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John Sykes: Exploring London with Sherlock Holmes – Mit Sherlock Holmes durch London

Wie lernt man eine Sprache? Indem man sie spricht, hört…und liest. Weil das aber mitunter recht langwierig und  schwierig ist, hilft es, etwas zu lesen, was spannend geschrieben ist. Wenn das Buch dazu noch zweisprachig daher kommt, umso besser.

John Sykes nimmt den Leser in “Exploring London with Sherlock Holmes – Mit Sherlock Holmes durch London”  mit auf Streifzüge durch London und wer wäre als Begleiter besser geeignet als Sherlock Holmes und Doctor Watson? Neben den Fällen, die die beiden berühmten Figuren lösen, gibt Sykes Hinweise auf die Wege, die Holmes und Watson in den Geschichten zurücklegen und erklärt, was es mit einigen  der berühmten Londoner Landmarks wie der Westminster Abbey oder den Houses of Parliament auf sich hat. Außerdem begegnet man einigen berühmten historischen Personen wie  Maria Stuart oder Guy Fawkes.

“When you have excluded the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.”

“Schließt man das Unmögliche aus, bleibt – wie unwahrscheinlich auch immer sie einem vorkommen mag – die Wahrheit.” Sherlock Holmes

Zweisprachige Texte im dtv sind immer eine Überlegung wert, wenn man gerne in einer Fremdsprache lesen möchte, aber noch nicht auf Hilfestellungen verzichten will. Die Fremdsprachentexte bieten auf der linken Buchseite den Text im Original, auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung, so dass man nicht nur den deutschen Begriff einzelner unbekannter Worte, sondern auch den ganzer Sätze schnell erfassen kann. So ist das Englisch in “Exploring London” leicht, aber nicht zu banal oder herablassend – was ebenso für die sorgfältige deutsche Übersetzung und die Erklärungen gilt.

John Sykes: Exploring London with Sherlock Holmes – Mit Sherlock Holmes durch London, dtv zweisprachig/Texte für Fortgeschrittene, 10.50 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage

Lisette ist alles andere als ein Kind nach den Vorstellungen seiner Zeit. Geboren 1888, im Drei-Kaiser-Jahr, hatten Kinder unauffällig zu sein, sich nach den Erwachsenen zu richten und – wenn sie Mädchen waren – im heiratsfähigem Alter eine gute Partie zu machen. Doch anstatt sittsam zu sein und sich in ein Korsett zwängen zu lassen, begehrt Lisette auf, gegen ihre Eltern und gegen die Konventionen ihrer Zeit. Anstatt den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, verliebt sie sich in den Schneider Emile, verlässt für ihn ihr großbürgerliches Elternhaus und entwirft  Reformkleider.

“Die ständig neuen Einschränkungen und Widerstände forderten Lisette heraus. Genau dagegen galt es anzustürmen. Durch Emile fand sie dafür den Mut.”

Fasziniert vom Leben ihrer Urgroßmutter Lisette, das in ihrer Familie bekannt, aber weder von Mayas Mutter noch ihrer Großmutter ausführlich erzählt werden, versucht Maya hundert Jahre später mehr über Lisette und letztlich über ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen herauszufinden.

Im ersten Band einer Trilogie erzählt Astrid Ruppert über die Frauen der Familie Winter – was “Leuchtende Tage” natürlich zu einem Frauenroman macht. Doch fernab der Frage, weshalb Bücher in Kategorien eingeteilt werden müssen (am liebsten noch in “gut” oder “schlecht”), ist “Leuchtende Tage” eine Geschichte, die wunderbar unterhält und dabei nie zu kitschig oder zu banal wird. Schade nur, dass auch die schönste Geschichte einmal zuende geht und man sich dabei ertappt, ungeduldig auf den nächsten Teil zu warten.

Astrid Ruppert: Leuchtende Tage, dtv, 15,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt

Er ist eigentlich nur der Chauffeur, doch dann soll er Fotos machen. Alfred Dutertre bricht zusammen mit dem Pariser Bankier Albert Kahn zu Reisen in ferne Länder auf, denn Kahn will ein Archiv der Welt schaffen, ein Archiv, das aus Fotos bestehen soll. Und genau diese Fotos soll Dutertre aufnehmen.

Im Rückblick erzählt eben dieser Alfred Dutertre sein Leben und das des mittlerweile kranken Albert Kahn, der glaubte, mit Hilfe der Fotografie zur Völkerverständigung beitragen zu können. Basierend auf wahren Begebenheiten taucht der Leser ein in eine längst vergangene Zeit und lernt mit Alfred Kahn einen Menschen kennen, der vielleicht früher als andere ahnte, dass sich die Welt nicht nur verändert, sondern auch bestimmte Lebensweisen verschwinden werden und er zumindest die Erinnerung daran bewahren möchte. Als Kahn verarmt und schwer erkrankt, bleibt Dutertre bei ihm und pflegt dank der über 70.000 Fotos die gemeinsame Erinnerung an ein vergangenes Leben und eine vergangene Welt.

“Über Amerika und Honolulu fahren wir nach Japan und China. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unterwegs zu fotografieren, nicht wahr?”

Mit “Der Archivar der Welt” legt Lia Tilon ein Werk vor, das eine Mischung ist aus Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, die im Rückblick erzählt werden. Weder das eine noch das andere ist reißerisch geschrieben, dafür in einer ruhigen und unaufgeregten Art umso eindringlicher.

Lia Tilon: Der Archivar der Welt, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Claire Lombardo: Den größten Spaß, den wir je hatten

Ein Familienbuch oder ein Buch über eine Familie, allem Anschein nach eine recht normale Familie, noch dazu ein Erstlingswerk. Nicht unbedingt Kriterien, nach denen ich normalerweise mein nächstes Buch auswähle. Allerdings fiel mir das Buchcover auf – gelbe Gingkoblätter (ich mag den Gingko, der seit ein paar Jahren auf meinem Balkon lebt, aber das ist eine andere Geschichte) und außerdem meinte mein freundlicher Ansprechpartner beim dtv, dass “Den größten Spaß, den wir je hatten”  auf jeden Fall empfehlenswert sei.

Wie recht er hatte, ist doch die Familie Sorensen alles andere als langweilig. Das betrifft die Eltern Marilyn und David, die  nach 40 Ehejahren nicht nur glücklich, sondern auch immer noch verliebt sind und das bei jeder Gelegenheit – auch unpassenden wie ihre Töchter finden – zeigen. Für die ist die Vorzeigeehe ihrer Eltern ein Vorbild, vom dem sie wissen, dass sie es nie erreichen werden und willkommener Anlass, Anstoß am elterlichen Verhalten zu nehmen.

“Von jener Sekunde an wusste er, dass er ihre gemeinsamen Kinder inbrünstig lieben würde. Aber er liebte Marilyn noch mehr, und er machte sich von Anfang an keine Illusionen darüber.”

Doch im Grund sind die Schwestern Wendy (die nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes zurechtkommen muss), Violet (Mutter statt Anwältin, aber mit einem eigenen Büro, in dem sie die Familie organisiert – eine Szene die mich an “Orphan Black” erinnert hat), Liza (brillante Professorin mit Versagensängsten als werdende Mutter) und Grace (die nicht das macht, was sie behauptet) froh, dass sie bei Schwierigkeiten jederzeit in ihr Elternhaus wie in einen sicheren Hafen zurückkehren können.

“Jede von ihnen unterbrach, was sie gerade tat, um zu beobachten, wie ihre Eltern auf ihrem eigenen unergründlichen Planeten weilten, zwei Menschen, die mehr Liebe verströmten, als es das Universum möglicherweise zuließ.”

Claire Lombardo legt mit ihrem ersten Roman einen Schmöker vor, den man am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. So intensiv, aber gleichzeitig auch leicht und spannend erzählt sie von Liebe, Ehe, dem Erwachsen- und dem Älterwerden – Themen, die die sogenannte Trivialliteratur massenweise verarbeitet. In “Den größten Spaß, den wir je hatten” aber sind sie jenseits von Klischees und Kitsch einfach nur gute Literatur und der beste Grund, sich von 720 Seiten nicht abschrecken zu lassen.

Claire Lombardo: Den größten Spaß, den wir je hatten. dtv, 25 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

André Aciman: Fünf Lieben lang

Paul ist auf der Suche nach der Liebe oder sollte man lieber schreiben, er will sie erkunden? Denn das ist es, was Paul sein Leben lang tut. Schon als Zwölfjähriger weiß er, dass er für den Tischler Giovanni viel mehr empfindet als nur Freundschaft. Zwar kann er das Gefühl noch nicht in Worte fassen, aber die Besuche in dessen Werkstatt gehören für den Jungen nach seiner Nachhilfestunde bald zum nachmittäglichen Ritual.
Später, als Erwachsener, hat Paul unterschiedliche Liebhaber und Geliebte und heiratet. Aber egal, ob in Italien oder New York City, ob Mann oder Frau, die Beziehungen, die er hat, sind immer bedingungslos und erfüllt vom Gefühl tiefer Liebe und Zuneigung.

“Und plötzlich wird mir klar, dass ich etwas herausgefunden habe, und zwar nicht über Gabi oder die Männer im Allgemeinen, sondern über mich.”

“Fünf Lieben lang” erinnert unweigerlich an “Call me by your name – Ruf mich bei Deinem Namen“. Und genau wie in seinem 2018 auf Deutsch erschienen und im selben Jahr verfilmten Roman beschreibt André Aciman die Liebe und was es für einen Mann bedeutet, beide Geschlechter zu begehren. Das ist nie voyeuristisch oder effekthascherisch, sondern tief berührend und bewegend, weil Aciman ein wunderbarer Erzähler ist, bei dem selbst Sätze wie “Ich würde bei ihm (…)  einen langen Mittagsschlaf machen (…)  in dem kratzigen braunen Pullover, (…) der  von ihm sprach, in der unbeholfenen, heiligen Sprache der Dinge” so unkitschig klingen wie eine Betriebsanleitung und gleichzeitig so wahr wie wissenschaftliche Fakten. Gleichzeitig schafft es Aciman, die fünf unterschiedlichen – auch unterschiedlich langen – Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten spielen und nur durch die Hauptfigur Paul zusammengehalten werden, so zu erzählen, dass sich der Leser nie in ihnen verliert und die Geschichten trotz ihrer Eigenständigkeit perfekt ineinander passen.

 

André Aciman: Fünf Lieben lang, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Angelesen: Tijan Sila: “Tierchen unlimited” und Kenah Cusanit: “Babylon”

Wer auf der Suche nach eher ungewöhnlichen Lektüren ist, könnte hier fündig werden:

Eine Kindheit in Bosnien, dann die Flucht nach Deutschland und ein Leben in der Provinz in Rheinland-Pfalz – klingt nicht uninteressant, was Tijan Sila in “Tierchen unlimited” wie auf einem Buffet anrichtet. Ob diese durchaus anspruchsvollen Themen aber so gezwungen leicht erzählt werden müssen, erschließt sich nicht unbedingt jedem. Zumal der Ich-Erzähler namenlos bleibt und seine Geschichten eher Anekdoten sind, die zusammenhanglos aneinander gereiht sind.

 

Kenah Cusanit widmet sich in ihrem ersten Roman “Babel” dem  Archäologen Robert Koldewey. Obwohl er das historische Babylon ausgegraben hat, ist der 1855 in Blankenburg geborene Mann gerade im Vergleich zu Heinrich Schliemann eher unbekannt. Umso interessanter ist da die Tatsache, dass zahlreiche seiner Briefe erhalten sind, die die Autorin zu ihrem Werk animierten. Doch wer einen historischen Roman erwartet, der die Zeit, ihre Menschen und die Hauptfigur lebendig werden lässt, wird enttäuscht. Kenah Cusanit zeichnet Koldewey als liebenswerten Kauz, der akribisch an seiner Arbeit hängt, weil sie aber durchweg auf die direkte Rede verzichtet, bleibt immer eine Distanz, die man als Leser gerne überwunden hätte.

 

Tijan Sila: Tierchen unlimited, dtv, 10,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Kenah Cusanit: Babel. Hanser, 23 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung

Wenn der Verlag eines Buchautors findet, dass eben dieser Autor zu wenig Bücher verkauft, schickt er ihn auf Lesereise. Zumindest könnte man das laienhaft denken – zumindest in der heutigen Zeit, in der gefühlt ständig über zu wenig Leser, zu wenig Buchkäufer, gerne auch in Verbindung mit dem Untergang der abendländischen Kultur geklagt wird. Wer dann aber zu einer Lesung geht, findet begeisterte Leser und freudig aufgeregte Schriftsteller, die ein paar nette Stunden miteinander verbringen, Bücherkauf und Signiergelegenheit inklusive.

“Das Volk war dumm und wie das Vieh und würde niemals Anstand lernen.”

Was also für zeitgenössische Autoren zutrifft, gilt auch für die Dichter der Deutschen, Schiller und Goethe, wobei man natürlich korrekt Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller schreiben muss. Zumal wenn es nach dem Dichterfürsten Goethe geht, der sich eher unwillig auf die Lesereise begibt, die ihm sein Verleger Cotta aufgetragen hat, und die er gemeinsam mit seinem Freund Schiller möglichst schnell hinter sich bringen will. “Volksnähe” – unter diesem Motto steht die Reise der beiden – ist nämlich überhaupt nichts für Goethe, der sich seiner Bedeutung als Klassiker durchaus bewusst ist und auch als solcher behandelt werden will. Schiller dagegen ist populär und Goethe beschleicht der Verdacht, dass das Publikum hauptsächlich wegen des jüngeren Kollegen kommt.

“Er hatte genug. Er war alt. Er war Klassiker. Er war unsterblich. Er hatte alles erreicht.”

Überhaupt das Alter. Goethe ist mittlerweile 270, Schiller 260 Jahre alt, denn Christian Tielmann lässt seinen Roman “Unsterblichkeit ist auch keine Lösung. Ein Goethe-Schiller-Desaster” heute spielen. Was dabei herausgekommen ist, wirkt nur auf den ersten paar Seiten merkwürdig. Hat man sich erst eingelesen, ist die Konstellation, die die beiden Klassiker vor Schulklassen zeigt, die versuchen, die Zeit während der Pflichtveranstaltung totzuschlagen, ist nicht nur stimmig, sondern auch witzig und so erzählt, dass man die Geschichte unbedingt bis zum Ende lesen will. Und sich auch dabei ertappt, zu dem Regal zu schauen, wo die Werke der Klassiker stehen und sich fragt, wann man denn zum letzten Mal eines gelesen hat.

 

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung, dtv, 14 Euro.
Das Buch wurde mich freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre 1918-1938

Die Zwischenkriegsjahre scheinen im Rückblick auf als eine Zeit, in der alles möglich schien.  Nach den verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, der Werte und Gesellschaften mit einem Schlag nicht nur in Frage stellte, sondern zerstörte und ehemalige Soldaten zu traumatisierten Männern machte, schien es so, als würde es allmählich aufwärts gehen. Als würde die Entwurzelung, die Entfremdung der Menschen, hervorgerufen durch neue Entwicklungen wie technische Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, das Wachsen der Städte (mit der Metropole Berlin als Musterbeispiel) allmählich einer neuen Zuversicht Platz machen. Doch während die einen in den  Clubs der Großstädte hemmungslos feierten, versuchten vor allem die Armen einfach nur zu überleben.

In “Die zerrissenen Jahre” zeichnet Philipp Blom ein vielfältiges Bild der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, das sich nicht auf Europa beschränkt. Anhand von Einzelschicksalen macht er die globalen Entwicklungen und ihre Auswirkungen greifbar. So verdeutlicht der englische Dichter Wilfred Owen, der als Soldat an der Westfront zum Shell-Shock-Opfer, zum Kriegszitterer, geworden war, das Schicksal seiner Generation, die bald als die “verlorene” bezeichnet wird. Blom sieht zwischen den verstümmelten Körpern der Kriegsveteranen und den heroisch überstilisierten Athleten der Olympischen Spiele von 1936 einen direkten Zusammenhang: Das Nazi-Regime feierte den Übermenschen, der “seine eigene Zeit und seine körperlichen Begrenzungen überwinden kann, um der Technologie und den zerstörerischen Mächten der Geschichte die Stirn zu bieten.”

“‘No Future’ begann in den Schützengräben.”

Der überwundene Krieg hinterließ eine Leere, die von politischen Ideologien mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen gefüllt wurden und Hoffnung auf eine bessere Zukunft versprachen.  Hoffnung und Zukunftsperspektive, an der die Feiernden in den Berliner Clubs der Goldenen Zwanziger Jahre nicht interessiert waren, solange die Gegenwart ausreichend Vergnügungen bereithielt.

Wie schon in “Der taumelnde Kontinent” schafft es der Historiker Philipp Blom, Geschichte greif- und lesbar zu machen. Sein Streifzug durch die Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1938 ist fundiert, faktensatt, niemals langweilig und daher unbedingt empfehlenswert.

 

Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre, 1919 bis 1938, dtv, 12,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zur Verfügung gestellt.

Matt Haig: Mach mal halblang

Ein “nervöser” Planet? Kann das überhaupt sein? Und wenn ja – was bedeutet das für uns? Offensichtlich sind wir von allem etwas (auch wenn wir das vielleicht nicht zugeben wollen), also flatterhaft, zerfahren, unsicher, immer getrieben von einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht, uns mit immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit eindeckt. Wobei es zu diesen Informationen im Internet-Zeitalter auch gehört, seine Social-Media- und E-Mail-Accounts zu checken und sich so gleichzeitig zu versichern, wie der jüngste eigene Post bei den Followern angekommen ist. Wobei wir genau an dem Punkt wären, auf den es nicht nur für Matt Haig in “Mach mal halblang” ankommt: dieses Verhalten, dass wir uns mehr oder weniger unbewusst aufdrängen lassen, kann uns abhängig machen und deshalb gefährlich für uns werden. Nicht nur für Menschen – wie Matt Haig selber – die unter Panikattacken leiden. Denn durch den permanenten Druck, immer online zu sein, nehmen wir unsere eigene Umgebung nicht mehr wahr, können nicht mehr richtig abschalten.

“Das Internet enthält eine ganze Welt. Das Internet ist das, was wir daraus machen.”

Dabei ist Matt Haig weit davon entfernt, das Internet und die moderne Technik als Teufelszeug abzutun:  “Es ist einfach online Kontakte zu pflegen. Das Wetter spielt keine Rolle. Du brauchst kein Taxi und kein gebügeltes Hemd. Es kann wunderbar sein. Es ist oft wunderbar.” Er plädiert lediglich dafür, sich selbst bewusst zu machen, wie viel Zeit wir in welcher Form auch immer online verbringen, wie viel uns dadurch in der realen Welt entgeht, uns das klar zu machen und uns bewusst für etwas anderes zu entscheiden.

“Wir sind Menschen. Wir sollten uns nicht schämen, auch wie Menschen auszusehen.”

In “Mach mal halblang” hebt Matt Haig keinen moralischen Zeigefinger, der uns auf den rechten Weg und in die analoge Welt zurückführen will. Doch trotz des lockeren, oft witzigen, Plaudertons ertappt man sich nicht nur beim zustimmenden Nicken, sondern fragt sich, ob es nötig ist, während des Schreibens dieses Blogbeitrags noch drei andere Browser-Tabs offen zu haben und vor allem verfolgen zu müssen, was die Twitter-Timeline so treibt. (Antwort: Eigentlich nicht, vor allem wäre dieser Beitrag schneller fertig geworden.) Wer sich ein paar Stunden Zeit nehmen will für ein Buch, dem sei dieses empfohlen, nicht nur, weil Matt Haig ein wunderbarer Autor ist, sondern auch, weil die Übersetzung von Sophie Zeitz vergessen lässt, dass man ein Übersetzung liest, so leicht und selbstverständlich kommt die deutsche Version daher. Und ganz ehrlich: allein für den gelungenen Titel muss man dieses Buch lieben.

 

Matt Haig: Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten. dtv, 4,90 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

You can find my verdict on the original version “Notes on a Nervous Planet” here.

Bücher meines Jahres 2018

Es ist wieder Zeit, Bilanz zu ziehen – in Form von Büchern, die ich im fast abgelaufenen Jahr 2018 gelesen habe. Darunter sind Neuerscheinungen genauso wie Bücher, die mir aus dem ein oder anderen Grund als lesenswert erschienen. Insgesamt habe ich genauso viele Bücher gelesen wie 2017. Erstmals waren zwei Hörbücher dabei.

Meine Bilanz:
Gesamt: 38
Deutsch: 18
Englisch: 20
E-Books: 5 (auf dem Tolino gelesen)
Hörbücher: 2

Aus meinem Bücher-Jahr möchte ich diese empfehlen:

Deutschsprachige Autoren der Gegenwart:
Benedict Wells jüngste Sammlung von Kurzgeschichten “Die Wahrheit über das Lügen” hat nur den Nachteil, dass die Geschichten zu kurz sind –  zu gut und zu spannend sind sie geschrieben. Wer noch nichts von dem 34-jährigen Schriftsteller gelesen hat und erst einmal vorsichtig Kontakt aufnehmen will, sollte zu diesem Band greifen.
Bernhard Schlink und Lukas Hartmann haben  2018 beide Frauen als Hauptfiguren ihrer neuen Romane gewählt. Schlinks “Olga” setzt im Deutschland des 19. Jahrhunderts alles daran, als selbstständige Frau ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. In Hartmanns “Ein Bild von Lydia” ist die reichste Frau der Schweiz im Zürich des Jahres 1887 in den Konventionen ihrer Zeit gefangen.

Die Sprache ist egal
jedenfalls wenn es um diese Autoren geht, deren Werke wunderbar ins Deutsche übersetzt wurden:
Ian McEwan ist eigentlich immer lesenswert, auch seine Kurzgeschichten wie “The Daydreamer“, “Der Tagträumer“, die aus der Sicht eines Jungen erzählt sind, der sich am liebsten in andere Personen oder Tiere hineinversetzt.
Matt Haigs “Notes on a nervous planet” erscheint im März unter dem Titel “Mach mal halblang – Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten” bei dtv, wo auch die vorherigen Werke erschienen sind.

Hörbücher
sind eigentlich nicht unbedingt meine Welt, weil ich fürchte, wichtige Passagen zu verpassen. Immerhin habe ich zwei geschafft, was bei einem am Vorleser, beim anderen an einem Kinofilm liegt.
Carlo Rovelli: The Order of Time, vorgelesen von Benedict Cumberbatch  und
Dr. Seuss: How the Grinch stole Christmas, vorgelesen von Walter Matthau.

Ein neuer Privatdetektiv
Cormoran Strike, der in heutigen London unterwegs ist,  ermittelt in seinem mittlerweile vierten Fall “Lethal White”, “Weißer Tod“.  Wie bei anderen Reihen auch, sollte man aber am Anfang beginnen, in diesem Fall mit “Der Ruf des Kuckucks“. Actionfans werden allerdings nicht auf ihre Kosten kommen, Fans von Donna Leons Commissario Brunetti eher schon.

Worauf ich immer hinweisen muss:
James Rhodes’ jüngstes Buch Fire on all sides, zu dem der britische Pianist auch eine Spotify-Playlist angelegt hat und in dem er beschreibt, welch Anstrengung es ihm unter anderem immer noch kostet, auf die Bühne zu gehen und das zu tun, was er am liebsten tut: Klavierspielen. Wer Lust hat, James live in Deutschland zu erleben, hat 2019 mehrfach die Chance.

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