Bewegend, gut geschrieben und immer einzigartig – das waren die Reportagen, die Claas Relotius über Jahre hinweg für den Spiegel schrieb. Egal, wo er auf seinen Reisen Menschen begleitete, ihr Leben, ihr Schicksal auf mehreren Druckseiten ausbreitete, es war immer mit viel Gefühl und so hautnah beschrieben, dass ihn dafür nicht nur seine Chefs liebten und ihn befördern wollten. Auch diverse Jurys diverser Journalistenpreise konnten sich dem meisterhaften Erzähler  nicht entziehen und überhäuften ihn förmlich mit Auszeichnungen. Zu seinem Können kam auch noch eine überaus angenehme Erscheinung, die Claas zu einem Kollegen machte, den man vertraute und mochte. Bis einem Kollegen etwas merkwürdig vorkam.

Juan Moreno beschreibt in “Tausend Zeilen Lügen”, dass das “System Relotius” auch deshalb funktionieren konnte, weil der Starreporter für seine Reportagen immer  im Ausland unterwegs war. Das machte es naturgemäß schwerer, Menschen, Orte oder Gegebenheiten zu überprüfen als dies bei Themen in Deutschland möglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen im Lokaljournalismus, wo Reporter und Leser schon mal beim Einkaufen im Supermarkt aufeinander treffen und man sich unter Umständen für einen Fehler rechtfertigen muss (auch Lob gibt es, um fair zu sein). Im Gegensatz zu Lokalredaktionen verfügt der Spiegel aber über etwas, das ihn von allen Medienhäusern Deutschlands, wenn nicht weltweit unterscheidet: er hat eine Dokumentationsabteilung, die jedes kleinste Detail eines Artikels vor der Drucklegung überprüft, einen Faktencheck macht, den Autor nach Kontakten fragt. Weshalb aber haben die Mitarbeiter dort im Fall Relotius so katastrophal versagt? Weil, so Moreno in seinem mitreißend geschriebenen Buch, Relotius sich über Jahre hinweg ein eigenes System aufgebaut hat. Das zum einem auf seiner anscheinend akribischen Recherchearbeit, seiner überragenden Schreibe und zum anderen in seiner Art lag, mit der er die Menschen in seinem Umfeld für sich gewinnen konnte. Journalisten, die in der Regel alles hinterfragen und es meist nicht bei rhetorischen Fragen belassen, sondern nachbohren.

“Immer und immer wieder stand Relotius kurz davor, als Hochstapler aufzufliegen. Er war Journalist in einem Ressort, im dem lauter Spitzenreporter saßen (…) Relotius war von Berufsskeptikern umgeben. Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt.”

Genau das tut Juan Moreno. Ihm kommen Zweifel. Zweifel daran, dass Class Relotius, mit dem zusammen er eine Reportage geschrieben hat, all das, was er da in so überaus gekonnter Weise aufgeschrieben hat, auch tatsächlich genauso erlebt hat. Dass die Menschen, die er beschreibt, nicht so existieren. Zunächst ahnt Moreno nicht, dass er mehr auf der Spur ist, als nur einigen Recherchefehlern. Und dass er bei seinen Chefs auf Ablehnung stoßen wird.

“Natürlich machen Reporter diese (Arbeit) nicht perfekt, einige nicht mal besonders herausragend (…), aber die allermeisten machen sie ehrlich. So gut es eben geht, so wie andere Menschen in anderen Berufen auch.”

“Tausend Zeilen Lügen” ist ein gleichermaßen mitreißend und spannend geschriebenes Buch, aber auch ein akribisch recherchierter Enthüllungsbericht über einen Skandal, der den deutschen Journalismus erschütterte. Gerade in Zeiten von Fake News und Angriffen von  Rechtsextremen auf die unabhängige Presse, hat Relotius über Jahre hinweg keinen sauber recherchierten Journalismus gemacht, sondern – das deckt Moreno zweifelsfrei auf – Märchen erzählt. Eine Tatsache, die das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”, das für viele der Hort des kritischen Journalismus ist und für dessen Gesellschaftsressort nur Edelfedern schreiben, in eine Vertrauenskrise stürzte. Eine Vertrauenskrise, die auch auf andere Medien wirkte und dafür sorgte, dass Relotius’ frühere Artikel, die unter anderem auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen sind,  überprüft wurden.

Auch, wenn Claas Relotius offenbar krank ist und nicht anders kann, als lügen, bleibt doch die Frage, weshalb nicht nur Redaktionen, sondern auch Leser den offenbar so wunderbar geschriebenen Geschichten glaubten. Vielleicht, weil Menschen gerne Erzählungen lesen und ihnen so gerne glauben möchten, vor allem, wenn sie die eigenen Vorstellungen widerspiegelt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Rowohlt, 18 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.