Der 25. Fall für Guido Brunetti ist vielleicht sein berührendster und gleichzeitig ungewöhnlichster. Das geht schon damit an, dass dieser Roman bereits der zweite in diesem Jahr ist – der Diogenes-Verlag feiert das Jubiläum entsprechend.
Doch die Geschichte selbst ist dieses Mal ungewöhnlich, auch wenn man als Kenner weiß, dass der venezianische Commissario unter den literarischen Kriminalern schon immer eine Sonderstellung eingenommen hat. Was vielleicht an den italienischen Verhältnissen im Allgemeinen und den venezianischen im Besonderen liegen mag.

Und so wird Guido Brunetti von einer Freundin seiner Schwiegermutter um Hilfe in einer privaten Angelegenheit gebeten. Manuela, die Enkelin der Contessa Lando-Continui, hatte vor Jahrzehnten einen Unfall und stürzte in einen der Kanäle Venedigs. Weil sie zu lange unter Wasser blieb, ist Manuela behindert und auf dem geistigen Stand eines Kindes. Die Contessa ist davon überzeugt, dass das kein Unfall war und möchte, dass Brunetti die genauen Umstände herausfindet.

“Eine alte Frau brauchte seine Hilfe, und er (Brunetti) leistete sie ebenso selbstverständlich, wie er sie auffangen würde, sollte sie die Treppe hinunterfallen.”

Brunetti wäre nicht Brunetti, wenn er der Bitte der alten Dame nicht Folge leisten würde und sich mit Hilfe seines Kollegen Vianello und Elettra, der Sekretärin seines Chefs, daran machen würde den alten Fall  wieder zu eröffnen. Elettra mit ihren geheimnisvollen Verbindungen zu  nicht immer legal arbeitenden Freunden ist die, die zwar scheinbar ihren Arbeitsplatz am Computer im Vorzimmer ihres Chefs nie verlässt, aber dennoch von überall her Informationen beschafft, die den beiden Männern weiterhelfen. Und ganz nebenbei wird sie nie müde, sich über die Unfähigkeit ihres Vorgesetzten Patta zu wundern und über bestimmte Verhaltensweisen Brunettis den Kopf zu schütteln. Etwa wenn der gesteht, er habe  keine private E-Mail-Adresse.

“‘Sie haben keine private E-Mail-Adresse?’ echote Signorina Elettra in eine Ton, als habe er gestanden, er könne nicht mit Messer und Gabel umgehen.”

Das macht den Commissario ebenso sympathisch wie seine Familie, die der Leser natürlich auch im 25. Fall wiedersieht und wie seine Unsportlichkeit, die er zusammen mit einem alten Freund (der ihm in seinem Fall wichtige Informatioen gibt) beim Rudern ignoriert und prompt mit Muskelkater bestraft wird.  Seine Schmerzen versucht er solange mit einer heißen Dusche zu lindern, bis sich seine Frau Paola Sorgen macht. Erst später wird ihm bewusst, dass sie für ihn ein Buch von Henry James beiseitegelegt hat, dem Lieblingsautor der Literaturprofessorin.

Es sind genau diese kleinen Episoden, die so typisch sind für einen Commissario-Brunetti-Roman – ganz unabhängig vom Fall, der natürlich auch im neuesten Buch gelöst wird und der mit einer Wendung endet, die zu Tränen rührt.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Donna Leon: Ewige Jugend. Commissario Brunettis 25. Fall, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)