Ulrich Woelk: Hellere Tage

Ruth ist eine Frau Mitte fünfzig, die sich von ihrem Mann Ben getrennt hat. Als angesehene Professorin für Philosophie an der Humboldt-Universität muss sie sich keine Sorgen über ihre finanzielle Situation machen, auch nicht in einer Stadt wie Berlin. Dennoch ist sie wie viele Frauen in diesem Alter an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie realisiert, dass mehr als die Hälfte ihres Lebens hinter ihr liegt. Und dass sie Entscheidungen nicht mehr auf unbestimmte Zeit vertagen kann.

„Die Geschichte mit dem Strommast kriegst du nicht mehr weg.“

Deshalb zieht sie aus der gemeinsamen Wohnung aus und nach Moabit und sortiert ihr Leben neu. Dass sie in ihrer Jugend aus Protest einen Strommast umgesägt hat, deswegen ihre Stelle im Ethikrat verloren und sich mit mehr kritischen Stimmen innerhalb ihres Kollegenkreises als gedacht konfrontiert sah, muss sie erst einmal verarbeiten. Genauso wie die recht schwierige Beziehung zur Tochter ihres Mannes, Jenny. Und als ob das nicht schon genug wäre, kommt nach dem Tod ihres Vaters ein Familiengeheimnis ans Licht, das Ruth erschüttert.

Ulrich Woelk setzt mit „Hellere Tage“ Ruths Geschichte von „Mittsommertage“ fort – und es ist eine brillante Fortsetzung.  Ulrich Woelk gelingt es, die Gefühlslage der Frauen in ihren Fünfzigern zwischen Arbeitsleben, beginnendem Altern und der damit verbundenen Entfremdung von jüngeren Generationen einfühlsam darzustellen. Denn auch wenn es, wie Ruth meint, es in ihrem Fitnessstudio „noch gar nicht so einfach“ ist, sich „äußerlich ganz selbstverständlich zu positionieren“, erkennt sie, dass das für sie durchaus möglich ist. Schließlich muss sie ja nicht unbedingt die quietschfarbene hautenge Sportleggins tragen. Inmitten einer Welt, die sich in Auflösung zu befinden scheint, in der Gewissheiten infrage gestellt oder gleich abgeschafft werden, gleicht die „Generation X“, und mit ihr Ruth, einem Ruhepol.
„Hellere Tage“ ist eines dieser Bücher, an das man gerne denkt und auf eine Fortsetzung hofft. Unbedingt empfehlenswert.

Ulrich Woelk: Hellere Tage, C.H.Beck, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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