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Schlagwort: Erster Weltkrieg

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre 1918-1938

Die Zwischenkriegsjahre scheinen im Rückblick auf als eine Zeit, in der alles möglich schien.  Nach den verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, der Werte und Gesellschaften mit einem Schlag nicht nur in Frage stellte, sondern zerstörte und ehemalige Soldaten zu traumatisierten Männern machte, schien es so, als würde es allmählich aufwärts gehen. Als würde die Entwurzelung, die Entfremdung der Menschen, hervorgerufen durch neue Entwicklungen wie technische Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, das Wachsen der Städte (mit der Metropole Berlin als Musterbeispiel) allmählich einer neuen Zuversicht Platz machen. Doch während die einen in den  Clubs der Großstädte hemmungslos feierten, versuchten vor allem die Armen einfach nur zu überleben.

In “Die zerrissenen Jahre” zeichnet Philipp Blom ein vielfältiges Bild der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, das sich nicht auf Europa beschränkt. Anhand von Einzelschicksalen macht er die globalen Entwicklungen und ihre Auswirkungen greifbar. So verdeutlicht der englische Dichter Wilfred Owen, der als Soldat an der Westfront zum Shell-Shock-Opfer, zum Kriegszitterer, geworden war, das Schicksal seiner Generation, die bald als die “verlorene” bezeichnet wird. Blom sieht zwischen den verstümmelten Körpern der Kriegsveteranen und den heroisch überstilisierten Athleten der Olympischen Spiele von 1936 einen direkten Zusammenhang: Das Nazi-Regime feierte den Übermenschen, der “seine eigene Zeit und seine körperlichen Begrenzungen überwinden kann, um der Technologie und den zerstörerischen Mächten der Geschichte die Stirn zu bieten.”

“‘No Future’ begann in den Schützengräben.”

Der überwundene Krieg hinterließ eine Leere, die von politischen Ideologien mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen gefüllt wurden und Hoffnung auf eine bessere Zukunft versprachen.  Hoffnung und Zukunftsperspektive, an der die Feiernden in den Berliner Clubs der Goldenen Zwanziger Jahre nicht interessiert waren, solange die Gegenwart ausreichend Vergnügungen bereithielt.

Wie schon in “Der taumelnde Kontinent” schafft es der Historiker Philipp Blom, Geschichte greif- und lesbar zu machen. Sein Streifzug durch die Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1938 ist fundiert, faktensatt, niemals langweilig und daher unbedingt empfehlenswert.

 

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre, 1919 bis 1938, dtv, 12,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent

Sachbücher können zwar Wissen vermitteln, aber auch staubtrocken und schwer lesbar sein. Es sei denn, man hat einen Autor, der nicht nur über ein reiches Fachwissen verfügt, sondern das auch noch unterhaltsam vermitteln kann. So unterhaltsam, dass man sich dazu zwingen muss, mit dem Lesen aufzuhören, weil es auch eine Welt jenseits des Buches gibt, die um Aufmerksamkeit buhlt. “Der taumelnde Kontinent” ist mehr als ein Überblick über die Jahre 1900 bis 1914. Es ist ein Einblick in eine Zeit, die mit ihrer rasanten Entwicklung ihren umwälzenden Veränderungen gleichzeitig so fern und doch so nah ist.

Anhand von  Beispielen zeigt Philipp Blom, dass wichtige geistige, emotionale und wissenschaftliche Veränderungen genau in diesem Zeitraum stattfanden. Da wäre die Frauenfrage, die die britischen Suffragetten  gleichsam ins Licht der Öffentlichkeit zerrten und diese zwang, sich mit Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Hälfte der Gesellschaft auseinanderzusetzen, die von der anderen, männlichen Hälfte ignoriert oder mit einem Achselzucken abgetan wurde. Dass  die größte Demonstration der Suffragetten in Londons Hyde Park mit einer halben Million Teilnehmern wahrgenommen wurde, war unter anderem auch den Zeitungen zu verdanken, die, immer hungrig nach Informationen, ihre Auflagen steigerten und ihre Leser möglichst schnell mit Informationen versorgten.

“Salutiere allem, was sich bewegt, und male alles andere an.”

Informationen, zu denen auch kulturelle Entwicklungen in der Malerei oder dem neuen Kino, das zum ersten Mal Stars wie Sarah Bernhardt hervorbrachte, die bewundert wurden und von denen das Publikum möglichst viel wissen wollte – der Beginn der Fankultur.  Aber auch außerhalb der Unterhaltung ließ das Medium Film die Welt etwas kleiner werden, wenn ganz alltägliche Szenen gezeigt wurden oder das Publikum militärische Paraden sehen konnte. Gerade in Deutschland, wo die Marine mit ungeheuerer Energie und entsprechenden Geldsummen aufgerüstet wurde und sich Männer scheinbar nur in Uniformen wohlfühlten, waren die sogenannten preußischen Tugenden allgegenwärtig. Sie versinnbildlichten auch die deutsche Obrigkeitshörigkeit und ein blindes Vertrauen in den Staat, eine Einstellung, die den Briten zutiefst verdächtig erschien und die statt auf bürokratische Prozeduren Wert legten auf geniale Exzentriker und Amateure. Während sich die Deutschen mit Karl May in die Weiten des Wilden Westens oder in die Hitze des Orients begaben (und sich vom Drill erholten), ließ der Schotte Arthur Conan Doyle seinen Meisterdetektiv Sherlock Holmes Kriminalfälle lösen und schenkte der Welt die wohl berühmteste Gestalt dieses Genres.

Man könnte noch viel mehr Interessantes, Unbekanntes und Vergessenes anführen, dass Philipp Blom hier präsentiert. Denn natürlich vergisst er weder die Pariser Weltausstellung von 1900 im Besonderen noch die Entwicklungen in Frankreich bis 1914 im Allgemeinen. Doch das würde die Vorfreude auf das lesenswerte mit zahlreichen Fußnoten und Literaturhinweisen versehene Buch mindern.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent – Europa 1900-1914, dtv, 14,90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.)

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