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Ich war noch niemals in New York


Ach, das es das noch geben darf: einen deutschen Film, der sich selbst keine Minute ernst nimmt, vor keinem Klischee zurückschreckt und das Ganze auch noch mit jeder Menge Zuckerguss garniert. Genau das ist „Ich war noch niemals in New York“ (129 Minuten, FSK ohne Beschränkung).

Die Geschichte, die sich an Bord des Überseedampfers „MS Maximiliane“ auf deren Fahrt nach News York abspielt und von verpassten Chancen, verlorenen Lieben und dem Versprechen auf einen Neustart handelt, könnte nicht bunter und bühnenhafter erzählt werden.

Lisa Wartberg (Heike Makatsch) ist eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin, deren Mutter (Katharina Thalbach) nach einem Sturz ihr Gedächtnis verliert und sich nur noch an New York erinnert. Deshalb flieht sie aus dem Krankenhaus und schafft es als blinde Passagierin auf das Schiff, wo ihr Otto (Uwe Ochsenknecht) begegnet. Lisa wiederum trifft auf den Statistiker Axel (Moritz Bleibtreu).

Diese starbesetzten Irrungen und Wirrungen sind erstaunlich kurzweilig, traurig und komisch und man wird den Verdacht nicht los, dass die Schauspieler mindestens genauso viel Spaß am Schauspielern wie am Singen und Tanzen hatten. Wer sich einfach gut unterhalten lassen möchte, ist bei diesem Film genau richtig.

Ich war noch niemals in New York, 129 Minuten, FSK ohne Altersbeschränkung
⭐⭐⭐⭐

Joker


Nein, das ist kein leichter Film und die Altersfreigabe (FSK 16) inklusive des Hinweises vor dem Kinoeingang mehr als sinnvoll. Denn das, was Joaquin Phoenix in der Titelrolle abliefert, ist eine einzige Achterbahnfahrt, die den Film die kompletten 118 Minuten trägt. Der Zuschauer schwankt von Anfang an zwischen Ekel, Mitleid, Angst, Lachen und irgendwie auch dem Wunsch, das Kino sofort zu verlassen. Der Joker, der sich erst am Ende des Films so nennt und eigentlich Arthur Fleck heißt, ist die personifizierte Unterklasse der New Yorker Gesellschaft. Er arbeitet bis zu seiner Entlassung als Clown, wird mehrfach verprügelt, gedemütigt, ist in Therapie (wo er sich allerdings nur seine Medikamente verschreiben lässt) und lebt mit seiner kranken Mutter, die er aufopferungsvoll pflegt, in mehr als armseligen Verhältnissen.

“Mein ganzes Leben lang war mir nicht klar, ob ich überhaupt existierte. Aber ich tue es. Und mit der Zeit fällt es den Leuten langsam auf.”

Aber er gibt seinen Traum, als Comedian Karriere zu machen, nicht auf. Allmählich erfährt der Zuschauer mehr über Arthurs Hintergrund, während er gleichzeitig erlebt, wie sich Arthur vom stillen Dulder zum Joker wandelt, der vor keinem Extrem zurückschreckt.

Joaquin Phoenixs schauspielerische Leistung ist so außergewöhnlich wie die Rolle, für die er nach eigenen Angaben 24 Kilogramm abgenommen hat und für die er auch vor dem Hässlichen und Abstoßenden nicht zurückschreckt. Bezeichnend dafür sind die Szenen, in denen er nur mit einer Unterhose bekleidet selbstvergessen tanzt  oder in denen er zum brutalen Mörder wird. Wenn Phoenix nicht den Oscar für den besten männlichen Hauptdarsteller bekommt, so dürfte ihm zumindest eine Nominierung sicher sein.

Joker, Länge 118 Minuten, FSK 16.

⭐⭐⭐⭐⭐

Geheimnis eines Lebens

So ganz hat sie scheinbar nicht verstanden, weshalb sie verhaftet wird. Die über 80 Jahre alte Joan Stanley (Judi Dench) wird in ihrem Haus in einem Londoner Vorort verhaftet und intensiv verhört. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit erfährt der Zuschauer nach und nach, dass die junge Joan (Sophie Cookson) 1938 in ihrer Zeit als Physik-Studentin in Cambridge Freundschaften und Beziehungen zu russischen Kommilitonen unterhielt. Die biedere Joan lernt die aus Russland stammende Studentin Sonya (Tereza Sbrová) kennen und ist fasziniert von deren offensichtlicher Weltläufigkeit, probiert buchstäblich deren rote (!) Stöckelschuhe an und posiert in einem Pelzmantel vor ihrem großen, goldenen Spiegel. Und sie verliebt sich unsterblich in deren gutaussehenden Cousin Leo (Tom Hughes, der in „Victoria“ Prinz Albert spielt), mit dem sie über Jahre hinweg eine „on/off-Beziehung“ führt und der sie als Spionin für die Sowjetunion gewinnen will. Als Assistentin von Max Davis (Stephen Campbell Moore, jüngst in „A Child in Time“ zu sehen) hat Joan während des Zweiten Weltkriegs Zugang zu einem Projekt, mit dem Großbritannien eine eigene Atombombe entwickeln will. Als sie erfährt, welche furchtbaren Auswirkungen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten, kann sie nicht mehr länger untätig zuschauen, wie sich die Menschheit selber vernichtet. Joan beschließt, wichtige Unterlagen an die Sowjetunion zu verraten.

„Geheimnis eines Lebens“ wechselt immer wieder zwischen der Gegenwart des Jahres 2000, in der die alte Joan verhört wird, und der Zeit kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs. Während sich die alte Joan an damals erinnert, schafft es eine überragende Judi Dench mit nur wenigen Worte und Gesten, ihre Verwunderung über die MI5-Verhörer auszudrücken, die offenbar keine Ahnung vom damaligen Leben haben, das sie gleichsam mit einem Seufzer wieder belebt.

Am besten in eine „Frauenladen” gehen

Diese Rückblenden, in denen Sophie Cookson als junge Joan brilliert, sind in der besten Tradition eines Period-Dramas inszeniert, in der von der zeitgenössischen Kleidung bis hin zur Teetasse alles mit viel Liebe zum Detail ausgesucht und in Szene gesetzt wurde. Darüber hinaus zeigt es aber auch, in welchen Umständen Frauen damals gearbeitet haben, dass sie nicht als ebenbürtige Kolleginnen wahrgenommen wurden, sondern bestenfalls Tee servieren oder als Sekretärinnen adrett auf dem Besucherstuhl Notizen machen durften. „Wir sind Frauen, niemand traut uns das zu“, bringt Sonya das Ganze treffend auf den Punkt und gibt Joan dann auch noch den Tipp am besten in einen „Frauenladen“ zu gehen, wenn sie einen Verfolger abschütteln will. Witzig und bezeichnend zugleich ist dann auch die Reaktion eines Polizisten, der Joans Handtasche durchsucht, eine Packung mit Damenbinden wie elektrisiert wegsteckt und die Tasche wieder zurückgibt, ohne die in der Packung versteckte Minikamera gefunden zu haben. Gleichberechtigung ist ein Thema, das unwillkürlich an den Film „Hidden Figures“ erinnert, der die unbekannten Frauen der Nasa in den USA der 1950er und 1960er Jahre in den Mittelpunkt stellt – und die beispielsweise um heute so banale Dinge wie eine Damentoilette in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes kämpfen mussten.

„Geheimnis eines Lebens“ ist ein leiser, aber umso eindringlicher Film, von dessen 102 Minuten keine überflüssig ist.
⭐⭐⭐⭐⭐

Spider-Man: Far From Home

Wehmütig endet „Avengers: Endgame“ mit dem Tod zahlreicher geliebter Helden und wehmütig ist der nächste Marvel-Blockbuster auch am Anfang. Peter Parker (Tom Holland) sieht als Spider-Man ein riesiges Bild von Iron Man (Robert Downey Jr) auf einer Hauswand und kann die Tränen kaum zurück halten. Zu nah sind noch die Erinnerungen an den „Blip“, mit dem einige Helden – und mit ihnen auch normale Menschen – dank der Portale von Doctor Strange und Wong von den Toten zurückgeholt wurden. Doch einige, darunter Iron Man, alias Tony Stark, haben sich für den Fortbestand der Menschheit geopfert. Da hilft es wenig, dass Tony seine Brille an Peter übergeben hat, der sich mit diesem Erbe überfordert fühlt. Er verwendet das Gadget lieber dafür, seinen Klassenkameraden auf dem Schulausflug nach Europa hinterher zu spionieren.

Denn schließlich ist Peter wenn er sich nicht gerade in das Spider-Man-Kostüm zwängt, nichts weiter als ein Junge in der Pubertät, der seinem Schwarm MJ (Zendaya) auf dem Eiffelturm in Paris seine Liebe gestehen will. Doch bis es soweit ist, muss er in Venedig noch ein Wassermonster bekämpfen, Bekanntschaft mit einem neuen Superhelden namens Quentin Beck oder Mysterio (Jake Gyllenhall) machen und die aufdringlichen Anrufe von S.H.I.E.L.D-Boss Nick Fury (Samuel L. Jackson) abwehren.

„Spider-Man: Far From Home“ ist ein würdiger Nachfolger von „Endgame“, weil er in bester Marvel-Manier zahlreiche Verweise auf den jüngsten, aber auch auf frühere Filme macht und den Übergang zur nächsten Phase im Marvel-Universum weitererzählt. Neben den wehmütigen Momenten, bei denen die Zuschauer die ein oder andere Träne verdrücken, ist dieser Film voller Witz und beeindruckender Special Effects, die nicht zuletzt deshalb so überraschend sind, weil sich Spider-Man statt durch die Häuserschluchten New Yorks dieses Mal durch Venedigs Kanäle, über Hollands Tulpenfeldern oder entlang Londons Tower nebst ikonischer Tower Bridge schwingt. Tom Holland zeigt, dass er das Spider-Man-Kostüm würdig auszufüllen weiß. Wie bei allen Marvel-Filmen gilt: den ganzen Abspann anschauen.
⭐⭐⭐⭐⭐

Der verlorene Sohn

Ein Sohn, der erkennt, dass er schwul ist. Ein Vater, der Baptistenprediger und Inhaber eines Autohauses ist. Und eine Mutter, die sich entscheiden muss, ob sie immer nur passiv sein will. Jared (Lucas Hedges) stellt mit seinem Outing nicht nur das zutiefst religiöse Leben seiner Mutter Nancy (Nicole Kidman) und seines Vaters Marshall (Russell Crowe) auf den Kopf, sondern das der ganzen Gemeinde. Zusammen mit deren Predigern fällt die Entscheidung, den 19-jährigen Jared in ein Zentrum zu schicken, in dem Homosexuelle mit der “Reparativtherapie” geheilt werden sollen – basierend auf der Überzeugung, dass sie “so” nicht auf die Welt gekommen sind. Unter dem Druck, seine Familie und seine religiöse Identität zu verlieren, entschließt sich Jared, die brutalen und entwürdigenden Methoden des Therapeuten Victor Sykes (Joel Edgerton) über sich ergehen zu lassen.

“Ich denke an Männer. Ich weiß nicht wieso, und es tut mir auch leid.”

“Der verlorene Sohn” ist alles andere als Popcorn-Kino und streckenweise nur schwer zu ertragen. Das liegt vor allem am  brillanten Lucas Hedges, der wie schon zuvor in “Ben is back” erneut beweist, dass er die schockierenden Erlebnisse, die darin gipfeln, seine Identität auszulöschen (der englische Titel “Boy Erased” weist das viel deutlicher aus als der deutsche) glaubhaft darstellen kann. Flankiert von einer Nicole Kidman, die  streckenweise die Verkörperung amerikanischer Hausfrauen-Klischees ist und Russell Crowe, der bis zuletzt nicht von seiner religiösen Überzeugung abweicht, zieht der Film den Zuschauer in den Bann. Bis zum Ende, das dem Film nicht gerecht wird.

Der Film basiert auf den Erinnerung von Garrard Conley, der seine Erlebnisse unter anderem im Roman “Boy Erased” (auf Deutsch im Secession-Verlag) verarbeitet hat.

★★★★

 

Green Book

In the 1960s Tony Lip (Viggo Mortensen) is a bouncer in a New York nightclub. When this is closed due to renovation, he applies for a job Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) has to offer. As it turns out, Shirley is not a “normal” doctor but a highly acclaimed black pianists who looks for a driver for his upcoming tour into America’s deep south. Tony takes this job, trying everything to stick to the schedule and reaching every town just in time to settle the stage and prepare for the next concert. The deeper they get into the southern states, where segregation is still in place, Tony realises that Don is only welcome and cheered at when he is the pianist on the stage  but not as a black man. Don on the other hand learns that Tony is a man he can rely on.

“It takes courage to change people’s hearts.”

“Green Book” which title refers to the “Negro Motorist Green Book“, an annual guide book for afro-american roadtrippers, tells a story that isn’t totally new to both the big and the small screen. But the way the story between two different men who become unlikely  friends is told here, is funny and sad and shocking and it has a warmth that draws you easily into its 130 minutes – with no boring moments.

Mahershala Ali took a Bafta, a Golden Globe and an Oscar as best supporting actor, while Viggo Mortensen was nominated as leading actor.
“Green Book” won the Oscar for best picture.

[Updated after the Oscars ceremony

★★★★★

Ben is back

Es ist eine ganz besondere Überraschung für die Familie, denn der 19-jährige Ben (Lucas Hedges) steht an einem kalten und verschneiten Tag plötzlich vor der Tür. Seine Mutter Holly (Julia Roberts) ist voller Freude, sollte doch ihr Sohn Weihnachten in einer Drogen-Entzugsklinik verbringen. Während Tochter Ivy (Kathryn Newton) und Stiefvater Neal (Courtney B. Vance) skeptisch sind und glauben, dass es für Ben viel zu früh ist, die Klinik zu verlassen, tut Holly alles, damit ihr geliebter Sohn keinen Rückfall erleidet. Sie versteckt alles, womit seine Sucht getriggert werden könnte,  nimmt sich vor, ihn keine Sekunde aus den Augen zu lassen und gleichzeitig ihre Familie zusammenzuhalten.

“Du wirst mir keinen Augenblick von der Seite weichen. Denn In den nächsten 24 Stunden entscheide nur ich, ganz allein , verstanden?”

“Ben is back” ist ein sehr intensiver Film, der vor allem auf die Präsenz einer beeindruckenden Julia Roberts setzt. Dabei ergänzt sie sich kongenial mit Lucas Hedges, der Ben gleichzeitig sensibel, verletzlich, aber auch schroff und ablehnend spielt. Alles in allem ist der Film keine leichte Unterhaltung, bietet er weder – so viel sei verraten – ein Happy End, noch gibt es während der ganzen 103 Minuten Momente der echten Entspannung oder des Glücks. Immer erwartet man, dass irgendetwas passiert, auch wenn man nicht so genau weiß, was das denn nun eigentlich sein sollte. Vielleicht ist das der Grund, weshalb dieser Film möglicherweise einer sein wird, der von diesem Filmjahr im Gedächtnis bleiben wird.

★★★★★

Colette

What if you are a gifted author whose stories are beloved by their readers? You can make a living out of it – but only if you are a man. That’s the problem Gabrielle Colette (Keira Knightley) faces after she has moved with her husband Henry Gauthier-Villars (Dominic West) from rural France to Paris. Here they live a bohemian life at the dawn of the 20th century. While her husband tries to write articles for various magazines with the help of ghost writers, he discovers Colette’s talent and convinces her to write novels. The first one is published under his name – Willy – and becomes a huge success with an audience demanding for more. Henry, keen to earn more money by selling more “Claudine” novels, forces Colette to continue writing under his name while they both enjoy a celebrity’s couple’s life including parties and different sexual relationships.

“My name is Claudine, I live in Montigny; I was born there in 1884; I shall probably not die there.”

But as time goes by, a frustrated Colette doesn’t want to hide her authorship anymore, she wants to be more than only her husband’s wife – questioning the norms of society.

“Colette” is a beautifully made film where every single detail of the set is chosen very carefully. Keira Knightley fits perfectly in this set and in the corsets, skirts and dresses while being witty, funny, angry and all in all a joy to watch. In 2014 she was Benedict Cumberbatch‘s Alan Turing‘s fiancée and life long friend Joan Clarke in “The Imitation Game” which earned her (and Benedict) an Oscar nomination. In this film Keira is on top of her performance abilities, portraying Colette from a shy girl to a strong woman ready to walk her way in a society dominated by men. One of the shiny 2019 Oscars could carry Keira’s name.
★★★★★

Die Frau des Nobelpreisträgers

“Ich in eine Königsmacherin”, sagt Joan Castleman (Glenn Close) auf die Frage, was sie denn so mache. Spätestens dann ist dem Zuschauer klar, dass irgendetwas nicht stimmt an der Geschichte des erfolgreichen Schriftstellers Joe Castleman (Jonathan Pryce), ihres Ehemanns, dessen Laufbahn mit der Verleihung des Literaturnobelpreises gekrönt wird. Joe hat seine besten Jahre hinter sich und ist offenbar darauf angewiesen, dass ihn seine Frau  umsorgt, treusorgend könnte man schreiben, denn Joan kümmert sich nicht nur darum, dass er seine Herztabletten regelmäßig nimmt. Sie ist auch seine Sekretärin und sorgt dafür, dass er Termine einhält. Und sie vermittelt zwischen ihm und dem gemeinsamen Sohn (Max Irons), der ebenfalls Schriftsteller werden will und der nichts lieber möchte, als von seinem Vater anerkannt zu werden.

Anerkannt werden, das möchte auch Joan, nicht dafür, dass sie eben das ist “Die Frau des Nobelpreisträgers” wie der Filmtitel schon sagt.  Denn sie und nicht Joe ist die eigentliche geniale Schriftstellerin, die aus den Ideen ihres Mannes die erfolgreichen Bücher schreibt, die ihm den Nobelpreis einbringen.

“Es gibt nichts Verwerfliches, an dem was wir tun.”

“Die Frau des Nobelpreisträgers” ist ein ruhiger Film, der von den Hauptdarstellern lebt. Doch das allein reicht nicht. Freilich zeigt  Glenn Close all das, was man von einer mehrfach ausgezeichneten Schauspielerin erwartet, aber auch nicht mehr. Es fehlt den ganzen Film hindurch das letzte Stückchen, das den Zuschauer emotional packt und für Joan mitfiebern lässt. Dass Glenn Close im Vorfeld der jüngsten  Golden-Globe-Verleihung für ihre Leistung hochgelobt und letztlich als beste Hauptdarstellerin in einem Drama ausgezeichnet wurde, ist meiner Ansicht nicht gerechtfertigt.

☆☆☆☆

Alan Turing – ein echter Held

Der Zweite Weltkrieg ist auch bald 70 Jahre nach seinem Ende immer noch präsent, jedenfalls wenn man sich den Stoff ansieht, aus dem Filme und Bücher gemacht sind. Mit “The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben” (115min, Verleih: Square One) kommt am 22. Januar ein weiterer Film, der in dieser Zeit spielt, ins deutsche Kino. Doch er ist nicht einfach ein weiterer Film, der in dieser Zeit spielt.

“The Imitation Game” ist ein Film über den auch bei uns weitgehend unbekannten Helden Alan Turing. Der englische Mathematiker war zusammen mit seinen Kollegen maßgeblich daran beteiligt, den Zweiten Weltkrieg – wie Experten heute meinen – um bis zu vier Jahre zu verkürzen und Millionen Leben zu retten, indem er den deutschen Enigma-Code knackte. Doch der Film ist weit davon entfernt im Pathos zu ersticken, denn er ist auch eine Tragödie. Turing, den Zeitgenossen als liebenswerten, aber etwas merkwürdigen Menschen beschreiben, tat immer das, wovon er überzeugt war. Er lebte für die Mathematik, in der er als Genie galt, er war witzig und er war homosexuell zu einer Zeit, in der das verboten war und mit Gefängnis bestraft wurde.

“Sie brauchen mich viel mehr als ich Sie.”
Alan Turing in seinem Vorstellungsgespräch (meine Übersetzung)

TIG_OFTrailer_23_ 2014-07-21 16:22:34

Benedict Cumberbatch als Alan Turing – aus einem Trailer. Screenshot: pb

Der Film von Regisseur Morton Tyldum hat alles, was ein guter Film braucht: er ist witzig, spannend, herzerwärmend und herzzerreißend. Und er ist zu allererst ein Film über Alan Turing (gespielt von Benedict Cumberbatch), der Großbritannien loyal diente, alle Geheimnisse über seine Arbeit in Bletchley Park wahrte und dafür nicht etwa mit allen Ehren bedacht wurde, die ein Land vergeben kann. Alan Turing wurde dafür bestraft, homosexuell zu sein und mit Östrogen behandelt, um ihn von der Homosexualität zu heilen. Außerdem hielt man ihn für unzuverlässig, Geheimnisse für sich behalten zu können und schloss ihn von seiner Arbeit als Kryptoanalytiker beim späteren britischen Geheimdienst aus.

Benedict Cumberbatchs beste Leistung

Benedict Cumberbatch gilt Kennern zurecht als einer der besten Schauspieler seiner Generation. In “The Imitation Game” liefert er seine bisher beste schauspielerische Leistung auf der Kinoleinwand ab. Sein Alan ist verletzlich, arrogant, witzig, eigenbröterlisch und er tut und sagt immer genau das, was er in diesem Moment für richtig hält. Das wahre Können eines Schauspielers offenbart sich auch in dem, was er nicht sagt, dann nämlich, wenn ein Schauspieler mit einer einzigen Geste, einem einzigen Wimpernschlag einen ganzen Monolog erzählen kann. Das kann Benedict Cumberbatch den ganzen Film über, der in jedem Detail und mit jeder Rolle perfekt ist. Doch in der letzten Szene, die er zusammen mit Keira Knightley hat –  sie spielt Joan Clarke, eine Kollegin und Freundin, die auch noch nach Alan Turings Tod sehr viel für ihn empfunden hat – zeigt sich Benedict Cumberbatchs wahre Meisterschaft. Und die des Films, der auch in herzzerreißenden Szenen niemals kitschig ist.

“The Imitation Game” ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er verdient jede Auszeichnung, für die er bereits jetzt gehandelt wird.

 

Update: [25.Januar 2015]

Gestern habe ich die deutsche Fassung gesehen. Und ich muss zugeben: Sie ist nicht so schlimm wie ich befürchtet habe. Erst vor ein paar Tagen habe ich den deutschen Trailer noch einmal gesehen und war der festen Überzeugung, dass die Synchronisation grottenschlecht ist. Vor allem beim Vorstellungsgespräch zwischen Alan Turing (Sprecher: Tommy Morgenstern) und Commander Denniston (Leon Richter) hatte ich den Eindruck, dass beide Synchronstimmen überhaupt nicht zu denen der Schauspieler passen und viel zu hoch rüberkommen. Ein Eindruck, der sich dann auch bestätigt hat. Dass Tommy Morgenstern, der auch Sherlocks deutsche Stimme ist,  hier Benedict Cumberbatch seine Stimme leiht, hätte ich nicht gedacht. Sie klingt mir vergleichsweise viel zu hoch. Was aber sicher daran liegt, dass ich nicht nur an Benedicts tiefe Stimme gewöhnt bin, sondern auch daran, dass ich viel im englischen Original anschaue – dem Internet sei Dank. Daher wirken Synchronfassungen auf mich irgendwie flacher und zu sehr einem Hochdeutsch angepasst, dass im üblichen Sprachgebrauch so nicht verwendet wird. Das gilt auch für “The Imitation Game”.

Es ist sicher nicht leicht, eine Synchronisation zu machen: Vieles aus der Originalsprache ist schlichtweg nicht 1:1 ins Deutsche zu übersetzen, von der Koordination der Lippenbewegungen ganz zu schweigen. Weil nicht jeder einem Film auf Englisch (oder auch einer beliebigen anderen Sprache) folgen kann, ist sie dennoch hilfreich. Wer aber die Möglichkeit hat, die Originalfassung zu schauen, sollte das unbedingt tun. Auch wenn es vor allem für Ungeübte nicht leicht ist. Es lohnt sich!

Den englischen Trailer gibt es hier.


Hier gibt es den deutschen Trailer.

Grundlage für den Film ist das lesenswerte Buch von Andrew Hodges “Enigma”. Meinen englischen Buchtipp gibt es hier.

You can find the English version of this entry here.

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