgeregt erklärt der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Prof. Christian Drosten, ganz unterschiedliche Aspekte rund um das große Thema Corona-Virus. Das ist nicht immer einfacher Stoff, denn auch wenn sich die jeweilige Wissenschaftsredakteurin um Verständlichkeit bemüht, merkt man beim Zuhören, dass sich hier keine Laien unterhalten. Wer dranbleibt, bekommt in relativ kurzer Zeit – die einzelnen immer werktags erscheinenden Folgen sind ca. 30 Minuten lang –  sehr viel erklärt.

Zeit: Alles gesagt: Für dieses Podcast-Angebot von Zeit-Online braucht man, nun ja, Zeit. Denn irgendwas zwischen einer und sechs (!) Stunden muss man für eine einzelne Folge durchaus einplanen. Dafür aber bekommt man unglaublich viele Einblicke in mindestens ebenso viele Themen und Gedanken von ganz unterschiedlichen Menschen. Christoph Amend, Chefredakteur vom Zeitmagazin und Jochen Wegener, Chefredakteur von Zeit Online, befragen, nein unterhalten sich mit Thomas Hitzlsperger, Ian McEwan, Christian Linder, Sophie Passmann, Katarina Barley, Nina Hoss oder Dorothee Bär und man hat beim Zuhören das Gefühl, mit am Küchentisch zu sitzen  und gemütlich bei dem ein oder anderen Happen und dem ein oder anderen Schluck über Gott und die Welt zu reden. Wegen der Länge lernt man außerdem seine Podcast-App zu schätzen, die sich zuverlässig den Zeitpunkt merkt, an dem man nach einer Pause weiterhören kann.

SZ – Auf den Punkt: Der Nachrichten-Podcast der Süddeutschen Zeitung fasst die wichtigsten Nachrichten des aktuellen Tages kurz und prägnant zusammen. Wer nur einmal am Tag Zeit hat, Nachrichten zu hören oder wer die wichtigsten Nachrichten nachhören will, bekommt in rund 10 Minuten einen guten Überblick.

SZ: Das Thema: liefert jeden zweiten Mittwoch Hintergründe nicht nur, aber auch zu weltweiten politischen Themen. Die einzelnen Podcasts dauern unterschiedlich lang, meist um die 30 Minuten.

WDR Hörspielspeicher: Kein Podcast im eigentlichen Sinne aber immer mal wieder einen Blick wert, ist der Hörspielspeicher des WDR, der laut eigener Homepage „begeistern, bewegen und unterhalten“ will. Das tut er durchaus und zwar je nach Geschmack mit Krimis, Thrillern oder anderen Buchvertonungen, eben Hörspielen. Weil die je nach Geschichte unterschiedlich lang sind, gibt es verschiedene Folgen mit Längen zwischen 20 Minuten und einer Stunde. Neben alten Bekannten wie Commissario  Guido Brunetti, Graf Dracula oder Sherlock Holmes kann man aber auch neue „Hörwelten“ entdecken. Neue Folgen erscheinen regelmäßig, aber nicht unbedingt nach einem festen Rhythmus.

Corona – Noch mehr Serien gegen die Langeweile

Bingewatching, also mehrere Folgen einer Serie hintereinander schauen, dazu fehlt im normalen Alltag häufig die Zeit. Aber was ist schon normal, wenn man wegen der derzeit geltenden Ausgangsbeschränkung mehr zuhause ist. Zeit, die man für Serien verwenden kann – zum Beispiel für diese:

Familienserien
Wer Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend auffrischen will, wird in der ZDF-Mediathek fündig. In „Ich heirate eine Familie“ verliebt sich der Junggeselle Werner Schumann (Peter Weck) in die geschiedene Mutter dreier Kinder Angelika Graf (Thekla-Carola Wied). Die in Jahren 1983 bis 1986 ausgestrahlte Serie besteht aus ursprünglich 14 Folgen. Weil die drei Langfolgen aufgeteilt wurden, ist in der Mediathek eine 17-teilige Fassung abrufbar.

Im Oktober 1985 öffnete „Die Schwarzwaldklinik“ im idyllischen Glottertal ihre Türen. In insgesamt 70 Folgen stand nicht unbedingt die medizinische Arbeit im Vordergrund. Ganz im Stil späterer Seifenopern ging es rund um den Chefarzt und Leiter der Klinik, Professor Dr. Klaus Brinkmann, um Herz-Schmerz, die Reibereien zwischen Kollegen und Beziehungsstress. 73 Folgen (sechs Staffeln plus das Special „Die nächste Generation“) stehen in der ZDF-Mediathek.

Die erste Staffel der Serie “Girl Friends” um die beiden Freundinnen Marie (Marielle Millowitsch) und Ilka (Tamara Rohloff) ist ab dem 1. April in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Krimiserie
Zwei Staffeln zu je acht Folgen der bislang teuersten Fernsehproduktion Serie „Babylon Berlin“ stellt die ARD in ihrer Mediathek (inklusive Hörfassungen) zur Verfügung. Wer die Ereignisse dieser Krimiserie im Berlin des Jahres 1929 bei ihrer Erstausstrahlung verpasst hat, kann sich per Stream in das Ende der Weimarer Republik versetzen lassen. Oder aber seine Erinnerungen auf den neuesten Stand bringen, denn die Ausstrahlung der dritten Staffel ist in der ARD für den Herbst geplant. Aktuell ist sie beim mitproduzierenden Sender Sky zu sehen.

Dokumentationen
Unterhaltung in Serie ganz anderer Art versprechen Dokumentationen, die sich mit Natur oder Tieren beschäftigen. Immer wieder faszinierende Einblicke in Orte, die uns sonst verborgen bleiben, bietet das ZDF mit seiner sonntäglichen Reihe „Terra X“. In der Mediathek sind diverse Folgen zu finden, unter anderem die spektakuläre Sendungen „Lichter der Tiefsee“, „Faszination Erde“ und „Sieben Kontinente – Ein Planet“.

 

Corona: Filme und Serien gegen die Langweile

Es war nicht einfach, eine  Buchauswahl zu treffen – bei Filmen und Serien ist das noch schwieriger.  Die meisten der hier aufgeführten sind bei den üblichen Streaming-Diensten zu finden oder als DVDs/Blu Rays zu kaufen.

Filme:

Tolkien: Dieser bildgewaltige Film war leider nur  kurz und in wenigen Kinos zu sehen. Schade, denn das Leben des Autors von “Der Herr der Ringe”, der im Grunde nicht nur eine Fantasy-Geschichte, sondern mit Mittelerde auch gleich einen ganz eigene Welt erschaffen hat, wird hier so wunderbar erzählt, dass man den Film gern öfter schauen mag.

 

Ich war noch niemals in New York: Ein Film, der sich nicht ernst nimmt und dabei jede Menge Spaß macht. Was man bei einem deutschen Film nicht für möglich gehalten hätte, funktioniert mit diesem ganz wunderbar. Und er verbreitet einfach nur gute Laune.

 

Das perfekte Geheimnis: Drei Frauen, vier Männer treffen sich zum Abendessen. Sie sind zum Teil seit Jahrzehnten befreundet und kommen auf die Idee, ihre Handys auf den Tisch zu legen. Jede Nachricht, jeder Anruf wird entweder vorgelesen oder über Lautsprecher geführt, so dass jeder jede Unterhaltung mithören kann. Das führt zu Chaos und Überraschungen und ist beste Unterhaltung. Tipp: auch den Abspann anschauen.

 

Marvel’s Avengers-Filme sind immer gut, um der Realität für ein paar Stunden zu entfliehen: Der letzte, “Endgame”, ist auch beim wiederholten Anschauen der kurzweiligste Drei-Stunden-Film seit Langem. Wer vorher noch keinen dieser Superhelden-Filme gesehen hat, sollte zumindest die Ironman-Filme gesehen haben. Hilfreich ist unter anderem diese Liste.

 

 

Der wunderbare Garten der Bella Brown: Die Londoner Bibliothekarin Bella Brown will seit Jahren ein Kinderbuch schreiben. Als sie vor die Wahl gestellt wird, entweder ihren verwilderten Garten herzurichten oder auszuziehen, entscheidet sie sich für die Gartenarbeit. Der Film ist liebenswert und etwas sonderlich – also im Grund so, wie wir uns die Briten eigentlich vorstellen.

 

Pride: Während die Bergarbeiter im Großbritannien der Thatcher-Jahre wegen der Schließung zahlreicher Zechen streiken, gehen in London Schwule und Lesben auf die Straße, um für mehr Rechte für Homosexuelle zu demonstrieren. Der auf wahren Ereignissen und Personen beruhende Film räumt mit Vorurteilen auf und zeigt, dass das Einstehen für eine gute Sache nicht hoffnungslos ist.

 

Star Trek: 13 Kinofilme und natürlich Serien: Die Vereinigte Förderation der Planeten hat mit “Picard” auf Amazon Prime ihre neueste Serie (und meiner Ansicht nach eines der besten Intros). Beste Gelegenheit also mal wieder in die unendlichen Weiten abzutauchen. Die Originalserie, die bei uns unter “Raumschiff Enterprise” im Fernsehen lief, ist ebenso wie “The Next Generation”, “Voyager” und “Deep Space Nine” auf Netflix zu finden.

 

Serien:

Strike: Wie schon geschrieben, bin ich Cormoran Strike verfallen. Die BBC-Serie mit Tom Burke (bekannt aus der Serie “Musketiere”) in der Titelrolle setzt die Geschichten um den Privatdetektiv mehr als angemessen um.

 

Outlander: Claire Randell findet sich auf unerklärbare Weise in der Vergangenheit wieder.  Was die gelernte Krankenschwester im Schottland des Jahres 1743 erlebt, ist Stoff für fünf Staffeln der Fantasy-Serie, vier Staffeln sind  mittlerweile auf Netflix zu sehen.

 

The Last Kingdom: Die lose auf historischen Ereignissen basierende Serie wurde ursprünglich für die BBC produziert und ist bei uns auf Netflix zu finden. Erzählt wird die Geschichte von Uhtred, der  in Angelsachsen des 9. Jahrhunderts zur Zeit des Königs Alfred the Great bei einem Überfall der Wikinger entführt wird und als einer der ihren aufwächst. Die vierte Staffel ist für April angekündigt.

 

The Crown: Die britische Monarchie unter Queen Elizabeth II. – wenn das kein Stoff für eine Serie ist. “The Crown”  ist eine dieser Serien, die man gesehen haben muss. Mittlerweile sind drei Staffeln auf Netflix zu sehen.

 

Downton Abbey: In sechs Staffeln  (insgesamt 52 Folgen) und einem Kinofilm wird das Leben der britischen Adelsfamilie Crawley von 1912 bis 1927 mit viel Liebe zum Detail erzählt. Findet man Gefallen am Stoff und den Darstellern ist es so, als hätte man neue Famillienmitglieder adoptiert.

 

 

Broadchurch: Sp spannend, dass man schon mal mit angehaltenem Atem auf der Sofakante sitzt, ist die Krimiserie “Broadchurch”. Gut dass es drei Staffeln gibt, die inhaltlich aufeinander Bezug nehmen, aber immer eigene Fälle behandeln. Oscar-Preisträgerin Olivia Colman (als Ellie Miller) und David Tennant (als Alec Hardy) sind überragend und der Soundtrack  von Ólafur Arnalds hörenswert.

Unterleuten: Die dreiteilige Serie erzählt vom fiktiven brandenburgischen Dorf Unterleuten, in dem ein Windpark entstehen soll. Das lässt Gräben zwischen Ossis und Wessis, Zugezogenen und Alteingesessenen aufbrechen. Die Serie ist gerade erst im ZDF gelaufen und in der Mediathek zu finden.

 

Ku’damm: Die beiden Staffeln (Ku’damm 56 und Ku’damm 59)  erzählen die Geschichte der Familie Schöllack in den 1950er Jahren. Neben den eigentlichen Folgen bietet das ZDF in der Mediathek auch Dokumentationen und einiges Wissenswertes.

 

Naturdokus sind im Idealfall unterhaltsam, vermitteln Wissen und zeigen umwerfend schöne Bilder. Eine davon ist “Unser blauer Planet”, die unter anderem bei Amazon Prime zu kaufen ist. Ähnliche Dokus gibt es aber auch bei Netflix oder in den Mediatheken von ARD und ZDF und Arte.

Corona: Bücher gegen Langeweile

Es ist eine seltsame Atmosphäre, die sich mit dem Corona-Virus breitgemacht hat. Wer sich zu den gewohnten Zeiten auf dem Weg zur Arbeit macht, fährt durch weniger belebte Straßen, es sind kaum Fußgänger und Fahrradfahrer unterwegs. Und: es ist stiller.  In Gesprächen, ob real oder virtuell gibt es nur das Thema Corona und wie man mit den völlig ungewohnten Umständen zurecht kommt, jetzt, da sich das Leben zwangsweise ins eigene Heim zurückzieht. Was also tun, um nicht mehr als unbedingt nötig nach draußen zu müssen? Lesen, denn Bücher gehen  immer – hier ein paar Vorschläge:

Robert Galbraith: Cormoran Strike-Romane: Zugegeben: Ich bin  Cormoran Strike verfallen, also dem Detektiv,  der in mittlerweile vier Romanen von seiner mal mehr mal weniger dem Bankrott geweihten Detektei der Gerechtigkeit in London zu Sieg verhelfen will. Der ehemalige Soldat, der bei einem Anschlag in Afghanistan so schwer verletzt wurde, dass ihm ein Unterschenkel amputiert werden musste, ist trotz seiner grummeligen Art ein scharfsinniger Ermittler und im Grunde ein wunderbarer Mann. Wer sich für Detektivgeschichten begeistert und London mag, sollte dieser Reihe – die JK Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt  – eine Chance geben. Wie bei Buchreihen, bei denen sich die Charaktere nach und nach entwickeln, sollte man beim ersten Roman “Der Ruf des Kuckucks” (10,99 Euro) beginnen. Denn die jeweilige Handlung in den einzelnen Romanen ist zwar in sich abgeschlossen, bauen aber dennoch aufeinander auf. Auf Deutsch sind alle Bände bei Randomhouse erschienen.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage: Ein Frauenroman, der alles andere als kitschig ist, sondern der erste Band einer vielversprechenden Trilogie. Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt wird, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden. “Leuchtende Tage “ist bei dtv erschienen und kostet 15,90 Euro.

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten: Langweilig ist sie nicht, die Familie Sorensen. Das betrifft die Eltern Marilyn und David, die nach 40 Ehejahren nicht nur glücklich, sondern auch immer noch verliebt sind und das bei jeder Gelegenheit – auch unpassenden wie ihre Töchter finden – zeigen. Für die ist die Vorzeigeehe ihrer Eltern ein Vorbild, vom dem sie wissen, dass sie es nie erreichen werden und willkommener Anlass, Anstoß am elterlichen Verhalten zu nehmen. “Den größten Spaß, den wir je hatten” ist ein Buch, das man am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Erschienen ist der 720-Seiten-Roman bei dtv und kostet 25 Euro.

Hartmut Lange: Der Lichthof: Wer keine längeren Stücke lesen kann oder mag, sollte es einmal mit den Novellen versuchen, die in diesem Band versammelt sind. Hartmut Lange erzählt Geschichten aus dem Alltag, die jeweils ganz eigene, unerwartete Wendungen nehmen. “Der Lichthof” ist bei Diogenes erschienen und kostet 22 Euro.

André Aciman: Fünf Lieben lang: Ein Buch voller Geschichten über die Liebe, ganz im Stil von “Call me by your name” – beide Bücher sind bei dtv erschienen.

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung: Wenn ein neues Buch erschienen ist, dann schicken Verlage ihre Autoren gern auf Lesereisen, vor allem dann, wenn die Buchverkäufe ein wenig angekurbelt werden sollen.  Logisch, dass das auch für Schiller und Goethe gilt, ungeachtet der Tatsache, dass die mittlerweile 260 und 270 Jahre alt sind. Eine witzige und in sich stimmige Geschichte, die man unbedingt bis zum Ende lesen will. Das Buch ist bei dtv erschienen und kostet 14 Euro.

James Rhodes: Playlist: Ein Buch über klassische Musik mit dem Format einer LP, dem Layout eines Comics und einer eigenen Playlist bei Spotify – was sich ungewöhnlich liest, ist für den britischen Pianisten, der in Spanien lebt, eine der Methoden, mit denen er versucht, Menschen für klassische Musik zu begeistern. Wer sich einlässt, wird auch mit nicht so guten Englischkenntnissen (das Buch liegt nicht auf Deutsch vor) und wenig Wissen über Klassik, Neues entdecken und sogar dabei entspannen. Das großformatige Buch ist bei Wren & Rook erschienen  und über jede Buchhandlung für ca. 30 Euro bestellbar.

Tom Mole: The Secret Life of Books: Ebenfalls derzeit nur auf Englisch verfügbar ist dieses Buch über Bücher. Es erzählt spannend und unterhaltsam und vermittelt gleichzeitig viel Wissenswertes über Bücher, warum sie uns faszinieren, uns ein Leben lang begleiten und gleichzeitig eine ganze Menge über uns verraten. Es ist erschienen bei Elliot & Thompson, ca. 10 Euro.

 

Annette Dittert: “London Calling” als Taschenbuch

Sie ist immer noch da. Annette Dittert, die ARD-Korrespondentin lebt immer noch auf ihrem Hausboot im Londoner Stadtteil Little Venice. Und das, obwohl die Hoffnung verflogen ist. Die Hoffnung, dass der Brexit irgendwie doch nicht stattfinden würde. Im Wissen um die politische Lage von heute wirken so manche Beschreibungen in “London calling” wie Erinnerungen an eine gute alte Zeit, die so schnell nicht wiederkommen wird. Annette Dittert, so schreibt sie in dem neuen Vorwort für die Taschenbuchausgabe, wird erstmal in London , “weiterhin der schönsten Stadt der Welt”, bleiben, denn die journalistische Arbeit wird jetzt erst recht wichtig werden.

“Was bleibt, ist ein bleierner Schwebezustand. Kaum der richtige Zeitpunkt, um lebenswichtige Entscheidungen zu treffen.”

“London Calling” ist eine Liebeserklärung an eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet – und ein wunderbares Buch für Londonfans. Den ausführlichen Blogeintrag zur gebundenen Ausgabe gibt es hier.

Annette Dittert: London Calling. Als Deutsche auf der Brexit-Insel. Atlantik-Taschenbuch, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Graham Swift: Wir sind da

Um ihn vor den Bombenangriffen der Deutschen zu schützen, wird Ronnie von seinen Eltern von London nach Evergrene in Oxfordshire geschickt. Das Ehepaar Penelope und Eric Lawrence nimmt ihn auf, weil sie glauben, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu müssen. Doch aus der vermeintlichen Pflicht entsteht eine gegenseitige Dankbarkeit. Ronnie entdeckt gleichsam eine Welt außerhalb Londons, in der es ein großes Haus,  einen Garten und ein Auto gibt. Prägend für sein weitere Leben wird aber die Zauberkunst von Eric Lawrence sein, der ihm seine Zauberausrüstung vermacht und ihm so hilft, seinem Traum ein Zauberer zu werden, wahr zu machen. Zusammen mit Evie und seinem Freund Jack treten sie im Seebad Brighton in den 1950er Jahren auf. Doch das Glück endet abrupt als aus Freunden Rivalen werden – und Ronnie plötzlich verschwindet.

“Er war wie ein Geschenk, das sie freudig entgegennahmen.”

Graham Swift schreibt auch in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman “Da sind wir” über die Irrungen und Wirrungen im Leben ganz normaler Menschen, darüber wie Beziehungen entstehen, wie sie enden und welche Auswirkungen das auf die Beteiligten hat. Gleichzeitig entwirft Swift das Bild einer Zeit, die nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs den Aufbruch in eine bessere Zeit versprach, in der Varietés und Seebäder ihre ganz eigene, glitzernde Anziehungskraft entfalteten.  Eine Anziehungskraft, der sich der Leser des Romans nicht entziehen kann – dank des großen Erzählers Graham Swift.

Graham Swift: Wir sind da, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Daniela Krien: Muldental

Die Wende in der DDR war zweifellos für viele Menschen ein riesiger Einschnitt in ihrem ganz persönlichen Leben. Gleichsam von einem Tag auf den anderen war nicht nur ein Staat verschwunden. Viele ehemalige DDR-Bürger wurden auch ihrer Existenz beraubt, sie verloren ihre Arbeit, mussten mit völlig neuen Umständen zurechtkommen – und schafften das nicht, jedenfalls die Figuren, die Daniela Krien in den Kurzgeschichten ihres  Bandes “Muldental” beschreibt, der jetzt in einer Neuauflage vorliegt. Sie alle verbindet eine Trostlosigkeit, die sie zu Außenseitern im eigenen Land, in der eigentlich so vertrauten Umgebung werden lässt, sie sind enttäuscht, fühlen sich betrogen, sind deprimiert und finden Zuflucht in Alkohol und Gewalt gegen Menschen und Sachen.

“Niemand hat sie darauf vorbereitet. Da, wo sie herkommt, ist es besser gewesen, die wahren Gedanken zu verschweigen (…)”

Der Erzählband ist keine einfache Lektüre, denn der Leser findet weder ein versöhnliches Ende, noch Figuren, die es schaffen, aus ihrem trostlosen Leben auszubrechen. Daniela Krien zeigt ausschließlich Wendeverlierer, die aus verschiedenen Gründen im Leben gescheitert sind. Schade nur, dass die meisterhaft knappe Sprache lediglich beschreibt, was Klischees über Ossis und Wessis bereits zur Genüge getan haben oder leider immer noch tun.

Daniela Krien: Muldental. Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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