Schlagwort: Deutsche Literatur

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Es tut Schriftstellern nicht immer gut, wenn sie zum Schulkanon gehören, ihre Werke also im Unterricht gelesen werden und der Umgang mit ihnen im besten Fall ein kleines Übel im schlimmsten Fall eine Qual ist. Liegt die eigene Schulzeit länger zurück, mag man sich mit einem Seufzer daran erinnern, dass man – wie in diesem Fall – die „Judenbuche“ gelesen und das Exemplar noch irgendwo bei den gelben Reclam-Heften sein müsste. Und fragt sich, ob und wenn ja was man über die Autorin, über Annette von Droste-Hülshoff, gelernt, aber wieder vergessen hat.

“Fräulein Nettes kurzer Sommer” erlaubt einen Blick in die Zeit und die Lebensumstände und deren Konventionen, unter denen Droste-Hülshoff lebte. Konventionen, denen sie sich nicht anpassen wollte und schon alleine dadurch unangenehm auffiel, dass sie eine eigene Meinung hatte und sich nicht mit Handarbeiten begnügte. Als sie in dem mittellosen Studenten Straube einen Seelenverwandten findet und sich in ihn verliebt, glaubt sie ihren zukünftigen Ehemann gefunden zu haben und dennoch – allen gegenteiligen Meinungen zum Trotz – ein konventionelles Leben führen zu können.

Doch eine als angebliche moralische Prüfung getarnte Intrige zerstört nicht nur Annette von Droste-Hülshoffs Ruf, sondern auch den ihrer Familie, die fortan nur noch daran interessiert ist, sie aus der Öffentlichkeit und von ihrer großen Liebe fernzuhalten.

“Eine Überanstrengung des Gehirns ermattet die generativen Organe und zerrüttet ihr harmonisches Zusammenspiel. Ihr Körper ist nicht eingerichtet, um zu denken, sondern um die große Absicht zu erfüllen, welche die Natur ihm auferlegt hat.”

Karen Duve hat sich der historischen Figur Annette von Droste-Hülshoff über ein umfangreiches Quellenstudium genähert und ihre Ergebnisse in einem Roman verarbeitet, der nicht zuletzt auch durch die altertümelnde Sprache dem Thema gerecht werden will. Das gelingt auch insofern als ein Gesellschaftsbild entsteht, in dem Konventionen das Leben vor allem der Frauen bestimmen. Einem Leben, an dem Annette von Droste-Hülshoff stellvertretend für alle unkonventionellen Frauen ihrer Zeit letztlich scheitert.

Was bleibt von diesem Buch in Erinnerung? Ein leichtes Bedauern darüber, dass man gerne mehr über “die Droste” erfahren würde und dass man eigentlich auf etliche der studentischen Szenen hätte verzichten können, hätte man mehr über Nette erfahren. Mehr über ihre Gefühle, mehr darüber, wie sie schrieb. Hat man sich aber erst einmal an die eigentümliche Sprache gewöhnt, bekommt man Einblick in eine längst vergangene Welt mit heute fremd anmutenden Ritualen und Verhaltensvorschriften. Und man möchte mehr erfahren über die Autorin der “Judenbuche”.

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Kiepenheuer&Witsch/Galiani, 25 Euro/E-Book 22,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Kurzgeschichten sind so eine Sache. Sie bringen dem Leser Figuren nahe und nehmen sie dem Leser wieder weg, sobald  der sich an sie gewöhnt hat. Noch dazu wenn die Geschichten außerordentlich gut geschrieben sind. Wie die zehn Geschichten, die in dem Band “Die Wahrheit über das Lügen” versammelt sind und von einem der besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart geschrieben sind: Benedict Wells.

“Schon eigenartig. Immer an Weihnachten war ihm, als würde es in der Bibliothek spuken, als hörte er seltsame Geräusche, die sofort verschwanden, wenn er die Tür aufmachte.”

Die Themen sind dabei so unterschiedlich wie die Figuren und reichen von der persönlichen Vergangenheitsbewältigung, dem Bedauern darüber, sich falsch entschieden zu haben bis hin zu Fantasy und Science-Fiction. Während in “Die Wanderung” Henry wieder einmal aus den Verpflichtungen als Ehemann und Vater fliehen will und deshalb am Geburtstag seines Sohnes zu einer langen Bergwanderung aufbricht, und vermeintlich am späten Abend nach Hause kommt, erzählt Adrian Brooks in “Das Franchise” weshalb er der eigentliche Erfinder der Star-Wars-Saga ist. Sind diese beiden Geschichten noch halbwegs in der Realität angesiedelt, lernt der Leser mit “Die Nacht der Bücher” ein wunderbares Märchen kennen und lieben.

Benedict Wells legt mit “Die Wahrheit über das Lügen” einen Band mit zehn Geschichten vor, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind.  Mag dieser Zeitraum bei manchen Autoren zeigen, wie sich deren Stil geändert und im besten Fall verbessert haben, ist der von Benedict Wells durchgehend genial.  “Die Wahrheit über das Lügen” ist zum Seufzen schön.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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