Esther wächst in einem Waisenhaus auf und wird mit 13 Jahren von den Winslows als Kindermädchen für deren Tochter Honor adoptiert. Beide wachsen wie Schwestern auf und entwickeln eine enge Beziehung, die so weit geht, dass die erwachsene Esther für Honor ein Kind zur Welt bringt.
„Ich denke, wir haben hier in St. Cloud’s eine junge Frau, die gut für Sie geeignet sein könnte.“
Weil sie schon als Kind mit Antisemitismus konfrontiert wurde, will „Königin Esther“ wie sie sich als Kind selbst bezeichnet und dem Roman seinen etwas irreführenden Namen gibt, ihr Jüdischsein in Israel ausleben. Für den Großteil des Romans wird sie wie eine Art geheimnisvolle Abwesende über dem Leben und der Erzählung schweben. In Israel arbeitet sich offenbar für den israelischen Geheimdienst.
„Wien war für Esther ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg ins Land Israel.“
Der eigentliche Haupterzählstrang beschäftigt sich mit Esthers Sohn Jimmy, der Schriftsteller werden will und nach Wien zieht. Hier begeistert er sich für die europäische Literatur, wo er Charles Dickens – und ältere Frauen – für sich entdeckt. Als bekennender Pazifist, der Gewalt ebenso ablehnt wie seine Heimat Amerika, muss er sich entscheiden, wie er mit seinen jüdischen Wurzeln umgehen will.
„Jimmy Winslow war auf der Suche nach Erfahrung und Zynismus.“
„Königin Esther“ könnte ein großer Roman sein, der sowohl Aktuelles als auch Autobiografisches und diverse Motive vorheriger Erzählungen aufgreift. Doch John Irving schafft es nicht, aus der Fülle seiner Ideen ein Werk zu formen, dass durchgehend interessant ist und auch Leser mitnimmt, die keine bekennenden Fans des amerikanischen Autors sind.
„Esther, wie die Königin. Königin Esther“, antwortete das Mädchen. Seine Aussprache war ungewöhnlich klar, sie klang nicht wie ein Kind.
Wer sich dennoch durch die Seiten kämpft, tut dies, weil es den ein oder anderen literarischen Happen zu finden gilt wie etwa die Zitate aus „Jane Eyre“ oder weil zwischendurch die Erzählkunst aufscheint, mit der Irving berühmt wurde. Für einen wirklich großen – vielleicht Irvings letzten – Roman ist das allerdings zu wenig. Zu schablonenhaft wirken die Figuren, zu wenig ausgearbeitet kommen die Handlungsstränge daher, als dass sie den 550-Seiten-Roman wirklich durchgehend tragen könnten.
Das ist vor allem deswegen schade, weil Irving aktuelle Themen verarbeitet, die es verdient hätten, detaillierter ausgearbeitet zu werden.
Vergleicht man Ian McEwans nicht weniger monumentale Romane „Lektionen“ oder „Was wir wissen können“, die ebenfalls breit angelegt sind, muss frau schreiben: der Brite kann es besser.
John Irving: Königin Esther, Diogenes, 32 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.
