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Niemandsland – The Aftermath

Deutschland unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Briten haben Hamburg oder das, was von der Hansestadt noch übrig ist, besetzt. Rachael Morgan (wie immer wunderbar in historischen Filmen: Keira Knightley) kommt aus London, um wieder mit ihrem Mann Lewis (Jason Clarke) zu leben, der als Colonel eine unzerstörte Villa für sich und seine Frau beschlagnahmt hat. Überraschenderweise erlaubt Lewis dem Eigentümer, dem Architekten Stefan Lubert (Alexander Skargård), und seiner Tochter Freda (beeindruckend: Flora Thiemann) im Dachboden wohnen zu bleiben. Des Fraternisierungsverbots ungeachtet, kommt es natürlich zu Annäherungen und den entsprechenden Verwicklungen, Liebe, Trauer und Eifersucht inklusive.

“Es ist das gleiche Meer.”

Was „Niemandsland – The Aftermath“ ausmacht, ist nicht so sehr das überraschende Ende, sondern die niemals unfaire Darstellung von Siegern und Besiegten, Schuldigen und Unschuldigen. Die hierzulande übliche Unart, Filme zu synchronisieren, offenbart eine der größten Schwächen, begreift doch Rachael gerade ihre fehlenden Deutschkenntnisse vor allem am Anfang als Ausgrenzung. Dass die Briten Deutsch wenn überhaupt mit schwerem Akzent sprechen und in der Originalfassung ihre jeweilige regionale Sprachfärbung behalten, geht in der Synchronisation verloren. Die Tatsache, dass man die Rolle des Stefan Lubert nicht mit einem Deutschen besetzen konnte oder wollte (warum eigentlich?), beschert den deutschen  Zuschauern einen mit schwedischem Akzent sprechenden Alexander Skargård.

Auch in der deutschen Fassung kann man sich  auf die Handlung und die detailreiche Ausstattung konzentrieren, sich fragen, ob Rachael ihre gesamte Garderobe tatsächlich in dem kleinen Koffer mitgebracht hat und woher im ausgebombten bitterkalten Hamburg die wunderschönen Rosengestecke kommen –   und einen Film jenseits des Popcorn-Kinos erleben.

Der Film basiert auf dem Buch von Rhidian Brook, das auf Deutsch bei btb erschienen ist.

[Das Zitat ist meine Übersetzung]

⭐⭐⭐⭐⭐

Der Fall Collini

Der angesehene Großindustrielle Hans Meyer (Manfred Zapatka) wird scheinbar grundlos in seiner Berliner Hotelsuite ermordet. Der junge Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) übernimmt die Pflichtverteidigung des Italieners Fabrizio Collini (Franco Nero), der bevor er zum Mörder wurde, unbescholten in Deutschland gewohnt hat. Der  scheinbar eindeutige Fall wird für Caspar auch zu einem persönlichen Problem. Denn es stellt sich heraus, dass der Ermordete nicht nur sein Ersatzvater war,  sondern auch  der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara). Darüberhinaus ist ihm der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger (Heiner Lauterbach), bei dem Caspar auch noch studiert hat, ganz offensichtlich überlegen.

“Es war damals eine andere Zeit.”

“Der Fall Collini” könnte sich nur mit einem ehrgeizigen jungen Anwalt beschäftigen, der bei seinem ersten Fall mehr als alles nur richtig machen will. Schon alleine deshalb wäre die Rolle des Caspar Leinen mit der 36-jährigen Elyas M’Barak sehr gut besetzt, der den meisten bisher nur aus den “Fack-ju-Göthe”-Filmen bekannt sein dürfte und der sich auf der nächsten Stufe seiner Karriereleiter, hin zum Charakterdarsteller befindet. Doch der Film unter der Regie von Markus Kreuzpaintner beschäftigt sich auch mit dem grundlegenden Thema Recht, Gerechtigkeit und – man ist versucht zu schreiben dem unvermeidlichen Thema eines deutschen Films – der Zeit des Nationalsozialismus und der jungen Bundesrepublik. In der Zeit der Studentenproteste verabschiedete der Deutsche Bundestag das “Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz, kurz EGOWiG”, das Mitläufer des NS-Regimes lediglich als Gehilfen, aber nicht als Mörder einstufte, weshalb die Taten der meisten NS-Verbrecher als verjährt galten.

Freilich: diese ganze Thematik, die vor allem für juristische Laien schwer verständlich ist, bräuchte eine längliche Dokumentation. Weil aber “Der Fall Collini” ein Spielfilm ist,  lässt er sie die Figuren in Dialogen abhandeln,  ohne allerdings die NS-Morde zu verharmlosen. Dass das auf überzeugende und beeindruckende Weise gelingt, liegt nicht nur an der dichten Handlung und an der Kameraführung, die die Gesichter der Figuren immer wieder in Großaufnahmen zeigt, sondern auch an den durchweg überzeugenden Schauspielern. Am Ende will man nicht nur mehr über den rechtlichen Hintergrund wissen, sondern wundert sich auch, wie schnell 118 Minuten vergehen können.

⭐⭐⭐⭐⭐

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung

Wenn der Verlag eines Buchautors findet, dass eben dieser Autor zu wenig Bücher verkauft, schickt er ihn auf Lesereise. Zumindest könnte man das laienhaft denken – zumindest in der heutigen Zeit, in der gefühlt ständig über zu wenig Leser, zu wenig Buchkäufer, gerne auch in Verbindung mit dem Untergang der abendländischen Kultur geklagt wird. Wer dann aber zu einer Lesung geht, findet begeisterte Leser und freudig aufgeregte Schriftsteller, die ein paar nette Stunden miteinander verbringen, Bücherkauf und Signiergelegenheit inklusive.

“Das Volk war dumm und wie das Vieh und würde niemals Anstand lernen.”

Was also für zeitgenössische Autoren zutrifft, gilt auch für die Dichter der Deutschen, Schiller und Goethe, wobei man natürlich korrekt Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller schreiben muss. Zumal wenn es nach dem Dichterfürsten Goethe geht, der sich eher unwillig auf die Lesereise begibt, die ihm sein Verleger Cotta aufgetragen hat, und die er gemeinsam mit seinem Freund Schiller möglichst schnell hinter sich bringen will. “Volksnähe” – unter diesem Motto steht die Reise der beiden – ist nämlich überhaupt nichts für Goethe, der sich seiner Bedeutung als Klassiker durchaus bewusst ist und auch als solcher behandelt werden will. Schiller dagegen ist populär und Goethe beschleicht der Verdacht, dass das Publikum hauptsächlich wegen des jüngeren Kollegen kommt.

“Er hatte genug. Er war alt. Er war Klassiker. Er war unsterblich. Er hatte alles erreicht.”

Überhaupt das Alter. Goethe ist mittlerweile 270, Schiller 260 Jahre alt, denn Christian Tielmann lässt seinen Roman “Unsterblichkeit ist auch keine Lösung. Ein Goethe-Schiller-Desaster” heute spielen. Was dabei herausgekommen ist, wirkt nur auf den ersten paar Seiten merkwürdig. Hat man sich erst eingelesen, ist die Konstellation, die die beiden Klassiker vor Schulklassen zeigt, die versuchen, die Zeit während der Pflichtveranstaltung totzuschlagen, ist nicht nur stimmig, sondern auch witzig und so erzählt, dass man die Geschichte unbedingt bis zum Ende lesen will. Und sich auch dabei ertappt, zu dem Regal zu schauen, wo die Werke der Klassiker stehen und sich fragt, wann man denn zum letzten Mal eines gelesen hat.

 

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung, dtv, 14 Euro.
Das Buch wurde mich freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kate Connolly: Exit Brexit

Körperliche Schocksymptome – das ist es, woran sich Kate Connolly noch gut erinnern kann, als sie am Morgen nach dem Referendum in ihrer Berliner Wohnung aufwacht. Die Britin lebt schon seit Jahren in Deutschland und ist Korrespondentin des “Guardian”. Was nicht zuletzt viele Deutsche – mich eingeschlossen – für vollkommen unmöglich gehalten hatten, war Realität: eine Mehrheit der Briten hatte am 23. Juni 2016 dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings noch vollkommen unklar, welche Auswirkungen es für Einzelne haben würde, vor allem für die, die sich im jeweils anderen Land eine Existenz aufgebaut haben und dort zum Teil seit Jahrzehnten leben. Waren sie tatsächliche Bürger eines “Niemandslandes” wie die britische Premierministerin Theresa May einige Monate später Menschen bezeichnete, die sich als Weltbürger empfinden und sich nicht auf eine Identität oder sogar Staatsangehörigkeit festlegen wollen?

“Die Verbundenheit mit Deutschland, die ich heute empfinde, hat im Kern mit der Beherrschung der Sprache zu tun.”

Etliche Menschen wie Kate Connolly, Briten also, die in Deutschland leben, fanden darauf ihre eigene Antwort: Sie beantragten angesichts der Unsicherheit, die der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union für ihr Leben haben könnte, die deutsche Staatsbürgerschaft, den “außer etwas Zeit und einer überschaubaren Menge Geld” gebe es nichts zu verlieren, wie Kate Connolly in ihrem lesenswerten Buch “Exit Brexit” schreibt. Für ihr deutsches Umfeld ist ihre neue Staatsangehörigkeit bald ein nebensächliches Detail. Typisch deutsch eben, so wie das klaglose Ausfüllen von Formularen, das frühe Aufstehen und die Pünktlichkeit.

Kate Connolly wird also Deutsche oder wie sie schreibt “Deutsch-Britin”, was nicht nur “jung und frisch” klingt, sondern auch signalisiert, dass es etwas mit dem Brexit zu tun hat und “es mir vielleicht in gewissem Umfang erlauben (würde), mit meiner schlechten deutschen Grammatik durchzukommen”.

“Wir stehen mehr auf Sherlock als auf Tatort.”

Neben den politischen Irrungen und Wirrungen, die das Brexit-Chaos in den vergangenen beiden Jahren für sie persönlich und für ihr Heimatland mit sich gebracht haben und immer noch bringen, beschreibt die Journalistin die wunderbaren Details, die Einblick in einen deutsch-britischen Haushalt geben und die Kate Connolly als typisch für bilinguale Familien empfindet und ihr nicht nachlassendes Staunen über typisch deutsche Verhaltensweisen. Etwa, dass Deutsche anders aufs Rad steigen (also zuerst mit dem linken Fuß auf das Pedal und mit dem rechten abstoßend Schwung holen), Müll trennen und nicht unbedingt Tee mit einem Schuss Milch trinken. “Wir stehen mehr auf Sherlock als auf Tatort”, bekennt sie und fragt sich, was es denn heißt, dass sie ihr Buch auf Englisch geschrieben hat und es dann ins Deutsche übersetzt wurde.

“Exit Brexit” ist ein wunderbares und souverän von Kirsten Riesselmann übersetztes Buch über den Weg zum deutschen Pass, das gleichzeitig einen Blick von außen auf das Deutschsein wirft. Der deutsche Leser schmunzelt, nickt – greift zum Breakfast Tea mit Milch und merkt sich “Sherlock” wiedereinmal für den Sonntagabend vor.

Kate Connolly: Exit Brexit – Wie ich Deutsche wurde, Hanser, 19 Euro; E-Book 14,99 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

James Rhodes 2019

Eigentlich schaut es so einfach aus. Ein Mann in Jeans, Turnschuhen und schwarzem Shirt mit dem Schriftzug “Bach” kommt auf die Bühne, begrüßt das Publikum, stellt sich vor und spielt dann auf einem Flügel.

Eigentlich. Dass es nicht ganz so einfach ist, beschreibt der britische Pianist James Rhodes in seinem Buch “Fire on all sides” und bei seinen Auftritten, unter anderem in diesem Herbst in verschiedenen Städten in Deutschland.

Auf dem Programm steht:

Ludwig van Beethoven: Sonata No. 15 Op. 28 “Pastoral”;
Frédéric Chopin Scherzo Nr. 2 n. 2 in b-Moll, Op 31;
Frédéric Chopin: Nocturne in C-Moll Op 48/1;
Johann Sebastian Bach (Fassung für Klavier von Ferrucio Busoni): Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur, BWV 564;

Tourdaten:

18. Oktober, 20 Uhr: München, Prinzregententheater;
1. November, 20 Uhr: Dortmund, Konzerthaus;
3. November, 19 Uhr: Düsseldorf, Savoy Theater;
5. November, 20 Uhr: Stuttgart, Theaterhaus;
18. November, 20 Uhr: Berlin, Kammermusiksaal der Philharmonie;
26. November, 20 Uhr: Lübeck, Musik- und Kongresshallen.

Karten zu allen Konzerten gibt es im Vorverkauf auch bei Eventim.

Mehr zu James Rhodes gibt es hier

[Update: Die Deutschland-Tournee wurde abgesagt.

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre 1918-1938

Die Zwischenkriegsjahre scheinen im Rückblick auf als eine Zeit, in der alles möglich schien.  Nach den verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, der Werte und Gesellschaften mit einem Schlag nicht nur in Frage stellte, sondern zerstörte und ehemalige Soldaten zu traumatisierten Männern machte, schien es so, als würde es allmählich aufwärts gehen. Als würde die Entwurzelung, die Entfremdung der Menschen, hervorgerufen durch neue Entwicklungen wie technische Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, das Wachsen der Städte (mit der Metropole Berlin als Musterbeispiel) allmählich einer neuen Zuversicht Platz machen. Doch während die einen in den  Clubs der Großstädte hemmungslos feierten, versuchten vor allem die Armen einfach nur zu überleben.

In “Die zerrissenen Jahre” zeichnet Philipp Blom ein vielfältiges Bild der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, das sich nicht auf Europa beschränkt. Anhand von Einzelschicksalen macht er die globalen Entwicklungen und ihre Auswirkungen greifbar. So verdeutlicht der englische Dichter Wilfred Owen, der als Soldat an der Westfront zum Shell-Shock-Opfer, zum Kriegszitterer, geworden war, das Schicksal seiner Generation, die bald als die “verlorene” bezeichnet wird. Blom sieht zwischen den verstümmelten Körpern der Kriegsveteranen und den heroisch überstilisierten Athleten der Olympischen Spiele von 1936 einen direkten Zusammenhang: Das Nazi-Regime feierte den Übermenschen, der “seine eigene Zeit und seine körperlichen Begrenzungen überwinden kann, um der Technologie und den zerstörerischen Mächten der Geschichte die Stirn zu bieten.”

“‘No Future’ begann in den Schützengräben.”

Der überwundene Krieg hinterließ eine Leere, die von politischen Ideologien mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen gefüllt wurden und Hoffnung auf eine bessere Zukunft versprachen.  Hoffnung und Zukunftsperspektive, an der die Feiernden in den Berliner Clubs der Goldenen Zwanziger Jahre nicht interessiert waren, solange die Gegenwart ausreichend Vergnügungen bereithielt.

Wie schon in “Der taumelnde Kontinent” schafft es der Historiker Philipp Blom, Geschichte greif- und lesbar zu machen. Sein Streifzug durch die Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1938 ist fundiert, faktensatt, niemals langweilig und daher unbedingt empfehlenswert.

 

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre, 1919 bis 1938, dtv, 12,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Matt Haig: Mach mal halblang

Ein “nervöser” Planet? Kann das überhaupt sein? Und wenn ja – was bedeutet das für uns? Offensichtlich sind wir von allem etwas (auch wenn wir das vielleicht nicht zugeben wollen), also flatterhaft, zerfahren, unsicher, immer getrieben von einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht, uns mit immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit eindeckt. Wobei es zu diesen Informationen im Internet-Zeitalter auch gehört, seine Social-Media- und E-Mail-Accounts zu checken und sich so gleichzeitig zu versichern, wie der jüngste eigene Post bei den Followern angekommen ist. Wobei wir genau an dem Punkt wären, auf den es nicht nur für Matt Haig in “Mach mal halblang” ankommt: dieses Verhalten, dass wir uns mehr oder weniger unbewusst aufdrängen lassen, kann uns abhängig machen und deshalb gefährlich für uns werden. Nicht nur für Menschen – wie Matt Haig selber – die unter Panikattacken leiden. Denn durch den permanenten Druck, immer online zu sein, nehmen wir unsere eigene Umgebung nicht mehr wahr, können nicht mehr richtig abschalten.

“Das Internet enthält eine ganze Welt. Das Internet ist das, was wir daraus machen.”

Dabei ist Matt Haig weit davon entfernt, das Internet und die moderne Technik als Teufelszeug abzutun:  “Es ist einfach online Kontakte zu pflegen. Das Wetter spielt keine Rolle. Du brauchst kein Taxi und kein gebügeltes Hemd. Es kann wunderbar sein. Es ist oft wunderbar.” Er plädiert lediglich dafür, sich selbst bewusst zu machen, wie viel Zeit wir in welcher Form auch immer online verbringen, wie viel uns dadurch in der realen Welt entgeht, uns das klar zu machen und uns bewusst für etwas anderes zu entscheiden.

“Wir sind Menschen. Wir sollten uns nicht schämen, auch wie Menschen auszusehen.”

In “Mach mal halblang” hebt Matt Haig keinen moralischen Zeigefinger, der uns auf den rechten Weg und in die analoge Welt zurückführen will. Doch trotz des lockeren, oft witzigen, Plaudertons ertappt man sich nicht nur beim zustimmenden Nicken, sondern fragt sich, ob es nötig ist, während des Schreibens dieses Blogbeitrags noch drei andere Browser-Tabs offen zu haben und vor allem verfolgen zu müssen, was die Twitter-Timeline so treibt. (Antwort: Eigentlich nicht, vor allem wäre dieser Beitrag schneller fertig geworden.) Wer sich ein paar Stunden Zeit nehmen will für ein Buch, dem sei dieses empfohlen, nicht nur, weil Matt Haig ein wunderbarer Autor ist, sondern auch, weil die Übersetzung von Sophie Zeitz vergessen lässt, dass man ein Übersetzung liest, so leicht und selbstverständlich kommt die deutsche Version daher. Und ganz ehrlich: allein für den gelungenen Titel muss man dieses Buch lieben.

 

Matt Haig: Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten. dtv, 4,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict on the original version “Notes on a Nervous Planet” here.

Der verlorene Sohn

Ein Sohn, der erkennt, dass er schwul ist. Ein Vater, der Baptistenprediger und Inhaber eines Autohauses ist. Und eine Mutter, die sich entscheiden muss, ob sie immer nur passiv sein will. Jared (Lucas Hedges) stellt mit seinem Outing nicht nur das zutiefst religiöse Leben seiner Mutter Nancy (Nicole Kidman) und seines Vaters Marshall (Russell Crowe) auf den Kopf, sondern das der ganzen Gemeinde. Zusammen mit deren Predigern fällt die Entscheidung, den 19-jährigen Jared in ein Zentrum zu schicken, in dem Homosexuelle mit der “Reparativtherapie” geheilt werden sollen – basierend auf der Überzeugung, dass sie “so” nicht auf die Welt gekommen sind. Unter dem Druck, seine Familie und seine religiöse Identität zu verlieren, entschließt sich Jared, die brutalen und entwürdigenden Methoden des Therapeuten Victor Sykes (Joel Edgerton) über sich ergehen zu lassen.

“Ich denke an Männer. Ich weiß nicht wieso, und es tut mir auch leid.”

“Der verlorene Sohn” ist alles andere als Popcorn-Kino und streckenweise nur schwer zu ertragen. Das liegt vor allem am  brillanten Lucas Hedges, der wie schon zuvor in “Ben is back” erneut beweist, dass er die schockierenden Erlebnisse, die darin gipfeln, seine Identität auszulöschen (der englische Titel “Boy Erased” weist das viel deutlicher aus als der deutsche) glaubhaft darstellen kann. Flankiert von einer Nicole Kidman, die  streckenweise die Verkörperung amerikanischer Hausfrauen-Klischees ist und Russell Crowe, der bis zuletzt nicht von seiner religiösen Überzeugung abweicht, zieht der Film den Zuschauer in den Bann. Bis zum Ende, das dem Film nicht gerecht wird.

Der Film basiert auf den Erinnerung von Garrard Conley, der seine Erlebnisse unter anderem im Roman “Boy Erased” (auf Deutsch im Secession-Verlag) verarbeitet hat.

★★★★

 

Green Book

In the 1960s Tony Lip (Viggo Mortensen) is a bouncer in a New York nightclub. When this is closed due to renovation, he applies for a job Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) has to offer. As it turns out, Shirley is not a “normal” doctor but a highly acclaimed black pianists who looks for a driver for his upcoming tour into America’s deep south. Tony takes this job, trying everything to stick to the schedule and reaching every town just in time to settle the stage and prepare for the next concert. The deeper they get into the southern states, where segregation is still in place, Tony realises that Don is only welcome and cheered at when he is the pianist on the stage  but not as a black man. Don on the other hand learns that Tony is a man he can rely on.

“It takes courage to change people’s hearts.”

“Green Book” which title refers to the “Negro Motorist Green Book“, an annual guide book for afro-american roadtrippers, tells a story that isn’t totally new to both the big and the small screen. But the way the story between two different men who become unlikely  friends is told here, is funny and sad and shocking and it has a warmth that draws you easily into its 130 minutes – with no boring moments.

Mahershala Ali took a Bafta, a Golden Globe and an Oscar as best supporting actor, while Viggo Mortensen was nominated as leading actor.
“Green Book” won the Oscar for best picture.

[Updated after the Oscars ceremony

★★★★★

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Es tut Schriftstellern nicht immer gut, wenn sie zum Schulkanon gehören, ihre Werke also im Unterricht gelesen werden und der Umgang mit ihnen im besten Fall ein kleines Übel im schlimmsten Fall eine Qual ist. Liegt die eigene Schulzeit länger zurück, mag man sich mit einem Seufzer daran erinnern, dass man – wie in diesem Fall – die „Judenbuche“ gelesen und das Exemplar noch irgendwo bei den gelben Reclam-Heften sein müsste. Und fragt sich, ob und wenn ja was man über die Autorin, über Annette von Droste-Hülshoff, gelernt, aber wieder vergessen hat.

“Fräulein Nettes kurzer Sommer” erlaubt einen Blick in die Zeit und die Lebensumstände und deren Konventionen, unter denen Droste-Hülshoff lebte. Konventionen, denen sie sich nicht anpassen wollte und schon alleine dadurch unangenehm auffiel, dass sie eine eigene Meinung hatte und sich nicht mit Handarbeiten begnügte. Als sie in dem mittellosen Studenten Straube einen Seelenverwandten findet und sich in ihn verliebt, glaubt sie ihren zukünftigen Ehemann gefunden zu haben und dennoch – allen gegenteiligen Meinungen zum Trotz – ein konventionelles Leben führen zu können.

Doch eine als angebliche moralische Prüfung getarnte Intrige zerstört nicht nur Annette von Droste-Hülshoffs Ruf, sondern auch den ihrer Familie, die fortan nur noch daran interessiert ist, sie aus der Öffentlichkeit und von ihrer großen Liebe fernzuhalten.

“Eine Überanstrengung des Gehirns ermattet die generativen Organe und zerrüttet ihr harmonisches Zusammenspiel. Ihr Körper ist nicht eingerichtet, um zu denken, sondern um die große Absicht zu erfüllen, welche die Natur ihm auferlegt hat.”

Karen Duve hat sich der historischen Figur Annette von Droste-Hülshoff über ein umfangreiches Quellenstudium genähert und ihre Ergebnisse in einem Roman verarbeitet, der nicht zuletzt auch durch die altertümelnde Sprache dem Thema gerecht werden will. Das gelingt auch insofern als ein Gesellschaftsbild entsteht, in dem Konventionen das Leben vor allem der Frauen bestimmen. Einem Leben, an dem Annette von Droste-Hülshoff stellvertretend für alle unkonventionellen Frauen ihrer Zeit letztlich scheitert.

Was bleibt von diesem Buch in Erinnerung? Ein leichtes Bedauern darüber, dass man gerne mehr über “die Droste” erfahren würde und dass man eigentlich auf etliche der studentischen Szenen hätte verzichten können, hätte man mehr über Nette erfahren. Mehr über ihre Gefühle, mehr darüber, wie sie schrieb. Hat man sich aber erst einmal an die eigentümliche Sprache gewöhnt, bekommt man Einblick in eine längst vergangene Welt mit heute fremd anmutenden Ritualen und Verhaltensvorschriften. Und man möchte mehr erfahren über die Autorin der “Judenbuche”.

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Kiepenheuer&Witsch/Galiani, 25 Euro/E-Book 22,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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