Schlagwort: Neuerscheinung (Seite 1 von 3)

Ian McEwan: Die Kakerlake

“Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesen Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.” 

Ein Anfang, der in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Bernhard Robben noch mehr ans Franz Kafkas “Die Verwandlung” erinnert und der den Leser mitnimmt auf eine Entdeckungsreise in die Hinterzimmer der britischen Regierung. Doch Ian McEwan hat in “Die Kakerlake” den Premierminister ihrer Majestät in ein riesiges Insekt verwandelt oder die Kakerlake in die Hülle des Premiers gesteckt – und mit ihm sein ganzes Kabinett. Gemeinsam wollen sie das Vereinigte Königreich verändern, es von der “schmählichen Knechtschaft” befreien und den Reversalismus durchsetzen. Der Weg des Geldes wird umgekehrt, Arbeiter  und Angestellte bezahlen ihre Arbeitgeber dafür, dass sie arbeiten dürfen und Großbritannien wird andere Länder für ihre Exporte bezahlen.
Das klingt absurd und witzig – ganz genauso wie der Brexit und die damit verbundenen Sonderlichkeiten, von denen man nicht glaubt, dass es noch eine Steigerung gibt. Bis zur nächsten Meldung.

“In einer solchen Zeit fragt sich ein Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben.” Ian McEwan

“Die Kakerlake” ist eine bitterböse Satire über den Brexit und die damit zusammenhängende Politik und ihre Politiker, die in das Mutterland der Demokratie Chaos gebracht haben, in dem die “Order”-Rufe des ehemaligen Speaker des Unterhauses, John Bercow, nichts ausrichten konnten (Ob daran  die zum Zeitpunkt dieses Blogeintrags noch ausstehenden erneuten Wahlen im Dezember etwas ändern können, bleibt abzuwarten). Wer Ian McEwans bisherigen Werke kennt, weiß, dass er beispielsweise schon in “Ein Kind zur Zeit” Elemente aus dem Bereich der Science-Fiction verarbeitet hat – und dass er das auf eine so wunderbare Art und Weise macht, wie es nur ein großartiger Schriftsteller kann.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Diogenes,19 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Find the English blog entry for “The Cockroach” here  and more on Ian McEwan here.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage

Lisette ist alles andere als ein Kind nach den Vorstellungen seiner Zeit. Geboren 1888, im Drei-Kaiser-Jahr, hatten Kinder unauffällig zu sein, sich nach den Erwachsenen zu richten und – wenn sie Mädchen waren – im heiratsfähigem Alter eine gute Partie zu machen. Doch anstatt sittsam zu sein und sich in ein Korsett zwängen zu lassen, begehrt Lisette auf, gegen ihre Eltern und gegen die Konventionen ihrer Zeit. Anstatt den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, verliebt sie sich in den Schneider Emile, verlässt für ihn ihr großbürgerliches Elternhaus und entwirft  Reformkleider.

“Die ständig neuen Einschränkungen und Widerstände forderten Lisette heraus. Genau dagegen galt es anzustürmen. Durch Emile fand sie dafür den Mut.”

Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt werden, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden.

Im ersten Band einer Trilogie erzählt Astrid Ruppert über die Frauen der Familie Winter – was “Leuchtende Tage” natürlich zu einem Frauenroman macht. Doch fernab der Frage, weshalb Bücher in Kategorien eingeteilt werden müssen (am liebsten noch in “gut” oder “schlecht”), ist “Leuchtende Tage” eine Geschichte, die wunderbar unterhält und dabei nie zu kitschig oder zu banal wird. Schade nur, dass auch die schönste Geschichte einmal zuende geht und man sich dabei ertappt, ungeduldig auf den nächsten Teil zu warten.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage, dtv, 15,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt

Er ist eigentlich nur der Chauffeur, doch dann soll er Fotos machen. Alfred Dutertre bricht zusammen mit dem Pariser Bankier Albert Kahn zu Reisen in ferne Länder auf, denn Kahn will ein Archiv der Welt schaffen, ein Archiv, das aus Fotos bestehen soll. Und genau diese Fotos soll Dutertre aufnehmen.

Im Rückblick erzählt eben dieser Alfred Dutertre sein Leben und das des mittlerweile kranken Albert Kahn, der glaubte, mit Hilfe der Fotografie zur Völkerverständigung beitragen zu können. Basierend auf wahren Begebenheiten taucht der Leser ein in eine längst vergangene Zeit und lernt mit Alfred Kahn einen Menschen kennen, der vielleicht früher als andere ahnte, dass sich die Welt nicht nur verändert, sondern auch bestimmte Lebensweisen verschwinden werden und er zumindest die Erinnerung daran bewahren möchte. Als Kahn verarmt und schwer erkrankt, bleibt Dutertre bei ihm und pflegt dank der über 70.000 Fotos die gemeinsame Erinnerung an ein vergangenes Leben und eine vergangene Welt.

“Über Amerika und Honolulu fahren wir nach Japan und China. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unterwegs zu fotografieren, nicht wahr?”

Mit “Der Archivar der Welt” legt Lia Tilon ein Werk vor, das eine Mischung ist aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, die im Rückblick erzählt werden. Weder das eine noch das andere ist reißerisch geschrieben, dafür in einer ruhigen und unaufgeregten Art umso eindringlicher.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen

Bewegend, gut geschrieben und immer einzigartig – das waren die Reportagen, die Claas Relotius über Jahre hinweg für den Spiegel schrieb. Egal, wo er auf seinen Reisen Menschen begleitete, ihr Leben, ihr Schicksal auf mehreren Druckseiten ausbreitete, es war immer mit viel Gefühl und so hautnah beschrieben, dass ihn dafür nicht nur seine Chefs liebten und ihn befördern wollten. Auch diverse Jurys diverser Journalistenpreise konnten sich dem meisterhaften Erzähler  nicht entziehen und überhäuften ihn förmlich mit Auszeichnungen. Zu seinem Können kam auch noch eine überaus angenehme Erscheinung, die Claas zu einem Kollegen machte, den man vertraute und mochte. Bis einem Kollegen etwas merkwürdig vorkam.

Juan Moreno beschreibt in “Tausend Zeilen Lügen”, dass das “System Relotius” auch deshalb funktionieren konnte, weil der Starreporter für seine Reportagen immer  im Ausland unterwegs war. Das machte es naturgemäß schwerer, Menschen, Orte oder Gegebenheiten zu überprüfen als dies bei Themen in Deutschland möglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen im Lokaljournalismus, wo Reporter und Leser schon mal beim Einkaufen im Supermarkt aufeinander treffen und man sich unter Umständen für einen Fehler rechtfertigen muss (auch Lob gibt es, um fair zu sein). Im Gegensatz zu Lokalredaktionen verfügt der Spiegel aber über etwas, das ihn von allen Medienhäusern Deutschlands, wenn nicht weltweit unterscheidet: er hat eine Dokumentationsabteilung, die jedes kleinste Detail eines Artikels vor der Drucklegung überprüft, einen Faktencheck macht, den Autor nach Kontakten fragt. Weshalb aber haben die Mitarbeiter dort im Fall Relotius so katastrophal versagt? Weil, so Moreno in seinem mitreißend geschriebenen Buch, Relotius sich über Jahre hinweg ein eigenes System aufgebaut hat. Das zum einem auf seiner anscheinend akribischen Recherchearbeit, seiner überragenden Schreibe und zum anderen in seiner Art lag, mit der er die Menschen in seinem Umfeld für sich gewinnen konnte. Journalisten, die in der Regel alles hinterfragen und es meist nicht bei rhetorischen Fragen belassen, sondern nachbohren.

“Immer und immer wieder stand Relotius kurz davor, als Hochstapler aufzufliegen. Er war Journalist in einem Ressort, im dem lauter Spitzenreporter saßen (…) Relotius war von Berufsskeptikern umgeben. Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt.”

Genau das tut Juan Moreno. Ihm kommen Zweifel. Zweifel daran, dass Class Relotius, mit dem zusammen er eine Reportage geschrieben hat, all das, was er da in so überaus gekonnter Weise aufgeschrieben hat, auch tatsächlich genauso erlebt hat. Dass die Menschen, die er beschreibt, nicht so existieren. Zunächst ahnt Moreno nicht, dass er mehr auf der Spur ist, als nur einigen Recherchefehlern. Und dass er bei seinen Chefs auf Ablehnung stoßen wird.

“Natürlich machen Reporter diese (Arbeit) nicht perfekt, einige nicht mal besonders herausragend (…), aber die allermeisten machen sie ehrlich. So gut es eben geht, so wie andere Menschen in anderen Berufen auch.”

“Tausend Zeilen Lügen” ist ein gleichermaßen mitreißend und spannend geschriebenes Buch, aber auch ein akribisch recherchierter Enthüllungsbericht über einen Skandal, der den deutschen Journalismus erschütterte. Gerade in Zeiten von Fake News und Angriffen von  Rechtsextremen auf die unabhängige Presse, hat Relotius über Jahre hinweg keinen sauber recherchierten Journalismus gemacht, sondern – das deckt Moreno zweifelsfrei auf – Märchen erzählt. Eine Tatsache, die das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”, das für viele der Hort des kritischen Journalismus ist und für dessen Gesellschaftsressort nur Edelfedern schreiben, in eine Vertrauenskrise stürzte. Eine Vertrauenskrise, die auch auf andere Medien wirkte und dafür sorgte, dass Relotius’ frühere Artikel, die unter anderem auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen sind,  überprüft wurden.

Auch, wenn Claas Relotius offenbar krank ist und nicht anders kann, als lügen, bleibt doch die Frage, weshalb nicht nur Redaktionen, sondern auch Leser den offenbar so wunderbar geschriebenen Geschichten glaubten. Vielleicht, weil Menschen gerne Erzählungen lesen und ihnen so gerne glauben möchten, vor allem, wenn sie die eigenen Vorstellungen widerspiegelt.

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Rowohlt, 18 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Claire Lombardo: Den größten Spaß, den wir je hatten

Ein Familienbuch oder ein Buch über eine Familie, allem Anschein nach eine recht normale Familie, noch dazu ein Erstlingswerk. Nicht unbedingt Kriterien, nach denen ich normalerweise mein nächstes Buch auswähle. Allerdings fiel mir das Buchcover auf – gelbe Gingkoblätter (ich mag den Gingko, der seit ein paar Jahren auf meinem Balkon lebt, aber das ist eine andere Geschichte) und außerdem meinte mein freundlicher Ansprechpartner beim dtv, dass “Den größten Spaß, den wir je hatten”  auf jeden Fall empfehlenswert sei.

Wie recht er hatte, ist doch die Familie Sorensen alles andere als langweilig. Das betrifft die Eltern Marilyn und David, die  nach 40 Ehejahren nicht nur glücklich, sondern auch immer noch verliebt sind und das bei jeder Gelegenheit – auch unpassenden wie ihre Töchter finden – zeigen. Für die ist die Vorzeigeehe ihrer Eltern ein Vorbild, vom dem sie wissen, dass sie es nie erreichen werden und willkommener Anlass, Anstoß am elterlichen Verhalten zu nehmen.

“Von jener Sekunde an wusste er, dass er ihre gemeinsamen Kinder inbrünstig lieben würde. Aber er liebte Marilyn noch mehr, und er machte sich von Anfang an keine Illusionen darüber.”

Doch im Grund sind die Schwestern Wendy (die nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes zurechtkommen muss), Violet (Mutter statt Anwältin, aber mit einem eigenen Büro, in dem sie die Familie organisiert – eine Szene die mich an “Orphan Black” erinnert hat), Liza (brillante Professorin mit Versagensängsten als werdende Mutter) und Grace (die nicht das macht, was sie behauptet) froh, dass sie bei Schwierigkeiten jederzeit in ihr Elternhaus wie in einen sicheren Hafen zurückkehren können.

“Jede von ihnen unterbrach, was sie gerade tat, um zu beobachten, wie ihre Eltern auf ihrem eigenen unergründlichen Planeten weilten, zwei Menschen, die mehr Liebe verströmten, als es das Universum möglicherweise zuließ.”

Claire Lombardo legt mit ihrem ersten Roman einen Schmöker vor, den man am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. So intensiv, aber gleichzeitig auch leicht und spannend erzählt sie von Liebe, Ehe, dem Erwachsen- und dem Älterwerden – Themen, die die sogenannte Trivialliteratur massenweise verarbeitet. In “Den größten Spaß, den wir je hatten” aber sind sie jenseits von Klischees und Kitsch einfach nur gute Literatur und der beste Grund, sich von 720 Seiten nicht abschrecken zu lassen.

Claire Lombardo: Den größten Spaß, den wir je hatten. dtv, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

André Aciman: Fünf Lieben lang

Paul ist auf der Suche nach der Liebe oder sollte man lieber schreiben, er will sie erkunden? Denn das ist es, was Paul sein Leben lang tut. Schon als Zwölfjähriger weiß er, dass er für den Tischler Giovanni viel mehr empfindet als nur Freundschaft. Zwar kann er das Gefühl noch nicht in Worte fassen, aber die Besuche in dessen Werkstatt gehören für den Jungen nach seiner Nachhilfestunde bald zum nachmittäglichen Ritual.
Später, als Erwachsener, hat Paul unterschiedliche Liebhaber und Geliebte und heiratet. Aber egal, ob in Italien oder New York City, ob Mann oder Frau, die Beziehungen, die er hat, sind immer bedingungslos und erfüllt vom Gefühl tiefer Liebe und Zuneigung.

“Und plötzlich wird mir klar, dass ich etwas herausgefunden habe, und zwar nicht über Gabi oder die Männer im Allgemeinen, sondern über mich.”

“Fünf Lieben lang” erinnert unweigerlich an “Call me by your name – Ruf mich bei Deinem Namen“. Und genau wie in seinem 2018 auf Deutsch erschienen und im selben Jahr verfilmten Roman beschreibt André Aciman die Liebe und was es für einen Mann bedeutet, beide Geschlechter zu begehren. Das ist nie voyeuristisch oder effekthascherisch, sondern tief berührend und bewegend, weil Aciman ein wunderbarer Erzähler ist, bei dem selbst Sätze wie “Ich würde bei ihm (…)  einen langen Mittagsschlaf machen (…)  in dem kratzigen braunen Pullover, (…) der  von ihm sprach, in der unbeholfenen, heiligen Sprache der Dinge” so unkitschig klingen wie eine Betriebsanleitung und gleichzeitig so wahr wie wissenschaftliche Fakten. Gleichzeitig schafft es Aciman, die fünf unterschiedlichen – auch unterschiedlich langen – Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten spielen und nur durch die Hauptfigur Paul zusammengehalten werden, so zu erzählen, dass sich der Leser nie in ihnen verliert und die Geschichten trotz ihrer Eigenständigkeit perfekt ineinander passen.

 

André Aciman: Fünf Lieben lang, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Angelesen: Tijan Sila: “Tierchen unlimited” und Kenah Cusanit: “Babylon”

Wer auf der Suche nach eher ungewöhnlichen Lektüren ist, könnte hier fündig werden:

Eine Kindheit in Bosnien, dann die Flucht nach Deutschland und ein Leben in der Provinz in Rheinland-Pfalz – klingt nicht uninteressant, was Tijan Sila in “Tierchen unlimited” wie auf einem Buffet anrichtet. Ob diese durchaus anspruchsvollen Themen aber so gezwungen leicht erzählt werden müssen, erschließt sich nicht unbedingt jedem. Zumal der Ich-Erzähler namenlos bleibt und seine Geschichten eher Anekdoten sind, die zusammenhanglos aneinander gereiht sind.

 

Kenah Cusanit widmet sich in ihrem ersten Roman “Babel” dem  Archäologen Robert Koldewey. Obwohl er das historische Babylon ausgegraben hat, ist der 1855 in Blankenburg geborene Mann gerade im Vergleich zu Heinrich Schliemann eher unbekannt. Umso interessanter ist da die Tatsache, dass zahlreiche seiner Briefe erhalten sind, die die Autorin zu ihrem Werk animierten. Doch wer einen historischen Roman erwartet, der die Zeit, ihre Menschen und die Hauptfigur lebendig werden lässt, wird enttäuscht. Kenah Cusanit zeichnet Koldewey als liebenswerten Kauz, der akribisch an seiner Arbeit hängt, weil sie aber durchweg auf die direkte Rede verzichtet, bleibt immer eine Distanz, die man als Leser gerne überwunden hätte.

 

Tijan Sila: Tierchen unlimited, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kenah Cusanit: Babel. Hanser, 23 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben

Was macht ein reicher Kunsthändler mit all seinem Besitz, wenn er niemanden hat, der sein Erbe antreten kann? Plant Gonzales Rodríguez de Tejeda seine Reichtümer einem jungen Mann zu hinterlassen, mit dem er in Venedig gesehen wurde? Guido Brunettis Schwiegervater Conte Falier macht sich Sorgen um seinen langjährigen Freund Gonzales, zumal ihm weder dessen Lebenswandel noch die Beziehung zu dem jungen Mann geheuer sind. Und wie das in Venedig so üblich ist, bittet der Conte Brunetti um Hilfe, der wiederum seine befreundeten Polizeikollegen, allen voran Sekretärin Elettra, bei diskreten Nachforschungen über das Privatleben Gonzales’ einschaltet. Doch es geht viel mehr als um die Frage, wer denn nun wann was getan hat. Brunetti sieht sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen  und zutiefst menschlichen Fragen konfrontiert, für dessen Beantwortung er wie immer seine Frau Paola und klassische Literatur zur Rate zieht.

“Weil er über achtzig ist und sich in einem Mann verknallt hat, der deutlich jünger ist? Was ist so schlimm daran?”

Neben den aus anderen Brunetti-Romanen bekannten Themen wie Umweltverschmutzung und Venedig-Tourismus beschäftigt sich “Ein Sohn ist uns gegeben” auch mit den Werten, die eine Gesellschaft definieren und wie sie in diesem Fall auf die Liebe zwischen homosexuellen Männern reagiert. Denn, so fragt Griffoni ihren Kollegen Brunetti, würde es einen Unterschied machen, wenn Gonzales sich in einen gleichaltrigen Mann verliebt hätte? Weshalb soll bei dieser Beziehung nicht tatsächlich Liebe und nicht nur sexuelle Begierde im Spiel sein? Und Brunetti wiederum fragt sich, wie er reagieren würde, wenn es sich um eine Beziehung zwischen Heterosexuellen handeln würde.

Auch im mittlerweile 28. Fall für den venezianischen Kommissar findet der Leser all das, was er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat: Brunettis Familie, die immer noch zusammen lebt und nicht nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten miteinander redet; die Questura mit den Kollegen Vianello, Griffoni, Elettra und dem Vorgesetzten Vice-Questore Patta und natürlich Venedig mitsamt der italienischen Lebensart. Hat man den Roman gelesen, kann man ihn mit einem beruhigenden Seufzer und dem Gefühl weglegen, dass in Brunettis Welt die Dinge ihren richtigen Gang gehen.

Tipp: Wer noch nie einen Brunetti-Roman gelesen hat, sollte nicht irgendwo einsteigen, sondern tatsächlich mit dem ersten  Fall “Venezianisches Finale” beginnen. Alle Bände sind bei Diogenes erschienen.

 

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Es ist eine Art Paralleluniversum, in das Ian McEwan die Leser in seinem jüngsten Roman mitnimmt. Denn “Maschinen wie ich” spielt in Großbritannien im Jahr 1982 – allerdings einem anderen, als das, an das wir uns erinnern. Das Land hat den Falklandkrieg verloren,  Premierministerin Margaret Thatcher führt Wahlkampf gegen den Labour-Politiker Tony Benn und dank Alan Turing gibt es bereits in den 1980er Jahren Internet, Smartphones und selbstfahrende Autos. Charlie schlägt sich im London dieser Zeit durch und kratzt sein Geld zusammen, um sich einen der ersten Androiden, Adam, zu kaufen. Gerade als er den künstlichen Menschen geliefert bekommt, verliebt er sich in seine Nachbarin Miranda. Als Adam anfängt,  menschliche Gefühle und Eigenarten zu entwickeln, stellt sich nicht nur die Frage, wer mit wem in welcher Beziehung steht. Es geht im Grunde darum, was einen Menschen ausmacht und wann eine künstliche Lebensform menschlich ist.

“Der größere Mann hatte silbriges, nach hinten gekämmtes Haar, trug um den Hals einen lockeren braunen Seidenschal und eine Art Künstlerjoppe, die ihm schlaff von den Schultern hin.”

Ian McEwan beschäftigt sich auch in seinem neuesten Roman mit den Fragen unserer modernen Gesellschaft  und der Frage, wie wir Menschen darin leben und arbeiten wollen – angesichts der Klimakatastrophe, Umweltverschmutzung und des technischen Fortschritts, der Segen und Fluch zugleich ist. Dass er sich Elementen des Science-Fiction-Genres bedient, macht diese Fragen nicht weniger wichtig. Die 80er Jahre, die uns “Maschinen wie ich” in einem “Was-wäre-wenn”-Dreh der Geschichte vorführen, zeigen am Beispiel von Alan Turing auch, welche Auswirkungen heute unverständliches Verhalten von Regierung und Justiz nicht nur auf einen Mann, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes haben können. Wäre – so Ian McEwan – Alan Turing für seine Verdienste um das Knacken des deutschen Enigma-Codes im Zweiten Weltkrieg gewürdigt, statt für seine Homosexualität verurteilt worden, so hätte der geniale Mathematiker nicht Selbstmord begangen, sondern dank seiner Forschung den technischen Fortschritt, inklusive der künstlichen Intelligenz, deutlich schneller voran gebracht. Und mit ihm auch die Frage nach dem, was den Menschen eigentlich ausmacht.

“Alan Turing hatte es in seiner Jugend oft gesagt und geschrieben: In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.”

“Maschinen wie ich” ist kein Buch, das man nebenher liest. Zuviel Wissen, Überlegung und Tiefe steckt in jedem scheinbar so leicht dahin geschriebenen Satz. Faszinierend ist die Geschichte, an die man sich auch nach dem Ende des Buches noch erinnert, allemal. Und sie zeigt, dass Ian McEwan ein wunderbarer Erzähler ist.

Anmerkung: Wer diesen Blog öfter liest oder mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich schon einiges von Ian McEwan gelesen habe. Deshalb habe ich auch das englische Original “Machines like me” (Penguin, ca. 19£) vorbestellt – in der Hoffnung, es vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe beenden zu können. Allerdings hatte ich nicht mit der Schnelligkeit vom Diogenes-Verlag gerechnet, der mir das Rezensionsexemplar eine Woche vor dem offiziellen deutschen Erscheinungstermin auf die Türschwelle lieferte. Neugierig wie immer wenn neue Bücher den Weg zu mir finden, beschloss ich, einfach an der Stelle, an der ich gerade in der Originalversion war, in der deutschen Übersetzung weiterzulesen – was dank der wunderbaren Arbeit von Bernhard Robben nahtlos möglich war.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Diogenes, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lukas Hartmann: Der Sänger

Joseph Schmidt? Ein Sänger? Nie gehört. Aber “Ein Lied geht um die Welt” kenne ich. Irgendwie. Vielleicht als Teil des kollektiven Gedächtnisses.  Dass es diesen Sänger, diesen Tenor, der bis zur Naziherrschaft ein umjubelter Star und Frauenschwarm war, tatsächlich gegeben hat, macht den neuen Roman von Lukas Hartmann umso interessanter. In “Der Sänger” begleitet man Joseph Schmidt auf seiner Flucht, die ihn im September 1942 schließlich in die Schweiz führt, wo er hofft, so wie viele andere Juden Asyl zu bekommen. Dass er stattdessen in einem Lager landet, obwohl er doch eine Berühmtheit ist und obwohl er krank – todkrank wie sich herausstellt – ist, nimmt er zunächst gelassen, ist er doch dankbar dafür, überhaupt aufgenommen zu werden. Da seine Stimme zunehmend versagt, bleibt ihm nur noch, seine geliebte Musik in Form von Partituren zu lesen und sich an sein zurückliegendes Leben zu erinnern.

“Ich weiß nicht, ob ich noch an die Musik glauben soll. Sie war mein Leben, ihr habe ich alles untergeordnet. Wer lässt denn all das Üble zu, das uns zu wehrlosen Opfern macht?”

Wenn historische Romane neugierig machen auf das echte Leben der vorgestellten Personen, wenn man an die Handlung und das erzählte Schicksal noch denkt, wenn man das Buch längst zu Ende gelesen hat, dann durfte man das Werk eines Meistererzählers kennenlernen. Lukas Hartmann beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, historische Stoffe so zu erzählen, dass man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen möchte. Wie schon seine vorherigen Bücher ist auch dieses eine absolute Leseempfehlung.

 

Lukas Hartmann: Der Sänger, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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