Website-Icon DieBedra

Tommie Goerz: Der Baum

„Du hättest doch tun können, wovon du geträumt hast. Dein Leben leben. Stattdessen hast du hier den Baum gemacht. Fünfzig Jahre…das ist doch ein ganzes Leben…“ Liz und Michel sitzen im alten Wirtshaus des Ortes und reden über die Vergangenheit, über das, was war und was hätte sein können.

„Der alte Michel saß im Zwielicht seiner Gaststube. Es grummelte in ihm, er war unruhig.“

Das sind vielleicht keine tiefgründigen, philosophischen Analysen. Aber sie sind ehrlich und bodenständig. So wie das Leben in dem Dorf, das sich freilich über die Jahre, ja über die Jahrhunderte hinweg, geändert hat. Und dennoch gleich geblieben ist – zumindest für die Alteingesessenen wie Michel einer ist.

„Der Baum war (…) das erste Wirtshaus mit elektrischem Licht, hat der Opa immer gesagt, schon allein deshalb kamen die Leute.“

Er hat den „Baum“, das Wirtshaus, von seinem Vater übernommen, so wie es die Generationen vor ihm gemacht haben. Eigentlich wollte er etwas anderes mit seinem Leben machen und seine große Liebe Berta heiraten. Aber es ist anders gekommen, was natürlich auch an seinem jähzornigen Vater gelegen hat. Und dennoch ist Michel nicht verbittert, wenn er an seinem großen Tisch in der Wirtsstube sitzt und auf sein Leben zurückblickt.

„Wollten die Jungen so und die Neuen, die hatte der Glockenschlag gestört.“

Tommie Goerz nimmt die Leserin in „Der Baum“ mit in ein fränkisches Dorf, zu dem wie selbstverständlich das namensgebende Wirtshaus gehört und in dem die Bewohner zusammenkommen. Nicht mehr so regelmäßig und zahlreich wie früher, als der „Baum“ der Mittelpunkt des Dorflebens war, denn natürlich ist die Zeit auch an dem Dorf nicht spurlos vorüber gegangen. Diesen Wandel, den die Hauptfigur Michel an sich vorüberziehen lässt, beschreibt Tommie Goerz ohne Bitterkeit. Wie schon im vorherigen Roman „Im Schnee“ zeichnet der Erlanger Autor Figuren und Umstände mit viel Liebe und Zugewandtheit in einer direkten, schnörkellosen Sprache, die tief berührt.

Dass Tommie Goerz, dieser großartige Erzähler, im März 2026 starb, ist unfassbar und ein großer Verlust.

Tommie Goerz: Der Baum, Piper, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Die mobile Version verlassen