diebedra.de

Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Martin Suter: Elefant

Ob ein rosaroter Elefant so etwa Ähnliches ist wie weiße Mäuse? Genauer: wenn man einen Mini-Elefanten sieht und nicht so genau weiß, ob das daran liegt, dass man zu viel oder zu wenig getrunken hat. So geht es dem Obdachlosen Schoch, als er aus seinem Schlafsack heraus blinzelnd etwas wahrnimmt, was er eher als Halluzination denn als etwas echtes einordnet. Als er am nächsten Morgen aufwacht, kann er sich nur vage erinnern, etwas seltsames gesehen zu haben.

Marin Suter beginnt seinen neuesten Roman „Elefant“ mit einem surrealen Element, denn es ist zunächst völlig unklar, ob Schoch tatsächlich einen Elefanten gesehen hat oder ob er das Ganze im Rausch fantasiert hat. Dass es den winzigen Elefanten tatsächlich gibt, dass er das Ergebnis wissenschaftlicher Experimente ist und ganz bewusst gezeugt (oder sollte man schreiben hergestellt?) wurde, erfährt der Leser allmählich in Vor- und Rückblenden und unterschiedlichen Handlungssträngen. Da gibt es den Genforscher Roux, der es geschafft hat, selbstleuchtende Meerschweinchen zu züchten, den Zirkus Pellegrini und dessen Elefantenpfleger Kaung und die Tierärztin Valerie.

„Zögernd und mit ausgestrecktem Rüssel näherte sich das Wesen. Es fasste das Blattfragment, ließ den keilförmigen Unterkiefer runterklappen und schob es in den Mund. Schoch hatte die Berührung der Rüsselspitze gespürt. Sie fühlte sich weich und samtig an.“

Wie die einzelnen Handlungen zusammenhängen, was die beteiligten Personen miteinander zu tun haben und was es mit dem rosaroten Elefanten auf sich hat, das erzählt Martin Suter souverän und ohne Effekthascherei in einer Sprache, die zwar einfach, aber keineswegs platt ist. Als meisterhafter Erzähler schafft es der in Zürich lebende Autor Spannung so aufzubauen, dass sie den Leser von Anfang an packt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Unbedingt lesenswert!

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Martin Suter: Elefant, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt)

Uwe Hauck: Depression abzugeben

Wer noch nie selbst betroffen gewesen ist, kann nicht nachvollziehen, wie das ist. Depressionen zu haben. Panikattacken. Einfach so. Scheinbar ohne einen wirklichen Grund. Für einen Betroffenen kann das nicht nur lästig sein und das ganz normale Leben einschränken. Es kann lebensbedrohlich sein – wenn man scheinbar keinen Ausweg mehr weiß, als sich das Leben zu nehmen.

An diesen Punkt kommt Uwe Hauck als er nach einem Gespräch mit seinem Chef schlicht nicht mehr weiter weiß. Jenseits der Frage, ob er seinen Job gut macht oder nicht, fühlt er sich in seiner Art zu leben eingeschränkt, ja angegriffen. Unter anderem wird ihm verboten, Twitter während der Arbeitszeit zu nutzen und ihm nahegelegt, sich doch überhaupt mit dem ganzen Internet zurückzuhalten, am besten „sich dort zu löschen“. Für Uwe Hauck, der unter dem Account @bicyclist twittert, unverständlich, weil ihn seine „Twittergemeinde bei Verstand (hält). Dort kann ich mich immer mit jemanden austauschen.“ Sein Selbstmordversuch, der vor allem dank seiner Frau Sibylle scheitert, ist der Anfang von mehreren, schier endlosen Klinikaufenthalten, die keineswegs schnurstracks zur Besserung führen. Uwe Hauck ist immer wieder verzweifelt, sieht keinen Sinn in den diversen Therapieformen und -gruppen, will abbrechen. Wieder ist es seine Frau und seine Familie, die ihn dazu bringen, nicht aufzugeben.

„Als ich an diesem Abend unter die Bettdecke schlüpfe, fühle ich mich zum ersten Mal entspannt. Langsam bin ich angekommen, habe akzeptiert, dass ich  hier erst mal bleiben muss.“

Und er kommt zu der Erkenntnis, dass er die Prioritäten in seinem Leben anders setzen, sich nicht mehr selbst unter Druck setzen muss. Er schreibt offen über seine Krankheit, zunächst auf seinem Blog und auf Twitter (unter dem Hashtag #AusDerKlapse) und erhält Zuspruch und Aufmunterung. Sein Buch „Depression abzugeben“ ist so direkt und ohne schulmeisterliche Ratschläge geschrieben, wie eine gute Unterhaltung auf Twitter läuft. Denn Twitter ist nicht böse, „Man sollte Twitter nicht als etwas Schlimmes verbannen, sondern in die Therapie mit aufnehmen.“

Uwe Hauck: Depression abzugeben, Bastei-Lübbe, 10 Euro, E-Book: 8,49 Euro.

 

Sherlock: The Six Thatchers

The new year brought new Sherlock. And as always  the fans gathered round telly or any internet device to watch the first episode of series 4, „The Six Thatchers“. Written by Mark Gatiss this episode started where we left the beloved figures at the end of „His Last Vow“ (or is it „The Abominable Bride“?):  Sherlock, trying to fight his addiction, John and Mary, the soon-to-be parents, and Mycroft as dapper and clever as ever.  But of course there is the Christmas special „The Abominable Bride“ that first aired last year, and despite the fact that the creators Steven Moffat and Mark Gatiss wanted us fans to believe it is a stand alone film, it isn’t. So aren’t the previous series.

That’s why „The Six Thatchers“ is a totally new twist for the series as a whole and for Sherlock in particular. You see the only consulting detective in familiar scenes in flashbacks (confusing for newbies, a feast for fans) and you see him coping with new situations  and new figures – a baby only being one of them. Of course this changes him, it has to, just because Sherlock is human, no matter what he made anyone believe so far and  a very caring one as this episode unfolds. This doesn’t mean he stops being that high functioning sociopath (with your number). He is as rude and clever as ever. And he is more active in a James Bond-like way.

John Watson has changed, too, as Mrs Hudson predicted on the wedding day: „Marriage changes you“, she told Sherlock, and of course she is right. The couple has to care for their baby daughter while solving crimes together with Sherlock – the two of them against the rest of the world now are  three. And Mary? Well, she is smart and fits perfectly into Sherlock’s world. But you know what’s in the canon.

All in all this episode has anything you could wish for: humour, drama and settings with lots of details that clearly need lots of re watches to deduce all the hidden clues. Benedict Cumberbatch simply is Sherlock, he fits into the belstaff as perfectly as he fits into that iconic role, delivering a brilliant performance in every single second. Martin Freeman’s John Watson as well as Amanda Abbington’s Mary are more than just sidekicks. They are adding new lines to the story that set the path for the still unknown episodes to come. The week till episode 2 feels as long as the hiatus as a whole.

 

 

Bücher meines Jahres 2016

Es ist wieder Zeit, Bilanz zu ziehen  und zu schauen, welche Bücher ich in diesem Jahr gelesen habe. Meine ganz persönliche Statistik zeigt, dass ich 2016 fünf Bücher mehr gelesen habe als im Vorjahr, was vielleicht daran liegt, dass ich die vergleichsweise kurzen Stücke von William Shakespeare gelesen habe. Erstmals habe ich auch mehr Bücher auf Englisch als auf Deutsch gelesen – auch daran ist der große englische Dramatiker schuld und ein neuer Detektiv, den ich für mich entdeckt habe.

Meine Bilanz:
Gesamt: 39 Bücher
Englisch: 21
Deutsch: 18
E-Books: 4 – neben dem mittlerweile in die Jahre gekommenen Kindle und meinem treuen N7 habe ich mittlerweile auch einen Tolino

Klare Leseempfehlungen gebe ich für diese Bücher. Aber Obacht: Bei meiner Auswahl habe ich weder Wert auf neue Bücher noch auf sogenannte wertvolle Lektüre wert gelegt:

Alte Freunde:
Henning Mankell: „Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein“ und „Die schwedischen Gummistiefel“ (beide bei Zsolnay erschienen) sind keine leichte Unterhaltung. In beiden geht es um das Altern, das Älterwerden und den Verlust von Freunden, aber auch von Fähigkeiten, die mit dem Verfall des Körpers einhergehen. Beide Bücher sind Mankells Vermächtnis und weder tieftraurig noch anklagend. Wer Mankell mag, muss sie lesen.

Ian McEwan: „Nussschale“ („Nutshell“). In seinem jüngsten Roman lässt der englische Schriftsteller ein ungeborenes Baby das Geschehen außerhalb des Mutterleibs kommentieren. Und das ist schockierend, witzig und niemals langweilig. Die wunderbare deutsche Übersetzung ist im Diogenes-Verlag erschienen.

Entdeckungen:
Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit (Diogenes)  ist für mich meine persönliche Entdeckung des Jahres 2016. Die Geschichte um drei Geschwister, die behütet aufwachsen und nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern mit einer völlig anderen Situation zurechtkommen müssen. Wells erzählt eigentlich eine alltägliche Geschichte.  Aber er tut das ganz wunderbar.

Robert Galbraith: „Der Ruf des Kuckucks“ („The Cuckoo’s Calling“), „Der Seidenspinner“ (The Silkworm), „Die Ernte des Bösen“ („Career of Evil“). Die drei Romane um den Privatdetektiv Cormoran Strike haben das, was man von guten Krimis erwartet: Spannung, Humor und Figuren, die eine Vergangenheit haben und sich im Verlauf der Geschichte entwickeln. Und Londonfans können die Wege auf der Stadtplan verfolgen. Ich habe die Bücher auf Englisch gelesen. Die deutschen Ausgaben sind bei Blanvalet erschienen. Die BBC verfilmt die Bücher gerade mit Tom Burke als Cormoran Strike.

William Shakespeare:
Wahre historische Hintergründe, Mord, Intrigen, Liebe, Hass und Humor – wer das gerne liest, sollte William Shakespeare eine Chance geben. Ich habe in diesem Jahr die drei Teile von „Henry VI“ und „Richard III“ gelesen. Wer öfter hier reinschaut oder mir auf Twitter folgt, weiß, dass mein Lieblingsschauspieler Benedict Cumberbatch als „Richard III“ seine bisher beste schauspielerische Leistung abgeliefert hat. Die Dramen sind in einer zweisprachigen Ausgabe bei Ars Vivendi und dtv erschienen. Die BBC-Verfilmungen sind als DVDs erhältlich, allerdings ist Richard III (als Teil der Hollow-Crown-Serie) nur auf Englisch mit englischen Untertiteln erhältlich.

 

William Shakespeare: Die Fremden

Es klingt wie eine Szene aus unserer Zeit. Die Londons Händler und Handwerker  fühlen sich durch die Fremden benachteiligt. „Die Fremden“, das sind Menschen aus Frankreich und Flandern, die unter anderem wegen religiösen Gründen ihre Heimat verlassen haben und in London Schutz suchen. Aus den mittellosen Flüchtlingen sind im Lauf der Zeit wohlhabende Handwerker geworden, die den Einheimischen Arbeit wegnehmen. Eine Befürchtung, die sich 1517 in feindseligen Aufständen entlud.

Diese historischen Ereignisse verarbeiten fünf Autoren um 1600 zu einem Theatermanuskript. Mit Hilfe moderner Verfahren konnten Experten einen dieser Autoren als William Shakespeare identifizieren. Der Teil des Stückes, der von Shakespeare geschrieben wurde, ist als „Die Fremden“ in einer zweisprachigen Ausgabe mit zahlreichen Erläuterungen im dtv erschienen.

Auch wenn es nur eine Ausschnitt aus dem nie aufgeführten Stück „Thomas Morus“ über den berühmten Staatskanzlers ist, so wird doch deutlich, dass Shakespeare immer aktuell ist. Die Rede, die er Thomas Morus halten lässt, ist nicht nur zutiefst menschlich. Sie bringt die gewalttätigen Aufständischen mit simplen Aussagen, die an die Vernunft appellieren, zum nachdenken darüber, dass sie sich nicht nur gegen den König, der die Fremden willkommen heißt, erheben. Denn ein Ungehorsam gegen den König heißt letztlich auch Ungehorsam gegen Gott, der nach dem Verständnis der Zeit durch den König regiert.

„Look, what you do offend you cry upon,
That is, the peace. (…)
To any German province, to Spain or Portugal,
Nay, any where that not adheres to England:
Why, you must needs be strangers. Would you be pleased
To find a nation of such barbarous temper, (…)
Wet their detested knives against your throats.“

Mag der Text nicht an die meisterhaften Stücke William Shakespeares heranreichen, so ist er doch – auch dank des Vorworts des SZ-Autors Heribert Prantl und der umfangreichen Anmerkungen von Übersetzer und Herausgeber Frank Günther lesenswert.

 

Frank Günther (Hg): William Shakepeare – Die Fremden, dtv, 6 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv zu Verfügung gestellt.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Das Originalmanuskript liegt in der British Library in London, die weiterführende Artikel über William Shakespeare auf ihrer Seite zur Verfügung stellt.

Bücher für Weihnachten

Ach je. Bücher für Weihnachten, also Bücher als Weihnachtsgeschenke. Ich sehe schon, wie die ersten mit den Augen rollen und denken: „Auch das noch.“ Denn beim Lesen all dieser Bücherlisten – so finde ich jedenfalls – kommt man sich immer dumm und ungebildet vor, weil man von den meisten der vorgeschlagenen Bücher weder etwas gehört hat noch den Autor kennt (das gilt auch für Autorinnen, ich weigere mich aber jegliche Form der Genderisierung zu schreiben). Also, welche Bücher sollte man denn nun verschenken? Nur die, die einen selbst gefallen haben. Das ist mein Prinzip, nach dem ich im Gedanken durchgehe, wer sich über welche Lektüre am meisten freuen würde.

Für Krimifans:
Robert Galbraith: „Der Ruf des Kuckucks“ (Blanvalet Verlag, 9,99 Euro) ist der erste von drei Bänden, in denen der Privatdetektiv Cormoran Strike Fälle löst, versucht, sein Leben auf die Reihe zu kriegen und dabei durch die Straßen Londons humpelt. Strike wurde im Afghanistan-Krieg (wer mag, kann darin einen Hinweis auf Arthur Conan Doyles John Watson lesen) so schwer verwundet, dass er seither auf eine Unterschenkelprothese angewiesen ist, um einigermaßen gehen zu können. Robert Galbraith – das Pseudonym von Joanne K. Rowling – schreibt so spannend, dass man das Buch gar nicht mehr weglegen möchte und erinnert im Stil an traditionelle Krimis, die ohne große Action auskommen und stattdessen mehr auf Taktik und Überlegung setzen.

Für Traditionalisten:
Siegfried Lenz: „Schweigeminute“ (dtv , 7,90 Euro). Wer den Film, der kürzlich im ZDF lief, gesehen hat, sollte unbedingt die Novelle lesen. Denn in diesem Alterswerk des Autors wird so viel mehr erzählt und verdeutlicht, wie es in einem Film nie möglich ist. Denn vieles, was der Schüler Christian, der mit seiner Englischlehrerin Stella ein Liebesverhältnis hat, spielt sich gedanklich nur im Kopf des Jugendlichen und Ich-Erzählers ab. Ausgangspunkt ist die titelgebende Schweigeminute, bei der Beerdigung Stellas, die bei einem Schiffsunfall so schwer verletzt wird, dass sie an den Verletzungen stirbt.

Für Liebhaber englischer Literatur:
Ian McEwan: „Nussschale“ (Diogenes, 22 Euro) ist das jüngste Werk des britischen Autors, der seine Geschichte dieses Mal aus der Sicht eines ungeborenen Kindes erzählt.

Für Entdecker:
James Rhodes: „Der Klang der Wut“ (Nagel & Klimche, 22,90 Euro) ist, wie es James selbst sagen würde, ein Buch über Musik. Aber es ist auch die schreckliche Geschichte eines kleinen Jungen, eben James Rhodes, der fünf Jahre lang vergewaltigt wurde und der nur überlebte, weil er klassische Musik hört. Wer mag, sollte das Buch im Original lesen („Instrumental“, Canongate, ca. 10 Euro), nicht um mit seinen Englisch-Kenntnissen anzugeben, sondern weil James‘ Stil im Deutschen nur schwer erkennbar ist.  Heute ist James Rhodes ein erfolgreicher Pianist, dessen Konzerte genauso ungewöhnlich sind, wie sein Tweets.

Für Liebhaber von Briefen:
Petra Müller, Rainer Wieland (Hg): „Schreiben Sie mir oder ich sterbe“ (Random House, 3 CDs, ca. 20 Euro): Hörbücher sind nicht jedermanns Sache. Man muss sich reinhören und konzentrieren, damit man nicht den Faden der Geschichte verliert. Praktisch sind aber kleinere Stücke, die man zwischendurch hören kann, wie diese Sammlung von Liebesbriefen berühmter Menschen.

Maria Dermoût: Die zehntausend Dinge

Es ist, als würde man ein Paradies fern der Wirklichkeit betreten. Sobald man das Buch „Die zehntausend Dinge“ aufschlägt (und sich vorher über das liebevoll gestaltete Buchcover gefreut hat), ist es, als würde man eine Welt betreten, die schon lange vergangenen ist, deren Geräusche und Düfte einem aber noch seltsam nah sind und an die man sich auch Jahrzehnte später noch insgeheim zurücksehnt.

„Der Garten hielt sie fest, kapselte sie nach und nach ein,
zeigte ihr Dinge, gab flüsternd seine Geheimnisse preis.“

Felicia muss als Kind die Gewürzplantage, die trotz ihrer Größe „Der kleine Garten“ genannt wird, verlassen. Sie zieht mit ihren Eltern nach Europa, aber sie geht mit dem sicheren Versprechen, dass ihre Großmutter bei ihrer Rückkehr auf sie warten wird.  Als Felicia Jahrzehnte später mit ihrem kleinen Sohn zurückkommt, scheint es fast so, als habe sei die Zeit stehen geblieben. Sitten und Gebräuche im und um den kleinen Garten an der Binnenbucht haben sich nicht geändert und auch die Alten, allen voran die Großmutter, sind noch da.

„Meine Großmutter wartet im Kleinen Garten
an der Binnenbucht auf mich.“

Maria Dermoût lässt eine längst vergangene Welt auferstehen, die für uns Europäer nicht nur den Reiz des Vergangenen, sondern auch den des Exotischen an sich hat. Sie tut das mit einer langsamen, ruhigen Sprache, die zwar dem Jahr der Ersterscheinung 1955 entspricht, aber gleichzeitig auch darauf abzielt, das Leben der Niederländer in Indonesien lebendig werden zu lassen. Wie der kleine Garten in der Geschichte, so ist der Roman selbst wie ein Zufluchtsort, der dem Leser Hektik und Stress der Gegenwart vergessen lassen.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Maria Dermoût: Die zehntausend Dinge, dtv, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv zur Verfügung gestellt.

Ian McEwan: Nussschale

Ein ungeborenes Kind mit dem Wissen und der Intelligenz eines Erwachsenen, das seine Umgebung mindestens genauso gut analysiert wie ein renommierter Intellektueller – und das die Geschichte erzählt. Dabei geht es nicht nur um die Beobachtung anderer Menschen. Ian McEwans neuem Buch „Nussschale“  handelt von einer gescheiterten Ehe, einer neuen Liebe und um Mord, bei dessen Planung der Leser dank des Babys im Mutterleib Zeuge ist. Und ja, es geht natürlich auch um William Shakespeares Hamlet – das Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, stammt aus dem zweiten Akt – die Namen der Mutter und des Liebhabers Trudy und Claude sind ebenso Anspielungen auf das Stück wie das über die Welt nachdenkende und mit ihr hadernde Hamlet-Ungeborene selbst.

„O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein.“
William Shakespeare, Hamlet, II,2

Doch man muss das alles nicht wissen, um „Nussschale“ zu lesen und sich zu amüsieren über die scharfsinnigen analytischen Fähigkeiten des Kindes, das über die Qualität eines Sauvignon Blanc urteilt („Nicht meine erste Wahl; ich hätte einen Sancerre bevorzugt, am liebsten aus Chavignol, dieselbe Trauben aber nicht so grasig im Abgang.“), seine Mutter mit ein paar Fußtritten wachboxt, damit sie Radio hört (man kann vermuten, dass Mutter und Kind die Podcasts von BBC Radio 4 lieben)

Begeistert, weil es Ian McEwan auch dieses Mal wieder schafft, den Leser mit einer Geschichte zu überraschen, deren Handlung auf den ersten Blick  im gewöhnlichen Alltag angesiedelt ist. „Nussschale“ ist dank der wunderbaren Übersetzung von Bernhard Robben  auch auf Deutsch von der ersten Seite an faszinierend und man legt das Buch nur ungern aus der Hand.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Ian McEwan: Nussschale, Diogenes, 22 Euro.
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.

Martin Luther und die Reformation

Es war eine Zeit des Umbruchs, in der vieles, was bisher selbstverständlich schien, in Frage gestellt wurde. Die Zeit der Reformation ist weit weg, aber dennoch sind uns die Ängste, die die Menschen vor 500 Jahren bewegten, seltsam vertraut. Martin Luther, ein unbekannter Mönch, wagt das Unfassbare: er legt sich mit Kaiser und Papst an und schafft eine neue Konfession, die bald europaweit Anhänger finden wird. Dabei ging es Luther gar nicht darum, die Kirche zu spalten.

„Reformation heißt wörtlich genommen, Rückformung, also Wiederherstellung. Schon das Wort zeigt, dass es Luther nicht um den kühnen Blick nach vorne ging, sondern um die Rückkehr zu einem ursprünglichen, vermeintlich besseren Zustand“, heißt es in dem Buch „Die Reformation – Aufstand gegen Kaiser und Papst“, das verschiedene Spiegel-Artikel zusammenfasst.  Das hat den Vorteil, dass das Thema Reformation von unterschiedlich langen  Beiträgen beleuchtet wird. Weil die Artikel von unterschiedlichen Autoren stammen, variieren Stil und Qualität. Für eine Einführung in das Thema und in das bevorstehende Lutherjahr 2017 ist das Buch dennoch gut geeignet.

Quelle: DVA

Quelle: DVA

Dietmar Pieper, Eva-Maria Schnurr (Hg): Die Reformation. Aufstand gegen Kaiser und Papst. Deutsche Verlagsanstalt, 19,99 Euro.
Das E-Book wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe

„Mein Engel, mein alles, mein Ich“  – Ludwig van Beethoven war nicht nur ein genialer Komponist. Er konnte auch Liebesbriefe schreiben. So wie viele andere berühmte Männer und Frauen, die auf den drei CDs „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ unter anderem von Sascha Rothermund, Götz Otto, Martina Gedeck und Anna Thalbach gelesen werden. Die unterschiedlich langen Stücke – meist sind es an die zehn Minuten  – geben Einblicke in sehr private Gedanken des jeweiligen Verfassers und gleichzeitig auch in eine Zeit, in der man sehnsüchtig auf Nachricht von einem geliebten Menschen gewartet hat, statt ihn jederzeit übers Internet kontaktieren zu können.

Spätestens seit ich die wunderbaren Bücher „Letters of Note“ und „Letters of Note II“ (beide Einträge sind auf Englisch) für mich entdeckt habe und die Veranstaltung „Letters Live“ in London erleben durfte, bin ich von historischen Briefen fasziniert. Diese drei CDs werden gleichermaßen ruhig und leidenschaftlich von wunderbaren Sprechern gelesen. Am Ende des eigentlichen Briefes wird jeweils der historische Kontext des Briefes erklärt. Diese hörenswerte Sammlung verkürzt nicht nur lange Bahnfahrten, sie macht Lust auf mehr.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe. Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer. Herausgegeben von Petra Müller und Rainer Wieland. Random House, 3 CDs, Laufzeit, 3 Stunden, 15 Minuten, ca 20 Euro.
Die CDs wurden mir freundlicherweise von Randhom House zur Verfügung gestellt.

« Ältere Beiträge

© 2017 diebedra.de

Theme von Anders NorénHoch ↑