Schlagwort: Geschichte

Lia Tilon: Der Archivar der Welt

Er ist eigentlich nur der Chauffeur, doch dann soll er Fotos machen. Alfred Dutertre bricht zusammen mit dem Pariser Bankier Albert Kahn zu Reisen in ferne Länder auf, denn Kahn will ein Archiv der Welt schaffen, ein Archiv, das aus Fotos bestehen soll. Und genau diese Fotos soll Dutertre aufnehmen.

Im Rückblick erzählt eben dieser Alfred Dutertre sein Leben und das des mittlerweile kranken Albert Kahn, der glaubte, mit Hilfe der Fotografie zur Völkerverständigung beitragen zu können. Basierend auf wahren Begebenheiten taucht der Leser ein in eine längst vergangene Zeit und lernt mit Alfred Kahn einen Menschen kennen, der vielleicht früher als andere ahnte, dass sich die Welt nicht nur verändert, sondern auch bestimmte Lebensweisen verschwinden werden und er zumindest die Erinnerung daran bewahren möchte. Als Kahn verarmt und schwer erkrankt, bleibt Dutertre bei ihm und pflegt dank der über 70.000 Fotos die gemeinsame Erinnerung an ein vergangenes Leben und eine vergangene Welt.

“Über Amerika und Honolulu fahren wir nach Japan und China. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unterwegs zu fotografieren, nicht wahr?”

Mit “Der Archivar der Welt” legt Lia Tilon ein Werk vor, das eine Mischung ist aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, die im Rückblick erzählt werden. Weder das eine noch das andere ist reißerisch geschrieben, dafür in einer ruhigen und unaufgeregten Art umso eindringlicher.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre 1918-1938

Die Zwischenkriegsjahre scheinen im Rückblick auf als eine Zeit, in der alles möglich schien.  Nach den verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, der Werte und Gesellschaften mit einem Schlag nicht nur in Frage stellte, sondern zerstörte und ehemalige Soldaten zu traumatisierten Männern machte, schien es so, als würde es allmählich aufwärts gehen. Als würde die Entwurzelung, die Entfremdung der Menschen, hervorgerufen durch neue Entwicklungen wie technische Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, das Wachsen der Städte (mit der Metropole Berlin als Musterbeispiel) allmählich einer neuen Zuversicht Platz machen. Doch während die einen in den  Clubs der Großstädte hemmungslos feierten, versuchten vor allem die Armen einfach nur zu überleben.

In “Die zerrissenen Jahre” zeichnet Philipp Blom ein vielfältiges Bild der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, das sich nicht auf Europa beschränkt. Anhand von Einzelschicksalen macht er die globalen Entwicklungen und ihre Auswirkungen greifbar. So verdeutlicht der englische Dichter Wilfred Owen, der als Soldat an der Westfront zum Shell-Shock-Opfer, zum Kriegszitterer, geworden war, das Schicksal seiner Generation, die bald als die “verlorene” bezeichnet wird. Blom sieht zwischen den verstümmelten Körpern der Kriegsveteranen und den heroisch überstilisierten Athleten der Olympischen Spiele von 1936 einen direkten Zusammenhang: Das Nazi-Regime feierte den Übermenschen, der “seine eigene Zeit und seine körperlichen Begrenzungen überwinden kann, um der Technologie und den zerstörerischen Mächten der Geschichte die Stirn zu bieten.”

“‘No Future’ begann in den Schützengräben.”

Der überwundene Krieg hinterließ eine Leere, die von politischen Ideologien mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen gefüllt wurden und Hoffnung auf eine bessere Zukunft versprachen.  Hoffnung und Zukunftsperspektive, an der die Feiernden in den Berliner Clubs der Goldenen Zwanziger Jahre nicht interessiert waren, solange die Gegenwart ausreichend Vergnügungen bereithielt.

Wie schon in “Der taumelnde Kontinent” schafft es der Historiker Philipp Blom, Geschichte greif- und lesbar zu machen. Sein Streifzug durch die Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1938 ist fundiert, faktensatt, niemals langweilig und daher unbedingt empfehlenswert.

 

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre, 1919 bis 1938, dtv, 12,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Veit-Jakobus Dieterich: Martin Luther

Jubiläen bringen es heutzutage zwangsläufig mit sich, dass sie begleitet werden von medialem Getöse in Form von Filmen, Dokumentation und Büchern. Eine gute Anlaufstelle für die Suche nach qualitativ gut gemachten, aber nicht abgehobenen Sachbüchern ist  im Falle Martin Luthers, dessen Reformation sich heuer zum 500. Male jährt, Veit-Jakobus Dieterich “Martin Luther – Sein Leben und seine Zeit”.

Wie der Titel verspricht, erklärt Dieterich Martin Luthers Leben und sein Verhalten im Kontext seiner  Zeit, dem Deutschland um 1500, das aufgesplittert in 300 Herrschaftsbereiche zwar keine staatliche Einheit, aber sehr wohl ein Nationalbewusstsein besaß. Der deutsche Kaiser Kaiser Karl V. hatte nur in den Landesteilen wirkliche Macht, in denen er auch oberster Landesherr war. Daneben waren die Päpste durchaus weltliche Herrscher. Das Leben des einfachen Volkes war geprägt von Lebenslust, Höllenangst und Religion, die im Alltag immer präsent war. Martin Luther war sich dessen natürlich bewusst, auch wenn er sich als Gelehrter verstand und sein Leben lang Wert auf seinen Doktortitel legte.

“Sein Leben verlief auf unterschiedlichen Ebenen, einmal in bürgerlicher Behaglichkeit, das andere Mal in tiefen Krisen und unglaublichen Umbrüchen (…).”

Veit-Jakobus Dieterich schöpft aus einer reichen Quellenlage, anhand derer man Luthers Leben sehr genau nachvollziehen kann. Zusammen mit zahlreichen, durchaus unterschiedlichen Einschätzungen ist es am Leser, sich ein eigenes Urteil über den großen Reformator zu bilden, der zweifellos Weltgeschichte geschrieben hat und aus der Reihe der berühmten Deutschen nicht wegzudenken ist. Das Buch ist mit zahlreichen farbigen Abbildungen illustriert, hebt wichtige Zusammenhänge oder Personen in farbigen Kästen hervor und ist liebevoll gestaltet. Nicht zuletzt die unterhaltsame Sprache macht das Buch lesenswert

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Veit-Jakobus Dieterich: Martin Luther – Sein Leben und seine Zeit. dtv, 14,90 Euro. Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift

Am Freitagabend haben viele DDR-Bürger einen ganz bestimmten Termin. Sie hören eine BBC-Sendung. Es ist natürlich nicht irgendeine Sendung, wobei es in einem totalitären Staat kein gewöhnliches Vorhaben ist, einen Sender aus dem westlichen Ausland zu hören. In der deutschsprachigen Sendung “Briefe ohne Unterschrift” werden  Briefe vorgelesen, die  Menschen aus der DDR an die BBC geschickt haben. Darin schreiben sie über Banalitäten des Alltags genauso wie über ihre politische Ansichten, die nicht mit denen des DDR-Regimes übereinstimmen und deren Äußerung als Staatsverrat angesehen werden.

“Auch zu meiner Zeit hieß es noch, BBC – das sind drei gefährliche Buchstaben. Gefährlich für alle, die sich vor der Wahrheit fürchten, und besonders gefährlich für alle, die die Wahrheit hören wollen und sie unter großer persönlicher Gefahr auch tatsächlich hören.”

Die Leute hören und schreiben dennoch – an Deckadressen, die in der Sendung bekanntgegeben werden und die in Wirklichkeit entweder nicht existieren oder die Brachland sind. Dass die so adressierten Briefe dennoch ihren Weg in die britische Hauptstadt finden, ist einer ausgeklügelten Logistik zu verdanken, zu der auch gehört, dass die Briefe in Westberliner Postämtern aussortiert und weitergeleitet werden.  Zwar befiehlt die Stasi, Briefe an die in der Sendung genannten Adressen aufzuhalten. Bis diese Anweisung aber die zuständigen Bezirkspostämter erreicht, dauert es. Und das Wochenende liegt dazwischen, wie ein aus der DDR geflüchteter Postbeamter erzählt hat. All das entgeht natürlich der Stasi nicht, die ihre eigenen Bürger, aber auch die Journalisten der BBC minutiös bespitzelt. Denn der britische Sender ist für die DDR das, was er schon in Nazi-Deutschland war: ein Feindsender.

“Die BBC ist, für die Jäger besteht kein Zweifel, das Zentrum der geheimdienstlich gesteuerten psychologischen Kriegsführung..”

Susanne Schädlich greift mit “Briefe ohne Unterschrift” ein Kapitel der deutschen Geschichte auf, das  für viele  unbekannt sein dürfte. Sie tut das  wie eine Detektivin in einem Kriminalroman, sucht Zeitzeugen auf, liest sich durch das BBC-Archiv in London und schreibt ihre Erkenntnisse detailliert nieder.  Herauskommt mehr ein Geschichtsroman denn ein Sachbuch, was die Lesefreundlichkeit  deutlich erhöht. Etwas störend empfand ich lediglich den Wechsel zwischen der Unmittelbarkeit suggerierenden Gegenwartsform und der der Vergangenheit, über die ich hin und wieder beim Lesen gestolpert bin. Im ausführlichen Anhang finden sich zahlreiche Hinweise auf verwendete Quellen und weiterführende Literatur. Schade nur, dass die BBC offenbar bisher noch kein Buch mit diesen Briefen veröffentlicht hat.

Foto: Randomhouse/Knaus

Foto: Randomhouse/Knaus

Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift, Knaus, 19,99 Euro, E-Book: 16,99 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Knaus-Verlag zur Verfügung gestellt.

 

Das Deutsche Rundfunkarchiv bietet unter dem Titel “Hier ist England” eine ganze Reihe historischer Aufnahmen an, die man auf CD kaufen kann.

Martin Luther und die Reformation

Es war eine Zeit des Umbruchs, in der vieles, was bisher selbstverständlich schien, in Frage gestellt wurde. Die Zeit der Reformation ist weit weg, aber dennoch sind uns die Ängste, die die Menschen vor 500 Jahren bewegten, seltsam vertraut. Martin Luther, ein unbekannter Mönch, wagt das Unfassbare: er legt sich mit Kaiser und Papst an und schafft eine neue Konfession, die bald europaweit Anhänger finden wird. Dabei ging es Luther gar nicht darum, die Kirche zu spalten.

“Reformation heißt wörtlich genommen, Rückformung, also Wiederherstellung. Schon das Wort zeigt, dass es Luther nicht um den kühnen Blick nach vorne ging, sondern um die Rückkehr zu einem ursprünglichen, vermeintlich besseren Zustand”, heißt es in dem Buch “Die Reformation – Aufstand gegen Kaiser und Papst”, das verschiedene Spiegel-Artikel zusammenfasst.  Das hat den Vorteil, dass das Thema Reformation von unterschiedlich langen  Beiträgen beleuchtet wird. Weil die Artikel von unterschiedlichen Autoren stammen, variieren Stil und Qualität. Für eine Einführung in das Thema und in das bevorstehende Lutherjahr 2017 ist das Buch dennoch gut geeignet.

Quelle: DVA

Quelle: DVA

Dietmar Pieper, Eva-Maria Schnurr (Hg): Die Reformation. Aufstand gegen Kaiser und Papst. Deutsche Verlagsanstalt, 19,99 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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