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Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben

Was macht ein reicher Kunsthändler mit all seinem Besitz, wenn er niemanden hat, der sein Erbe antreten kann? Plant Gonzales Rodríguez de Tejeda seine Reichtümer einem jungen Mann zu hinterlassen, mit dem er in Venedig gesehen wurde? Guido Brunettis Schwiegervater Conte Falier macht sich Sorgen um seinen langjährigen Freund Gonzales, zumal ihm weder dessen Lebenswandel noch die Beziehung zu dem jungen Mann geheuer sind. Und wie das in Venedig so üblich ist, bittet der Conte Brunetti um Hilfe, der wiederum seine befreundeten Polizeikollegen, allen voran Sekretärin Elettra, bei diskreten Nachforschungen über das Privatleben Gonzales’ einschaltet. Doch es geht viel mehr als um die Frage, wer denn nun wann was getan hat. Brunetti sieht sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen  und zutiefst menschlichen Fragen konfrontiert, für dessen Beantwortung er wie immer seine Frau Paola und klassische Literatur zur Rate zieht.

“Weil er über achtzig ist und sich in einem Mann verknallt hat, der deutlich jünger ist? Was ist so schlimm daran?”

Neben den aus anderen Brunetti-Romanen bekannten Themen wie Umweltverschmutzung und Venedig-Tourismus beschäftigt sich “Ein Sohn ist uns gegeben” auch mit den Werten, die eine Gesellschaft definieren und wie sie in diesem Fall auf die Liebe zwischen homosexuellen Männern reagiert. Denn, so fragt Griffoni ihren Kollegen Brunetti, würde es einen Unterschied machen, wenn Gonzales sich in einen gleichaltrigen Mann verliebt hätte? Weshalb soll bei dieser Beziehung nicht tatsächlich Liebe und nicht nur sexuelle Begierde im Spiel sein? Und Brunetti wiederum fragt sich, wie er reagieren würde, wenn es sich um eine Beziehung zwischen Heterosexuellen handeln würde.

Auch im mittlerweile 28. Fall für den venezianischen Kommissar findet der Leser all das, was er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat: Brunettis Familie, die immer noch zusammen lebt und nicht nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten miteinander redet; die Questura mit den Kollegen Vianello, Griffoni, Elettra und dem Vorgesetzten Vice-Questore Patta und natürlich Venedig mitsamt der italienischen Lebensart. Hat man den Roman gelesen, kann man ihn mit einem beruhigenden Seufzer und dem Gefühl weglegen, dass in Brunettis Welt die Dinge ihren richtigen Gang gehen.

Tipp: Wer noch nie einen Brunetti-Roman gelesen hat, sollte nicht irgendwo einsteigen, sondern tatsächlich mit dem ersten  Fall “Venezianisches Finale” beginnen. Alle Bände sind bei Diogenes erschienen.

 

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Heimliche Versuchung

Professoressa Crosera, eine Bekannte von Paola, sucht Commissario Bruntti in der Questura auf, weil sie sich Sorgen um ihren Sohn macht. Ihrer Meinung nach nimmt er Drogen, immerhin werden die ja vor seiner Schule verkauft. Und sie möchte, dass sich Brunetti dem Ganzen annimmt. Der allerdings sieht als Vater zweier Kinder, die gerade noch im Teenager-Alter sind, zunächst keinen Grund für eine echte Beunruhigung. Doch dann erhält er mitten in der Nacht einen Anruf, der ihn zum Fall eines Mann führt, der eine Brücke hinuntergestürzt ist. Wie sich herausstellt, wurde der Mann, der zufällig der Ehemann der Professorin ist, die Treppe hinunter gestoßen. Doch weshalb hat jemand versucht, den Ehemann der Professorin zu töten?

In “Heimliche Versuchung” bringt Donna Leon den Commissario wieder zurück nach Venedig, nachdem er sich im vorherigen Roman eine vermeintliche Auszeit genommen hat. Was gut ist für den Leser, weil man wieder mehr erfährt über Brunetti und die Menschen, mit denen er täglich zu tun hat. Neben der Sekretärin Signorina Elettra, die nicht nur stets topmodisch gekleidet ist, sondern auch immer einen Strauß frischer Blumen in ihrem Büro hat und ganz offenbar ein Abhörgerät im Büro ihres gemeinsamen Vorgesetzten Patta installiert hat, sind das auch seine langjährigen kollegialen Freunde  Claudia Griffoni und Lorenzo Vianello. Und natürlich seine Familie, allen voran seine Frau Paola und seine beiden Kinder Chiara und Raffi.

“So unter der Woche kamen sie relativ bequem durch. Brunetti bemerkte viele leere Stellen, wo früher Obst- und Gemüsestände gewesen waren; von den Fischhändlern war auch nur noch die Hälfte übrig.”

Der 27. Fall für den Commissario ist ein typischer Brunetti. Typisch, weil der Fall unaufgeregt gelöst wird, typisch, weil Themen wie Umweltverschmutzung und das Problem des übermäßigen Tourismus in Venedig angesprochen werden, die Donna Leon sehr am Herzen liegen und zu denen sie – wie Guido Brunetti – eine eindeutige kritische Meinung hat. Hinzu kommt das Thema Gleichberechtigung, das in diesem Roman schon allein deshalb eine besondere Betonung erfährt, weil Brunetti zunächst nicht mit Vianello unterwegs ist, sondern mit Claudia Griffoni, die ihn mitten in der Nacht wegen des gestürzten Mannes aus dem Schlaf klingelt und mit der er sich bestens versteht.

“… zufrieden, dass ihm das Schicksal eine gleichgesinnte Kollegin beschert hatte.”

“Heimliche Versuchung” ist  wie immer bei einem Brunetti-Krimi wie die Begegnung mit alten Bekannten, die im Laufe der Jahre ihre Eigenarten entwickelt haben, die aber zum Glück immer noch so sind, wie wir sie kennen- und lieben gelernt haben.

 

Donna Leon: Heimliche Versuchung. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Stille Wasser

Es ist Sommer und damit wieder Zeit, alte Freunde zu treffen. Commissario Guido Brunetti, seine Frau Paola, die Sekretärin Elettra und natürlich sein Kollege Vianello sind mittlerweile alte Freunde, die regelmäßig zu einem Treffen einladen. In diesem Jahr steht der mittlerweile 26. Fall an – einer der besten der Reihe. “Stille Wasser” ist ein ruhiger Kriminalfall, aber er ist auch dramatisch, weil Brunetti bei einem Verhör einen Schwächeanfall erleidet und im Krankenhaus landet. Dort wird ihm dringend nahegelegt, berufsbedingten Stress zu vermeiden und sich mindestens eine zweiwöchige Auszeit zu nehmen. Nach anfänglicher Skepsis findet der Commissario die Aussicht, einmal nichts zu tun und sich zu entspannen, gar nicht mal so schlecht. Und so ist die Möglichkeit, ein paar Wochen auf einer der Venedig umgebenden Inseln in einem Haus zu verbringen, das Verwandten von Paola gehört, ideal. Freilich wäre dieser neue Roman von Donna Leon kein echter Brunetti, gäbe es nicht auch einen Todesfall aufzuklären.

“Er wäre zwei Wochen lang allein, Gast in einem Haus, von dem er nicht wusste, ob es dort Bücher gab.”

“Stille Wasser” zeigt einen Guido Brunetti, der in seinem Leben einiges erreicht hat. Er ist erfolgreich in seinem Beruf, den er trotz so mancher Ärgernisse – eines davon ist nicht zuletzt sein Vorgesetzter Patta – mag, er ist glücklich verheiratet und hat zwei wunderbare Kinder. Dennoch fordert der Beruf ihn mehr, als er sich eingestehen will. Die Tatsache, dass er ohne große Widerstände bereit ist, sich für ein paar Wochen eine Auszeit zu nehmen, endlich Zeit fürs Lesen  zu haben, seiner alten Leidenschaft, dem Rudern, wieder nachzugehen, zeigt, dass der Kommissar nicht nur älter geworden ist. Er ist auch an einem Punkt angekommen, an dem er sich zurücknehmen und über sein Leben nachdenken kann. Typischerweise macht er das, indem er klassische Literatur liest und sicherheitshalber Plinius, Herodot, Sueton und Euripides für seine Auszeit einpackt. Zum 25. Jubiläum ist die Krimireihe liebenswert wie eh und je und ein gutes Beispiel dafür, dass gute Unterhaltung auch ohne Effekthascherei und blutrünstige Gewalt auskommen kann.

Foto: Petra Breunig

Donna Leon: Stille Wasser, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Ewige Jugend

Der 25. Fall für Guido Brunetti ist vielleicht sein berührendster und gleichzeitig ungewöhnlichster. Das geht schon damit an, dass dieser Roman bereits der zweite in diesem Jahr ist – der Diogenes-Verlag feiert das Jubiläum entsprechend.
Doch die Geschichte selbst ist dieses Mal ungewöhnlich, auch wenn man als Kenner weiß, dass der venezianische Commissario unter den literarischen Kriminalern schon immer eine Sonderstellung eingenommen hat. Was vielleicht an den italienischen Verhältnissen im Allgemeinen und den venezianischen im Besonderen liegen mag.

Und so wird Guido Brunetti von einer Freundin seiner Schwiegermutter um Hilfe in einer privaten Angelegenheit gebeten. Manuela, die Enkelin der Contessa Lando-Continui, hatte vor Jahrzehnten einen Unfall und stürzte in einen der Kanäle Venedigs. Weil sie zu lange unter Wasser blieb, ist Manuela behindert und auf dem geistigen Stand eines Kindes. Die Contessa ist davon überzeugt, dass das kein Unfall war und möchte, dass Brunetti die genauen Umstände herausfindet.

“Eine alte Frau brauchte seine Hilfe, und er (Brunetti) leistete sie ebenso selbstverständlich, wie er sie auffangen würde, sollte sie die Treppe hinunterfallen.”

Brunetti wäre nicht Brunetti, wenn er der Bitte der alten Dame nicht Folge leisten würde und sich mit Hilfe seines Kollegen Vianello und Elettra, der Sekretärin seines Chefs, daran machen würde den alten Fall  wieder zu eröffnen. Elettra mit ihren geheimnisvollen Verbindungen zu  nicht immer legal arbeitenden Freunden ist die, die zwar scheinbar ihren Arbeitsplatz am Computer im Vorzimmer ihres Chefs nie verlässt, aber dennoch von überall her Informationen beschafft, die den beiden Männern weiterhelfen. Und ganz nebenbei wird sie nie müde, sich über die Unfähigkeit ihres Vorgesetzten Patta zu wundern und über bestimmte Verhaltensweisen Brunettis den Kopf zu schütteln. Etwa wenn der gesteht, er habe  keine private E-Mail-Adresse.

“‘Sie haben keine private E-Mail-Adresse?’ echote Signorina Elettra in eine Ton, als habe er gestanden, er könne nicht mit Messer und Gabel umgehen.”

Das macht den Commissario ebenso sympathisch wie seine Familie, die der Leser natürlich auch im 25. Fall wiedersieht und wie seine Unsportlichkeit, die er zusammen mit einem alten Freund (der ihm in seinem Fall wichtige Informatioen gibt) beim Rudern ignoriert und prompt mit Muskelkater bestraft wird.  Seine Schmerzen versucht er solange mit einer heißen Dusche zu lindern, bis sich seine Frau Paola Sorgen macht. Erst später wird ihm bewusst, dass sie für ihn ein Buch von Henry James beiseitegelegt hat, dem Lieblingsautor der Literaturprofessorin.

Es sind genau diese kleinen Episoden, die so typisch sind für einen Commissario-Brunetti-Roman – ganz unabhängig vom Fall, der natürlich auch im neuesten Buch gelöst wird und der mit einer Wendung endet, die zu Tränen rührt.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Donna Leon: Ewige Jugend. Commissario Brunettis 25. Fall, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)

 

Donna Leon und Commissario Brunettis 23. Fall

Es gibt Schriftsteller, die einen ein Leben lang begleiten. Oder zumindest ihre Werke, die immer wieder eine Einladung sind, sich auf neue Geschichten und Figuren einzulassen. Bei Donna Leon ist es anders.
Denn ihr Commissario Guido Brunetti löst alljährlich zum Sommeranfang einen neuen Kriminalfall und nimmt den Leser gleichzeitig mit in sein Leben. Und so ist das Erscheinen eines neuen Romans immer so als würde man alte Freunde wiedertreffen.
Natürlich verlaufen diese Treffen über die Jahre hinweg immer unterschiedlich. Mal sind sie unterhaltsam und spannend, mal ziehen sie sich hin und versprühen den Charme einer ungeliebten Pflichtveranstaltung, die man aber dennoch nicht verlassen möchte.

“Sie war demokratisch in ihrem Hass, ließ niemanden aus, alle bekamen ihr Fett weg, Kirche und Staat, links und rechts.”

Der 23. Fall für Commissario Brunetti “Tod zwischen den Zeilen” gehört zu einem der besten Bücher in der Brunetti-Reihe. Das mag vielleicht daran liegen, dass es um gestohlene und beschädigte alte Bücher geht – ein Thema, das weder zu exotisch ist für Brunettis viellesende Frau Paola,  Professorin für Englische Literatur und bekennende Henry-James-Liebhaberin, noch für Brunetti selber, der so selbstverständlich Klassiker liest wie andere Seifenopern im Fernsehen schauen.

“Alle Bücher beseitigen, ist dasselbe wie die Erinnerung auslöschen.”

Das mag aber ganz sicher daran liegen, dass der Commissario die wahren Ausmaße und Zusammenhänge erst allmählich erkennt – auf seine unverkennbare Art und Weise, die ihn unverwechselbar und liebenswert macht. Weil das mit viel Liebe zum Detail und zu den Figuren erzählt wird, ist der neueste Roman Donna Leons eine Einladung zum Lesen, der man unbedingt folgen sollte.

Das Buchcover Foto: pb

Das Buchcover Foto: pb

Donna Leon: Tod zwischen den Zeilen, Diogenes, 23,90 Euro.

Bücher meines Jahres 2018

Es ist wieder Zeit, Bilanz zu ziehen – in Form von Büchern, die ich im fast abgelaufenen Jahr 2018 gelesen habe. Darunter sind Neuerscheinungen genauso wie Bücher, die mir aus dem ein oder anderen Grund als lesenswert erschienen. Insgesamt habe ich genauso viele Bücher gelesen wie 2017. Erstmals waren zwei Hörbücher dabei.

Meine Bilanz:
Gesamt: 38
Deutsch: 18
Englisch: 20
E-Books: 5 (auf dem Tolino gelesen)
Hörbücher: 2

Aus meinem Bücher-Jahr möchte ich diese empfehlen:

Deutschsprachige Autoren der Gegenwart:
Benedict Wells jüngste Sammlung von Kurzgeschichten “Die Wahrheit über das Lügen” hat nur den Nachteil, dass die Geschichten zu kurz sind –  zu gut und zu spannend sind sie geschrieben. Wer noch nichts von dem 34-jährigen Schriftsteller gelesen hat und erst einmal vorsichtig Kontakt aufnehmen will, sollte zu diesem Band greifen.
Bernhard Schlink und Lukas Hartmann haben  2018 beide Frauen als Hauptfiguren ihrer neuen Romane gewählt. Schlinks “Olga” setzt im Deutschland des 19. Jahrhunderts alles daran, als selbstständige Frau ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. In Hartmanns “Ein Bild von Lydia” ist die reichste Frau der Schweiz im Zürich des Jahres 1887 in den Konventionen ihrer Zeit gefangen.

Die Sprache ist egal
jedenfalls wenn es um diese Autoren geht, deren Werke wunderbar ins Deutsche übersetzt wurden:
Ian McEwan ist eigentlich immer lesenswert, auch seine Kurzgeschichten wie “The Daydreamer“, “Der Tagträumer“, die aus der Sicht eines Jungen erzählt sind, der sich am liebsten in andere Personen oder Tiere hineinversetzt.
Matt Haigs “Notes on a nervous planet” erscheint im März unter dem Titel “Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten” bei dtv, wo auch die vorherigen Werke erschienen sind.

Hörbücher
sind eigentlich nicht unbedingt meine Welt, weil ich fürchte, wichtige Passagen zu verpassen. Immerhin habe ich zwei geschafft, was bei einem am Vorleser, beim anderen an einem Kinofilm liegt.
Carlo Rovelli: The Order of Time, vorgelesen von Benedict Cumberbatch  und
Dr. Seuss: How the Grinch stole Christmas, vorgelesen von Walter Matthau.

Ein neuer Privatdetektiv
Cormoran Strike, der in heutigen London unterwegs ist,  ermittelt in seinem mittlerweile vierten Fall “Lethal White”, “Weißer Tod“.  Wie bei anderen Reihen auch, sollte man aber am Anfang beginnen, in diesem Fall mit “Der Ruf des Kuckucks“. Actionfans werden allerdings nicht auf ihre Kosten kommen, Fans von Donna Leons Commissario Brunetti eher schon.

Worauf ich immer hinweisen muss:
James Rhodes’ jüngstes Buch Fire on all sides, zu dem der britische Pianist auch eine Spotify-Playlist angelegt hat und in dem er beschreibt, welch Anstrengung es ihm unter anderem immer noch kostet, auf die Bühne zu gehen und das zu tun, was er am liebsten tut: Klavierspielen. Wer Lust hat, James live in Deutschland zu erleben, hat 2019 mehrfach die Chance.

Ralf Nestmeyer: Die Toten vom Mont Ventoux

Um es gleich zu schreiben: Ich bin weder Sportfan noch frankophil, und wenn ich Krimis lese, dann eher italienische, britische oder schwedische. Deshalb habe ich “Die Toten vom Mont Ventoux” durchaus skeptisch zur Hand genommen, aber ich war neugierig, was Ralf Nestmeyer, dessen Reiseführer ich  schätze, geschrieben hat. Und ich wurde angenehm überrascht.

Angenehm überrascht, weil der Roman mehr ist als ein reiner Krimi. Freilich gibt es die – man möchte schreiben – obligatorischen Toten und natürlich werden die Morde aufgeklärt. Doch der Leser erfährt auch eine ganze Reihe über den Radsport, vor allem natürlich die Tour de France und über die idyllische Provence, in der Capitaine Olivier Malbec seit einiger Zeit lebt.

“Seit er nach Calmont-les-Fontaines gezogen war, liebte Malbec diesen Bummel über den Wochenmarkt. (…) Am Käsestand hatte man die Wahl zwischen zahlreichen Sorten Ziegen- und Schafskäse. Nur hier bekam er einen Brousse du Rove (…), der nach dem Ort Le Rove in den westlich von Marseille gelegenen L’Éstaque-Bergen benannt war.”

Überhaupt ist Malbec einer jener Kommissare, die eigene Persönlichkeiten mit einem Privatleben sind, Probleme haben und von denen man wissen möchte, wie es nach der Aufklärung des Mordfalls und dem Ende des Buchs weitergeht. Vielleicht wird Malbec ähnlich wie Donna Leons  Guido Brunetti, Robert Galbraiths Cormoran Strike  oder Henning Mankells Kurt Wallander Kult werden. Es wäre ihm und den Lesern zu wünschen.

 

Ralf Nestmeyer: Die Toten vom Mont Ventoux, Emons, 11,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Empfehlenswert ist auch Ralf Nestmeyers London-Reiseführer, der im Michael-Müller-Verlag erschienen ist und den man über diesen Partnerlink bestellen kann.

Bücher meines Jahres 2017

Am Anfang eines neues Jahres ist es Brauch zurückzublicken – auch auf die Liste gelesener Bücher.
Meine Bilanz sagt mir, dass ich im Vergleich zum Vorjahr  ein Buch weniger gelesen habe. Ich tröste mich damit, dass ich 2017 ein paar dicke Wälzer gelesen habe. Und außerdem warten, während ich diese Zeilen schreibe, drei Bücher darauf, dass ich sie aufschlage und weiterlese. (Was die immerwährende Frage aufwirft, was die Figuren in den Romanen so treiben, wenn das Buch nicht gelesen wird.)

Meine Bilanz:
Gesamt: 38
Englisch: 14
Deutsch: 24
E-Bücher: 4 (nur eines auf dem Kindle gelesen, nur eines auf Englisch)

Am besten gefallen haben mir diese Bücher – wie immer rein persönlich und ohne Anspruch darauf, die Welt der Feuilletonisten zu erschüttern (naja, vielleicht ein kleines bisschen).

Meine Entdeckung:
Matt Haig: sein Kinderbuch “Das Mädchen, das Weihnachten rettete” ist eine wunderbare Weihnachtsgeschichte. Das Buch selbst ist liebevoll ausgestattet und ein echter Hingucker.
“How To Stop Time” ist ein Tipp für alle, die etwas für Mystery, Zeitreisen und eine Liebesgeschichte übrig haben. Wer das Buch nicht auf Englisch lesen kann oder mag, kann sich vormerken, dass im Frühjahr die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Wie man die Zeit anhält” im dtv  erscheinen wird.
In “Reasons to stay alive”(Deutsch: “Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben”, dtv) beschreibt Matt Haig erschütternd offen und berührend wie es ist, mit einer Depression zu leben und zu überleben. (Es hat mich an Uwe Hauck: “Depression abzugeben” erinnert)
“Ich und die Menschen” ist die witzige und entwaffnende Geschichte eines Außerirdischen, der im Körper eines Mathematikprofessors die Menschen beobachtet – und eines dieser Bücher, das man am liebsten auf einmal lesen möchte.

Alte Freunde:
Ian McEwan: The Child in Time habe ich noch einmal gelesen, um mich auf die BBC-Verfilmung mit Benedict Cumberbatch vorzubereiten. Und die Geschichte um das Verschwinden eines kleinen Mädchens ist auch beim zweiten Mal berührend.
Donna Leon: Stille Wasser:  Das alljährliche Treffen mit dem venezianischen Commissario Guido Brunetti war auch 2017 liebenswert und beste Unterhaltung. Wer noch nie einen Krimi dieser Reihe gelesen hat, sollte am besten mit dem ersten Band “Venezianisches Finale” einsteigen.
Sherlock  – The Essential Arthur Conan Doyle Adventures – zusammengestellt von den Sherlock-Erfindern Mark Gatiss und Steven Moffat ist nicht nur für Fans der britischen Fernsehserie interessant. Wer noch nie eine Originalgeschichten gelesen hat, aber wissen will, was hinter der Serie steckt, findet dank der Vorworte einen guten Einstieg.

Für London-Fans:
Peter Ackroyd: London – The Concise Biography (deutsch: “London – Die Biographie”, erschienen im Albert-Knaus-Verlag) ist eine historische Fundgrube, die so gut wie alles behandelt, was in dieser faszinierenden Stadt passiert ist.
Anette Dittert: London Calling: Eine Liebeserklärung an die britische Hauptstadt, die hoffentlich auch nach dem Brexit gleichermaßen faszinierend, verrückt und liebenswert bleibt.
Und wer einen Reiseführer sucht, der sollte zum “MM-City London” gut greifen. Mein Blogbeitrag enthält auch einen Partnerlink zur Bestellseite des Verlags, die auch hier zu finden ist.

 

Bücher meines Jahres

Zum dritten Mal ziehe ich Buch-Bilanz (zum ersten Mal auf meiner eigenen Url) und wie auch schon in den Jahren 2013 und 2014 ist das Ganze wieder zutiefst subjektiv und bar jeglichen feuilletonistischen Anspruchs.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr habe ich heuer vier Bücher weniger gelesen, was vielleicht daran liegt, dass ich William Shakespeare’s Hamlet mindestens zweimal ganz und ein paar Stellen mehrfach nachgelesen habe – auf Deutsch und auf Englisch – als Vorbereitung auf den Besuch des Stücks im Londoner Barbican mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle.

Meine Bilanz sieht demnach so aus:

Gesamt: 34
Deutsch: 17
Englisch: 17
Kindle/Tablet: 3. (Mit Tablet meine ich, dass ich die Bücher bei Google gekauft und in der App auf meinem N7 gelesen habe – einfach deshalb, weil eines der Bücher dort früher erhältlich war und weil ich die App sehr schön gemacht finde. Mein Kindle ist ein mittlerweile vier Jahre alter Kindle Keyboard.)

Von den gelesenen empfehle ich diese Bücher:

Ian McEwan
Black Dogs, Atonement, Inbetween the Sheets, On Chesil Beach: IanMcEwan ist einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller, der es schafft, selbst banalste Geschichten spannend und mit völlig überraschenden Wendungen zu erzählen. Auf Deutsch sind seine Werke mit durchwegs sehr guten Übersetzungen bei Diogenes erschienen.

Lukas Hartmann
Auch von Lukas Hartmann habe ich schon einiges gelesen und mag seinen Stil. Heuer waren es “Abschied von Sansibar” (das ich schon mal gelesen habe, aber das Buch nicht mehr finden konnte) und sein neuestes Buch “Auf beiden Seiten”. Eine Geschichte aus der Zeit kurz vor und nach dem Mauerfall. Hartmanns Bücher sind ebenfalls bei Diogenes erschienen, darunter auch Kinder- und Jugendbücher. Eines davon, “AnnA”, hat mir besonders gut gefallen.

Donna Leon
Ich bin bekennender Guido-Brunetti-Fan, daher habe ich alle Fälle des Commissario gelesen. Diese Jahr gab es mit “Tod zwischen den Zeilen” und “Endlich mein” gleich zwei neue Bücher, die wie alle anderen ebenfalls bei Diogenes erschienen sind.

Alan Rusbridger
Der Ex-Chefredakteur des “Guardian” beschreibt in “Play it Again– an amateur against the impossible”  (Deutsch: Play it Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten”, Secession-Verlag) wie er versucht, trotz seiner stressigen Arbeit Zeit fürs Klavierspielen zu finden. Ein sehr privates Buch, das daran erinnert, dass man Zeit für etwas finden kann, wenn man nur will.

James Rhodes
Wer mit klassischer Musik nichts anfangen kann, sollte dem britischen Pianisten James Rhodes eine Chance geben und einer Auswahl seiner Stücke auf Soundcloud anhören. Und sein biografischen Buch “Instrumental: Violence, music and love” lesen – oder zumindest die deutschsprachige Ausgabe “Der Klang der Wut – Wie die Musik mich am leben hielt” (Nagel&Kimche), die im Februar 2016 erscheinen wird, auf seine Leseliste setzen. In dem Buch, das in Großbritannien erst nach einem Gerichtsverfahren erscheinen durfte, schreibt James  über seine Kindheit, in der er über Jahre vergewaltigt wurde, seine Zeit in der Psychiatrie und darüber, das Musik, klassische Musik, sein Leben gerettet hat. Es ist zutiefst erschütternd, gleichzeitig aber auch witzig und sehr direkt geschrieben. Wer James auf Twitter folgt, wird den Stil wiedererkennen.

Sherlock-Holmes-Pastiches
Anthony Horowitz’ “Moriarty” (deutsch: “Der Fall Moriarty”) ist ganz im Stile Arthur Conan Doyles geschrieben. Allerdings hat mir “Das Geheimnis des weißen Bandes” (Beide Insel) besser gefallen.
Nur etwas für echte Sherlock-Holmes-Fans ist “Sherlockian” von Graham Moore.  Der Autor, der das Drehbuch zu “The Imitation Game” geschrieben hat, taucht hier sehr tief in die Welt des großen Detektivs ein. Eine deutsche Ausgabe habe ich bisher nicht gefunden.

Neuentdeckt
Angharad Price: “Das Leben der Rebecca Jones” ist ursprünglich auf Walisisch erschienen und wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Ein Glück, denn die Geschichte ist wunderbar erzählt und hat ein völlig überraschendes Ende.
Anthony Doerr: “Alles Licht, das wir nicht sehen” ist eine meisterhaft erzählte Geschichte, die man nicht weglegen möchte und die einem noch lange im Gedächtnis bleibt.
Donna Tartt: “The Secret History” (Deutsch: Die geheime Geschichte, Goldmann) spielt an einem  College in Neuengland, an dem es scheinbar nur um alte Sprachen und Literatur geht. Netter Nebeneffekt: Die Hauptfigur erinnert an Sherlock Holmes.

Zum Immer-Wieder-in-die-Hand-nehmen:
Shaun Usher: Letters of Note II – eine Sammlung von Briefen, die ganz unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben haben und die zum Teil als Faksimile abgedruckt sind. Der erste Teil “Letters of Note – Bücher, die die Welt bedeuten” ist auch auf Deutsch erschienen. Mehr über die unterschiedlichen Ausgaben des Buchs und über das Projekt “Unbound”, auf dessen Seite man Bücher crowdfunden kann, gibt es hier (auf Englisch).

Lesetipps für den Sommer

Sommerferien und Jahresurlaub sind nicht mehr weit – Zeit, sich mit Büchern für die freien Tage einzudecken. Wie wäre es hiermit?

Seit ich den britischen Schriftsteller Ian McEwan für mich entdeckt habe, bin ich von seinem Können begeistert. Genauso angenehm ist es, die wirklich guten Übersetzungen seiner Werke bei Diogenes zu lesen. “Der Trost von Fremden” (“Comfort of Strangers”) und das neueste Buch  “Kindeswohl” habe ich erst kürzlich gelesen und zur englischen Ausgabe “Children’s Act” hier geschrieben. Die deutsche Fassungen sind bei Diogenes erschienen und kosten 9,99 Euro, bzw. 21,99 Euro.

Zum Augenausheulen ist John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter (The Fault in our stars), dtv, 9,95 Euro, die Vorlage für den gleichnamigen Film.

Angharad Price nimmt den Leser in “Das Leben der Rebecca Jones” (dtv, 18,90 Euro) mit in eine kleines Tal in Wales zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts und lässt uns teilhaben am bäuerlichen Leben einer Familie, das in seiner Alltäglichkeit umso faszinierender ist. Die deutsche Übersetzung hat die englische Version als Grundlage, die wiederum von der Autorin selbst aus dem Walisischen übersetzt wurde.

Dass mir der Name John Williams nicht geläufig war, habe ich erst gemerkt, als ich in ihm den Autoren von “Stoner” erkannt habe. Dann allerdings war klar, dass ich “Butcher’s Crossing”  (dtv, 21,90 Euro) lesen musste, auch wenn es eines dieser Bücher ist, auf das man sich einlassen muss. Tut man es, bekommt man ein wunderbares Leseerlebnis.

Wie immer ist Sommerzeit auch Zeit für einen neuen Brunetti. Heuer heißt er  “Tod zwischen den Zeilen” Diogenes, 23,90 Euro und ist meiner Ansicht nach einer der besten, die Donna Leon in dieser Reihe geschrieben hat.
Noch nicht auf Deutsch erhältlich ist die wunderbare Briefesammlung, die Simon Garfield mit “My dear Bessie” vorgelegt hat (Canongate Books, ca 10,95 Euro). Die Briefe erzählen die wahre Geschichte von Chris Barker and Bessie Moore, die sich während des Zweiten Weltkriegs lieben lernten, obwohl sie sich zunächst nur aus Briefen näher kannten.

Ebenfalls nur im englischen Original erhältlich ist James Rhodes: Instrumental (Canongate, ca 18 Euro/17 £). Der britische Pianist erzählt, wie er als Kind mehrfach vergewaltigt wurde, was das für sein weiteres Leben bedeutet und wie ihm Musik dabei geholfen hat, diese schrecklichen Erlebnisse zu überwinden. Trotz der erschütternden Bekenntnisse ist “Instrumental” witzig und lesenswert.

 

Tipp: Wer englischsprachige Bücher online bestellen will und eine Alternative zu Amazon sucht, sollte es mit Book Depository versuchen.

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