Kategorie: Bücher (Seite 2 von 13)

Daniela Krien: Muldental

Die Wende in der DDR war zweifellos für viele Menschen ein riesiger Einschnitt in ihrem ganz persönlichen Leben. Gleichsam von einem Tag auf den anderen war nicht nur ein Staat verschwunden. Viele ehemalige DDR-Bürger wurden auch ihrer Existenz beraubt, sie verloren ihre Arbeit, mussten mit völlig neuen Umständen zurechtkommen – und schafften das nicht, jedenfalls die Figuren, die Daniela Krien in den Kurzgeschichten ihres  Bandes “Muldental” beschreibt, der jetzt in einer Neuauflage vorliegt. Sie alle verbindet eine Trostlosigkeit, die sie zu Außenseitern im eigenen Land, in der eigentlich so vertrauten Umgebung werden lässt, sie sind enttäuscht, fühlen sich betrogen, sind deprimiert und finden Zuflucht in Alkohol und Gewalt gegen Menschen und Sachen.

“Niemand hat sie darauf vorbereitet. Da, wo sie herkommt, ist es besser gewesen, die wahren Gedanken zu verschweigen (…)”

Der Erzählband ist keine einfache Lektüre, denn der Leser findet weder ein versöhnliches Ende, noch Figuren, die es schaffen, aus ihrem trostlosen Leben auszubrechen. Daniela Krien zeigt ausschließlich Wendeverlierer, die aus verschiedenen Gründen im Leben gescheitert sind. Schade nur, dass die meisterhaft knappe Sprache lediglich beschreibt, was Klischees über Ossis und Wessis bereits zur Genüge getan haben oder leider immer noch tun.

Daniela Krien: Muldental. Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Hartmut Lange: Der Lichthof

Kurze Geschichte  – in  diesem Fall Novellen – sind eine wunderbare Möglichkeit, neue Autoren kennenzulernen und natürlich in neue Gedankenwelten einzutauchen. Ich muss zugeben, dass ich bisher noch nichts von Hartmut Lange gelesen habe, mich aber die Buchvorschau des wunderbaren Diogenes-Verlags neugierig gemacht hat.

“Hatte Dennis nicht vor kurzem erst, als sie nachts auf dem Sofa lag, angerufen und behauptet, er würde sich ihretwegen Sorgen machen?”

Die erste, titelgebende Novelle “Der Lichthof”, erzählt ebenso wie der Rest der Novellen etwas Alltägliches. Hannelore wird von ihrem Mann Dennis verlassen, und das, obwohl sie erst in eine neue, große Altbauwohnung gezogen sind. Eine schöne Wohnung, die sie gemeinsam eingerichtet haben und in der nur das Badezimmer, das zu einem schäbigen Lichthof liegt, nicht vorzeigbar ist.

Thorsten Gruber will ans Meer fahren, weil er meint, sich so besser auf seine neue Rolle in einem Theaterstück vorbereiten zu können.
Susanne und Wolfgang lassen sich auf ihrer Reise Richtung Italien von einem Navi leiten und der emeritierte Politik-Professor Ronnefelder schläft in einem zersägten Ehebett.

Bis auf die letzte Novelle “In eigener Sache”, die die Kindheitserinnerungen des Autors an Flucht und Vertreibung verarbeitet, bergen die vier vorherigen in ihrer banalen Alltäglichkeit etwas Überraschendes, Unerklärbares, das zwar nicht erklärt wird, aber dennoch in den Kontext der jeweiligen Handlung passt. Das liegt an der  Erzählweise Hartmut Langes, die in ihrer Unaufgeregtheit an die von Benedict Wells und Ian McEwan erinnert und die die Geschichten so nachhaltig macht, dass man gern über sie nachdenken will.

Hartmut Lange: Der Lichthof. Novellen. Diogenes, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Francis Fukuyama: Identität

Die westlichen, liberalen Demokratien sind in der Krise – weil sie (noch) nicht in der Lage sind, ihre eigene Kultur höher einzustufen als die Kulturen, die demokratische Werte ablehnen. Hinzu kommt, dass Menschen es nicht mehr akzeptieren, respektlos behandelt zu werden. Wenn also Demokratien es wieder schaffen, zu “umfänglichen Versionen gegenseitigen Respekts zurückzukehren” und die Europäische Union darüber hinaus eine nationale Identität neu definiert (und im Idealfall eine eigene Staatsbürgerschaft schafft), kann eine Gesellschaft entstehen, deren Demokratie stabil ist und gleichzeitig offen für Zuwanderung.

Das ist – zugegeben – zugespitzt das, was Francis Fukuyama in “Identität” beschreibt und dabei geschichtlich gesehen weit ausholt. Doch er bleibt die Frage schuldig, wie das alles erreicht werden soll, schließlich bewertet seiner Ansicht nach eine “äußere Gesellschaft” das authentische innere Selbst falsch und unfair. Doch eine Gesellschaft, die jedem einzelnen inneren Selbsts Genüge tut, kann es genauso wenig gehen, wie einen einfachen Zugang zu “Identität”, das jetzt als Taschenbuch vorliegt.

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann und Campe, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Alexander von Humboldt: Der andere Kosmos

Es ist in der Tat ein ganzer Kosmos in “Der Andere Kosmos”, den die Herausgeber Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich vorlegen, nimmt es den Leser doch mit auf eine Reise durch 70 Jahre und zu 70 Orten – alle verbunden durch Alexander von Humboldt und die 70 Texte, die dieser Band versammelt. Der große deutsche Forscher war schon zu seiner Zeit eine Berühmtheit, nicht zuletzt dank  weltweit rund 1000 Texten, die  zu seinen Lebzeiten (1769-1859) veröffentlicht wurden.

In einer Zeit, in der das Internet noch nicht einmal erdacht worden war, platzierte Humboldt seine Texte gezielt in unterschiedlichen Zeitschriften, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen  – man kann sich durchaus vorstellen, dass er heute auf verschiedenen Plattformen unterwegs wäre, Fotos seiner Reisen auf Instagram posten würde und einen Blog hätte. Ganz Werber in eigener Sache nutzte Humboldt Briefe, die er auf seinen Reisen an Freunde, Kollegen und Redaktionen in Europa schickte, als “mobiles Medium der Reportage”, wie es im Vorwort heißt. Heute würde man sagen, dass ihn seine Fans live verfolgen konnten.

“Alexander von Humboldt war der internationalste Publizist seiner Zeit.”

“Der Andere Kosmos” versammelt vollkommen unterschiedliche Themen, die von Humboldts Protest gegen Rassismus und für die Emanzipation der Juden ebenso reichen wie Kenntnisse über seine Reise nach Amerika vermitteln, dessen Beobachtungen Humboldt sein ganzes Leben lang auswertete, wie es im Vorwort heißt.

Wer schon vor der Lektüre glaubte, Alexander von Humboldt nicht gerecht werden zu können, wird sich mit diesem Band bestärkt fühlen und ihn – nicht zuletzt wegen seiner hochwertigen Aufmachung – dennoch immer wieder fasziniert zur Hand nehmen.

Alexander von Humboldt: Der andere Kosmos, dtv, 30 Euro.
Das Buch wurde mit freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman

Das Auswärtige Amt ist auf der Suche nach einem Schriftsteller. Aber nicht irgendeinen und nicht für irgendeinen Zweck. Das Auswärtige Amt der Reichsregierung will, dass der Roman “einer größeren Öffentlichkeit” die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 erklärt. Wer der Schuldige sein soll, das soll im Jahr 1918 selbstverständlich nicht der Fantasie des Schriftstellers überlassen bleiben. Denn die Behörde gedenkt, die Kriegsschuld den Freimaurern in die Schuhe zu schieben. Dafür bekommt Gustav Meyrink, der auserwählte Schriftsteller, eine Zugfahrkarte erster Klasse spendiert, damit er nach Berlin kommen und vor Ort die Details erörtert bekommen soll. Weil er das Geld gut gebraucht kann, willigt Meyrink in das Geschäft ein.

“Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen.”

Christoph Poschenrieder widmet sich in “Der unsichtbare Roman” dem historischen  Gustav Meyrink und Autor des “Golem” und verarbeitet die historisch verbriefte Verbindung mit dem Auswärtigen Amt des Deutschen Reichs zu einer Geschichte, in die immer wieder Recherchenotizen eingestreut werden. Sie weisen zum einen auf die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse hin, gewähren aber zum anderen auch Einblick in die Arbeit des Schriftstellers selbst – wobei offen bleibt, ob es die Arbeit Poschenrieders oder Meyrinks ist. Dabei schafft es Poschenrieder das nicht gerade leichte Thema so zu erzählen, dass sich die Frage ob es denn immer noch mehr Romane, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs angesiedelt sind, braucht, nicht stellt.

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

Es hat etwas trauriges, wenn ein Autor erst nach seinem Tod bekannt wird und seine Romane erst dann als wichtige Literatur anerkannt werden. So erging es John Williams, dessen Roman “Stoner” (erstmals gedruckt 1965) hierzulande 2013 erstmals überhaupt auf Deutsch erschienen ist.  Daher ist es wenig sinnvoll, die Biografie “Der Mann, der den perfekten Roman schrieb” von Charles J. Shields zu lesen, ohne vorher ein Buch von Williams selbst (am besten natürlich “Stoner”, auf den werbewirksam auf dem Titel des Schutzumschlags hingewiesen wird) gelesen zu haben. Zumindest wenn man – wie ich – nach der Lektüre des ersten Buches eines zuvor unbekannten Autors mehr über diesen wissen will.

“[Williams] war überzeugt, dass ein Schriftsteller mehr gelesen haben musste als jeder Wissenschaftler.”

Dann erfährt man mit Hilfe der akribisch recherchierten  und ausführlich dokumentierten Biografie, die auch auf die anderen Werke John Williams’ eingeht, dass dieser ähnlich wie seine Figur Stoner immer auf der Suche war. Und dabei wusste, dass er ein brillanter Schriftsteller war, der allerdings in einer Zeit schrieb, in die seine gleichermaßen leisen wie eindringlichen Werke nicht passen wollten. Symptomatisch mag es daher sein, dass sein Roman “Butcher’s Crossing” (erschienen 1960) als Western bezeichnet wurde, obwohl es darin nur vordergründig um den Wilden Westen und die Büffeljagd geht. Williams war zwar ein anerkannter Universitätsprofessor, aber er träumte zeitlebens davon, ein erfolgreicher Schriftsteller zu sein. Ein Traum, der unerfüllt blieb.

Wer sich auf die Lektüre einlässt, wird mehr von John Williams lesen wollen.

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb. dtv, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher meines Jahres 2019

Bilanz zu ziehen am Ende eines Jahres gehört irgendwie dazu – für mich ist es die Bilanz über die Bücher, die ich im zu Ende gehenden Jahr 2019 gelesen habe. Im Vergleich zu 2018 habe ich tatsächlich ganze zehn Bücher mehr gelesen. Liegt es daran, dass ich mehr Bücher auf Deutsch gelesen habe oder schlicht daran, dass die Bücher nicht zu dick waren?

Meine Bilanz:
Gesamt: 46
Deutsch: 27
Englisch: 19
E-Books: 7 (auf dem Tolino gelesen)
Hörbücher: 2

Woran ich mich gerne erinnere
Kate Connolly: Exit Brexit – inmitten all der Irrungen und Wirrungen, in denen ich mehr über die britische Demokratie und deren parlamentarische Gewohnheiten (inklusive Mr Speaker John Bercow)  gelernt habe, als mir mitunter lieb war, bleibt das wunderbare Buch der deutschen Korrespondentin des Guardian ein liebenswerter Einblick in einen deutsch-britischen Haushalt. Und das Versprechen, dass die beiden Länder mehr verbindet als trennt.
Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft: Zugegeben, die Erinnerung von Hape Kerkeling habe ich erst gelesen, nachdem ich den wunderbaren gleichnamigen Film gesehen habe. Geliebt habe ich beides. Denn man lacht, man weint, man schüttelt den Kopf, nickt wissend und fühlt sich bestens unterhalten.
Tom Mole: The Secret Life of Books – weil man es mehrmals lesen muss, um die vielen interessanten Fakten über Bücher und weshalb sie uns begleiten, zu behalten.
Astrid Ruppert: Leuchtende Tage: Ein Roman über Frauen der Familie Winter, der ein vielversprechender Auftakt einer Trilogie ist, mit der man gerne Nachmittage verlesen will.
Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten ist das beste Beispiel für ein Buch, das ich ohne den entsprechenden Buchtipp nie gelesen hätte.

Neue und alte Begleiter
Die Autoren Donna Leon, Ian McEwan und Lukas Hartmann, ihre Werke und Figuren begleiten mich seit Jahren. Relativ neue Bekannte sind André Aciman und Robert Galbraith.

David Wagner: Der vergessliche Riese

Auf einmal ist sie da, die Erkenntnis, dass der eigenen Vater nicht nur alt, sondern auch nicht mehr derselbe ist. Obwohl erst 71 und noch recht rüstig, vergisst der Vater das, was gerade gewesen ist, aber auch das, was schon Jahre zurück liegt. Wann seine Frau gestorben ist, wo er wohnt oder wie lange er sein Auto schon hat. Aber er weiß, dass er in dem Haus nicht allein leben möchte. Der Sohn, der Ich-Erzähler, der in Berlin wohnt und der in den vergangenen Jahren nur sporadisch Kontakt zu einem Vater hatte, kümmert sich nun regelmäßig um ihn. Gemeinsam besuchen sie Orte, die für den Vater wichtig waren und an die er sich nicht immer erinnert.

“Weißt du, Freund, für mich ist jeder Tag und jede Stunde neu.”

David Wagner beschreibt in “Der vergessliche Riese” wie Demenz einen Menschen verändert, ihn aber dennoch in seiner unverwechselbaren Persönlichkeit erkennbar lässt. Das ist zutiefst berührend, gleichermaßen witzig und traurig und zeigt, dass Demenz auch Nähe zwischen  Sohn und Vater schafft, die seit Jahren nicht mehr existiert hat. Sie gibt aber auch die Möglichkeit, Abschied zu nehmen – vom Vater und von der Vergangenheit, von der eigenen Kindheit. “Der vergessliche Riese” ist keine einfache Erzählung. Sie ist aber in ihrer Unaufgeregtheit und leisen Sprache meisterhaft.

David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Bücher für Weihnachten 2019

Es soll ja Leute geben, für die Bücher als Geschenke nicht in Frage kommen. Sei es, weil sie selber weder lesen noch überhaupt einen Bezug zu Büchern haben, sei es weil sie keinen zu Beschenkenden haben, der sich über Bücher freuen würde. Für mich – und hoffentlich auch für die regelmäßigen Besucher dieses Blogs (Danke!) – sind Bücher etwas Wunderbares und als Geschenke immer willkommen.  Wer noch auf der Suche nach einem Buch ist, wird vielleicht hier fündig:

Neuentdeckung:
Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten  (dtv, 25 Euro) ist die Geschichte der Familie Sorensen. Die Eltern Marilyn und David sind nach 40 Ehejahren immer noch ineinander verliebt – ein Vorbild, das für ihre Töchter nicht immer leicht zu ertragen ist. Claire Lombardos Erstlingswerk ist ein wunderbarer Schmöker, leicht und dennoch nicht banal erzählt, den man nur ungern aus der Hand legt.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage (dtv, 15,90 Euro) ist das, was man landläufig als “Frauenroman” bezeichnet, denn er erzählt die Geschichte der Frauen der Familie Winter über drei Generationen hinweg. Der erste Band einer Trilogie hat nur den Fehler, dass die Folgebände noch nicht erschienen sind.

Tom Mole: The Secret Life of Books (Elliott & Thompson, 16,40 Euro) – das es meines Wissens nicht auf Deutsch gibt – ist das Geschenk für den Buchliebhaber unter den Freunden, der bestimmt das ein oder andere lernen wird, das er noch nicht über Bücher gewusst hat.

Wiederbegegnung:
André Aciman: Fünf Lieben lang (dtv, 22 Euro): Wer  “Call me by your name – Ruf mich bei Deinem Namen” liebt, wird auch dieses Buch lieben, das aus fünf unterschiedlich langen Geschichten besteht.

Lieblingsschriftsteller:
Keine Buchtipps ohne einen Hinweis auf  Ian McEwan, dessen “Kakerlake“(19 Euro) gerade erst erschienen ist. Alle seine Bücher sind bei Diogenes in durchweg sehr guten Übersetzungen erhältlich.
Fehlen dürfen auch nicht Lukas Hartmann, der in diesem Jahr “Der Sänger” (Diogenes, 22 Euro) vorgelegt hat und Bernhard Schlink, dessen neuester Roman “Olga” heißt.
Wer London und Detektivromane mag, für den sind Robert Galbraiths Cormoran-Strike-Romane ein passendes Geschenk. Anfangen sollte man  mit dem ersten Band der Reihe “Der Ruf des Kuckucks” (Randomhouse, 10,99 Euro) und unbedingt die Verfilmung (unter dem Titel “Strike”) mit Tom Burke in der Hauptrolle anschauen.
Bisher nur auf Englisch erschienen ist “Playlist” (Wren & Rook, ca. 29 Euro) des wunderbaren James Rhodes.  Der englische Pianist bringt seinen Lesern auf seine ganz eigene Weise klassische Musik im wahrsten Sinne des Wortes nahe – ganz ohne schwarzem Anzug und Fliege.

Ian McEwan: Die Kakerlake

“Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesen Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.” 

Ein Anfang, der in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Bernhard Robben noch mehr ans Franz Kafkas “Die Verwandlung” erinnert und der den Leser mitnimmt auf eine Entdeckungsreise in die Hinterzimmer der britischen Regierung. Doch Ian McEwan hat in “Die Kakerlake” den Premierminister ihrer Majestät in ein riesiges Insekt verwandelt oder die Kakerlake in die Hülle des Premiers gesteckt – und mit ihm sein ganzes Kabinett. Gemeinsam wollen sie das Vereinigte Königreich verändern, es von der “schmählichen Knechtschaft” befreien und den Reversalismus durchsetzen. Der Weg des Geldes wird umgekehrt, Arbeiter  und Angestellte bezahlen ihre Arbeitgeber dafür, dass sie arbeiten dürfen und Großbritannien wird andere Länder für ihre Exporte bezahlen.
Das klingt absurd und witzig – ganz genauso wie der Brexit und die damit verbundenen Sonderlichkeiten, von denen man nicht glaubt, dass es noch eine Steigerung gibt. Bis zur nächsten Meldung.

“In einer solchen Zeit fragt sich ein Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben.” Ian McEwan

“Die Kakerlake” ist eine bitterböse Satire über den Brexit und die damit zusammenhängende Politik und ihre Politiker, die in das Mutterland der Demokratie Chaos gebracht haben, in dem die “Order”-Rufe des ehemaligen Speaker des Unterhauses, John Bercow, nichts ausrichten konnten (Ob daran  die zum Zeitpunkt dieses Blogeintrags noch ausstehenden erneuten Wahlen im Dezember etwas ändern können, bleibt abzuwarten). Wer Ian McEwans bisherigen Werke kennt, weiß, dass er beispielsweise schon in “Ein Kind zur Zeit” Elemente aus dem Bereich der Science-Fiction verarbeitet hat – und dass er das auf eine so wunderbare Art und Weise macht, wie es nur ein großartiger Schriftsteller kann.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Diogenes,19 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Find the English blog entry for “The Cockroach” here  and more on Ian McEwan here.

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