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Kent Haruf: Kostbare Tage

Manchmal gibt es Bücher, die schon auf den ersten Seiten eine Traurigkeit verströmen, die der Leser nur schwer aushalten kann. Kent Harufs “Kostbare Tage” ist ein Buch vom Abschiednehmen, vom Rückblick auf ein zu Ende gehendes Leben, vom Regeln wichtiger Dinge. Dad Lewis erlebt seinen letzten heißen Sommer in Holt. Er hat Krebs im Endstadium und er weiß, dass er, bevor der Herbst kommt, tot sein wird. Diese Tatsache nimmt er klaglos hin, während er immer wieder auf sein Leben zurückblickt – beispielsweise von seinem Platz auf der Veranda seines Hauses, von wo aus er auch die Nachbarn beobachten kann. Er erinnert sich daran, wie er seinen Sohn Frank in der Scheune in Frauenkleidern überrascht hat – und dass er schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm hat. Seiner Tochter Lorraine, die zur Unterstützung nach Hause gekommen ist, will er sein Geschäft übertragen, damit alles geregelt ist, wenn er nicht mehr da ist.

“Er saß auf der Veranda, trank und hielt die Hand seiner Frau. Er würde also sterben. Das war es, was sie gesagt hatten. Noch ehe der Sommer vorbei war, wäre er tot.”

Kent Haruf nimmt den Leser mit in die fiktive Kleinstadt Holt, mit ihren Einwohnern, ihren jeweils ganz eigenen Charakteren und Biografien. Das macht er so wunderbar, dass man sich durchaus vorstellen kann, den Figuren im realen Leben zu begegnen. Die Melancholie der Geschichte ist so echt wie das Leben selbst.

Kent Haruf: Kostbare Tage. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Geheime Quellen

Immer dann, wenn die Tage angenehm warm werden, kommen alte Bekannte zu Besuch. Die alten Bekannten, das sind in diesem Fall Commissario Guido Brunetti, seine Familie und seine Kollegen, denen wir im mittlerweile 29. Fall in einer unerträglichen sommerlichen Hitze Venedigs wieder begegnen. Es geht natürlich um einen Todesfall, um eine alte Dame und um die ewige Frage, ob es ein Unfall oder Mord war, doch es wäre nicht Brunetti, wenn es nicht eigentlich um etwas anderes gehe würde.

Venedig, die gleichermaßen schöne wie morbide Stadt, wunderschönes und bewahrenswertes Weltkulturerbe, leidet nicht so sehr unter der Hitze, die Einheimische mit stoischer Ruhe und weit geöffneten Fenstern zu ertragen gelernt haben.
Venedig leidet unter den Touristen, die in Scharen einfallen und nicht nur die kleinen Straßen und Gassen verstopfen. Seit es in Mode gekommen ist, die Welt bequem in riesigen Kreuzfahrtschiffen zu erkunden, legen diese natürlich auch in Venedig an und bringen nicht nur Besucher.  Die Schiffe verursachen Wellen, die die Fundamente der auf Pfählen errichteten Stadt aushöhlen und mit zu ihrer Zerstörung beitragen.

“Brunetti selbst hatte etwas gegen Klimaanlagen, weil er von Kindesbeinen an gelernt hatte, Hitze zu ertragen. Hitze und manches andere.”

Während Donna Leon selbst nicht mehr in Venedig wohnt  – wohl auch, weil sie die Veränderung der Stadt durch den Massentourismus nicht länger ertragen konnte – und nicht mehr unter der  Hitze der Stadt leiden muss, bleibt Brunetti der, er er immer war.  Zusammen mit der Sekretärin Elettra, die sich mit jedem neuen Fall mehr zu einer Hackerin in Designerklamotten entwickelt und seinem langjährigen Kollegen Vianello und der immer mehr geschätzten Claudia Griffoni versucht er, sich dem Verbrechen entgegenzustellen, wohl wissend, dass das eine mindestens so langwierige wenn nicht lebensfüllende Aufgabe ist wie das Lesen der griechischen Klassiker.
Wichtig bleibt für ihn das, worauf er sich immer verlassen kann: seine Frau Paola, mit der er genauso über Bücher wie über aktuelle politische Probleme plaudern kann und die zusammen mit den Kindern Chiara und Raffi der ruhende Pol in seinem Leben ist –  und gutes Essen.

“Geheime Quellen” thematisiert wie sein Vorgänger “Ein Sohn ist uns gegeben” Umweltverschmutzung und Massentourismus, Bestechung und Geldgeschäfte. Dass es auch um Liebe und Eifersucht und natürlich um die Aufklärung eines Todesfalls geht, das geht in den diversen Erzählsträngen fast verloren und es scheint so, als hätte das Donna Leon beim Schreiben etwas aus den Augen verloren.  Auch wenn die Commissario-Brunetti-Romane noch nie dem Muster klassischer Mord-und-Totschlag-Krimis gefolgt sind und mehr Wert auf bedächtiges Vorgehen gelegt und so ihren ganz eigenen Reiz entwickelt haben, so kommt dieser 29. Fall noch behäbiger und langsamer daher als so mancher seiner Vorgänger. Das macht ihn wohl nur für Fans, die wissen wollen, wie es mit ihrem Commissario weitergeht, zu einem Lese-Muss.

Donna Leon: Geheime Quellen. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Daniela Krien: Muldental

Die Wende in der DDR war zweifellos für viele Menschen ein riesiger Einschnitt in ihrem ganz persönlichen Leben. Gleichsam von einem Tag auf den anderen war nicht nur ein Staat verschwunden. Viele ehemalige DDR-Bürger wurden auch ihrer Existenz beraubt, sie verloren ihre Arbeit, mussten mit völlig neuen Umständen zurechtkommen – und schafften das nicht, jedenfalls die Figuren, die Daniela Krien in den Kurzgeschichten ihres  Bandes “Muldental” beschreibt, der jetzt in einer Neuauflage vorliegt. Sie alle verbindet eine Trostlosigkeit, die sie zu Außenseitern im eigenen Land, in der eigentlich so vertrauten Umgebung werden lässt, sie sind enttäuscht, fühlen sich betrogen, sind deprimiert und finden Zuflucht in Alkohol und Gewalt gegen Menschen und Sachen.

“Niemand hat sie darauf vorbereitet. Da, wo sie herkommt, ist es besser gewesen, die wahren Gedanken zu verschweigen (…)”

Der Erzählband ist keine einfache Lektüre, denn der Leser findet weder ein versöhnliches Ende, noch Figuren, die es schaffen, aus ihrem trostlosen Leben auszubrechen. Daniela Krien zeigt ausschließlich Wendeverlierer, die aus verschiedenen Gründen im Leben gescheitert sind. Schade nur, dass die meisterhaft knappe Sprache lediglich beschreibt, was Klischees über Ossis und Wessis bereits zur Genüge getan haben oder leider immer noch tun.

Daniela Krien: Muldental. Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Donna Leon: Heimliche Versuchung

Professoressa Crosera, eine Bekannte von Paola, sucht Commissario Bruntti in der Questura auf, weil sie sich Sorgen um ihren Sohn macht. Ihrer Meinung nach nimmt er Drogen, immerhin werden die ja vor seiner Schule verkauft. Und sie möchte, dass sich Brunetti dem Ganzen annimmt. Der allerdings sieht als Vater zweier Kinder, die gerade noch im Teenager-Alter sind, zunächst keinen Grund für eine echte Beunruhigung. Doch dann erhält er mitten in der Nacht einen Anruf, der ihn zum Fall eines Mann führt, der eine Brücke hinuntergestürzt ist. Wie sich herausstellt, wurde der Mann, der zufällig der Ehemann der Professorin ist, die Treppe hinunter gestoßen. Doch weshalb hat jemand versucht, den Ehemann der Professorin zu töten?

In “Heimliche Versuchung” bringt Donna Leon den Commissario wieder zurück nach Venedig, nachdem er sich im vorherigen Roman eine vermeintliche Auszeit genommen hat. Was gut ist für den Leser, weil man wieder mehr erfährt über Brunetti und die Menschen, mit denen er täglich zu tun hat. Neben der Sekretärin Signorina Elettra, die nicht nur stets topmodisch gekleidet ist, sondern auch immer einen Strauß frischer Blumen in ihrem Büro hat und ganz offenbar ein Abhörgerät im Büro ihres gemeinsamen Vorgesetzten Patta installiert hat, sind das auch seine langjährigen kollegialen Freunde  Claudia Griffoni und Lorenzo Vianello. Und natürlich seine Familie, allen voran seine Frau Paola und seine beiden Kinder Chiara und Raffi.

“So unter der Woche kamen sie relativ bequem durch. Brunetti bemerkte viele leere Stellen, wo früher Obst- und Gemüsestände gewesen waren; von den Fischhändlern war auch nur noch die Hälfte übrig.”

Der 27. Fall für den Commissario ist ein typischer Brunetti. Typisch, weil der Fall unaufgeregt gelöst wird, typisch, weil Themen wie Umweltverschmutzung und das Problem des übermäßigen Tourismus in Venedig angesprochen werden, die Donna Leon sehr am Herzen liegen und zu denen sie – wie Guido Brunetti – eine eindeutige kritische Meinung hat. Hinzu kommt das Thema Gleichberechtigung, das in diesem Roman schon allein deshalb eine besondere Betonung erfährt, weil Brunetti zunächst nicht mit Vianello unterwegs ist, sondern mit Claudia Griffoni, die ihn mitten in der Nacht wegen des gestürzten Mannes aus dem Schlaf klingelt und mit der er sich bestens versteht.

“… zufrieden, dass ihm das Schicksal eine gleichgesinnte Kollegin beschert hatte.”

“Heimliche Versuchung” ist  wie immer bei einem Brunetti-Krimi wie die Begegnung mit alten Bekannten, die im Laufe der Jahre ihre Eigenarten entwickelt haben, die aber zum Glück immer noch so sind, wie wir sie kennen- und lieben gelernt haben.

 

Donna Leon: Heimliche Versuchung. Diogenes, 24 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Anthony McCarten: Licht

Die Zukunft – sie ist hell. Jedenfalls wenn man sich vor Augen hält, welchen Eindruck das erste elektrische Licht auf die Zeitgenossen gemacht haben muss und wie aufregend es war, zuzusehen wie Glühstrümpfe in Gaslampen durch elektrische Birnen ersetzt und wie Leitungen verlegt wurden. Jedenfalls empfindet das der Banker J.P. Morgan so, als er sein New Yorker Haus elektrifizieren lässt. Fassungslos und verblüfft reagieren die Gäste, als sie zu Silvester das für die damalige Zeit hypermoderne Haus besichtigen dürfen. Möglich gemacht hat das der geniale, schwerhörige Erfinder Thomas Alva Edison, der aber im Gegensatz zu Morgan nicht geschäftstüchtig ist.

“Er steckte das Buch unter den Arm und griff unwillkürlich hinter sich, um seine berühmteste Erfindung auszuschalten. Im Zimmer kehrte das Dunkel der Jahrhunderte wieder ein.”

Anthony McCarten lässt die Zeit zwischen der ersten Elektrifizierung in New York 1878 und 1929 (zwei Jahre vor Edisons Tod)  in seinem Roman “Licht” lebendig werden, zusammen mit weiteren berühmten Namen wie Carnegie, Tesla und Vanderbilt. Dabei ist “Licht” keine Biografie, sollte es nach den Worten von Anthony McCarten auch nie sein, wie er in den Nachbemerkungen schreibt. Er versucht vielmehr, Edison gerecht zu werden, indem er dessen Art, sich zu erinnern durch Vor- und Rückblenden darstellt. Das macht es dem Leser nicht immer leicht, der Handlung zu folgen, zumal eine ganze Reihe an technischem Wissen ebenfalls vermittelt wird. Wer dran bleibt (und nicht allzu viel Zeit zwischen den Lesesitzungen verstreichen lässt), bekommt Einblick in eine Epoche, die die Welt für immer verändert hat.

Eine Anmerkung zum E-Book: Ich habe das Buch auf meinem Tolino gelesen, der beim erstmaligen Öffnen darauf hinwies, dass nicht alles korrekt dargestellt werden könne. Daher dachte ich,  die grauen Zahlen im Text seien eine Art Konvertierungsfehler – bis ich am Ende des Buches den Hinweis fand, dass die Seiten der Buchausgabe sind. Ob die manchmal verzögerte Reaktion des Tolinos auf irgendeine Weise damit zu tun hat, ist mir nicht klar.

 

Anthony McCarten: Licht, Diogenes, 24 Euro, E-Book: 20,99 Euro
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.

Martin Suter: Elefant

Ob ein rosaroter Elefant so etwa Ähnliches ist wie weiße Mäuse? Genauer: wenn man einen Mini-Elefanten sieht und nicht so genau weiß, ob das daran liegt, dass man zu viel oder zu wenig getrunken hat. So geht es dem Obdachlosen Schoch, als er aus seinem Schlafsack heraus blinzelnd etwas wahrnimmt, was er eher als Halluzination denn als etwas echtes einordnet. Als er am nächsten Morgen aufwacht, kann er sich nur vage erinnern, etwas seltsames gesehen zu haben.

Marin Suter beginnt seinen neuesten Roman “Elefant” mit einem surrealen Element, denn es ist zunächst völlig unklar, ob Schoch tatsächlich einen Elefanten gesehen hat oder ob er das Ganze im Rausch fantasiert hat. Dass es den winzigen Elefanten tatsächlich gibt, dass er das Ergebnis wissenschaftlicher Experimente ist und ganz bewusst gezeugt (oder sollte man schreiben hergestellt?) wurde, erfährt der Leser allmählich in Vor- und Rückblenden und unterschiedlichen Handlungssträngen. Da gibt es den Genforscher Roux, der es geschafft hat, selbstleuchtende Meerschweinchen zu züchten, den Zirkus Pellegrini und dessen Elefantenpfleger Kaung und die Tierärztin Valerie.

“Zögernd und mit ausgestrecktem Rüssel näherte sich das Wesen. Es fasste das Blattfragment, ließ den keilförmigen Unterkiefer runterklappen und schob es in den Mund. Schoch hatte die Berührung der Rüsselspitze gespürt. Sie fühlte sich weich und samtig an.”

Wie die einzelnen Handlungen zusammenhängen, was die beteiligten Personen miteinander zu tun haben und was es mit dem rosaroten Elefanten auf sich hat, das erzählt Martin Suter souverän und ohne Effekthascherei in einer Sprache, die zwar einfach, aber keineswegs platt ist. Als meisterhafter Erzähler schafft es der in Zürich lebende Autor Spannung so aufzubauen, dass sie den Leser von Anfang an packt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Unbedingt lesenswert!

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Martin Suter: Elefant, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt)

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter

“Wiedersehen Mama!” Wie oft Mütter wohl diesen Abschiedsgruß hören? Einen wirklichen Abschiedsgruß, also nicht nur ein Gruß, der eben mal so dahin gesagt wird, wenn der Nachwuchs für ein paar Stunden aus dem Haus geht, um abends oder nach einem Ferienaufenthalt wieder zu kommen. Ein Abschiedsgruß, wie ihn Sebastian seiner Mutter Margret zuruft, die immer noch ungläubig zugesehen hat, wie ihr Sohn seine paar Habseligkeiten eingepackt hat – und ausgezogen ist. Ein Schritt, der aus Sicht des erwachsenen Sohnes, der in eine WG am anderen Ende der Stadt zieht, längst überfällig ist.  Zu lange hat er sich in dem Anbau am Elternhaus eingesperrt gefühlt. Viel zu früh findet Margret, die nicht verstehen kann, weshalb der 22-jährige Sohn aus der schönen Wohnung, die doch für ihn gedacht war, auszieht.

Dem Vorschlag ihres Mannes Gerhard, den Anbau  zu vermieten, steht Margret erst ablehnend gegenüber, doch sie willigt ein und gemeinsam entscheiden sie sich für den Fahrradmechaniker Beat als Mieter, der dann zu Beginn des neuen Jahres einzieht. Während Gerhard überhaupt kein Problem damit hat, dass Beat eher zurückhaltend ist, versteht Margret nicht, weshalb er die Einladung zum gemeinsamen Essen ausschlägt und kein –  wie sie es nennt – “ganz normalen” Kontakt zustande kommt. Sie will  sich im Grunde nicht eingestehen, dass sie Beat als Sohn-Ersatz sieht und  ihn bemuttern will. Und natürlich will sie sich ebensowenig eingestehen, dass sie der Messerstecher beunruhigt, der seit einiger Zeit Frauen auflauert, sie niedersticht und dabei immer brutaler vorgeht.

“Sie wollte nicht mehr über diese Geschichte erfahren, als sie ohnehin wusste oder sich, gegen ihren Willen, vorstellte.”

“Ein passender Mieter” hat nur auf dem ersten Blick (oder nach dem Lesen der ersten paar Seiten) eine einfache Handlung. Denn spätestens nach dem ersten Perspektivenwechsel wird klar, dass es um mehr geht als um die Abnabelung eines längst erwachsenen Sohnes oder um die Frage wer der brutale Messerstecher ist. Lukas Hartmann verknüpft dieses Handlungsstränge und zeichnet gleichzeitig das Bild einer ganz normalen bürgerlichen Familie, die sich mit den Veränderungen, die sich im Laufe des Lebens ergeben, auseinandersetzen muss. Dabei schafft es Lukas Hartmann auch in seinem neuesten Werk meisterhaft, das Alltägliche und Banale – eben das ganz normale Leben – weder alltäglich noch banal sondern faszinierend und spannend zu beschreiben. So meisterhaft, dass Sätze wie “Das Böse, Vater, steckt immer auch in uns selbst” nicht kitschig oder pathetisch, sondern glaubhaft und richtig wirken. “Ein passender Mieter” ist ein weiterer Lukas-Hartmann-Roman, den man unbedingt lesen muss.

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Lukas Hartmann: Ein passender Mieter, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mit freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)

Lesetipps für den Sommer

Die Ferienzeit ist nicht mehr weit, aber vielleicht braucht der ein oder andere ja jetzt schon etwas Lesestoff.

Meine neuesten Entdeckungen
Celeste Ng: “Was ich Euch nicht erzählte” (dtv, 19,90 Euro) und Graham Swift: “England und andere Stories”, über das ich schon geschrieben habe (dtv, 21,90 Euro). Celeste Ng (gesprochgen Ing) erzählt einen ungewöhnlichen Kriminalfall. Das Mädchen Lydia kommt eines Morgens nicht zum Frühstück, um einen neuen Tag zu beginnen, der für die Familie Lee im kleinbürgerlichen Ohio der 70er typisch ist. Denn Lydia wird von ihrer Mutter Marilyn darauf gedrillt, später Ärztin zu werden. Einen Wunsch, den sie sich selbst nie erfüllten konnte. Wie die Geschichte aufgelöst wird, ist ungewöhnlich und spannend erzählt.
John le Carré ist freilich kein Unbekannter. Ich habe es aber Tom Hiddleston und der BBC-Serie “The Nightmanager” zu verdanken, dass ich das gleichnamige Buch (“Der Nachtmanager”, Ullstein, 9,99 Euro, Original bei Penguin) und damit den Autor entdeckt habe. Der Roman erzählt die Geschichte von Jonathan Pine, dem Nachtmanager in einem Luxushotel, der zufällig von verdächtigen Transaktionen eines reichen Geschäftsmanns erfährt. Und dann kommen auch noch Menschen in Pines Nähe um.

William Shakespeare
Rechtzeitig zum 400. Todestag von William Shakespeare habe ich nach “Hamlet” im vergangenen Jahr  die Historien “Henry VI” & “Richard III” in den zweisprachigen Ausgaben des Verlags ars vivendi gelesen. Die Übersetzungen von Frank Günther sind modern, ohne zu modern zu sein und helfen über so manche Verstehenshürde hinweg, die Anmerkungen im Anhang tun ein Übriges.
Viel Wissenswertes über den englischen Dramatiker erzählt Frank Günther in “Unser Shakespeare” (dtv, 14,90 Euro) mit viel Kompetenz, aber auch mit viel Leichtigkeit.
Stephen Greenblatts “Will in der Welt – Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde” (Pantheon, 14,99 Euro) habe ich im englischen Original gelesen.  Mag sein, dass das Buch nicht streng wissenschaftlich und in vielem Spekulation ist. Mir hat es aber sehr gut gefallen, weil es mir den Menschen William Shakespeare näher gebracht hat.

Pflichtlektüre
Donna-Leon-Krimis sind für mich Pflichtlektüre und ich freue mich jeden Sommer auf den nächsten. In diesem Jahr ist es “Ewige Jugend” (Diogenes, 24 Euro), der für Fans wieder ein paar angenehme Stunden mit Guido Brunetti verspricht.

Ungewöhnliche Biografien
Dass der ehemalige Chefredakteur des “Guardian” schreiben kann, ist keine Überraschung. Dass Alan Rushbridger Klavier spielt, schon eher – zumal man sich auch als absoluter Musikdepp fragt, wie er es schafft, seinem enormen Arbeitspensum regelmäßige Übungszeiten abzuringen. In “Play it again – ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten” (Secession Verlag für Literatur, 25 Euro) beschreibt Rushbridger sein Ringen am Klavier, aber auch am Redaktionsschreibtisch und vermittelt die Überzeugung, dass man jeden Tag etwas für sich persönlich tun kann, wenn man es nur will.
James Rhodes ist ein ungewöhnlicher Pianist. Der Londoner kommt nicht nur in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen auf die Bühne. Er erklärt auch dem Publikum, was er spielen wird und warum und weshalb der Komponist ausgerechnet dieses Stück auf diese Weise geschrieben hat. In “Der Klang der Wut” (Verlag Nagel & Kimche AG , 22, 90 Euro, Original: “Instrumental” verarbeitet er seine unfassbare Erlebnisse als Junge. Er wurde mehrfach vergewaltigt und ist sicher, dass er nur dank seiner Liebe zur klassischen Musik überlebte. Wer eine feinsinnige Abhandlung erwartet, sei gewarnt. James Rhodes schreibt so direkt, wie er twittert, wer kann, sollte dem Original eine Chance geben.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

“Wenn man sein ganzes Leben in die falsche Richtung läuft, kann’s dann trotzdem das Richtige sein?” Es scheint, als ob Benedict Wells in seinem neuen Buch nichts anderes tut, als genau diese Frage zu beantworten. Und obwohl das auf den ersten Blick nur langweilig und öde scheinen mag, ist genau das Gegenteil der Fall. “Vom Ende der Einsamkeit” erzählt von drei Geschwistern, die behütet, umsorgt und geliebt aufwachsen. Zunächst deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Idylle irgendetwas ändern könnte. Doch dann sterben die Eltern bei einem Autounfall, die Kinder müssen ihr Zuhause verlassen und ins Internat ziehen. Von einem Tag auf den anderen verändert sich ihre Welt für immer. Zurück bleiben nur Erinnerungen, die die drei auch im späteren Leben miteinander teilen werden.

“Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.”

Benedict Wells beschreibt die Ereignisse aus Sicht von Jules, dem jünsten Sohn, der sich von einem einst selbstbewussten Kind in einen Eigenbrötler verwandelt, der in einer eigenen Traumwelt zu leben scheint. Das liegt vielleicht auch daran, dass er im Internat von seinen älteren Geschwistern Liz und Marty getrennt wird und irgendwie sehen muss, wie er alleine mit der neuen Situation, der neuen Umgebung, den neuen Mitschülern und vor allem dem Verlust seiner Eltern zurecht kommt.

“Ich spürte, dass mein Selbstbewusstsein verschwunden war.”

Wie er das macht und wie sich er und seine einst so eng verbundenen Geschwister auseinander leben, Beziehungen eingehen und wieder zusammen finden, ist eine wunderbare Geschichte, die von Anfang an tief berührt, dabei aber niemals im sentimentalen Kitsch abgleitet. Für mich ist Benedict Wells meine persönliche Neuentdeckung.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes, 22 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.)

Bücher meines Jahres

Zum dritten Mal ziehe ich Buch-Bilanz (zum ersten Mal auf meiner eigenen Url) und wie auch schon in den Jahren 2013 und 2014 ist das Ganze wieder zutiefst subjektiv und bar jeglichen feuilletonistischen Anspruchs.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr habe ich heuer vier Bücher weniger gelesen, was vielleicht daran liegt, dass ich William Shakespeare’s Hamlet mindestens zweimal ganz und ein paar Stellen mehrfach nachgelesen habe – auf Deutsch und auf Englisch – als Vorbereitung auf den Besuch des Stücks im Londoner Barbican mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle.

Meine Bilanz sieht demnach so aus:

Gesamt: 34
Deutsch: 17
Englisch: 17
Kindle/Tablet: 3. (Mit Tablet meine ich, dass ich die Bücher bei Google gekauft und in der App auf meinem N7 gelesen habe – einfach deshalb, weil eines der Bücher dort früher erhältlich war und weil ich die App sehr schön gemacht finde. Mein Kindle ist ein mittlerweile vier Jahre alter Kindle Keyboard.)

Von den gelesenen empfehle ich diese Bücher:

Ian McEwan
Black Dogs, Atonement, Inbetween the Sheets, On Chesil Beach: IanMcEwan ist einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller, der es schafft, selbst banalste Geschichten spannend und mit völlig überraschenden Wendungen zu erzählen. Auf Deutsch sind seine Werke mit durchwegs sehr guten Übersetzungen bei Diogenes erschienen.

Lukas Hartmann
Auch von Lukas Hartmann habe ich schon einiges gelesen und mag seinen Stil. Heuer waren es “Abschied von Sansibar” (das ich schon mal gelesen habe, aber das Buch nicht mehr finden konnte) und sein neuestes Buch “Auf beiden Seiten”. Eine Geschichte aus der Zeit kurz vor und nach dem Mauerfall. Hartmanns Bücher sind ebenfalls bei Diogenes erschienen, darunter auch Kinder- und Jugendbücher. Eines davon, “AnnA”, hat mir besonders gut gefallen.

Donna Leon
Ich bin bekennender Guido-Brunetti-Fan, daher habe ich alle Fälle des Commissario gelesen. Diese Jahr gab es mit “Tod zwischen den Zeilen” und “Endlich mein” gleich zwei neue Bücher, die wie alle anderen ebenfalls bei Diogenes erschienen sind.

Alan Rusbridger
Der Ex-Chefredakteur des “Guardian” beschreibt in “Play it Again– an amateur against the impossible”  (Deutsch: Play it Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten”, Secession-Verlag) wie er versucht, trotz seiner stressigen Arbeit Zeit fürs Klavierspielen zu finden. Ein sehr privates Buch, das daran erinnert, dass man Zeit für etwas finden kann, wenn man nur will.

James Rhodes
Wer mit klassischer Musik nichts anfangen kann, sollte dem britischen Pianisten James Rhodes eine Chance geben und einer Auswahl seiner Stücke auf Soundcloud anhören. Und sein biografischen Buch “Instrumental: Violence, music and love” lesen – oder zumindest die deutschsprachige Ausgabe “Der Klang der Wut – Wie die Musik mich am leben hielt” (Nagel&Kimche), die im Februar 2016 erscheinen wird, auf seine Leseliste setzen. In dem Buch, das in Großbritannien erst nach einem Gerichtsverfahren erscheinen durfte, schreibt James  über seine Kindheit, in der er über Jahre vergewaltigt wurde, seine Zeit in der Psychiatrie und darüber, das Musik, klassische Musik, sein Leben gerettet hat. Es ist zutiefst erschütternd, gleichzeitig aber auch witzig und sehr direkt geschrieben. Wer James auf Twitter folgt, wird den Stil wiedererkennen.

Sherlock-Holmes-Pastiches
Anthony Horowitz’ “Moriarty” (deutsch: “Der Fall Moriarty”) ist ganz im Stile Arthur Conan Doyles geschrieben. Allerdings hat mir “Das Geheimnis des weißen Bandes” (Beide Insel) besser gefallen.
Nur etwas für echte Sherlock-Holmes-Fans ist “Sherlockian” von Graham Moore.  Der Autor, der das Drehbuch zu “The Imitation Game” geschrieben hat, taucht hier sehr tief in die Welt des großen Detektivs ein. Eine deutsche Ausgabe habe ich bisher nicht gefunden.

Neuentdeckt
Angharad Price: “Das Leben der Rebecca Jones” ist ursprünglich auf Walisisch erschienen und wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Ein Glück, denn die Geschichte ist wunderbar erzählt und hat ein völlig überraschendes Ende.
Anthony Doerr: “Alles Licht, das wir nicht sehen” ist eine meisterhaft erzählte Geschichte, die man nicht weglegen möchte und die einem noch lange im Gedächtnis bleibt.
Donna Tartt: “The Secret History” (Deutsch: Die geheime Geschichte, Goldmann) spielt an einem  College in Neuengland, an dem es scheinbar nur um alte Sprachen und Literatur geht. Netter Nebeneffekt: Die Hauptfigur erinnert an Sherlock Holmes.

Zum Immer-Wieder-in-die-Hand-nehmen:
Shaun Usher: Letters of Note II – eine Sammlung von Briefen, die ganz unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben haben und die zum Teil als Faksimile abgedruckt sind. Der erste Teil “Letters of Note – Bücher, die die Welt bedeuten” ist auch auf Deutsch erschienen. Mehr über die unterschiedlichen Ausgaben des Buchs und über das Projekt “Unbound”, auf dessen Seite man Bücher crowdfunden kann, gibt es hier (auf Englisch).

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