Schlagwort: Graham Swift

Graham Swift: Wir sind da

Um ihn vor den Bombenangriffen der Deutschen zu schützen, wird Ronnie von seinen Eltern von London nach Evergrene in Oxfordshire geschickt. Das Ehepaar Penelope und Eric Lawrence nimmt ihn auf, weil sie glauben, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu müssen. Doch aus der vermeintlichen Pflicht entsteht eine gegenseitige Dankbarkeit. Ronnie entdeckt gleichsam eine Welt außerhalb Londons, in der es ein großes Haus,  einen Garten und ein Auto gibt. Prägend für sein weitere Leben wird aber die Zauberkunst von Eric Lawrence sein, der ihm seine Zauberausrüstung vermacht und ihm so hilft, seinem Traum ein Zauberer zu werden, wahr zu machen. Zusammen mit Evie und seinem Freund Jack treten sie im Seebad Brighton in den 1950er Jahren auf. Doch das Glück endet abrupt als aus Freunden Rivalen werden – und Ronnie plötzlich verschwindet.

“Er war wie ein Geschenk, das sie freudig entgegennahmen.”

Graham Swift schreibt auch in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman “Da sind wir” über die Irrungen und Wirrungen im Leben ganz normaler Menschen, darüber wie Beziehungen entstehen, wie sie enden und welche Auswirkungen das auf die Beteiligten hat. Gleichzeitig entwirft Swift das Bild einer Zeit, die nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs den Aufbruch in eine bessere Zeit versprach, in der Varietés und Seebäder ihre ganz eigene, glitzernde Anziehungskraft entfalteten.  Eine Anziehungskraft, der sich der Leser des Romans nicht entziehen kann – dank des großen Erzählers Graham Swift.

Graham Swift: Wir sind da, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Graham Swift: Ein Festtag

Jane Fairchild ist Waise und kam mit 14 Jahren als Dienstmädchen in ihren ersten Haushalt. 1917 wechselten sie zu dem Ehepaar Niven, die  im Ersten Weltkrieg zwei Söhne verloren haben. Zwar wollten sie ein junges Dienstmädchen, weil sie sich in den schwierigen Jahren nur eine billige Kraft leisten konnten, als sie aber entdecken, dass Jane besser lesen und schreiben kann als die meisten ihres Standes, nehmen sie sich ihrer Bediensteten mehr an als üblich. Gerührt von der Wissbegierde des Dienstmädchens erlaubt ihr Mr Niven, sich Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Und er wundert sich, dass Jane an manchen Tagen einfach verschwunden ist oder sie länger als gedacht braucht, um Besorgungen zu machen. Denn Jane hat ein Verhältnis mit Paul Sheringham. Dass seine standesgemäße Heirat stattfinden wird, steht für Jane nie in Frage. Und so genießt sie das Privileg, sich an diesem “Festtag”, dem Muttertag (der dem Buch im Original seinen Namen gibt) nackt durch das große Haus zu gehen. Dass sich ihr Leben verändern wird, weiß Jane, aber nicht auf welche Weise.

Untergegangene Welt

Graham Swift entführt den Leser in eine Welt, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs unterging. Die Welt einer Gesellschaftsordnung, in der jeder wusste, welchen Platz er innerhalb seines Standes innehatte, eine Welt, die in dieser Geschichte mindestens genauso  britisch ist wie die Fernsehserie “Downtown Abbey” des Senders ITV. Ein Vergleich, der sich mir auch deshalb aufgedrängt hat, als ich die ersten Seiten gelesen habe, weil die Figuren so lebendig und perfekt in ihre detailreich geschilderte Umgebung passen, dass man sich fühlt, als komme man als Leser gerade dazu. Wie schon der Band  “England und andere Stories” , der in gleicher hochwertiger Ausstattung und sorgfältiger Übersetzung vorliegt hat auch “Ein Festtag” nur den Makel, den nämlich, dass die Geschichte viel zu kurz ist.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Graham Swift: Ein Festtag, dtv, 18 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt

Graham Swift: England und andere Stories

Bei manchen Büchern fragt man sich, weshalb man von ihren Autoren noch nichts gehört, geschweige denn etwas gelesen hat. Der Sammelband “England und andere Stories”, der jetzt im dtv auf Deutsch vorliegt,  ist so ein Buch, denn der englische Autor Graham Swift schafft es auf wenigen Seiten eine ganze Welt zu entfalten. Eine Welt, die zwar eine englische, aber dennoch eine universale ist.

“Jetzt waren sie verheiratet, und man hatte ihnen gesagt,
sie sollten ihr Testament machen.”

Eine Welt, die unser Alltag ist und deshalb gleichzeitig in dieser ganz eigenen Vertrautheit so faszinierend daherkommt, ohne banal und langweilig zu sein. Freilich kann das nur ein Schriftsteller leisten, der  alltägliche, kurze Szenen als Ausgangspunkt eines menschlichen Schicksals nimmt: Da ist der Mann von der Küstenwache, der auf dem Weg zur Arbeit an einem Pannen-Auto vorbeikommt und dessen Fahrer mit unterschiedlichen Stimmen zu sprechen scheint. Oder die beiden Frauen Holly und Polly, die sich bei der Arbeit als Embryologinnen kennen- und lieben lernen. Sie sind beide ausgebildet für eine Arbeit, “von der manche sagen, man spiele Gott”.

“Wir sind nicht Gott. Es ist auch kein Spiel.
Obwohl wir manchmal lachen müssen.”

Jede Geschichte hat ihre eigenen Charaktere, die sich in ihrer eigenen kleinen Welt bewegen. Klein deswegen, weil es “nur” 25 Erzählungen sind, die in dem Band versammelt sind und man von so mancher Geschichte gerne mehr gelesen hätte. Das ist aber auch der einzige Mangel, denn Graham Swift ist ein meisterhafter Erzähler (ebenso meisterhaft übersetzt von Susanne Höbel), dessen Stil an den von Ian McEwan erinnert.

 

Graham Swift: England und andere Stories, dtv, 21,90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv zur Verfügung gestellt.)

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

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