Schlagwort: Neuerscheinung (Seite 1 von 3)

Graham Swift: Wir sind da

Um ihn vor den Bombenangriffen der Deutschen zu schützen, wird Ronnie von seinen Eltern von London nach Evergrene in Oxfordshire geschickt. Das Ehepaar Penelope und Eric Lawrence nimmt ihn auf, weil sie glauben, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu müssen. Doch aus der vermeintlichen Pflicht entsteht eine gegenseitige Dankbarkeit. Ronnie entdeckt gleichsam eine Welt außerhalb Londons, in der es ein großes Haus,  einen Garten und ein Auto gibt. Prägend für sein weitere Leben wird aber die Zauberkunst von Eric Lawrence sein, der ihm seine Zauberausrüstung vermacht und ihm so hilft, seinem Traum ein Zauberer zu werden, wahr zu machen. Zusammen mit Evie und seinem Freund Jack treten sie im Seebad Brighton in den 1950er Jahren auf. Doch das Glück endet abrupt als aus Freunden Rivalen werden – und Ronnie plötzlich verschwindet.

“Er war wie ein Geschenk, das sie freudig entgegennahmen.”

Graham Swift schreibt auch in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman “Da sind wir” über die Irrungen und Wirrungen im Leben ganz normaler Menschen, darüber wie Beziehungen entstehen, wie sie enden und welche Auswirkungen das auf die Beteiligten hat. Gleichzeitig entwirft Swift das Bild einer Zeit, die nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs den Aufbruch in eine bessere Zeit versprach, in der Varietés und Seebäder ihre ganz eigene, glitzernde Anziehungskraft entfalteten.  Eine Anziehungskraft, der sich der Leser des Romans nicht entziehen kann – dank des großen Erzählers Graham Swift.

Graham Swift: Wir sind da, dtv, 20 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Hartmut Lange: Der Lichthof

Kurze Geschichte  – in  diesem Fall Novellen – sind eine wunderbare Möglichkeit, neue Autoren kennenzulernen und natürlich in neue Gedankenwelten einzutauchen. Ich muss zugeben, dass ich bisher noch nichts von Hartmut Lange gelesen habe, mich aber die Buchvorschau des wunderbaren Diogenes-Verlags neugierig gemacht hat.

“Hatte Dennis nicht vor kurzem erst, als sie nachts auf dem Sofa lag, angerufen und behauptet, er würde sich ihretwegen Sorgen machen?”

Die erste, titelgebende Novelle “Der Lichthof”, erzählt ebenso wie der Rest der Novellen etwas Alltägliches. Hannelore wird von ihrem Mann Dennis verlassen, und das, obwohl sie erst in eine neue, große Altbauwohnung gezogen sind. Eine schöne Wohnung, die sie gemeinsam eingerichtet haben und in der nur das Badezimmer, das zu einem schäbigen Lichthof liegt, nicht vorzeigbar ist.

Thorsten Gruber will ans Meer fahren, weil er meint, sich so besser auf seine neue Rolle in einem Theaterstück vorbereiten zu können.
Susanne und Wolfgang lassen sich auf ihrer Reise Richtung Italien von einem Navi leiten und der emeritierte Politik-Professor Ronnefelder schläft in einem zersägten Ehebett.

Bis auf die letzte Novelle “In eigener Sache”, die die Kindheitserinnerungen des Autors an Flucht und Vertreibung verarbeitet, bergen die vier vorherigen in ihrer banalen Alltäglichkeit etwas Überraschendes, Unerklärbares, das zwar nicht erklärt wird, aber dennoch in den Kontext der jeweiligen Handlung passt. Das liegt an der  Erzählweise Hartmut Langes, die in ihrer Unaufgeregtheit an die von Benedict Wells und Ian McEwan erinnert und die die Geschichten so nachhaltig macht, dass man gern über sie nachdenken will.

Hartmut Lange: Der Lichthof. Novellen. Diogenes, 22 Euro
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman

Das Auswärtige Amt ist auf der Suche nach einem Schriftsteller. Aber nicht irgendeinen und nicht für irgendeinen Zweck. Das Auswärtige Amt der Reichsregierung will, dass der Roman “einer größeren Öffentlichkeit” die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 erklärt. Wer der Schuldige sein soll, das soll im Jahr 1918 selbstverständlich nicht der Fantasie des Schriftstellers überlassen bleiben. Denn die Behörde gedenkt, die Kriegsschuld den Freimaurern in die Schuhe zu schieben. Dafür bekommt Gustav Meyrink, der auserwählte Schriftsteller, eine Zugfahrkarte erster Klasse spendiert, damit er nach Berlin kommen und vor Ort die Details erörtert bekommen soll. Weil er das Geld gut gebraucht kann, willigt Meyrink in das Geschäft ein.

“Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen.”

Christoph Poschenrieder widmet sich in “Der unsichtbare Roman” dem historischen  Gustav Meyrink und Autor des “Golem” und verarbeitet die historisch verbriefte Verbindung mit dem Auswärtigen Amt des Deutschen Reichs zu einer Geschichte, in die immer wieder Recherchenotizen eingestreut werden. Sie weisen zum einen auf die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse hin, gewähren aber zum anderen auch Einblick in die Arbeit des Schriftstellers selbst – wobei offen bleibt, ob es die Arbeit Poschenrieders oder Meyrinks ist. Dabei schafft es Poschenrieder das nicht gerade leichte Thema so zu erzählen, dass sich die Frage ob es denn immer noch mehr Romane, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs angesiedelt sind, braucht, nicht stellt.

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman, Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

Es hat etwas trauriges, wenn ein Autor erst nach seinem Tod bekannt wird und seine Romane erst dann als wichtige Literatur anerkannt werden. So erging es John Williams, dessen Roman “Stoner” (erstmals gedruckt 1965) hierzulande 2013 erstmals überhaupt auf Deutsch erschienen ist.  Daher ist es wenig sinnvoll, die Biografie “Der Mann, der den perfekten Roman schrieb” von Charles J. Shields zu lesen, ohne vorher ein Buch von Williams selbst (am besten natürlich “Stoner”, auf den werbewirksam auf dem Titel des Schutzumschlags hingewiesen wird) gelesen zu haben. Zumindest wenn man – wie ich – nach der Lektüre des ersten Buches eines zuvor unbekannten Autors mehr über diesen wissen will.

“[Williams] war überzeugt, dass ein Schriftsteller mehr gelesen haben musste als jeder Wissenschaftler.”

Dann erfährt man mit Hilfe der akribisch recherchierten  und ausführlich dokumentierten Biografie, die auch auf die anderen Werke John Williams’ eingeht, dass dieser ähnlich wie seine Figur Stoner immer auf der Suche war. Und dabei wusste, dass er ein brillanter Schriftsteller war, der allerdings in einer Zeit schrieb, in die seine gleichermaßen leisen wie eindringlichen Werke nicht passen wollten. Symptomatisch mag es daher sein, dass sein Roman “Butcher’s Crossing” (erschienen 1960) als Western bezeichnet wurde, obwohl es darin nur vordergründig um den Wilden Westen und die Büffeljagd geht. Williams war zwar ein anerkannter Universitätsprofessor, aber er träumte zeitlebens davon, ein erfolgreicher Schriftsteller zu sein. Ein Traum, der unerfüllt blieb.

Wer sich auf die Lektüre einlässt, wird mehr von John Williams lesen wollen.

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb. dtv, 26 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

David Wagner: Der vergessliche Riese

Auf einmal ist sie da, die Erkenntnis, dass der eigenen Vater nicht nur alt, sondern auch nicht mehr derselbe ist. Obwohl erst 71 und noch recht rüstig, vergisst der Vater das, was gerade gewesen ist, aber auch das, was schon Jahre zurück liegt. Wann seine Frau gestorben ist, wo er wohnt oder wie lange er sein Auto schon hat. Aber er weiß, dass er in dem Haus nicht allein leben möchte. Der Sohn, der Ich-Erzähler, der in Berlin wohnt und der in den vergangenen Jahren nur sporadisch Kontakt zu einem Vater hatte, kümmert sich nun regelmäßig um ihn. Gemeinsam besuchen sie Orte, die für den Vater wichtig waren und an die er sich nicht immer erinnert.

“Weißt du, Freund, für mich ist jeder Tag und jede Stunde neu.”

David Wagner beschreibt in “Der vergessliche Riese” wie Demenz einen Menschen verändert, ihn aber dennoch in seiner unverwechselbaren Persönlichkeit erkennbar lässt. Das ist zutiefst berührend, gleichermaßen witzig und traurig und zeigt, dass Demenz auch Nähe zwischen  Sohn und Vater schafft, die seit Jahren nicht mehr existiert hat. Sie gibt aber auch die Möglichkeit, Abschied zu nehmen – vom Vater und von der Vergangenheit, von der eigenen Kindheit. “Der vergessliche Riese” ist keine einfache Erzählung. Sie ist aber in ihrer Unaufgeregtheit und leisen Sprache meisterhaft.

David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: Die Kakerlake

“Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesen Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.” 

Ein Anfang, der in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Bernhard Robben noch mehr ans Franz Kafkas “Die Verwandlung” erinnert und der den Leser mitnimmt auf eine Entdeckungsreise in die Hinterzimmer der britischen Regierung. Doch Ian McEwan hat in “Die Kakerlake” den Premierminister ihrer Majestät in ein riesiges Insekt verwandelt oder die Kakerlake in die Hülle des Premiers gesteckt – und mit ihm sein ganzes Kabinett. Gemeinsam wollen sie das Vereinigte Königreich verändern, es von der “schmählichen Knechtschaft” befreien und den Reversalismus durchsetzen. Der Weg des Geldes wird umgekehrt, Arbeiter  und Angestellte bezahlen ihre Arbeitgeber dafür, dass sie arbeiten dürfen und Großbritannien wird andere Länder für ihre Exporte bezahlen.
Das klingt absurd und witzig – ganz genauso wie der Brexit und die damit verbundenen Sonderlichkeiten, von denen man nicht glaubt, dass es noch eine Steigerung gibt. Bis zur nächsten Meldung.

“In einer solchen Zeit fragt sich ein Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben.” Ian McEwan

“Die Kakerlake” ist eine bitterböse Satire über den Brexit und die damit zusammenhängende Politik und ihre Politiker, die in das Mutterland der Demokratie Chaos gebracht haben, in dem die “Order”-Rufe des ehemaligen Speaker des Unterhauses, John Bercow, nichts ausrichten konnten (Ob daran  die zum Zeitpunkt dieses Blogeintrags noch ausstehenden erneuten Wahlen im Dezember etwas ändern können, bleibt abzuwarten). Wer Ian McEwans bisherigen Werke kennt, weiß, dass er beispielsweise schon in “Ein Kind zur Zeit” Elemente aus dem Bereich der Science-Fiction verarbeitet hat – und dass er das auf eine so wunderbare Art und Weise macht, wie es nur ein großartiger Schriftsteller kann.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Diogenes,19 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Find the English blog entry for “The Cockroach” here  and more on Ian McEwan here.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage

Lisette ist alles andere als ein Kind nach den Vorstellungen seiner Zeit. Geboren 1888, im Drei-Kaiser-Jahr, hatten Kinder unauffällig zu sein, sich nach den Erwachsenen zu richten und – wenn sie Mädchen waren – im heiratsfähigem Alter eine gute Partie zu machen. Doch anstatt sittsam zu sein und sich in ein Korsett zwängen zu lassen, begehrt Lisette auf, gegen ihre Eltern und gegen die Konventionen ihrer Zeit. Anstatt den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, verliebt sie sich in den Schneider Emile, verlässt für ihn ihr großbürgerliches Elternhaus und entwirft  Reformkleider.

“Die ständig neuen Einschränkungen und Widerstände forderten Lisette heraus. Genau dagegen galt es anzustürmen. Durch Emile fand sie dafür den Mut.”

Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt werden, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden.

Im ersten Band einer Trilogie erzählt Astrid Ruppert über die Frauen der Familie Winter – was “Leuchtende Tage” natürlich zu einem Frauenroman macht. Doch fernab der Frage, weshalb Bücher in Kategorien eingeteilt werden müssen (am liebsten noch in “gut” oder “schlecht”), ist “Leuchtende Tage” eine Geschichte, die wunderbar unterhält und dabei nie zu kitschig oder zu banal wird. Schade nur, dass auch die schönste Geschichte einmal zuende geht und man sich dabei ertappt, ungeduldig auf den nächsten Teil zu warten.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage, dtv, 15,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt

Er ist eigentlich nur der Chauffeur, doch dann soll er Fotos machen. Alfred Dutertre bricht zusammen mit dem Pariser Bankier Albert Kahn zu Reisen in ferne Länder auf, denn Kahn will ein Archiv der Welt schaffen, ein Archiv, das aus Fotos bestehen soll. Und genau diese Fotos soll Dutertre aufnehmen.

Im Rückblick erzählt eben dieser Alfred Dutertre sein Leben und das des mittlerweile kranken Albert Kahn, der glaubte, mit Hilfe der Fotografie zur Völkerverständigung beitragen zu können. Basierend auf wahren Begebenheiten taucht der Leser ein in eine längst vergangene Zeit und lernt mit Alfred Kahn einen Menschen kennen, der vielleicht früher als andere ahnte, dass sich die Welt nicht nur verändert, sondern auch bestimmte Lebensweisen verschwinden werden und er zumindest die Erinnerung daran bewahren möchte. Als Kahn verarmt und schwer erkrankt, bleibt Dutertre bei ihm und pflegt dank der über 70.000 Fotos die gemeinsame Erinnerung an ein vergangenes Leben und eine vergangene Welt.

“Über Amerika und Honolulu fahren wir nach Japan und China. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unterwegs zu fotografieren, nicht wahr?”

Mit “Der Archivar der Welt” legt Lia Tilon ein Werk vor, das eine Mischung ist aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, die im Rückblick erzählt werden. Weder das eine noch das andere ist reißerisch geschrieben, dafür in einer ruhigen und unaufgeregten Art umso eindringlicher.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen

Bewegend, gut geschrieben und immer einzigartig – das waren die Reportagen, die Claas Relotius über Jahre hinweg für den Spiegel schrieb. Egal, wo er auf seinen Reisen Menschen begleitete, ihr Leben, ihr Schicksal auf mehreren Druckseiten ausbreitete, es war immer mit viel Gefühl und so hautnah beschrieben, dass ihn dafür nicht nur seine Chefs liebten und ihn befördern wollten. Auch diverse Jurys diverser Journalistenpreise konnten sich dem meisterhaften Erzähler  nicht entziehen und überhäuften ihn förmlich mit Auszeichnungen. Zu seinem Können kam auch noch eine überaus angenehme Erscheinung, die Claas zu einem Kollegen machte, den man vertraute und mochte. Bis einem Kollegen etwas merkwürdig vorkam.

Juan Moreno beschreibt in “Tausend Zeilen Lügen”, dass das “System Relotius” auch deshalb funktionieren konnte, weil der Starreporter für seine Reportagen immer  im Ausland unterwegs war. Das machte es naturgemäß schwerer, Menschen, Orte oder Gegebenheiten zu überprüfen als dies bei Themen in Deutschland möglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen im Lokaljournalismus, wo Reporter und Leser schon mal beim Einkaufen im Supermarkt aufeinander treffen und man sich unter Umständen für einen Fehler rechtfertigen muss (auch Lob gibt es, um fair zu sein). Im Gegensatz zu Lokalredaktionen verfügt der Spiegel aber über etwas, das ihn von allen Medienhäusern Deutschlands, wenn nicht weltweit unterscheidet: er hat eine Dokumentationsabteilung, die jedes kleinste Detail eines Artikels vor der Drucklegung überprüft, einen Faktencheck macht, den Autor nach Kontakten fragt. Weshalb aber haben die Mitarbeiter dort im Fall Relotius so katastrophal versagt? Weil, so Moreno in seinem mitreißend geschriebenen Buch, Relotius sich über Jahre hinweg ein eigenes System aufgebaut hat. Das zum einem auf seiner anscheinend akribischen Recherchearbeit, seiner überragenden Schreibe und zum anderen in seiner Art lag, mit der er die Menschen in seinem Umfeld für sich gewinnen konnte. Journalisten, die in der Regel alles hinterfragen und es meist nicht bei rhetorischen Fragen belassen, sondern nachbohren.

“Immer und immer wieder stand Relotius kurz davor, als Hochstapler aufzufliegen. Er war Journalist in einem Ressort, im dem lauter Spitzenreporter saßen (…) Relotius war von Berufsskeptikern umgeben. Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt.”

Genau das tut Juan Moreno. Ihm kommen Zweifel. Zweifel daran, dass Class Relotius, mit dem zusammen er eine Reportage geschrieben hat, all das, was er da in so überaus gekonnter Weise aufgeschrieben hat, auch tatsächlich genauso erlebt hat. Dass die Menschen, die er beschreibt, nicht so existieren. Zunächst ahnt Moreno nicht, dass er mehr auf der Spur ist, als nur einigen Recherchefehlern. Und dass er bei seinen Chefs auf Ablehnung stoßen wird.

“Natürlich machen Reporter diese (Arbeit) nicht perfekt, einige nicht mal besonders herausragend (…), aber die allermeisten machen sie ehrlich. So gut es eben geht, so wie andere Menschen in anderen Berufen auch.”

“Tausend Zeilen Lügen” ist ein gleichermaßen mitreißend und spannend geschriebenes Buch, aber auch ein akribisch recherchierter Enthüllungsbericht über einen Skandal, der den deutschen Journalismus erschütterte. Gerade in Zeiten von Fake News und Angriffen von  Rechtsextremen auf die unabhängige Presse, hat Relotius über Jahre hinweg keinen sauber recherchierten Journalismus gemacht, sondern – das deckt Moreno zweifelsfrei auf – Märchen erzählt. Eine Tatsache, die das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”, das für viele der Hort des kritischen Journalismus ist und für dessen Gesellschaftsressort nur Edelfedern schreiben, in eine Vertrauenskrise stürzte. Eine Vertrauenskrise, die auch auf andere Medien wirkte und dafür sorgte, dass Relotius’ frühere Artikel, die unter anderem auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen sind,  überprüft wurden.

Auch, wenn Claas Relotius offenbar krank ist und nicht anders kann, als lügen, bleibt doch die Frage, weshalb nicht nur Redaktionen, sondern auch Leser den offenbar so wunderbar geschriebenen Geschichten glaubten. Vielleicht, weil Menschen gerne Erzählungen lesen und ihnen so gerne glauben möchten, vor allem, wenn sie die eigenen Vorstellungen widerspiegelt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Rowohlt, 18 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten

Ein Familienbuch oder ein Buch über eine Familie, allem Anschein nach eine recht normale Familie, noch dazu ein Erstlingswerk. Nicht unbedingt Kriterien, nach denen ich normalerweise mein nächstes Buch auswähle. Allerdings fiel mir das Buchcover auf – gelbe Gingkoblätter (ich mag den Gingko, der seit ein paar Jahren auf meinem Balkon lebt, aber das ist eine andere Geschichte) und außerdem meinte mein freundlicher Ansprechpartner beim dtv, dass “Den größten Spaß, den wir je hatten”  auf jeden Fall empfehlenswert sei.

Wie recht er hatte, ist doch die Familie Sorensen alles andere als langweilig. Das betrifft die Eltern Marilyn und David, die  nach 40 Ehejahren nicht nur glücklich, sondern auch immer noch verliebt sind und das bei jeder Gelegenheit – auch unpassenden wie ihre Töchter finden – zeigen. Für die ist die Vorzeigeehe ihrer Eltern ein Vorbild, vom dem sie wissen, dass sie es nie erreichen werden und willkommener Anlass, Anstoß am elterlichen Verhalten zu nehmen.

“Von jener Sekunde an wusste er, dass er ihre gemeinsamen Kinder inbrünstig lieben würde. Aber er liebte Marilyn noch mehr, und er machte sich von Anfang an keine Illusionen darüber.”

Doch im Grund sind die Schwestern Wendy (die nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes zurechtkommen muss), Violet (Mutter statt Anwältin, aber mit einem eigenen Büro, in dem sie die Familie organisiert – eine Szene die mich an “Orphan Black” erinnert hat), Liza (brillante Professorin mit Versagensängsten als werdende Mutter) und Grace (die nicht das macht, was sie behauptet) froh, dass sie bei Schwierigkeiten jederzeit in ihr Elternhaus wie in einen sicheren Hafen zurückkehren können.

“Jede von ihnen unterbrach, was sie gerade tat, um zu beobachten, wie ihre Eltern auf ihrem eigenen unergründlichen Planeten weilten, zwei Menschen, die mehr Liebe verströmten, als es das Universum möglicherweise zuließ.”

Claire Lombardo legt mit ihrem ersten Roman einen Schmöker vor, den man am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. So intensiv, aber gleichzeitig auch leicht und spannend erzählt sie von Liebe, Ehe, dem Erwachsen- und dem Älterwerden – Themen, die die sogenannte Trivialliteratur massenweise verarbeitet. In “Den größten Spaß, den wir je hatten” aber sind sie jenseits von Klischees und Kitsch einfach nur gute Literatur und der beste Grund, sich von 720 Seiten nicht abschrecken zu lassen.

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten. dtv, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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