Schlagwort: Anthony Doerr

Bücher für Weihnachten 2018

Bücher als Geschenke – was für den einen einfallslos sein mag, ist für den  Buchleser der Beweis dafür, dass er sich mit den Vorlieben des zu Beschenkenden auseinandergesetzt hat und aus der schier unerschöpflichen Auswahl an lieferbaren Büchern ein ganz bestimmtes ausgesucht hat. Und wer kurz vor knapp noch ein Geschenk braucht, kann sich damit entschuldigen, dass das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen ist und er daher einen Gutschein überreichen muss.

Meine Empfehlungen aus Büchern, die ich heuer gelesen habe (und bei deren Auswahl ich gemerkt habe, wie unterschiedlich sie sind). Die jeweiligen Links führen zu ausführlicheren Blogbeiträgen:

Film-Entdeckung:
Mary Ann Shaffer: Deine Juliet (btb, 9,99 Euro): Als der Film in die Kinos kam, wusste ich nicht, dass er auf einem Buch basiert. “Deine Juliet” erzählt die überraschende Begegnung zwischen der Londoner Schriftstellerin Juliet und dem Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Bücher mit Tiefgang:
Wendy Mitchell: Somebody I used to know (Bloomsbury, ca. 12 Euro; erscheint unter dem Titel “Der Mensch, der ich einst war: Mein Leben mit Alzheimer”, im Juni 2019 auf Deutsch bei  Rowohlt, 12 Euro): Der deutsche Titel nimmt vorweg, um was es in dem Buch geht: Alzheimer – und wie die Autorin Wendy Mitchell damit umgeht und versucht ihr Leben neu darauf auszurichten. Das ist weniger sentimental als gedacht, aber dennoch sehr berührend.

Anthony Doerr: Memory Wall (btb,8 Euro): Unsere Welt, unser Leben besteht aus Erinnerungen, so wie das Leben von Alma Konachenk, die das Gedächtnis verliert und in deren Erinnerungen irgendwo der Hinweis auf ein Fossil versteckt ist.

James Rhodes: Fire on all sides (keine deutsche Übersetzung bisher, Quercus, ab ca. 8 Euro). Der britische Pianist James Rhodes wurde als Kind mehrfach vergewaltigt. Dieses Trauma hat er keineswegs überwunden, wie er erschütternd offen, aber auch gleichzeitig witzig, frech und direkt in “Fire on all sides” schreibt. Unter dem gleichnamigen Titel ist auch ein Album erschienen, das das Buch sozusagen begleitet.

Lieblingsschriftsteller:
Ian McEwan: Der Tagträumer (Diogenes, 10 Euro/The Daydreamer, Vintage, ca. 10 Euro): Die Kurzgeschichten im dünnen Band “Der Tagträumer” (Link führt zu meinem englischsprachigen Beitrag) haben alle die gleiche Hauptfigur: Den Jungen Peter Fortune, der nichts lieber macht als sich in den Körper von anderen Lebewesen zu träumen.

Matt Haig: Wie man die Zeit anhält (dtv, 20 Euro; How to stop time, Canongate, ca. 8 Euro): Der Roman erzählt die Geschichte von Tom Hazard, der zwar 439 Jahre alt ist – der aber äußerlich nicht altert. Das ist für Albas wie ihm ein Problem, denn natürlich merken die Menschen in seiner Umgebung, dass er anders ist.

Robert Galbraith: Weißer Tod (Blanvalet, 24 Euro, erscheint am 27. Dezember/Lethal White, ab 12 Euro): Der mittlerweile vierte Fall für den Privatdetektiv Cormoran Strike ist genauso spannend und gut geschrieben wie die vorherigen. Kennt der Beschenkte die noch nicht, mag aber Krimis, die zudem noch in London spielen, sollte man zum ersten Band  “Der Ruf des Kuckucks” (Blanvalet 10,99 Euro) greifen.

Bernhard Schlink: Olga (Diogenes, 24 Euro): Olga ist nach den Maßstäben am Ende des 19. Jahrhunderts zwar nur eine Frau. Aber sie weiß genau, was sie will. Selbstständig sein, eine Familie gründen – scheinbar unerreichbare Wünsche für eine Frau in Deutschland, in der immer radikalere Ansichten, die Politik bestimmen werden.

 

 

 

 

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, deutsche Besatzung – die Themen, die  eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte beschreiben, sind vorhersehbar. Dennoch gibt es immer wieder Bücher, die überraschen, wenn sie sich genau mit diesen Themen beschäftigen. Überraschen, weil sie scheinbar Bekanntes aus einem anderen Blickwinkel angehen und weil sie so meisterhaft erzählt sind, dass man sie nicht weglegen kann und einem die Geschichte auch nach ihrem Ende noch lange in Erinnerung bleibt.

“Sie hört die Bomber, als sie bis auf fünf Kilometer herangekommen sind. Ein lauter werdendes Summen.
Das Rauschen in einer Muschel.”

“Alles Licht, das wir nicht sehen” von Anthony Doerr ist zweifellos ein solches Werk, ein Werk, das mit banalen Sätzen beginnt, die aber gleichzeitig so einzigartig sind, dass sie wie aus dem Nichts wunderbare Bilder schaffen und den Leser gleichzeitig auf der Stelle hineinziehen in die Geschichte, die aus zwei Haupt-Handlungssträngen besteht. Da ist zum einen das blinde 16-jährige Mädchen Marie-Laure LeBlanc, das mit ihrem Vater vor den Deutschen aus Paris nach Saint Malo flieht. Zum anderen gibt es den Waisenjungen Werner Hausner, der zwar recht schwächlich ist, aber wegen seiner technischen Begabung zu einer Spezialeinheit der Wehrmacht kommt, die damit beschäftigt ist, feindliche Sender, hinter denen Widerstandskämpfer vermutet werden, aufzuspüren.

“Er zieht die Kellertür auf und hält einen Moment lang inne, sein Blick verschwimmt. ‘Ist es so weit?’, fragt er. ‘Kommen sie wirklich?’
Aber wer soll ihm darauf antworten?”

Wie die  Schicksale der Hauptfiguren miteinander verknüpft werden und wie sich deren Leben vor dem Ende des Krieges und in der Zeit unmittelbar danach entwickeln, ist spannend, anrührend und niemals kitschig sentimental. Der amerikanische Autor Anthony Doerr ist für mich meine Entdeckung des Jahres.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Anthony Doerr, Alles Licht, das wir nicht sehen, C.H.Beck, 19,95 Euro

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