1922 versuchte Lenin missliebige Intellektuelle außer Landes zu bringen. Weil sich die neue Sowjetmacht nicht die Hände schmutzig machen wollte, wurden unliebsame Personen auf Schiffen – den später so bezeichneten „Philosophenschiffen“ außer Landes gebracht.
„In Paris hatte es überall Zirkel von Emigranten gegeben, Menschen, die Russisch sprechen wollten, wenigstens am Abend oder am Wochenende.“
Unter ihnen auch Anouk Perlemann-Jacob, eine in St. Petersburg geborenen Architektin. Sie erzählt einem Schriftsteller in mehrtägigen Sitzungen ihre Lebensgeschichte.
Als 14-Jährige kommt sie zusammen mit ihren Eltern auf das titelgebende Philosophenschiff, das für die wenigen Passagiere eine unheilvolle Atmosphäre bietet. Ohne Wissen darüber, was mit ihnen passieren soll oder wohin sie gebracht werden, wird die Situation noch bedrückender, als das Schiff fünf Tage lang stillliegt.
„Wir waren wenige, nur zehn.“
Michael Köhlmeiers „Das Philosophenschiff“ ist eine meisterhafte Erzählung, die gekonnt Fiktives mit historisch verbürgten Ereignissen verwebt und gleichsam im Plauderton der (fiktiven) 100-jährigen Anouk Perlemann-Jacob ein Stück europäische Geschichte verarbeitet.
Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff, dtv, 14 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.
