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Bücher, Filme, Technik und Benedict Cumberbatch – auf Deutsch and in English

Lesetipps für den Sommer

Die Ferienzeit ist nicht mehr weit, aber vielleicht braucht der ein oder andere ja jetzt schon etwas Lesestoff.

Meine neuesten Entdeckungen
Celeste Ng: „Was ich Euch nicht erzählte“ (dtv, 19,90 Euro) und Graham Swift: „England und andere Stories“, über das ich schon geschrieben habe (dtv, 21,90 Euro). Celeste Ng (gesprochgen Ing) erzählt einen ungewöhnlichen Kriminalfall. Das Mädchen Lydia kommt eines Morgens nicht zum Frühstück, um einen neuen Tag zu beginnen, der für die Familie Lee im kleinbürgerlichen Ohio der 70er typisch ist. Denn Lydia wird von ihrer Mutter Marilyn darauf gedrillt, später Ärztin zu werden. Einen Wunsch, den sie sich selbst nie erfüllten konnte. Wie die Geschichte aufgelöst wird, ist ungewöhnlich und spannend erzählt.
John le Carré ist freilich kein Unbekannter. Ich habe es aber Tom Hiddleston und der BBC-Serie „The Nightmanager“ zu verdanken, dass ich das gleichnamige Buch („Der Nachtmanager“, Ullstein, 9,99 Euro, Original bei Penguin) und damit den Autor entdeckt habe. Der Roman erzählt die Geschichte von Jonathan Pine, dem Nachtmanager in einem Luxushotel, der zufällig von verdächtigen Transaktionen eines reichen Geschäftsmanns erfährt. Und dann kommen auch noch Menschen in Pines Nähe um.

William Shakespeare
Rechtzeitig zum 400. Todestag von William Shakespeare habe ich nach „Hamlet“ im vergangenen Jahr  die Historien „Henry VI“ & „Richard III“ in den zweisprachigen Ausgaben des Verlags ars vivendi gelesen. Die Übersetzungen von Frank Günther sind modern, ohne zu modern zu sein und helfen über so manche Verstehenshürde hinweg, die Anmerkungen im Anhang tun ein Übriges.
Viel Wissenswertes über den englischen Dramatiker erzählt Frank Günther in „Unser Shakespeare“ (dtv, 14,90 Euro) mit viel Kompetenz, aber auch mit viel Leichtigkeit.
Stephen Greenblatts „Will in der Welt – Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde“ (Pantheon, 14,99 Euro) habe ich im englischen Original gelesen.  Mag sein, dass das Buch nicht streng wissenschaftlich und in vielem Spekulation ist. Mir hat es aber sehr gut gefallen, weil es mir den Menschen William Shakespeare näher gebracht hat.

Pflichtlektüre
Donna-Leon-Krimis sind für mich Pflichtlektüre und ich freue mich jeden Sommer auf den nächsten. In diesem Jahr ist es „Ewige Jugend“ (Diogenes, 24 Euro), der für Fans wieder ein paar angenehme Stunden mit Guido Brunetti verspricht.

Ungewöhnliche Biografien
Dass der ehemalige Chefredakteur des „Guardian“ schreiben kann, ist keine Überraschung. Dass Alan Rushbridger Klavier spielt, schon eher – zumal man sich auch als absoluter Musikdepp fragt, wie er es schafft, seinem enormen Arbeitspensum regelmäßige Übungszeiten abzuringen. In „Play it again – ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten“ (Secession Verlag für Literatur, 25 Euro) beschreibt Rushbridger sein Ringen am Klavier, aber auch am Redaktionsschreibtisch und vermittelt die Überzeugung, dass man jeden Tag etwas für sich persönlich tun kann, wenn man es nur will.
James Rhodes ist ein ungewöhnlicher Pianist. Der Londoner kommt nicht nur in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen auf die Bühne. Er erklärt auch dem Publikum, was er spielen wird und warum und weshalb der Komponist ausgerechnet dieses Stück auf diese Weise geschrieben hat. In „Der Klang der Wut“ (Verlag Nagel & Kimche AG , 22, 90 Euro, Original: „Instrumental“ verarbeitet er seine unfassbare Erlebnisse als Junge. Er wurde mehrfach vergewaltigt und ist sicher, dass er nur dank seiner Liebe zur klassischen Musik überlebte. Wer eine feinsinnige Abhandlung erwartet, sei gewarnt. James Rhodes schreibt so direkt, wie er twittert, wer kann, sollte dem Original eine Chance geben.

Donna Leon: Ewige Jugend

Der 25. Fall für Guido Brunetti ist vielleicht sein berührendster und gleichzeitig ungewöhnlichster. Das geht schon damit an, dass dieser Roman bereits der zweite in diesem Jahr ist – der Diogenes-Verlag feiert das Jubiläum entsprechend.
Doch die Geschichte selbst ist dieses Mal ungewöhnlich, auch wenn man als Kenner weiß, dass der venezianische Commissario unter den literarischen Kriminalern schon immer eine Sonderstellung eingenommen hat. Was vielleicht an den italienischen Verhältnissen im Allgemeinen und den venezianischen im Besonderen liegen mag.

Und so wird Guido Brunetti von einer Freundin seiner Schwiegermutter um Hilfe in einer privaten Angelegenheit gebeten. Manuela, die Enkelin der Contessa Lando-Continui, hatte vor Jahrzehnten einen Unfall und stürzte in einen der Kanäle Venedigs. Weil sie zu lange unter Wasser blieb, ist Manuela behindert und auf dem geistigen Stand eines Kindes. Die Contessa ist davon überzeugt, dass das kein Unfall war und möchte, dass Brunetti die genauen Umstände herausfindet.

„Eine alte Frau brauchte seine Hilfe, und er (Brunetti) leistete sie ebenso selbstverständlich, wie er sie auffangen würde, sollte sie die Treppe hinunterfallen.“

Brunetti wäre nicht Brunetti, wenn er der Bitte der alten Dame nicht Folge leisten würde und sich mit Hilfe seines Kollegen Vianello und Elettra, der Sekretärin seines Chefs, daran machen würde den alten Fall  wieder zu eröffnen. Elettra mit ihren geheimnisvollen Verbindungen zu  nicht immer legal arbeitenden Freunden ist die, die zwar scheinbar ihren Arbeitsplatz am Computer im Vorzimmer ihres Chefs nie verlässt, aber dennoch von überall her Informationen beschafft, die den beiden Männern weiterhelfen. Und ganz nebenbei wird sie nie müde, sich über die Unfähigkeit ihres Vorgesetzten Patta zu wundern und über bestimmte Verhaltensweisen Brunettis den Kopf zu schütteln. Etwa wenn der gesteht, er habe  keine private E-Mail-Adresse.

„‚Sie haben keine private E-Mail-Adresse?‘ echote Signorina Elettra in eine Ton, als habe er gestanden, er könne nicht mit Messer und Gabel umgehen.“

Das macht den Commissario ebenso sympathisch wie seine Familie, die der Leser natürlich auch im 25. Fall wiedersieht und wie seine Unsportlichkeit, die er zusammen mit einem alten Freund (der ihm in seinem Fall wichtige Informatioen gibt) beim Rudern ignoriert und prompt mit Muskelkater bestraft wird.  Seine Schmerzen versucht er solange mit einer heißen Dusche zu lindern, bis sich seine Frau Paola Sorgen macht. Erst später wird ihm bewusst, dass sie für ihn ein Buch von Henry James beiseitegelegt hat, dem Lieblingsautor der Literaturprofessorin.

Es sind genau diese kleinen Episoden, die so typisch sind für einen Commissario-Brunetti-Roman – ganz unabhängig vom Fall, der natürlich auch im neuesten Buch gelöst wird und der mit einer Wendung endet, die zu Tränen rührt.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Donna Leon: Ewige Jugend. Commissario Brunettis 25. Fall, Diogenes, 24 Euro.
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.)

 

Graham Swift: England und andere Stories

Bei manchen Büchern fragt man sich, weshalb man von ihren Autoren noch nichts gehört, geschweige denn etwas gelesen hat. Der Sammelband „England und andere Stories“, der jetzt im dtv auf Deutsch vorliegt,  ist so ein Buch, denn der englische Autor Graham Swift schafft es auf wenigen Seiten eine ganze Welt zu entfalten. Eine Welt, die zwar eine englische, aber dennoch eine universale ist.

„Jetzt waren sie verheiratet, und man hatte ihnen gesagt,
sie sollten ihr Testament machen.“

Eine Welt, die unser Alltag ist und deshalb gleichzeitig in dieser ganz eigenen Vertrautheit so faszinierend daherkommt, ohne banal und langweilig zu sein. Freilich kann das nur ein Schriftsteller leisten, der  alltägliche, kurze Szenen als Ausgangspunkt eines menschlichen Schicksals nimmt: Da ist der Mann von der Küstenwache, der auf dem Weg zur Arbeit an einem Pannen-Auto vorbeikommt und dessen Fahrer mit unterschiedlichen Stimmen zu sprechen scheint. Oder die beiden Frauen Holly und Polly, die sich bei der Arbeit als Embryologinnen kennen- und lieben lernen. Sie sind beide ausgebildet für eine Arbeit, „von der manche sagen, man spiele Gott“.

„Wir sind nicht Gott. Es ist auch kein Spiel.
Obwohl wir manchmal lachen müssen.“

Jede Geschichte hat ihre eigenen Charaktere, die sich in ihrer eigenen kleinen Welt bewegen. Klein deswegen, weil es „nur“ 25 Erzählungen sind, die in dem Band versammelt sind und man von so mancher Geschichte gerne mehr gelesen hätte. Das ist aber auch der einzige Mangel, denn Graham Swift ist ein meisterhafter Erzähler (ebenso meisterhaft übersetzt von Susanne Höbel), dessen Stil an den von Ian McEwan erinnert.

 

Graham Swift: England und andere Stories, dtv, 21,90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv zur Verfügung gestellt.)

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

 

Benedict Cumberbatch’s outstanding Richard III

Yes, I can hear them. Those critics, those self declared grail holders of every single tradition you can think of in cultural topics. They are about to start their writing software after they had difficulties to survive  „Richard III“, the third part of the second series of „The Hollow Crown“, screened over the last three weekends on BBC Two. After a certain Benedict Cumberbatch got his hands on William Shakespeare’s „Hamlet“ last year in London’s Barbican those purists had to endure beat after beat: People ran wild! Queued for tickets! Young folks watched a play live on stage for the very first time in their lives! How could that happen? And they still watch it whenever a live recording hits a cinema within reach.

And now it is Shakespeare all over again, three of his plays transformed into three 2 hours films, bringing the bloody Wars of the Roses into living rooms where the audience watched how a tyrant was made. A tyrant in the shape of Benedict Cumberbatch whose Richard III took over the screen  step by step in „Henry VI, 2“ until he rules it completely in the defining part of „Richard III“. And he does so by luring the audience into his thoughts, his grief and his rage, leaving you wondering if you should be appalled by a cripple who is so terrible deformed or if you should feel sorry for a man who had been an outsider for all his life. The very first scene where Richard has one of his soliloquies speaking directly to the audience reveals not only his violent ambitions. It also shows that he is a vulnerable human being – naked upwards from the waist, a deformed back, a hand he can’t use – desperately trying to find his path where Richard is only true to his only ally, the audience, addressed directly to the camera in his soliloquies.

„I, that am curtail’d of this fair proportion, deform’d, unfinished, sent before my time into this breathing world scarce made up – and that so lamely and unfashionable that dogs bark at me, as I halt by them.“ Richard III, I,1

All these different feelings, the cruelty of a man driven by ambition, hate, haunted by the ghosts of the men he killed are brilliantly performed by Benedict Cumberbatch who always is in control of the audience’s attention, who grabs their hands, takes them on a ride and leaves them crying for a king who died on a muddy battlefield. It seems that Benedict’s performance gets better and better with every new role. He clearly is on the height of his abilities, bringing every emotion you can possibly think of to life within the wink of an eye or the move of a hand. And of course his voice talking Shakespeare’s English –  making it vivid and just beautiful.

So may all of those professional critics analyse every letter, every scene, every move of the camera, may they shout at the BBC for tearing Shakespeare down to the small screen and may they shout at Benedict Cumberbatch for whatever reason they may possible find. One of his faults clearly is bringing a new audience to Shakespeare. If this is a fault, I can find more to blame this man for.

Hollow Crown, Shakespeare and Benedict Cumberbatch

No, I’m not a Shakespeare expert. Far from that. Although I can imagine that reading his works might be the same challenge for native English speakers as it is for me reading Goethe or Schiller, getting the meaning of Shakespearian English is indeed a challenge. And it doesn’t get easier watching a play live on stage or a film version.

Unless you have a production team and a broadcaster that have the courage to  throw two hours of a 400 years old play on their audience, including lots of artificial blood, mud, ancient buildings and a very fine crew of actors to bring William Shakespeare’s War of the Roses to life. The second series of BBC Two’s Hollow Crown has all this. And it has a Benedict Cumberbatch whose Richard (soon to be King in the third episode of this series) goes all the way from an awkward but still nice ish teenager – his first appearance is all cheerful – to a cruel villain ready to climb on England’s throne, killing everyone in his way. We watch a young man who loves and adores his father who considers himself as rightful heir to the throne, a young man who from the very first scene always stands a bit aside, limping with a stiff leg and a hunchback – and is mocked for this and the fact that his birth apparently wasn’t an easy one, leaving him disabled into a world full of warriors.

„This word ‚love‘ (…) be resident in men like one another, and not in me.
I am myself alone.“ Henry VI 3, V,6.

As if this isn’t enough to harm a man, Richard is an eye witness when his younger brother is killed. His shock and fear is the audience’s because it is all written in Benedict Cumberbatch’s performance and we know that this is the final reason that turns Richard into the monstrous villain.

„And am I then a man to be belov’d?
O monstrous fault to harbour such a thought.“ Henry VI 3, III,2

But it is not a villain that is totally disgusting and appalling. Richard is scaring, thrilling, seductive and – surprisingly enough  – funny and you realise you care for a man who admits all he longs for in the end is his brother’s crown no matter how many men he has to kill to reach that aim. But Richard is not only just bad. He’s a man who feels utterly alone since early childhood, a man who knows that he will not find true love because of his deformities.

If it is true that „Richard III“ is one of the most demanding roles for any actor, it’s not for Benedict Cumberbatch. Because he brings every tiny detail of that character to life without any visible effort, leaving his audience speechless in front of the telly (or where ever you have the good fortune to catch this film), realising that you haven’t moved since two hours – except for opening your mouth in disbelief, murmuring „Oh my God“ every once in a while and totally forgotten that you are watching a Shakespeare play normally considered as difficult stuff.  We don’t know if  William Shakespeare thought of a special actor when writing his play. But maybe you need a Benedict Cumberbatch to make a villain sexy.

Ian McEwan: The Child in Time

Time. You will need time. Because when you start Ian McEwan’s „The Child in Time“ it will hook you from the very beginning and will only release you to your real life after you have read the very last word.  At least that happened to me – and to be honest it always happens when I start a work of Ian McEwan I happily discover book by book both in English and in German (thanks to Diogenes who offers both brilliant translations and wonderful made copies).

In „The Child in Time“ Ian McEwan tells the story of Stephen, author of children’s book,  member of a committee dealing with children’s education, happily married to Julie and father of three-year-old Kate. The perfect life is turned upside down when Kate vanishes in a supermarket literally in bright daylight and under the caring eyes of her father. Realising that the worst nightmare of parents has come true, Stephen’s existence is lost somewhere in between memories of his parents and childhood, his every day life duties and the desperate search for his daughter. It is only after a while and the separation from his wife, he learns that he has to struggle with time itself.

„It’s got something to do with time obviously, with seeing something out of time.“

Hopping between different plots and different  flashbacks could be confusing and boring for the reader who could be in danger to lose the plot if the author is unable to control all the lines. But it could be thrilling and exciting when it is done by a brilliant author that is Ian McEwan. He, being an amazing story teller, describes every single detail to create a world that seems both very familiar and very strange as things are unfolding for the thrilled and hooked reader. The only problem is that even brilliant books have an ending.

Photo: Petra Breunig

Photo: Petra Breunig

Ian McEwan: The Child in Time, Vintage Books, £8,99.

You can find my latest blog entry on IanMcEwan here.

Jim Ottaviani: Alan Turing in a comic book

Welcome, reader! Or should I write: Welcome user? Either way, it may be possible that you won’t be able to read this at all: Without the help of Alan Turing the invention of modern computers may have been quite different. Even if you are not a mathematician you may have stumbled upon Alan Turing and you may connect his name  with the Enigma. A machine that Germans used to encrypt their messages during World War II. and nearly helped them win that war. Of course this is the story of the Comic book „Alan Turing Decoded“ by Jim Ottaviani and Leland Purvis which I think can be seen as a summary of Andrew Hodges‘ „The Imitation Game“ – at least this is what came to my mind when I enjoyed reading it and of course I thought of the film, too (sorry, fangirl here).

A bit different

But the book also brings that brilliant man Alan Turing (of course he had lots of helping hands back in World War II in Bletchley Park) to life who always was a bit awkward and different compared to others. He ran miles on end, wore a gas mask as a prevention from hay fever, chained his mug to his heater in his office at Bletchley Park  – and he was a homosexual when this was illegal in Great Britain. Sadly enough he was prosecuted for that  – a treatment that may have been the reason why Alan took his own life. Though the circumstances are still unclear as Jim Ottaviani writes in his author’s note.

Of course this beautiful made comic book isn’t a documentary or biography on Alan Turing, so readers shouldn’t take any word or any picture as a historical fact. But it is a lovely way of getting the story of Alan Turing out to readers who don’t want to be bored by huge books with endless footage and bibliographical lists (although there are a few in this 232 page hardcopy, too) – but being entertained and touched by an intriguing life story with a tragic ending.

Photo: Petra Breunig

Photo: Petra Breunig

Jim Ottaviani, Leland Purvis (Illustrations): The Imitation Game, Alan Turing Decoded. Abrams, round 24$, £16, €16.

You may find more on Alan Turing on my blog – some of them are in German.

Frank Günther: Unser Shakespeare

Die Antwort auf die Frage, ob es William Shakespeare tatsächlich gegeben hat (und wenn ja, ob er die genialen Stücke  und Sonnette selbst geschrieben hat), füllt mindestens genauso viele Bücherregale wie die Auseinandersetzung mit dem  Werk selbst. Vor allem wenn es um deutsche Dichter und Denker gibt. Denn die haben Shakespeare entweder als wahres Ungeheuer gesehen, das wahrhaft Unerhörtes und Unmögliches auf die Bühne brachte  (Gottsched) oder ihn als Naturgenie gefeiert (Goethe in seiner Sturm-und-Drang-Zeit) und ihn dabei so weit als möglich vereinnahmt. Was schon mal in der Behauptung gipfelte, William Shakespeare sei viel mehr deutsch als englisch.

Was klingt wie eine Einführung in die Literaturwissenschaft mit zahlreichen Ausflügen in die Geschichte unterschiedlicher Epoche –  und somit strohtrocken – ist ein lockeres, leichtes, aber niemals banales Lesevergnügen, das der großartige Shakespeare-Übersetzer Frank Günther mit „Unser Shakespeare“ vorlegt. Natürlich merkt man dem Buch an, dass Günther, der für seine Übersetzungen mehrfach ausgezeichnet wurde, Shakespeares Werke liebt und schätzt. Doch diese Wertschätzung ist niemals platt und übertrieben. Auch dann nicht, wenn er stichhaltig widerlegt, dass der kleine Shakespeare in der Grammar-School in Stratford-upon-Avon beispielweise mehr Latein lernte und mehr Werke klassischer Autoren gelesen haben musste als heutige Studenten der Altphilologie. Was ihm an Wissen über Justiz oder andere Länder gefehlt hat, das lernte er im elisabethanischen London seiner Zeit, das schon damals ein polyglotte Stadt war. Mit einer raschen Auffassungsgabe und einem guten Gedächtnis, das er als Schauspieler brauchte, ist es daher nicht zu weit her geholt wenn man davon ausgeht, dass Shakespeare so manche Redewendung in Pubs oder auf den Straßen aufgeschnappt und aufgeschrieben haben dürfte.

„Der Bildungskanon de Renaissance ist dem unseren so fern wie der Mond: Er umfasste kaum anderes als die alten Texte der römischen und griechischen Klassiker.“

Heraus kamen Werke, die bis heute gelesen und gespielt werden und die William Shakespeare zu Lebzeiten zu einem wohlhabenden Mann machten, der mit dem als Autor und Schauspieler verdienten Geld Häuser kaufte und kurz vor seinem Tod ein Testament verfasste – aber keine persönlichen Gegenstände oder Schriftstücke hinterließ. Der englischen Sprache vermachte er tausende Begriffe, indem er sie erstmals überhaupt festhielt und die seine Werke so einzigartig, aber nicht immer leicht verstehbar machen. Wer kein englischer Muttersprachler ist, hat zusätzlich zur Sprachbarriere auch noch den Sprung in Shakespeares Zeit zu überwinden.

Dieses Buch  ist eine wunderbare Einladung, William Shakespeare neu oder wieder zu entdecken, gerade zu seinem bevorstehenden 400. Todestag.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Frank Günther: Unser Shakespeare, dtv, 9.90 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise von dtv zur Verfügung gestellt.)

Sherlock: Die Braut des Grauens

Mit dem Special „Die Braut des Grauens“ verpflanzen die Macher die erfolgreiche britischen Serie von der Moderne in ihre Ursprünge. Am Ostermontag kommt die synchronisierte Fassung ins deutsche Fernsehen (ARD, 21.45 Uhr).

Was zunächst als Weihnachtsspecial angekündigt wurde, erblickte am 1. Januar 2016 das Licht der Fernsehöffentlichkeit. Oder zumindest der Öffentlichkeit, die auf welchem Wege auch immer die Erstausstrahlung im ersten Programm der britischen BBC anschauen konnte. Dem Rest der Fans blieb immerhin der zum Teil zeitversetzte Gang ins Kino, denn in vielen Ländern weltweit durfte die Originalfassung im Umfeld der Fernsehausstrahlung auf die große Leinwand – außer in den deutschsprachigen Ländern.

Denn in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die ARD die Erstausstrahlungsrechte an der synchronisierten Fassung und damit ganz offenbar das Recht, eine Kinoausstrahlung zu verhindern. Eine Ausstrahlung, die wohlgemerkt im englischen Original gezeigt worden wäre und somit ein anderes Publikum angesprochen hätte. Entsprechende Fragen verärgerter Fans beantwortete die ARD lediglich mit der Standardantwort eine Ausstrahlung im Kino sei nur in unmittelbarer Nähe zu einer Ausstrahlung im Fernsehen möglich (oder auch mit der Bitte später noch einmal nachzufragen)– was nach Recherchen der deutschsprachigen Webseite „Sherlock-DE“ so nicht stimmt. Immerhin wurde in China und Belgien „Die Braut des Grauens“ im Kino gezeigt, obwohl in beiden Ländern keine Termine für eine Fernsehausstrahlung feststehen. In Großbritannien war die Rückkehr des Meisterdetektivs auf die Fernsehschirme ein Quotenerfolg für die BBC, die eine Einschaltquote von 40,2 Prozent vermeldete. Über die Feiertage war „Sherlock“ sogar die am meisten gesehene Sendung. Trotz der zeitgleichen Ausstrahlung ließen es sich 18.500 Fans nicht nehmen, „Sherlock“ im Kino zu genießen.

Eine Verneigung vor den Fans

Und ein Genuss war es tatsächlich. Wer nach den ersten Gerüchten, die Erfinder des zeitgenössischen „Sherlock“ Steven Moffat und Mark Gatiss würden ihre Version ins viktorianische England zurückversetzen, der Überzeugung war, beide hätten wahlweise den Verstand verloren oder seien am Ende ihrer Ideen angekommen, wird schon nach wenigen Minuten eines besseren belehrt. Zahlreiche Anspielungen und filmische Zitate aus den vorherigen Staffeln sind vor allem in den ersten Szenen nichts weniger als eine Verneigung vor den zahllosen Fans der Serie. Der Fortgang der Handlung und ihre Auflösung sind eine liebevolle Hommage an den Sherlock-Holmes-Erfinders Arthur Conan Doyle. Die Details erschließen sich wie auch schon bei den vorherigen Folgen erst bei mehrmaligem Anschauen, zu vielschichtig und scharfsinnig sind nicht nur die Dialoge – bei denen wie immer Benedict Cumberbatch den meisten Text lernen muss und in der unglaublichen Geschwindigkeit Sherlocks präzise artikuliert spricht. Martin Freeman als Dr. John Watson ist ihm ein mehr als ebenbürtiger Sparringspartner, der auch im viktorianischen Tweedanzug mehr ist als ein Wortgeber und tollpatischer Bewunderer. Zusammen sind sie ein kongeniales Team, das an Drehorten und im Studio so wirkt, als würden sie in ihren Schauspielerleben nie etwas anderes tun.

Erfolgreiche Hauptdarsteller

Dabei haben es wohl beide Schauspieler nicht mehr nötig, in die berühmte Adresse Baker Street 221B zurückzukehren. Martin Freeman wurde spätestens mit der dreiteiligen Verfilmung des „Hobbit“ einem weltweiten Millionenpublikum bekannt, stand als „Richard III“ auf der Bühne und faszinierte in der ersten Staffel der Fernsehserie „Fargo“. Benedict Cumberbatch brach im vergangenen Jahr als „Hamlet“ die Vorverkaufsrekorde für Londoner Theater, erhielt für seine Darstellung des Codeknackers Alan Turing in „The Imitation Game“ eine Oscar-Nominierung und stand  gerade als „Doctor Strange“ für die Titelrolle des Marvel-Helden vor der Kamera. Die vollen Terminkalender beider Hauptdarsteller sind wohl auch ein Grund dafür, dass neue „Sherlock“-Folgen nur im zweijährigen Rhythmus ausgestrahlt werden – wenn die Fans Glück haben. Doch sowohl Benedict Cumberbatch als auch Martin Freeman mögen die Serie offensichtlich, und die Macher arrangieren die Dreharbeiten entsprechend: die vierte Staffel wird im April diesen Jahres gedreht, eine Ausstrahlung in britischen Fernsehen könnte Anfang 2017 folgen.

Den Trailer zur „Braut des Grauens“ gibt es hier.

You find my review of „The Abominable Bride“ here.

 

Das Buch der Floskelwolke

Sprache kann einiges: informieren, verletzen, unterhalten und uns gedanklich in ferne Welten versetzen. Vorausgesetzt, der Autor versteht sein Handwerk. Die Autoren Sebastian Pertsch und Udo Stiehl verstehen ihres und sind Meister darin, Floskeln aufzuspüren und deren Unsinn zu entlarven – wie ihr Buch „Ihr Anliegen ist uns wichtig!“ beweist. Doch anders als so manch andere Sprachpuristen tun sie das nicht verbissen und schulmeisterlich, sondern witzig und gleichzeitig so erhellend, dass man sich dabei ertappt, mit dem gedanklichen Rotstift (sicherlich eine Floskel) entsprechende Formulierungen zu redigieren oder wahlweise gemurmelt zu kommentieren.

„Auf dem Gipfeltreffen der Europäischen Union haben sich die Außenminister gestritten wie die Kesselflicker.“ stattdessen liest man: „Es sei ein intensiver Meinungsaustausch gewesen.“

Nun kann man sicherlich darüber diskutieren, ob Formulierungen falsch verwendet werden, weil man gerade zu faul ist, sich der Richtigkeit zu vergewissern oder ob man es nicht besser weiß. Letzteres kann man bei so manchem englischen Begriff unterstellen, der offenbar einfach nur deshalb verwendet wird, weil er besser klingt als seine deutsche Entsprechung. „Lifehacks“ statt „Haushaltstipp“, „Think Tank“ statt „Arbeitsgruppe“, „Gate“ oder „Leaks“ statt „Skandal“ (wenn es denn einer ist) wirkt offenbar viel gebildeter oder cooler. Blöd nur, wenn die Übersetzung im Deutschen schräg klingt wie „Da bin ich ganz bei Ihnen“ für „I’m all with you“, „massiv“ für „massive“ (was korrekt „stark“, „groß“ oder „viel“ bedeutet) oder „das macht Sinn“ für „that makes sense“ – wo es doch das schöne Wort „sinnvoll“ gibt. Freilich: Englisch ist eine wunderbare Sprache und es gibt sicherlich englische Begriffe, die konkreter und weniger umständlich sind als ihre deutschen Entsprechungen. Wenn man aber das Kapitel gelesen hat, fragt man sich unwillkürlich, ob man nicht auf den Anglizismus  verzichten kann, den man gerade verwenden möchte.

Überhaupt ertappt man sich dabei, ähnliche Gedanken beim Lesen des Buchs zu haben, zu unmissverständich sind die im freundlichen Plauderton  gehaltenen Hinweise (oder sollte man Vorwürfe schreiben?), sich doch bitte Gedanken zu machen, wie man Sprache richtig nutzt, ohne, ja ohne Floskeln zu produzieren.

Foto: Petra Breunig

Foto: Petra Breunig

Sebastian Pertsch, Udo Stiehl: Ihr Anliegen ist uns wichtig! So lügt man mit Sprache, Piper, 9,99 Euro
(Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Piper-Verlag zur Verfügung gestellt.)

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