diebedra.de

Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Schlagwort: Englische Literatur

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Es ist eine Art Paralleluniversum, in das Ian McEwan die Leser in seinem jüngsten Roman mitnimmt. Denn “Maschinen wie ich” spielt in Großbritannien im Jahr 1982 – allerdings einem anderen, als das, an das wir uns erinnern. Das Land hat den Falklandkrieg verloren,  Premierministerin Margaret Thatcher führt Wahlkampf gegen den Labour-Politiker Tony Benn und dank Alan Turing gibt es bereits in den 1980er Jahren Internet, Smartphones und selbstfahrende Autos. Charlie schlägt sich im London dieser Zeit durch und kratzt sein Geld zusammen, um sich einen der ersten Androiden, Adam, zu kaufen. Gerade als er den künstlichen Menschen geliefert bekommt, verliebt er sich in seine Nachbarin Miranda. Als Adam anfängt,  menschliche Gefühle und Eigenarten zu entwickeln, stellt sich nicht nur die Frage, wer mit wem in welcher Beziehung steht. Es geht im Grunde darum, was einen Menschen ausmacht und wann eine künstliche Lebensform menschlich ist.

“Der größere Mann hatte silbriges, nach hinten gekämmtes Haar, trug um den Hals einen lockeren braunen Seidenschal und eine Art Künstlerjoppe, die ihm schlaff von den Schultern hin.”

Ian McEwan beschäftigt sich auch in seinem neuesten Roman mit den Fragen unserer modernen Gesellschaft  und der Frage, wie wir Menschen darin leben und arbeiten wollen – angesichts der Klimakatastrophe, Umweltverschmutzung und des technischen Fortschritts, der Segen und Fluch zugleich ist. Dass er sich Elementen des Science-Fiction-Genres bedient, macht diese Fragen nicht weniger wichtig. Die 80er Jahre, die uns “Maschinen wie ich” in einem “Was-wäre-wenn”-Dreh der Geschichte vorführen, zeigen am Beispiel von Alan Turing auch, welche Auswirkungen heute unverständliches Verhalten von Regierung und Justiz nicht nur auf einen Mann, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes haben können. Wäre – so Ian McEwan – Alan Turing für seine Verdienste um das Knacken des deutschen Enigma-Codes im Zweiten Weltkrieg gewürdigt, statt für seine Homosexualität verurteilt worden, so hätte der geniale Mathematiker nicht Selbstmord begangen, sondern dank seiner Forschung den technischen Fortschritt, inklusive der künstlichen Intelligenz, deutlich schneller voran gebracht. Und mit ihm auch die Frage nach dem, was den Menschen eigentlich ausmacht.

“Alan Turing hatte es in seiner Jugend oft gesagt und geschrieben: In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.”

“Maschinen wie ich” ist kein Buch, das man nebenher liest. Zuviel Wissen, Überlegung und Tiefe steckt in jedem scheinbar so leicht dahin geschriebenen Satz. Faszinierend ist die Geschichte, an die man sich auch nach dem Ende des Buches noch erinnert, allemal. Und sie zeigt, dass Ian McEwan ein wunderbarer Erzähler ist.

Anmerkung: Wer diesen Blog öfter liest oder mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich schon einiges von Ian McEwan gelesen habe. Deshalb habe ich auch das englische Original “Machines like me” (Penguin, ca. 19£) vorbestellt – in der Hoffnung, es vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe beenden zu können. Allerdings hatte ich nicht mit der Schnelligkeit vom Diogenes-Verlag gerechnet, der mir das Rezensionsexemplar eine Woche vor dem offiziellen deutschen Erscheinungstermin auf die Türschwelle lieferte. Neugierig wie immer wenn neue Bücher den Weg zu mir finden, beschloss ich, einfach an der Stelle, an der ich gerade in der Originalversion war, in der deutschen Übersetzung weiterzulesen – was dank der wunderbaren Arbeit von Bernhard Robben nahtlos möglich war.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Diogenes, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Angelesen: Ben Aaronovitch: Geister auf der Metropolitan Line

London, Verbrechen, ein Bobby – und etwas Magie, das ist der Stoff, aus dem die Romane von Ben Aaronovitch sind. Im mittlerweile siebten Band “Geister auf der Metropolitan Line” muss sich Constable Peter Grant mit Geistern beschäftigen, die in der Londoner Tube ihr Unwesen treiben. Nur gut, dass Grant auch Zauberlehrling ist. Seine Polizeiuniform verhilft ihm darüberhinaus auch zur Rushhour zu etwas mehr Bewegungsfreiheit, vielleicht weil die Pendler meinen, es bringe Unglück, einen Polizisten zu berühren? Wer eine Mischung aus Krimi und Fantasy, gewürzt mit dem Flair der britischen Hauptstadt mag, der wird  diese Geschichte um Peter Grant lieben. Wer den Kriminalisten noch nicht kennengelernt hat, sollte aber besser mit dem ersten Band der Reihe beginnen.

 

Ben Aaronovitch: Geister auf der Metropolitan Line, dtv, 8,95 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Evelyn Waugh: Lust und Laster

Das Leben ist  eine Abfolge endloser Partys, endloser Alkoholexzesse, die keinen Raum lässt für etwas anderes. Jedenfalls dann, wenn man dem Treiben der englischen Gesellschaft folgt, die Evelyn Waugh in seinem Roman “Lust und Laster” beschreibt. Denn den Figuren um Nina, die sich zunächst gegen eine Heirat mit Adam entscheidet, sich  ihn später zum Liebhaber nimmt und Adam selbst, dem Journalisten, der immer überall dabei zu sein scheint, leben in ihrer eigenen Welt, die nur aus Vergnügen zu bestehen scheint.

“Adam versuchte auch auf diskrete Art, Einfluss auf die Kleidung seiner Leserschaft zu nehmen.”

Kein Wunder also, dass die Figuren genauso oberflächlich bleiben wie die Handlung, in deren Mittelpunkt sie stehen. Das ist insofern gewöhnungsbedürftig, weil es dem Leser schwer fällt, Sympathien für eine Figur zu entwickeln. Statt in die Handlung hineingezogen zu werden, bleibt der Leser ein Beobachter, der sich mal mehr, mal weniger über die Figuren wundert, die sich mehr um die nächste Party kümmern als um den bevorstehenden Ausbruch des Krieges, was  an den apokalyptischen Tanz auf dem Vulkan erinnert.

Möglich wird diese an schnelle Schnitte in einem Film erinnernde Handlung durch die souveräne Erzählweise Evelyn Waughs, die dem Roman eine angemessene Atemlosigkeit gibt.

 

Das Buchcover auf meinem Tolino. Foto: Petra Breunig

Das Buchcover auf meinem Tolino. Foto: Petra Breunig

Evelyn Waugh: Lust und Laster, Diogenes, 12 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Graham Swift: Ein Festtag

Jane Fairchild ist Waise und kam mit 14 Jahren als Dienstmädchen in ihren ersten Haushalt. 1917 wechselten sie zu dem Ehepaar Niven, die  im Ersten Weltkrieg zwei Söhne verloren haben. Zwar wollten sie ein junges Dienstmädchen, weil sie sich in den schwierigen Jahren nur eine billige Kraft leisten konnten, als sie aber entdecken, dass Jane besser lesen und schreiben kann als die meisten ihres Standes, nehmen sie sich ihrer Bediensteten mehr an als üblich. Gerührt von der Wissbegierde des Dienstmädchens erlaubt ihr Mr Niven, sich Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Und er wundert sich, dass Jane an manchen Tagen einfach verschwunden ist oder sie länger als gedacht braucht, um Besorgungen zu machen. Denn Jane hat ein Verhältnis mit Paul Sheringham. Dass seine standesgemäße Heirat stattfinden wird, steht für Jane nie in Frage. Und so genießt sie das Privileg, sich an diesem “Festtag”, dem Muttertag (der dem Buch im Original seinen Namen gibt) nackt durch das große Haus zu gehen. Dass sich ihr Leben verändern wird, weiß Jane, aber nicht auf welche Weise.

Untergegangene Welt

Graham Swift entführt den Leser in eine Welt, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs unterging. Die Welt einer Gesellschaftsordnung, in der jeder wusste, welchen Platz er innerhalb seines Standes innehatte, eine Welt, die in dieser Geschichte mindestens genauso  britisch ist wie die Fernsehserie “Downtown Abbey” des Senders ITV. Ein Vergleich, der sich mir auch deshalb aufgedrängt hat, als ich die ersten Seiten gelesen habe, weil die Figuren so lebendig und perfekt in ihre detailreich geschilderte Umgebung passen, dass man sich fühlt, als komme man als Leser gerade dazu. Wie schon der Band  “England und andere Stories” , der in gleicher hochwertiger Ausstattung und sorgfältiger Übersetzung vorliegt hat auch “Ein Festtag” nur den Makel, den nämlich, dass die Geschichte viel zu kurz ist.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Graham Swift: Ein Festtag, dtv, 18 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt

Rebecca West: Die Rückkehr

Der Erste Weltkrieg brachte Leid, Tod und Schrecken eines bis dahin nicht gekannten Ausmaßes über die Menschen. Viele Soldaten, die zwar äußerlich unversehrt aus dem Krieg kamen, erholten sich nie mehr von ihren traumatischen Erlebnissen. So wie Chris Baldry, der wieder auf sein Landgut im Londoner Süden zurückkehrt und dort scheinbar auf sein altes Leben trifft.
Sein altes Leben – das sich in gewisser Weise in den drei Frauen ausdrückt, die den jungen Mann geprägt haben und noch immer prägen: Seine Jugendliebe Margaret, seine Frau Kitty und seine Cousine Jenny, die als Ich-Erzählerin die Dinge aus ihrer Sicht erzählt. Eine Sicht, die zutiefst geprägt ist von ihrer Zuneigung zu Chris, den sie am Anfang der Geschichte vermisst und inständig hofft, dass ihm nichts zugestoßen sein möge, denn in ihren Träumen sieht sie ihn in den Schützengräben.

“Ich sah Chris des Nachts über die braune Fäulnis des Niemandslandes rennen, kreuz und quer, weil er hier auf eine Hand trat und dort gar nicht erst hinsehen konnte, denn der Anblick eines abgetrennten Kopfes war zu unerträglich.”

Als die beiden Frauen erfahren, dass Chris nicht verwundet, sondern “versehrt” ist, wissen sie zuerst nicht, welche Auswirkungen sein Granatenschock auf ihr Leben haben wird. Erst allmählich begreifen sie, dass Chris glaubt, die vergangenen 20 Jahre habe es nie gegeben und er sei immer noch mit Margaret, die mittlerweile selbst verheiratet ist, liiert.

Rebecca Wests Roman “Die Rückkehr” wirkt wie ein Tor in die Vergangenheit, was natürlich am historischen Stoff liegt. Es liegt aber auch daran, dass die Sprache unverkennbar nicht eine moderne ist, auch wenn das keineswegs abwertend gemeint ist. Denn gerade in der bedächtigen Erzählweise mit ihren oft längeren Sätzen erschließt sich die Unfassbarkeit eines Krieges, der auch die scheinbar so abgeschlossene Welt eines englischen Landguts nicht verschont. Gerade diese Unaufgeregtheit macht das Buch so lesenswert.

Laut Klappentext ist “Die Rückkehr”, der 1918 erschienen ist, der einzige zeitgenössische Roman einer Frau über die Schrecken des Ersten Weltkriegs. 

 

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Rebecca West: Die Rückkehr, dtv, 16,90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt)

© 2019 diebedra.de

Theme von Anders NorénHoch ↑

Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Du hier bleibst, gehe ich davon aus, dass Du damit einverstanden bist. This site uses cookies. By continuing browsing, you are agreeing to use of cookies. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen