Schlagwort: Kino

Geheimnis eines Lebens

So ganz hat sie scheinbar nicht verstanden, weshalb sie verhaftet wird. Die über 80 Jahre alte Joan Stanley (Judi Dench) wird in ihrem Haus in einem Londoner Vorort verhaftet und intensiv verhört. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit erfährt der Zuschauer nach und nach, dass die junge Joan (Sophie Cookson) 1938 in ihrer Zeit als Physik-Studentin in Cambridge Freundschaften und Beziehungen zu russischen Kommilitonen unterhielt. Die biedere Joan lernt die aus Russland stammende Studentin Sonya (Tereza Sbrová) kennen und ist fasziniert von deren offensichtlicher Weltläufigkeit, probiert buchstäblich deren rote (!) Stöckelschuhe an und posiert in einem Pelzmantel vor ihrem großen, goldenen Spiegel. Und sie verliebt sich unsterblich in deren gutaussehenden Cousin Leo (Tom Hughes, der in „Victoria“ Prinz Albert spielt), mit dem sie über Jahre hinweg eine „on/off-Beziehung“ führt und der sie als Spionin für die Sowjetunion gewinnen will. Als Assistentin von Max Davis (Stephen Campbell Moore, jüngst in „A Child in Time“ zu sehen) hat Joan während des Zweiten Weltkriegs Zugang zu einem Projekt, mit dem Großbritannien eine eigene Atombombe entwickeln will. Als sie erfährt, welche furchtbaren Auswirkungen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten, kann sie nicht mehr länger untätig zuschauen, wie sich die Menschheit selber vernichtet. Joan beschließt, wichtige Unterlagen an die Sowjetunion zu verraten.

„Geheimnis eines Lebens“ wechselt immer wieder zwischen der Gegenwart des Jahres 2000, in der die alte Joan verhört wird, und der Zeit kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs. Während sich die alte Joan an damals erinnert, schafft es eine überragende Judi Dench mit nur wenigen Worte und Gesten, ihre Verwunderung über die MI5-Verhörer auszudrücken, die offenbar keine Ahnung vom damaligen Leben haben, das sie gleichsam mit einem Seufzer wieder belebt.

Am besten in eine „Frauenladen” gehen

Diese Rückblenden, in denen Sophie Cookson als junge Joan brilliert, sind in der besten Tradition eines Period-Dramas inszeniert, in der von der zeitgenössischen Kleidung bis hin zur Teetasse alles mit viel Liebe zum Detail ausgesucht und in Szene gesetzt wurde. Darüber hinaus zeigt es aber auch, in welchen Umständen Frauen damals gearbeitet haben, dass sie nicht als ebenbürtige Kolleginnen wahrgenommen wurden, sondern bestenfalls Tee servieren oder als Sekretärinnen adrett auf dem Besucherstuhl Notizen machen durften. „Wir sind Frauen, niemand traut uns das zu“, bringt Sonya das Ganze treffend auf den Punkt und gibt Joan dann auch noch den Tipp am besten in einen „Frauenladen“ zu gehen, wenn sie einen Verfolger abschütteln will. Witzig und bezeichnend zugleich ist dann auch die Reaktion eines Polizisten, der Joans Handtasche durchsucht, eine Packung mit Damenbinden wie elektrisiert wegsteckt und die Tasche wieder zurückgibt, ohne die in der Packung versteckte Minikamera gefunden zu haben. Gleichberechtigung ist ein Thema, das unwillkürlich an den Film „Hidden Figures“ erinnert, der die unbekannten Frauen der Nasa in den USA der 1950er und 1960er Jahre in den Mittelpunkt stellt – und die beispielsweise um heute so banale Dinge wie eine Damentoilette in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes kämpfen mussten.

„Geheimnis eines Lebens“ ist ein leiser, aber umso eindringlicher Film, von dessen 102 Minuten keine überflüssig ist.
⭐⭐⭐⭐⭐

Traumfabrik

Was ist die Welt des Films doch für eine Welt, und was für ein Gewusel erwartet den Besucher in den Filmstudios der Defa! Die ersten Minuten des Films „Traumfabrik“ (FSK 6, 127min) entfalten eine Vielfalt an Gestalten, Farben und Geräuschen, die den Zuschauer nicht nur wegen der Kamerafahrt überwältigen. Auch Emil (Dennis Mojen), den die Kamera und mit ihr die Zuschauer auf seinem ersten Weg durch das weitläufige Gelände und die Hallen des Filmgeländes in Berlin-Babelsberg begleitet, weiß gar nicht, wo er hinschauen soll, so sehr wimmelt es von römischen Soldaten, Tänzerinnen und exotischen Tieren, die von einem Dreh kommen oder zu ihrer nächsten Szene gehen. Doch dann sieht Emil Milou (Emilia Schüle) und die Welt um ihn herum scheint stillzustehen.

Wie sich herausstellt, ist die junge Frau Französin (oder Deutsche mit französischem Pass?) und Tanzdouble für die renommierte Schauspielerin Beatrice Morée (Ellenie Salvo González). Als der unsterblich verliebte Emil einige Zeit später eine besondere Überraschung für Milou vorbereitet, wird er enttäuscht, denn seine Angebetete erscheint nicht am verabredeten Treffpunkt, denn ihr Taxi wird auf der Glienicker Brücke von Grenzpolizisten mit vorgehaltenen Waffen gestoppt. Es ist der 13. August 1961, der Tag, an dem die DDR die Grenzen zu den westlichen Sektoren Berlins geschlossen hat. Das ist der Grund (den Emil zunächst nicht kennt), weshalb Milou nicht aus ihrem Hotel im Westteil der Stadt (ob die Menschen damals sofort „West-Berlin“ gesagt haben?) zu den Defa-Studios kommen kann und deshalb zunächst wieder zurück nach Paris fliegt. Emil aber will Milou unbedingt wieder nach Berlin locken und verfällt auf die Idee, nicht nur das Drehbuch für einen Film zu schreiben, sondern extra für Milou eine Tanzszene einzubauen und damit ihren Traum zu erfüllen. Zu allem Überfluss kommt dem völlig unerfahrenen Emil auch noch der Zufall zu Hilfe, und er findet sich als Regisseur nebst entsprechendem Büro wieder.

Der Film, der zu viel will

„Traumfabrik“ ist ein Film, der zu viel sein will: Komödie und historischer Film, Liebesfilm mit einem Schuss von Musical und eine Hommage an die große Zeit des Kinos – das Ganze auch noch verpackt in eine Rahmenhandlung, in der der Großvater Emil (Michael Gwisdek) seinem Enkel den eigentlichen Film als die Geschichte seiner Jugend erzählt. Doch der Anspruch ist so groß, dass auch ein überragend agierender, furchteinflößender Heiner Lauterbach als mächtiger Defa-Generaldirektor Beck den Film nicht vor dem Abdriften in den Kitsch bewahren kann. Schade, denn „Traumfabrik“ hätte sich in die jüngsten hervorragenden Produktionen wie den im April angelaufenen Film „Der Fall Collini“ (auch mit Heiner Lauterbach) oder die auf Hape Kerkelings Lebenserinnerungen basierende Tragikomödie „Der Junge muss an die frische Luft“ einreihen können. Das aber schafft „Traumfabrik“ nicht.

⭐⭐⭐

Der verlorene Sohn

Ein Sohn, der erkennt, dass er schwul ist. Ein Vater, der Baptistenprediger und Inhaber eines Autohauses ist. Und eine Mutter, die sich entscheiden muss, ob sie immer nur passiv sein will. Jared (Lucas Hedges) stellt mit seinem Outing nicht nur das zutiefst religiöse Leben seiner Mutter Nancy (Nicole Kidman) und seines Vaters Marshall (Russell Crowe) auf den Kopf, sondern das der ganzen Gemeinde. Zusammen mit deren Predigern fällt die Entscheidung, den 19-jährigen Jared in ein Zentrum zu schicken, in dem Homosexuelle mit der “Reparativtherapie” geheilt werden sollen – basierend auf der Überzeugung, dass sie “so” nicht auf die Welt gekommen sind. Unter dem Druck, seine Familie und seine religiöse Identität zu verlieren, entschließt sich Jared, die brutalen und entwürdigenden Methoden des Therapeuten Victor Sykes (Joel Edgerton) über sich ergehen zu lassen.

“Ich denke an Männer. Ich weiß nicht wieso, und es tut mir auch leid.”

“Der verlorene Sohn” ist alles andere als Popcorn-Kino und streckenweise nur schwer zu ertragen. Das liegt vor allem am  brillanten Lucas Hedges, der wie schon zuvor in “Ben is back” erneut beweist, dass er die schockierenden Erlebnisse, die darin gipfeln, seine Identität auszulöschen (der englische Titel “Boy Erased” weist das viel deutlicher aus als der deutsche) glaubhaft darstellen kann. Flankiert von einer Nicole Kidman, die  streckenweise die Verkörperung amerikanischer Hausfrauen-Klischees ist und Russell Crowe, der bis zuletzt nicht von seiner religiösen Überzeugung abweicht, zieht der Film den Zuschauer in den Bann. Bis zum Ende, das dem Film nicht gerecht wird.

Der Film basiert auf den Erinnerung von Garrard Conley, der seine Erlebnisse unter anderem im Roman “Boy Erased” (auf Deutsch im Secession-Verlag) verarbeitet hat.

★★★★

 

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