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André Aciman: Fünf Lieben lang

Paul ist auf der Suche nach der Liebe oder sollte man lieber schreiben, er will sie erkunden? Denn das ist es, was Paul sein Leben lang tut. Schon als Zwölfjähriger weiß er, dass er für den Tischler Giovanni viel mehr empfindet als nur Freundschaft. Zwar kann er das Gefühl noch nicht in Worte fassen, aber die Besuche in dessen Werkstatt gehören für den Jungen nach seiner Nachhilfestunde bald zum nachmittäglichen Ritual.
Später, als Erwachsener, hat Paul unterschiedliche Liebhaber und Geliebte und heiratet. Aber egal, ob in Italien oder New York City, ob Mann oder Frau, die Beziehungen, die er hat, sind immer bedingungslos und erfüllt vom Gefühl tiefer Liebe und Zuneigung.

“Und plötzlich wird mir klar, dass ich etwas herausgefunden habe, und zwar nicht über Gabi oder die Männer im Allgemeinen, sondern über mich.”

“Fünf Lieben lang” erinnert unweigerlich an “Call me by your name – Ruf mich bei Deinem Namen“. Und genau wie in seinem 2018 auf Deutsch erschienen und im selben Jahr verfilmten Roman beschreibt André Aciman die Liebe und was es für einen Mann bedeutet, beide Geschlechter zu begehren. Das ist nie voyeuristisch oder effekthascherisch, sondern tief berührend und bewegend, weil Aciman ein wunderbarer Erzähler ist, bei dem selbst Sätze wie “Ich würde bei ihm (…)  einen langen Mittagsschlaf machen (…)  in dem kratzigen braunen Pullover, (…) der  von ihm sprach, in der unbeholfenen, heiligen Sprache der Dinge” so unkitschig klingen wie eine Betriebsanleitung und gleichzeitig so wahr wie wissenschaftliche Fakten. Gleichzeitig schafft es Aciman, die fünf unterschiedlichen – auch unterschiedlich langen – Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten spielen und nur durch die Hauptfigur Paul zusammengehalten werden, so zu erzählen, dass sich der Leser nie in ihnen verliert und die Geschichten trotz ihrer Eigenständigkeit perfekt ineinander passen.

 

André Aciman: Fünf Lieben lang, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Angelesen: Tijan Sila: “Tierchen unlimited” und Kenah Cusanit: “Babylon”

Wer auf der Suche nach eher ungewöhnlichen Lektüren ist, könnte hier fündig werden:

Eine Kindheit in Bosnien, dann die Flucht nach Deutschland und ein Leben in der Provinz in Rheinland-Pfalz – klingt nicht uninteressant, was Tijan Sila in “Tierchen unlimited” wie auf einem Buffet anrichtet. Ob diese durchaus anspruchsvollen Themen aber so gezwungen leicht erzählt werden müssen, erschließt sich nicht unbedingt jedem. Zumal der Ich-Erzähler namenlos bleibt und seine Geschichten eher Anekdoten sind, die zusammenhanglos aneinander gereiht sind.

 

Kenah Cusanit widmet sich in ihrem ersten Roman “Babel” dem  Archäologen Robert Koldewey. Obwohl er das historische Babylon ausgegraben hat, ist der 1855 in Blankenburg geborene Mann gerade im Vergleich zu Heinrich Schliemann eher unbekannt. Umso interessanter ist da die Tatsache, dass zahlreiche seiner Briefe erhalten sind, die die Autorin zu ihrem Werk animierten. Doch wer einen historischen Roman erwartet, der die Zeit, ihre Menschen und die Hauptfigur lebendig werden lässt, wird enttäuscht. Kenah Cusanit zeichnet Koldewey als liebenswerten Kauz, der akribisch an seiner Arbeit hängt, weil sie aber durchweg auf die direkte Rede verzichtet, bleibt immer eine Distanz, die man als Leser gerne überwunden hätte.

 

Tijan Sila: Tierchen unlimited, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kenah Cusanit: Babel. Hanser, 23 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben

Was macht ein reicher Kunsthändler mit all seinem Besitz, wenn er niemanden hat, der sein Erbe antreten kann? Plant Gonzales Rodríguez de Tejeda seine Reichtümer einem jungen Mann zu hinterlassen, mit dem er in Venedig gesehen wurde? Guido Brunettis Schwiegervater Conte Falier macht sich Sorgen um seinen langjährigen Freund Gonzales, zumal ihm weder dessen Lebenswandel noch die Beziehung zu dem jungen Mann geheuer sind. Und wie das in Venedig so üblich ist, bittet der Conte Brunetti um Hilfe, der wiederum seine befreundeten Polizeikollegen, allen voran Sekretärin Elettra, bei diskreten Nachforschungen über das Privatleben Gonzales’ einschaltet. Doch es geht viel mehr als um die Frage, wer denn nun wann was getan hat. Brunetti sieht sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen  und zutiefst menschlichen Fragen konfrontiert, für dessen Beantwortung er wie immer seine Frau Paola und klassische Literatur zur Rate zieht.

“Weil er über achtzig ist und sich in einem Mann verknallt hat, der deutlich jünger ist? Was ist so schlimm daran?”

Neben den aus anderen Brunetti-Romanen bekannten Themen wie Umweltverschmutzung und Venedig-Tourismus beschäftigt sich “Ein Sohn ist uns gegeben” auch mit den Werten, die eine Gesellschaft definieren und wie sie in diesem Fall auf die Liebe zwischen homosexuellen Männern reagiert. Denn, so fragt Griffoni ihren Kollegen Brunetti, würde es einen Unterschied machen, wenn Gonzales sich in einen gleichaltrigen Mann verliebt hätte? Weshalb soll bei dieser Beziehung nicht tatsächlich Liebe und nicht nur sexuelle Begierde im Spiel sein? Und Brunetti wiederum fragt sich, wie er reagieren würde, wenn es sich um eine Beziehung zwischen Heterosexuellen handeln würde.

Auch im mittlerweile 28. Fall für den venezianischen Kommissar findet der Leser all das, was er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat: Brunettis Familie, die immer noch zusammen lebt und nicht nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten miteinander redet; die Questura mit den Kollegen Vianello, Griffoni, Elettra und dem Vorgesetzten Vice-Questore Patta und natürlich Venedig mitsamt der italienischen Lebensart. Hat man den Roman gelesen, kann man ihn mit einem beruhigenden Seufzer und dem Gefühl weglegen, dass in Brunettis Welt die Dinge ihren richtigen Gang gehen.

Tipp: Wer noch nie einen Brunetti-Roman gelesen hat, sollte nicht irgendwo einsteigen, sondern tatsächlich mit dem ersten  Fall “Venezianisches Finale” beginnen. Alle Bände sind bei Diogenes erschienen.

 

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Es ist eine Art Paralleluniversum, in das Ian McEwan die Leser in seinem jüngsten Roman mitnimmt. Denn “Maschinen wie ich” spielt in Großbritannien im Jahr 1982 – allerdings einem anderen, als das, an das wir uns erinnern. Das Land hat den Falklandkrieg verloren,  Premierministerin Margaret Thatcher führt Wahlkampf gegen den Labour-Politiker Tony Benn und dank Alan Turing gibt es bereits in den 1980er Jahren Internet, Smartphones und selbstfahrende Autos. Charlie schlägt sich im London dieser Zeit durch und kratzt sein Geld zusammen, um sich einen der ersten Androiden, Adam, zu kaufen. Gerade als er den künstlichen Menschen geliefert bekommt, verliebt er sich in seine Nachbarin Miranda. Als Adam anfängt,  menschliche Gefühle und Eigenarten zu entwickeln, stellt sich nicht nur die Frage, wer mit wem in welcher Beziehung steht. Es geht im Grunde darum, was einen Menschen ausmacht und wann eine künstliche Lebensform menschlich ist.

“Der größere Mann hatte silbriges, nach hinten gekämmtes Haar, trug um den Hals einen lockeren braunen Seidenschal und eine Art Künstlerjoppe, die ihm schlaff von den Schultern hin.”

Ian McEwan beschäftigt sich auch in seinem neuesten Roman mit den Fragen unserer modernen Gesellschaft  und der Frage, wie wir Menschen darin leben und arbeiten wollen – angesichts der Klimakatastrophe, Umweltverschmutzung und des technischen Fortschritts, der Segen und Fluch zugleich ist. Dass er sich Elementen des Science-Fiction-Genres bedient, macht diese Fragen nicht weniger wichtig. Die 80er Jahre, die uns “Maschinen wie ich” in einem “Was-wäre-wenn”-Dreh der Geschichte vorführen, zeigen am Beispiel von Alan Turing auch, welche Auswirkungen heute unverständliches Verhalten von Regierung und Justiz nicht nur auf einen Mann, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes haben können. Wäre – so Ian McEwan – Alan Turing für seine Verdienste um das Knacken des deutschen Enigma-Codes im Zweiten Weltkrieg gewürdigt, statt für seine Homosexualität verurteilt worden, so hätte der geniale Mathematiker nicht Selbstmord begangen, sondern dank seiner Forschung den technischen Fortschritt, inklusive der künstlichen Intelligenz, deutlich schneller voran gebracht. Und mit ihm auch die Frage nach dem, was den Menschen eigentlich ausmacht.

“Alan Turing hatte es in seiner Jugend oft gesagt und geschrieben: In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.”

“Maschinen wie ich” ist kein Buch, das man nebenher liest. Zuviel Wissen, Überlegung und Tiefe steckt in jedem scheinbar so leicht dahin geschriebenen Satz. Faszinierend ist die Geschichte, an die man sich auch nach dem Ende des Buches noch erinnert, allemal. Und sie zeigt, dass Ian McEwan ein wunderbarer Erzähler ist.

Anmerkung: Wer diesen Blog öfter liest oder mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich schon einiges von Ian McEwan gelesen habe. Deshalb habe ich auch das englische Original “Machines like me” (Penguin, ca. 19£) vorbestellt – in der Hoffnung, es vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe beenden zu können. Allerdings hatte ich nicht mit der Schnelligkeit vom Diogenes-Verlag gerechnet, der mir das Rezensionsexemplar eine Woche vor dem offiziellen deutschen Erscheinungstermin auf die Türschwelle lieferte. Neugierig wie immer wenn neue Bücher den Weg zu mir finden, beschloss ich, einfach an der Stelle, an der ich gerade in der Originalversion war, in der deutschen Übersetzung weiterzulesen – was dank der wunderbaren Arbeit von Bernhard Robben nahtlos möglich war.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Diogenes, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lukas Hartmann: Der Sänger

Joseph Schmidt? Ein Sänger? Nie gehört. Aber “Ein Lied geht um die Welt” kenne ich. Irgendwie. Vielleicht als Teil des kollektiven Gedächtnisses.  Dass es diesen Sänger, diesen Tenor, der bis zur Naziherrschaft ein umjubelter Star und Frauenschwarm war, tatsächlich gegeben hat, macht den neuen Roman von Lukas Hartmann umso interessanter. In “Der Sänger” begleitet man Joseph Schmidt auf seiner Flucht, die ihn im September 1942 schließlich in die Schweiz führt, wo er hofft, so wie viele andere Juden Asyl zu bekommen. Dass er stattdessen in einem Lager landet, obwohl er doch eine Berühmtheit ist und obwohl er krank – todkrank wie sich herausstellt – ist, nimmt er zunächst gelassen, ist er doch dankbar dafür, überhaupt aufgenommen zu werden. Da seine Stimme zunehmend versagt, bleibt ihm nur noch, seine geliebte Musik in Form von Partituren zu lesen und sich an sein zurückliegendes Leben zu erinnern.

“Ich weiß nicht, ob ich noch an die Musik glauben soll. Sie war mein Leben, ihr habe ich alles untergeordnet. Wer lässt denn all das Üble zu, das uns zu wehrlosen Opfern macht?”

Wenn historische Romane neugierig machen auf das echte Leben der vorgestellten Personen, wenn man an die Handlung und das erzählte Schicksal noch denkt, wenn man das Buch längst zu Ende gelesen hat, dann durfte man das Werk eines Meistererzählers kennenlernen. Lukas Hartmann beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, historische Stoffe so zu erzählen, dass man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen möchte. Wie schon seine vorherigen Bücher ist auch dieses eine absolute Leseempfehlung.

 

Lukas Hartmann: Der Sänger, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung

Wenn der Verlag eines Buchautors findet, dass eben dieser Autor zu wenig Bücher verkauft, schickt er ihn auf Lesereise. Zumindest könnte man das laienhaft denken – zumindest in der heutigen Zeit, in der gefühlt ständig über zu wenig Leser, zu wenig Buchkäufer, gerne auch in Verbindung mit dem Untergang der abendländischen Kultur geklagt wird. Wer dann aber zu einer Lesung geht, findet begeisterte Leser und freudig aufgeregte Schriftsteller, die ein paar nette Stunden miteinander verbringen, Bücherkauf und Signiergelegenheit inklusive.

“Das Volk war dumm und wie das Vieh und würde niemals Anstand lernen.”

Was also für zeitgenössische Autoren zutrifft, gilt auch für die Dichter der Deutschen, Schiller und Goethe, wobei man natürlich korrekt Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller schreiben muss. Zumal wenn es nach dem Dichterfürsten Goethe geht, der sich eher unwillig auf die Lesereise begibt, die ihm sein Verleger Cotta aufgetragen hat, und die er gemeinsam mit seinem Freund Schiller möglichst schnell hinter sich bringen will. “Volksnähe” – unter diesem Motto steht die Reise der beiden – ist nämlich überhaupt nichts für Goethe, der sich seiner Bedeutung als Klassiker durchaus bewusst ist und auch als solcher behandelt werden will. Schiller dagegen ist populär und Goethe beschleicht der Verdacht, dass das Publikum hauptsächlich wegen des jüngeren Kollegen kommt.

“Er hatte genug. Er war alt. Er war Klassiker. Er war unsterblich. Er hatte alles erreicht.”

Überhaupt das Alter. Goethe ist mittlerweile 270, Schiller 260 Jahre alt, denn Christian Tielmann lässt seinen Roman “Unsterblichkeit ist auch keine Lösung. Ein Goethe-Schiller-Desaster” heute spielen. Was dabei herausgekommen ist, wirkt nur auf den ersten paar Seiten merkwürdig. Hat man sich erst eingelesen, ist die Konstellation, die die beiden Klassiker vor Schulklassen zeigt, die versuchen, die Zeit während der Pflichtveranstaltung totzuschlagen, ist nicht nur stimmig, sondern auch witzig und so erzählt, dass man die Geschichte unbedingt bis zum Ende lesen will. Und sich auch dabei ertappt, zu dem Regal zu schauen, wo die Werke der Klassiker stehen und sich fragt, wann man denn zum letzten Mal eines gelesen hat.

 

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung, dtv, 14 Euro.
Das Buch wurde mich freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Matt Haig: Mach mal halblang

Ein “nervöser” Planet? Kann das überhaupt sein? Und wenn ja – was bedeutet das für uns? Offensichtlich sind wir von allem etwas (auch wenn wir das vielleicht nicht zugeben wollen), also flatterhaft, zerfahren, unsicher, immer getrieben von einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht, uns mit immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit eindeckt. Wobei es zu diesen Informationen im Internet-Zeitalter auch gehört, seine Social-Media- und E-Mail-Accounts zu checken und sich so gleichzeitig zu versichern, wie der jüngste eigene Post bei den Followern angekommen ist. Wobei wir genau an dem Punkt wären, auf den es nicht nur für Matt Haig in “Mach mal halblang” ankommt: dieses Verhalten, dass wir uns mehr oder weniger unbewusst aufdrängen lassen, kann uns abhängig machen und deshalb gefährlich für uns werden. Nicht nur für Menschen – wie Matt Haig selber – die unter Panikattacken leiden. Denn durch den permanenten Druck, immer online zu sein, nehmen wir unsere eigene Umgebung nicht mehr wahr, können nicht mehr richtig abschalten.

“Das Internet enthält eine ganze Welt. Das Internet ist das, was wir daraus machen.”

Dabei ist Matt Haig weit davon entfernt, das Internet und die moderne Technik als Teufelszeug abzutun:  “Es ist einfach online Kontakte zu pflegen. Das Wetter spielt keine Rolle. Du brauchst kein Taxi und kein gebügeltes Hemd. Es kann wunderbar sein. Es ist oft wunderbar.” Er plädiert lediglich dafür, sich selbst bewusst zu machen, wie viel Zeit wir in welcher Form auch immer online verbringen, wie viel uns dadurch in der realen Welt entgeht, uns das klar zu machen und uns bewusst für etwas anderes zu entscheiden.

“Wir sind Menschen. Wir sollten uns nicht schämen, auch wie Menschen auszusehen.”

In “Mach mal halblang” hebt Matt Haig keinen moralischen Zeigefinger, der uns auf den rechten Weg und in die analoge Welt zurückführen will. Doch trotz des lockeren, oft witzigen, Plaudertons ertappt man sich nicht nur beim zustimmenden Nicken, sondern fragt sich, ob es nötig ist, während des Schreibens dieses Blogbeitrags noch drei andere Browser-Tabs offen zu haben und vor allem verfolgen zu müssen, was die Twitter-Timeline so treibt. (Antwort: Eigentlich nicht, vor allem wäre dieser Beitrag schneller fertig geworden.) Wer sich ein paar Stunden Zeit nehmen will für ein Buch, dem sei dieses empfohlen, nicht nur, weil Matt Haig ein wunderbarer Autor ist, sondern auch, weil die Übersetzung von Sophie Zeitz vergessen lässt, dass man ein Übersetzung liest, so leicht und selbstverständlich kommt die deutsche Version daher. Und ganz ehrlich: allein für den gelungenen Titel muss man dieses Buch lieben.

 

Matt Haig: Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten. dtv, 4,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict on the original version “Notes on a Nervous Planet” here.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Es tut Schriftstellern nicht immer gut, wenn sie zum Schulkanon gehören, ihre Werke also im Unterricht gelesen werden und der Umgang mit ihnen im besten Fall ein kleines Übel im schlimmsten Fall eine Qual ist. Liegt die eigene Schulzeit länger zurück, mag man sich mit einem Seufzer daran erinnern, dass man – wie in diesem Fall – die „Judenbuche“ gelesen und das Exemplar noch irgendwo bei den gelben Reclam-Heften sein müsste. Und fragt sich, ob und wenn ja was man über die Autorin, über Annette von Droste-Hülshoff, gelernt, aber wieder vergessen hat.

“Fräulein Nettes kurzer Sommer” erlaubt einen Blick in die Zeit und die Lebensumstände und deren Konventionen, unter denen Droste-Hülshoff lebte. Konventionen, denen sie sich nicht anpassen wollte und schon alleine dadurch unangenehm auffiel, dass sie eine eigene Meinung hatte und sich nicht mit Handarbeiten begnügte. Als sie in dem mittellosen Studenten Straube einen Seelenverwandten findet und sich in ihn verliebt, glaubt sie ihren zukünftigen Ehemann gefunden zu haben und dennoch – allen gegenteiligen Meinungen zum Trotz – ein konventionelles Leben führen zu können.

Doch eine als angebliche moralische Prüfung getarnte Intrige zerstört nicht nur Annette von Droste-Hülshoffs Ruf, sondern auch den ihrer Familie, die fortan nur noch daran interessiert ist, sie aus der Öffentlichkeit und von ihrer großen Liebe fernzuhalten.

“Eine Überanstrengung des Gehirns ermattet die generativen Organe und zerrüttet ihr harmonisches Zusammenspiel. Ihr Körper ist nicht eingerichtet, um zu denken, sondern um die große Absicht zu erfüllen, welche die Natur ihm auferlegt hat.”

Karen Duve hat sich der historischen Figur Annette von Droste-Hülshoff über ein umfangreiches Quellenstudium genähert und ihre Ergebnisse in einem Roman verarbeitet, der nicht zuletzt auch durch die altertümelnde Sprache dem Thema gerecht werden will. Das gelingt auch insofern als ein Gesellschaftsbild entsteht, in dem Konventionen das Leben vor allem der Frauen bestimmen. Einem Leben, an dem Annette von Droste-Hülshoff stellvertretend für alle unkonventionellen Frauen ihrer Zeit letztlich scheitert.

Was bleibt von diesem Buch in Erinnerung? Ein leichtes Bedauern darüber, dass man gerne mehr über “die Droste” erfahren würde und dass man eigentlich auf etliche der studentischen Szenen hätte verzichten können, hätte man mehr über Nette erfahren. Mehr über ihre Gefühle, mehr darüber, wie sie schrieb. Hat man sich aber erst einmal an die eigentümliche Sprache gewöhnt, bekommt man Einblick in eine längst vergangene Welt mit heute fremd anmutenden Ritualen und Verhaltensvorschriften. Und man möchte mehr erfahren über die Autorin der “Judenbuche”.

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Kiepenheuer&Witsch/Galiani, 25 Euro/E-Book 22,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben

Korea wurde 1910 von Japan annektiert und die Einheimischen  von da an als Menschen zweiter Klasse behandelt. Erst recht, wenn sie wie Sunja ihre Heimat verlassen und in Japan leben. Dabei will sie nur keine Schande über ihre Familie bringen, denn sie ist ledig und erwartet ein Kind von einem verheirateten Mann. Anstatt mit ihrem Schicksal zu hadern, arrangiert sich Sunja  und baut  sich  ein neues Leben auf. Ihre Söhne aber wollen mehr erreichen, studieren oder machen Karriere in der kriminellen Welt der Spielhallen.

“Die Geschichte hat uns im Stich gelassen, aber was macht das schon.”

Min Jin Lee war zumindest mir vollkommen unbekannt und wäre mir ihr neuestes Buch “Ein einfaches Leben” nicht empfohlen worden, ich hätte es wohl nicht gelesen. Allerdings wäre ich dann um eine wunderbare Entdeckung ärmer. Und das ist ja genau das, was das Lesen ausmacht. Bücher können Türen sein zu unbekannten Welten, über die wir noch nichts oder nur sehr wenig gewusst haben. Im besten Fall unterhalten sie nicht nur, sondern wecken das Interesse, mehr zu erfahren. “Ein einfaches Leben” ist ein solches Buch, das einem zudem noch beschäftigt, wenn man es  zu Ende gelesen hat.

 

Min Jin Lee: Ein einfaches Leben, dtv, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Kurzgeschichten sind so eine Sache. Sie bringen dem Leser Figuren nahe und nehmen sie dem Leser wieder weg, sobald  der sich an sie gewöhnt hat. Noch dazu wenn die Geschichten außerordentlich gut geschrieben sind. Wie die zehn Geschichten, die in dem Band “Die Wahrheit über das Lügen” versammelt sind und von einem der besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart geschrieben sind: Benedict Wells.

“Schon eigenartig. Immer an Weihnachten war ihm, als würde es in der Bibliothek spuken, als hörte er seltsame Geräusche, die sofort verschwanden, wenn er die Tür aufmachte.”

Die Themen sind dabei so unterschiedlich wie die Figuren und reichen von der persönlichen Vergangenheitsbewältigung, dem Bedauern darüber, sich falsch entschieden zu haben bis hin zu Fantasy und Science-Fiction. Während in “Die Wanderung” Henry wieder einmal aus den Verpflichtungen als Ehemann und Vater fliehen will und deshalb am Geburtstag seines Sohnes zu einer langen Bergwanderung aufbricht, und vermeintlich am späten Abend nach Hause kommt, erzählt Adrian Brooks in “Das Franchise” weshalb er der eigentliche Erfinder der Star-Wars-Saga ist. Sind diese beiden Geschichten noch halbwegs in der Realität angesiedelt, lernt der Leser mit “Die Nacht der Bücher” ein wunderbares Märchen kennen und lieben.

Benedict Wells legt mit “Die Wahrheit über das Lügen” einen Band mit zehn Geschichten vor, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind.  Mag dieser Zeitraum bei manchen Autoren zeigen, wie sich deren Stil geändert und im besten Fall verbessert haben, ist der von Benedict Wells durchgehend genial.  “Die Wahrheit über das Lügen” ist zum Seufzen schön.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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